Là-Bàs: A Criminal Education (Filmfest München)
Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Filmfest, ReviewIn epischen, gelegentlich fast poetischen Bildern erzählt Guido Lombardi ein Stück aus der Geschichte von Youssef, der nach Italien geflogen ist, um dort zu arbeiten und 40’000 Euro für eine Maschine zu verdienen, die er als Künstler zur Herstellung von Plastiken benötigt. Insofern ist er ständig dabei, seine Umgebung in sein Notizbüchlein zu skizzieren, wenn immer er einen Moment von der Handlung nicht allzu belastet ist; sein Skizzenbuch gibt einen schönen „Elenco“ (also eine Besetzungliste) der Beteiligten an diesem Drama.
Denn Europa ist natürlich nicht so, wie es ihm sein Onkel Moses vorgeschwärmt hat. Der lebt zwar sehr erfolgreich in der Nähe von Neapel. Aber wovon er lebt, das weiß Youssef nicht. Er trifft als erstes auf Germain, der ihm hilft, der ihn in eine Unterkunft für Illegale bringt, die sie nur das Kerzen-Haus nennen, denn immer wenn der Strom ausfällt, werden Kerzen angezündet. Man lebt da auf engem Raum, Matratze an Matratze.
Morgens geht es los an eine bestimmte Straßenkreuzung, da kommen Unternehmer oder Bauern, die billige Arbeitskräfte benötigen. Aber Youssef wird nicht genommen. Germain nimmt ihn mit auf eine Kreuzung, wo sie Tempo-Taschentücher an die haltenden Autofahrer verkaufen. Aber damit sind in einem ganzen Leben keine 40’000Euro zusammenzukriegen. Genau so wenig, wie mit dem nächsten Job in einer Garage zum Autowaschen. Das gibt grade mal schäbige 150 Euro in zwei Wochen, aussichtslos.
Einmal fragt Youssef: und wo leben die reichen Afrikaner? Im Gefängnis, lautet die Antwort. Den Autowaschjob hat er übrigens bereits durch seinen Onkel erhalten, den er inzwischen ausfindig gemacht hat (der war da gerade an einem Bein und am Hals bandagiert, wer kann ahnen warum). Der betreibt Handel mit Schuhen und anderen, kostbareren Dingen, sagt aber nicht womit. Wie ihm Youssef sein Problem schildert, kann ihm der Onkel durchaus auch einträglichere Jobs anbieten. Die sind nicht ohne Risiko. Das lernt er bald kennen.
Eine Frau, die als Koks-Kurier gearbeitet hat, finden sie tot vor. Die muss entsorgt werden. Aber vorher müssen noch die 68 geschluckten Päckchen herauspräpariert werden aus dem Darm. Youssef sitzt daneben. Wir wissen nicht, was in ihm vorgeht. Er erinnert in diesem Moment an den Hauptdarsteller aus „Ein Prophet“, wie ihm die Machtstruktur im Gefängnis anfängt klar zu werden.
Youssef gleitet langsam in die Welt des Verbrechens hinein, widerstandslos, wie es scheint, immer tiefer, bis zu dem Punkt, wo es ihm dann doch zuviel wird. Denn je tiefer er reinrutscht, um so mehr wird er hineingezogen in die Konfrontation seines Onkels mit der Nigeria-Connection und mit der italienischen Camorra. Die Mittel der Auseinandersetzung werden immer robuster. Irgenwann ist es für einen Künstler dann doch zuviel.
Ein Mafiafilm, der das Kunststück schafft, die Mafia fast ganz außen vor zu lassen, der aber dadurch ein viel erkennbareres Röntgenbild jener Grauzone irgendwo am Rande Europas bietet, in der das Verbrechen gedeihen kann, das wir sonst fast nur von Außen und als inzwischen oft abgegriffenes Klischee kennen lernen. Hinzu kommt die erstklassige Besetzung vor allem des Hauptdarstellers, der egal wie er handelt, nie den beobachtenden Blick verliert, immer sein Skizzenbuch bereit hält, der nie armseliges Opfer oder nur brutalen Schläger spielt, der auch das Haus der Kerzen bereits mit hellem Verstand wahrnimmt, nie als erbarmungswürdiger Flüchtling.

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