Eine fruchtige Mischung aus Natur- und Kinomärchenfilm. Pikant daran, dass die Geschichte auf einer wahren Begebenheit beruht: ein Junge wird mit sieben Jahren von seinem Vater an einen Ziegenhirten verkauft und lebt nach dem Tod desselben zwölf Jahre lang allein mit den Wölfen in der Wildnis. Eine richtige Sensation in diesem Film: der Junge, der das erlebt hat, Marcos Rodriguez, lebt noch, ist über 60 Jahre alt und wird im Film selbst auftreten!

Marco Rodriguez radelt am Schluss des Filmes ein Stück durch die spanische Landschaft, die seine Heimat ist und macht sich behände wie ein Wiesel einen steilen Hang aufwärts auf den Weg zu einem Felsen, von wo er nochmal den Ruf des Wolfes in die Gegend schallen lässt.

Gegen den sanften, naturanschmiegsamen Gang eines Raubtieres, den der über 60jährige auch nach Jahrzehnten nicht verlernt hat, den er immerhin 12 Jahre tagein- tagaus mit den Wölfen geübt hat, (man sagt ja auch im Ballett, was ein Kind an Bewegungen im Ballettunterricht erlernt, das verlernt es nie wieder, auch wenn manche Dehnungen altersbedingt nicht mehr so weit möglich sind) kann ein noch so trainierter Schauspieler nicht ankommen.

Juan Jose Ballesta, der den 20 jährigen Marcos spielt, erweckt eher den Eindruck eines durchtrainierten Leistungssportlers als eines Wesens, was mit größter Vorsicht und Leichtigkeit den Erdboden quasi nur streichelt. So wird sich Gerardo Olivares, der Regisseur und Autor des Buches gedacht haben, wenn das Vorbild schlicht nicht zu erreichen ist, dann versuchen wir nicht eine Pseudorealität zu simulieren, dann machen wir richtig einen auf Kostüm, auf Filmfundus, denn das findet sich überall.

So kommen denn zwischen all den vielen ausgezeichneten Naturaufnahmen von Wölfen, Eulen, Geiern, Frettchen, Hasen, Dachs und Wildschweinen und der Weite der Sierra, von imposanten Bäumen und Pflanzen und Bächen immer wieder ganz unvermutet Kinokostüme vor, die ganz klar machen, hier handelt es sich um eine Erzählung mit den Mitteln professionellen Kinos. Und wie die Sierra Morena in schönstes Licht und Gegenlicht und viel Rauch getaucht wird, das verstärkt diesen Eindruck noch.

Wie die spanischen Filmemacher nur allzu gern schwelgen im Bildnerischen, zum Beispiel den jungen Marcos mit sieben Jahren aussehen zu lassen wie einen murilloschönen Knaben. Fast unerträglich schön mit dem leicht lockigen schwarzen Haar und den großen schauend-staunenden Augen. Wobei die Musik noch das ihre zum Schwelgerischen beiträgt.

Damit dieses Schöne verdaulich bleibt, muss etwas dagegen gesetzt werden: die Grausamkeit von Mensch und Natur. Die kargen Verhältnisse bei Marcos zuhause, die böse Mutter, die ihn des Hauses verweist. Weil nicht genügend zu essen ist, weil sie es sich nicht leisten können, dass Ziegen von Wölfen gerissen werden.

Wie der Ziegenhirt Atanasio, bei dem Marco gerade noch wichtige Überlebenstechniken in der Natur kennengelernt hatte, stirbt und er ihn vergraben möchte, da sind die Geier schneller. Später werden bewaffnete Reiter die zerhackten Skelettreste finden. Das sind Szenen, die erinnern an die armselige Gegend in Bunuels „Viridiana“. Oder wenn Ceferino, der Vorarbeiter von Don Honestos, dem Grundbesitzer im Tal, bewaffnet auftaucht, das sind Westernbilder. Wie Ceferino den Jungen dem Herrn bringt, wie er auf das weißgetünchte Gehöft zureitet, der Herr dort steht, das erinnert an Bilder aus Sergej Eisensteins Mexikofragmenten: Arm und Reich mit dialektischer Unerbittlichkeit einander gegenüber gestellt.

Die Frage ist, für welches Publikum so ein Film etwas zu erzählen hat. Zum Teil ist die Geschichte kleinteilig und ohne viele Worte erzählt, wie ein Bilderbuch für Kinder noch vor dem ersten Lesealter. Oder eine wilde Szene: wie der erwachsene Marcos einzig mit einem Messer bewaffnet von einem Felsen hinter einem fliehenden Wild her rennt, ins Wasser springt und es dort treffen wird.

Die Erzählung in sich ist in vielem schlüssig. Dinge werden schön eingeführt und wenn sie später wieder vorkommen, so hat der Zuschauer einen Bezug dazu. Zum Beispiel erzählt der Ziegenhirt dem Jungen vom Umgang mit den Wölfen. Dass sie, wenn man ruhig steht, zuerst an einem vorbeirennen und einen an den Beinen leicht streifen. Wenn man stehen bleibt, passiert nichts. Aber wenn man sich rührt und anfängt zu rennen, dann hat man sofort den Wolf im Nacken. Hier hat man nur die Erzählung gehört. Später wird eine Szene kommen, wo das eine Rolle spielen wird. Oder wie man mit Hilfe des Frettchens und einem großen Stein vor dem Ausgang einen Hasen aus dem Bau und ins Netz jagt. Auch die Annäherung an die Wölfe wird gut verständlich und plausibel nachvollziehbar ein- und vorgeführt.

Ein Film, der bei aller (spanischer) Kinobildschwelgerei nicht mit harten Substanzbrocken spart.

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