Archiv für 14. Juni 2012
Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Nach nochmaliger Betrachtung: wenn der Film als das angeboten würde, was er meiner Meinung nach ist: nämlich eine Art inszeniertes Reading eines Drehbuches über eine Exploration (bei dem die Darstellerinnen allerdings den Text gut auswendig gelernt hatten), dann könnte er unter Umständen durchaus ein speziell interessiertes Publikum finden.
Readings werden immer mal wieder öffentlich veranstaltet, um Drehbücher auf ihre Tauglichkeit hin zu testen, ihre Tauglichkeit hinsichtlich der Dialoge und der durch diese sichtbar werdenden Charaktere, auch um Schauspieler im Hinblick auf eine Rolle zu testen. Das kann eine ganz aufregende Sache sein, denn es geht um die Erkundung eines neuen Textes. Ein Reading kann unter Umständen eine Vorstufe zu einer Inszenierung, zur Realisierung eines Filmes sein.
Der Film „Jasmin“ von Jan Fehse nach einem Drehbuch von Christian Lyra mit den Protagonistinnen Anne Schäfer als Patientin und Wiebke Puls als Psychiatrin führt uns sachlich, von den Schauspielerinnen mit angenehmen Stimmen und in großer Kollegialität vorgetragen, den Vorgang einer Exploration vor. Die Exploration dürfte auch reell recherchiert worden sein, sie erweckt jedenfalls nicht den Eindruck der freien Erfundenheit.
Eine Exploration versucht anhand von Fragen an die Geschichte eines Beschuldigten von früher Kindheit bis zum Erwerbsleben zu erkunden, wie es zu einer bestimmten (gesetzeswidrigen) Tat kommen konnte.
Allerdings dachten die Macher des Filmes wohl nicht im geringsten daran, „nur“ eine Art Reading zu veranstalten, sondern versuchten, einen „richtigen“ Kinofilm zu machen, waren aber hinsichtlich der Ansprüche an ein solch anspruchsvolles Projekt vermutlich zeitlich wie finanziell nicht genügend ausgestattet.
So kam es zu Aktionen, die den Spielfilmgedanken gegenüber dem Readinggedanken zu betonen versuchen, die leider vom roten Faden der Exploration durchaus ablenken: der Ehrgeiz der Kostümabteilung (die allerdings bei IMDb unter den Credits nicht zu finden ist), die Damen in jeder Szene anders anzuziehen (das wäre gerade der Reiz des offengelegten Readings, dass die Garderobe nicht wechselt); der Ehrgeiz des Make-up Departments (Kirsten Rottner laut IMDb), der Schauspielerin Puls einmal die Frisur streng nach hinten gekämmt, einmal offen zu lassen; die Choreographie der Wanderung und Leerung und Füllung von Tassen, Gläsern und Wasserflasche auf dem Tisch, an dem die Exploration stattfindet; das Hüpfen der Kameras in die etwas nähere, die etwas weitere Position oder auch der Stillstand der Zeit anhand stetig gleicher Schatten an der Wand bei Tagesszenen. Oder man achtet darauf, wie der Filmemacher sich bemüht, wenn die Patientin einmal das Fenster aufmacht, um zu rauchen, dann gleich eine geballte Ladung Stadt-Lärm hereinschwallen zu lassen mit Martinshorn und Hupen; was soll diese Zutat von Realismus bei einer Veranstaltung, die substanziell nicht über ein Reading hinauskommt, was bei einer so schwierigen Materie nicht wenig wäre. So entblösst sich Regie als blosse Zierrat-Bereitstellerin.
Um ein solch reines Sprechkino verbindlich in Szene zu setzen, wäre es für den Regisseur Jan Fehse sicherlich hilfreich gewesen, vorher ein paar Filme von Huillet- Straub genauer zu studieren, denn bei „Jasmin“ bleibt vieles viel zu wenig dezidiert, viel zu nett; versucht sich in realismustümelnder „Natürlichkeit“ und bleibt dadurch im Beliebigen stecken; ich denke schon, dass bei so einem Thema eine erkennbare Stellungname von Regie und Buch vorhanden sein sollte. Kaum zu erwarten, dass Fehse/Lyra lediglich einen als mehr oder weniger unterhaltsam intendierten Lehrfilm über Exploration machen wollten. Weil wenn dem so wäre, wozu ihn dann ins Kino bringen?
Der Gedankenfaden, der Gedankenfaden, von dem wird hier stark mit „Inszenierungs“-Mätzchen abgelenkt, siehe weiter oben. Wenn man sich schon auf eine solche Vereinfachung der Inszenierung beschränkt, warum dann nicht dem Gedanken und seinem Fortgang radikal den Vorrang geben, das Reading radikal offenlegen?
Nach nochmaliger Betrachtung: wenn der Film als das angeboten würde, was er meiner Meinung nach ist: nämlich eine Art inszeniertes Reading eines Drehbuches über eine Exploration (bei dem die Darstellerinnen...
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Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Ein Film über einen britisch-pakistanischen Kulturschock. Dieser kulturelle Graben wird in wenigen Momenten offengelegt, atemberaubend spürbar und im übrigen mit mehreren kinotauglichen und -geniessbaren Mitteln, einem prima Drehbuch von Ayub Khan-Din, einer wunderbaren Regie von Andy De Emmony und ausgezeichneten Darstellern überbrückt.
George, gespielt von Om Puri, ist Pakistani, der vor Jahrzehnten aus Pakistan nach London emigriert ist und dort eine Frittenbude betreibt. In Pakistan hinterliess er eine Frau. In England heiratete er eine Engländerin, die ihm zwei Söhne schenkte. Der Jüngere ist 17, ein Traum von einem Jungen für die Kinoleinwand, er heißt im Film Sajid und wird gespielt von einer richtigen Entdeckung, von Aqib Khan. Der ältere Bruder Tariq hat noch keine Frau. Sajid wird in der Schule gemobbt, wo immer möglich, als Pakistani. Und der Direktor schwärmt noch von der Kolonialherrschaft, der Film spielt 1976, da war das noch nicht so lange her.
Da Sajid anfängt aufmüpfig zu werden, will ihm der Papa seine Heimat zeigen, kurz entschlossen fliegt er mit seinen beiden Söhnen nach Pakistan und dort mit einem Bus über ungeteerte Strassen in ein ganz hinterwäldlerisches Dorf.
Hier wirkt zuerst ganz krass der Gegensatz von Sajid immer im perfekten, britischen Schulanzug und den pyjamaähnlichen Kleidern der Einheimischen. Erst ist Sajid voller Widerstand und Spott; dann findet er einen Freund, den Adlatus von einem Lehrer – und den Lehrer dazu.
Schnell fängt ihm Pakistan an zu gefallen, er trägt jetzt einheimische Kleidung. So scheint fürs erste der Hauptkonflikt in dem Stück sich in Luft aufgelöst zu haben. Und die Macher des Filmes, Andy De Emmony als Regisseur und Ayub Khan-Din als Drehbuchautor können eine Zeitlang sorglos in pakistanischer Folklore rühren, ein Rummelplatz im Zusammenhang mit einem religiösen Volksfest wird besucht und die beiden Jungs schließen sich einer Hochzeitsgesellschaft an.
Der Vater war erfolglos bei der Suche nach einer Braut für den älteren Sohn. Den Part übernimmt nun Sajid und findet tatsächlich eine schräge, auch anglisierte Pakistanifrau mit intellektuellem Aussehen, eine Zahnarztgehilfin aus Rochedale, die behauptet aus Japan zu stammen, das ist eine ganz lustige Geschichte, wie sie voller Erwartung drei Töpfe sich auf den Kopf türmt, um die Einheimische zu mimen, hier machen kulturell Verdrehte sich kulturell verdreht was vor, aber da das ein Film ganz ohne Bösartigkeit ist, wird auch die Geschichte gut ausgehen.
Schwieriger wird es, wie plötzlich die britische Gattin von George in Pakistan auftaucht mit ihrer Schwester und ihren Mann zur Rede stellt, warum er nicht nach vier Wochen wieder nach England zurückgekehrt sei. Er hat nämlich inzwischen angefangen, ein Haus zu bauen. Er hat seinem Sohn auch die großen Felder gezeigt, die ihm gehören. Er hat immer Geld nach Pakistan geschickt von London aus. Aber die Liebe seiner pakistanischen Frau, die ist längst erloschen. In Gesprächen mit ihr und mit seiner britischen Frau und auch mit seinem Sohn, nachdem dieser weglaufen ist und nach einem Sandsturm nicht mehr auffindbar war und der Vater ihn in der Natur draußen findet, da tauchen plötzlich atemberaubend, aber nicht explizit, die kulturellen Abgründe auf, die in dem Leben, wie es in dieser Phase des Filmes etwas feelgood- oder melomäßig geschildert wird, gefährlich wie unsichtbare Fels- oder Gletscherspalten unter einer dünnen Oberflächenschicht ahn- bis spürbar werden.
In England gab es bissig-bittere Sprüche, Sajid antwortet auf den Vorwurf, einer sei beliebt, das sei Hitler auch gewesen.
Der Schuldirektor, der nach der Erwähnung Pakistans gleich von den Gefahren und gefährlichen Insekten drohend spricht, von denen man Elefanteneier bekomme und dass er dann öfter mal nachschauen soll. Was er dann auch tut.
Ein Film über einen britisch-pakistanischen Kulturschock. Dieser kulturelle Graben wird in wenigen Momenten offengelegt, atemberaubend spürbar und im übrigen mit mehreren kinotauglichen und -geniessbaren Mitteln, einem prima Drehbuch von Ayub...
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Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Eine australisch-britische Frotzelei zum Junggesellenabschied eines Freundes. Man könnte sich vorstellen, dass Davids, des Protagonisten drei Freunde Graham, Tom und Luke diesen spaßigen Film aus purem Jux und Tollerei für ihren Freund, der vielleicht ganz bieder heiraten würde, hergestellt haben, um ihn auf alles Mögliche und Unmögliche aufmerksam zu machen, was bei einer Hochzeit so alles schief gehen könnte. Auch um ihn zu ärgern, denn wer heiratet, hat nachher bekanntlich weniger Zeit für die Freunde.
Sie hätten sich dann folgenden Plot ersonnen: David hat sich im Urlaub in Australien unsterblich in Mia verliebt und will sie auch sogleich heiraten. Zurück in England müssen seine drei dicksten Freunde zur sofortigen Reise nach Australien motiviert werden. Das gelingt mit Billigflügen und etwa 14 Mal umsteigen von England über Spanien, Lateinamerika, Afrika, Indien, Ostasien.
David ist ein netter Junge, smart, ein möglicher Traum aller Schwiegermütter, ordentlich. Man traut ihm solche Marken von Freunden wie Tom und Luke und Graham gar nicht zu.
Mia nun ist aus bestem australischem Hause. Die Kumpels werden bei der Ankunft gleich über einen speziellen Vip-Ausgang empfangen. Mias Vater ist Senator, muss reich sein und wohnt in einer Villa mit viel Umschwung in malerisch, gebüschig, klüftiger Umgebung.
Die drei Kumpels wollen allerdings erst noch einen Besuch bei einer Internet-Bekanntschaft abstatten. Ein Koks-Dealer mit zwei Kompagnons wie sie in den malerischsten Drogen- und Knast-Filmen zu finden sind. Hier kommt es zu einer folgenreichen Taschenverwechslung die mehrere schluckbereit abgepackte Koksbällchen nebst einer Pistole enthält. Womit schon sehr neckische Dinge in das Hochzeitsareal reingeschmuggelt werden.
In der Villa des Brautvaters ist ein Catering-Service dabei, alles vorzubereiten für Empfang und Zeremonie und anschließendes Fest. Der Papa geht den braven Schwiegersohn immer ganz heftig und wie einen Gegenstand an, die Braut ist überglücklich und die Brautmutter Barbara auch. Auf dem Besitz des Senators wird ein gehörntes Schaf gehalten. Das wiederum heißt Ramses und wird verwendet im Wahlkampf des Senators, „The Ram behind the man“.
Im übrigen zeigt der Senator wo immer möglich Humor, lets the liberal Party get started, meint er, nachdem bereits so einiges aus dem Ruder gelaufen ist. Außerdem haben die Kumpels für diesen Film für die Braut ein filmtypisch dicke Schwester mit unglücklichem Mund erfunden und der wird Lesbiertum zugeschrieben, was prompt für Tom ein kleines Problem wird.
Jetzt können also die verschiedenen Zutaten, die bis jetzt gutgelaunt vor uns ausgebreitet worden sind, zur Reaktion gebracht werden. Am komischsten und mit einem Hauch Wahrhaftigkeit behaftet, kam mir der Auftritt von Tom vor, der dummerweise vollgekokst, an seinem Jackett sind noch dicke weiße Spuren zu sehen, und ohne das vorbereitete Manuskript seine Rede auf den Bräutigam ganz spontan halten muss. So kommen ein paar schöne Sätze über die Australier (die Engländer haben zuerst ihre Verbrecher hingeschickt) über seine Lippen und, das war allerdings eh schon abgekartet der Peinlichkeit wegen, der Vorwurf an den Bräutigam, er sei schwul. In dem Moment wären auch härtere Wahrheitsaussagen möglich gewesen. Aber es soll sich schließlich um eine Frotzelei und nicht um eine Menschendurchleuchtungs- oder Menschenverbesserungsmaßnahme handeln bei diesem Film. A Gaudi muss sein. Auch wenn es eine gewisse Anstrengung kostet.
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Ai Wei Wei ist ein international berühmter chinesischer Künstler und eine beeindruckende Persönlichkeit dazu. Sein Prägung erlebte er im maoistischen China. Sein Vater war der Lyriker Ai Quiung, der in der Provinz verbannt wurde und nicht mehr schreiben durfte. Der kleine Sohn erlebte Schikanen und Demütigungen seines Vaters hautnah.
Er verbrachte als junger Künstler etwa zehn Jahre in New York. Konnte schon Ausstellungen mit auffallenden Objekten machen.
Wie er in den Neunzigern nach China zurückkehrte, veranlassten ihn die gesellschaftlichen Umstände dazu, politisch zu werden. Denn er war stets für Meinungsfreiheit. Seiner ersten Ausstellung in China, die auf chinesisch zwar anders hieß, gab er den englischen Titel „Fuck Off“.
Mit dem Aufkommen des Internets, fing er bald an zu twittern. Solche Twitter-Texte kommen im Film von Alison Klayman, die Ai Wei Wei drei Jahre lang begleitet hat, auch immer wieder vor. Zuletzt die Aufforderung „never retreat, retweet!“. Das hat auch seiner Bekanntheit, zuerst in China, dann weit drüber hinaus, einen starken Schub gegeben.
Bei der Ausstellung in München „So sorry“, erinnerten 9000 Rucksäcke an der Fassade des Hauses der Kunst an die beim Erdbeben in Sichuan getöteten Schulkinder. In der Ausstellung in der Londoner Tate-Gallery von 2010, „Sunflower Seeds“ bedeckten 100 Millionen Porzellan-Sonnenblumenkernen den Boden der Ausstellungshalle. Man sieht Ai Wei Wei selbst einige bemalen.
Bei dem Erdbeben kam er in Konflikt mit den chinesischen Behörden. Mit seinen Twitter-Texten und Filmen, mit einer Liste der Namen aller getöteten Kinder machte er auf den Behördenschlendrian beim Bau offensichtlich nicht erdbebensicherer Schulhäuser aufmerksam.
Vor der Münchner Ausstellung kam es zu einem nächtlichen Polizei-Razzia in seinem Haus in China. Diese kommt im Film vor allem mit Tonaufnahmen vor. Bei der Razzia wurden ihm schwere Verletzungen am Kopf zugefügt, die in München behandelt werden konnten. Wobei er selber immer eifrig auf alles die Kamera hält, den Blutbeutel oder die Röntgenaufnahmen.
Sein neues, großes Studio in Shanghai wurde von den Behörden eingerissen, noch bevor er es benutzen konnte. Auch das ist im Film schmerzlich zu sehen.
Dann sein Verschwinden. Der Aufruhr in der Welt. Die Demos. Die 81 Tage im Gefängnis als inzwischen weltberühmter Künstler. Die Verweigerung jeglichen Interviews bei der Rückkehr nach Hause. Später singt er für ein Video. Aber das Jahr der Bewährung, das ihm die Behörden zugesagt haben, ist noch nicht um.
Einmal fragt ihn die Filmemacherin, dass sein Name inzwischen so was wie ein „Branding“ sei. Dem kann er nur schulterzuckend zustimmen. Er scheint durch den gelegentlichen Medienzirkus hindurchzugehen mit der Konzentration mit der er seine Kunstwerke schafft. Die Sache zählt und nichts anderes. Insofern ist so einem Künstler wohl filmisch auch nicht weiter beizukommen.
Er ist, das wird anfangs gezeigt, fasziniert von den Katzen. Besonders angetan hat es ihm diejenige, die entdeckt hat, wie sie mit einem Sprung an eine Türfalle, die Türe öffnen kann. Das hat Ai Wei Wei auch gefilmt.
Eine Aktion, die bis Drehschluss dieses Filmes noch nicht beendet war, die er aber wie eine Kunstaktion betreibt, das ist die Aufarbeitung des Kopfschlages des Polizisten bei dem nächtlichen „Besuch“ der Polizei in seiner Wohnung. Mit Anwalt und oft großem Medientross begibt er sich zu den verschiedensten Gerichts- und Amtsstellen, um nicht aus Rache sondern der Gerechtigkeit zuliebe eine Anklage gegen den Polizisten zu erheben. Das wäre eine eigene Dokumentation wert.
De facto erliegt die Filmemacherin der Versuchung der verehrenden Dokumentation. Aber, das scheint mir das Faszinierende an diesem Film, die kann mit Ai Wei Wie so gar nicht gelingen. Die perlt an ihm ab; er scheint eine Art Verehrungsresistenz entwickelt zu haben – zumindest kommt das so rüber.
Ai Wei Wei ist ein international berühmter chinesischer Künstler und eine beeindruckende Persönlichkeit dazu. Sein Prägung erlebte er im maoistischen China. Sein Vater war der Lyriker Ai Quiung, der in...
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Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
17 französische Schulmädchen werden an der französischen Atlantikküste schwanger. Das wird so leicht hingepinselt wie ein Aquarell. In Frankreich sind oft auch kleine Filme, die überhaupt keine Meisterwerke sind, bemerkenswert. Vielleicht allein wegen der Haltung der Franzosen und der französischen Filmemacher zum Kino. Die beiden französischen Filmemacherinnen Delphine und Muriel Coulin haben sich von einer Geschichte aus den USA inspirieren lassen.
Allein wie sie ihre Mädchen in den ersten Szenen schildern – die Autorinnen interessieren sich nicht besonders darum, eine stringent von A bis Z gebürstete Geschichte zu präsentieren – egal, was die Mädchen tun, ob sie schwimmen, sich im Sanitätszimmer untersuchen lassen müssen, ob sie rumhängen, ob die Mutter sich mit der Tochter beim Wäschezusammenfalten kabbelt, ob die Mädels sich mit Marienkäfern am Wasserrand beschäftigen, wie die dort den Tod suchen würden: es liegt Empfängnis in der Luft, wie es wohl eher selten in einem Film zu sehen ist. Diese Filmluft vibriert vor Empfängniserwartung. Denn die Macherinnen konzentrieren sich auf den Kern ihrer Geschichte: dass 17 Schulmädchen beschlossen haben, schwanger zu werden. Dass das ihr eigener Wille sei und dass ihnen da niemand drein reden könne.
Die Männer spielen für die Mädchen nur ganz am Rande eine Rolle. Diese interessieren sich lediglich für die Schwangerschaft und weder für Beziehung noch für Liebe. Sie wollen Schwangerschaft erleben. Natürlich muss man sich dafür für kurze Zeit einen Kerl angeln. Das wird auch in ein zwei Fällen so ganz nebenbei gezeigt. Und selbstverständlich können die Schwangerschaften nicht unentdeckt bleiben. Die Schwangerschaften halten die Mädels zusammen. Sie träumen von einer Grossfamilie, von Unabhängigkeit. Denn pro Kind kriegt man so und so viel Geld. Das müsste zu machen sein. Das ist natürlich vom realistischen Standpunkt her gesehen unrealistische Träumerei. Denn im „richtigen“ Leben ist eine Schwangerschaft eben nicht und nie isoliert zu betrachten.
Je weiter der Film und damit die Schwangerschaften fortschreiten, desto mehr weicht dieses ungeheure Gefühl der Unbändigkeit und des einzigen Existenzsinnes der Bereitschaft zur Schwangerschaft dem Gefühl mit dem dicken Bauch, Ultraschalluntersuchungen, oder vorher Einkaufen von Schwangerschaftsteststäbchen.
Der Film ist vielmehr eine Collage von vielen, vielen Szenen aus dem Leben dieser Mädchen, es kommt auch Weihnachten vor, mal ein Gespräch mit einem Freund, die Mädels diskutieren die Namen, die sie den Kindern geben wollen, eine nimmt Fahrstunden, es gibt aber auch einen Elternabend an der Schule, die Schulleitung ist nicht begeistert von der Schwangereninvasion, nein, gar nicht entzückt, aber das kann den jungen Frauen in ihrem Abenteuer am Ohr vorbei pfeifen, denn „wenn man immer nur auf Erlaubnis wartet, tut man nie was“. Sie fahren im Auto, singen ein Lied von Schokolade, Heroin und Wodka, sind sehr aufgedreht, spielen am Strand mit einem Feuerball.
Es schleichen sich auch dunklere Töne in den Film. Einerseits kann dieser Film gesehen werden als ein Loblied auf die Unabhängigkeit, die diese jungen Frauen zelebrieren, die Unangepasstheit; kann aber mit dem weiteren Verlauf des Filmes doch genau so gut interpretiert werden als ein Mahnung, diesen Regungen nicht allzu sorglos nachzugeben.
17 französische Schulmädchen werden an der französischen Atlantikküste schwanger. Das wird so leicht hingepinselt wie ein Aquarell. In Frankreich sind oft auch kleine Filme, die überhaupt keine Meisterwerke sind, bemerkenswert....
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