People Mountain People Sea (Filmfest München)
Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Filmfest, ReviewRache auf Chinesisch.
Ties jüngerer Bruder ist von einem Anhalter, den er in seiner bergigen Heimat auf dem Motorroller mitgenommen hat, auf einem steinigen, einsamen Platz hinterrücks erdolcht worden. Die Polizei findet heraus, wer der Täter ist, kann seiner aber nicht habhaft werden, denn der hat das Weite gesucht.
Tie macht sich also auf den beschwerlichen aber über China sicher informativen Weg zur Selbstjustiz. Rache auf Chinesisch, das heißt im Kino von CAI Shanguin, dem beim Schreiben des Buches GU Xiobai und GU Zheng zur Seite standen, den Rächer in langen, epischen Bildern portraitieren, Rache auf Chinesisch heißt, sich in Geduld üben. So ergeben sich Bilder, die in kurzen Momenten an die Wartesituationen in „High Noon“ denken lassen. Rache auf Chinesisch heißt bei CAI Shangiun vorerst wenig Action.
Zuerst heißt es Warten, Essen, Warten, Warten bei der Familie des Gesuchten, in einer einfachen Behausung, Hühner stolzieren über den Hof, Wartesituation, aber der Sohn werde gewiss nicht so schnell wieder kommen, meint die Mutter.
Und Rache auf Chinesisch heißt hier weiter: Roadmovie. Denn der Gesuchte befinde sich, so war zu erfahren, in Chongqing, der Millionenstadt; hier gibt es Anhaltspunkte, aber der Gesuchte ist schon weiter. Er befinde sich in einer Kleinstadt am Yangtse, ist jetzt zu vernehmen. Dort gibt es den Hinweise auf eine vermutlich illegale Kohlemine.
War der Film bisher ein nicht allzu beschwerliches, teils für uns Europäer fast ethnologisches Kino über das Leben in China, die einfachen Verhältnisse auf dem Lande, die ungeteerten Straßen, so ändert sich das mit der Kohlemine radikal.
Was sich nicht ändert, sind die ruhigen, langen Einstellungen, praktisch ohne Schnitt-Gegenschnitttechnik, die dem Film epische Stärke verleihen. Was sich aber brutal ändert mit der Kohlemine, das sind die Farben, das ist das Gefühl der Enge, das Gefängnisgefühl, vermutlich von Cai Shangiun durchaus beabsichtigt als Schilderung eines Teiles chinesischer Lebenswirklichkeit, die uns Europäer zu erschüttern vermag, selten ist es mehr als ein paar Wochen her, dass man wieder über ein Grubenunglück in China gelesen hat, wegen rücksichtloser Ausbeutung und mangelnder Sicherheitsvorkehrungen.
Was sich aber unten in der Grube tut, wie da mit einem Widerspenstigen umgegangen wird – nun, viel anders dürfte es das Regime in China mit seinen Gegnern auch nicht halten. Die Grube als Gefangenenlager. Und wie Tie sich hier rächt, auch das dürften zumindest viele von uns in verzweifelten Lebenslagen sich schon mal ausgemalt haben, wenn ich schon keine Aussicht mehr habe, dann soll es andere auch treffen. Mittels Armbrechen wird einem Einzigen, dem Jüngsten, der noch nicht mal den Stimmbruch hat, das Überleben ermöglicht. Ein Funken Hoffnung muss bei all dem Leid, der Ungerechtigkeit noch sein.
Eine epische Erzählung in einer Aneinanderreihung von ruhigen Bildern, die eher Stilleben aus dem chinesischen Alltag gleichen.
Der Darsteller des Tie ist eine elementare Kinomännerfigur, wie sie in unseren westlichen Breiten als Protagonisten längst ausgestorben sind oder nicht vermittelbar, weil hier ein anders Männertum „in“ ist. Tie ist eine beinah archaisch zu nennende Männerfigur. Vielleicht denkt man entfernt an einen Typen wie Anthony Quinn als Alexis Zorbas. Der sicher nicht dumm ist, aber auch nicht gebildet, der einen instinktiven Gerechtigkeitssinn hat und dem Staat nicht vertraut. Von der intellektuellen Einsicht her dürfte ein solcher Rächertypus allerdings doch eher beschränkt sein.

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