Diese Dokumentation von Freddie Röckenhaus und Petra Höfer versammelt eine Fülle von Bildern, die Deutschland aus der Luft zeigen und auch, was sich in der Luft über Deutschland so alles tut. Wie nach einem Zufallsgenerator-Prinzip hupft sie wild von oben in Deutschland nach unten, von Westen nach Osten und hin und her und her und hin, geordnet einzig nach Monaten. Die Monate als Ordnungsgröße zu nehmen enthebt die Filmemacher der allfällig leidigen Pflicht einer politischen oder kulturellen Wertung, Stellungsnahme oder Kritik des Landes. Sie sehen sich wahrscheinlich eher als eine Art Kuddelmuddel-Postkartenfabrikanten.
Viel Geist gibt es nicht in diesem Postkarten-Deutschland, gerade mal die Namen Heine, Hesse oder Luther fallen. Wir leben ja auch nicht in einer geistigen Zeit, wir leben in einer Zeit der unendlichen Kameramöglichkeiten, Kameras an Hubschraubern, Kameras an Abfangjägern der Bundeswehr, Kameras an Hochhausspringern, Kameras an Fallschirmspringern, Kameras an Seeadlern und Kameras an Wildgänsen.
Der Luftraum über Deutschland ist aber nicht nur voller Kameras, er ist auch voll der vielfältigsten Flugdinger, vom Segelflugzeug, was eine deutsche Spezialität sei als Folge aus dem Krieg, weil die Deutschen keine motorisierten Flugzeuge mehr fliegen durften, von Kleinflugzeugen, die Verkehrszählungen durchführen oder die Menge der in einem Jahr abgebauten Braunkohle messen, von Flugzeugen, die den Proviant in eine Berghütte bringen oder Lotsen auf ein Schiff in der Nordsee, von Helikoptern, die vom Borkenkäfer infizierte Fichten aus einem Naturschutzgebiet abtransportieren, von riesigen Airbussen, überhaupt vom Flugverkehr, der in wunderbar computeranimierten Linien nachgezeichnet werden kann wie auch die Flugwege von Zugvögeln, sei es nach Sibirien oder nach Afrika, Störche, Wildgänse, Kraniche.
Wir fliegen von der Zugspitze bis zur Nordsee, wir fliegen über Industriebrachen im Ruhrgebiet, Fachwerkstädtchen noch und nöcher, die oft vom Krieg, das wird in traurig opferhaftem Ton genölt, leider zerstört worden sind, wir sehen Bilder von der Zerstörung Hamburgs, computeranimiert, wir sehen Sommerfrischler, Kletterer, Surfer, Angler, Rafter, Grundrisse von Städten, Verkehrsstaus.
Wir bekommenTexte zu hören wie:
Die Böcke (= die Steinböcke) entspannen sich in einer Männer-WG bis zur nächsten Brunftzeit.
Nein, das ist nicht der Mond, das ist Braunkohletagebau in der Lausitz.
Von Sylt bis Föhr nur Dünen und Meer und ein paar Dutzend Millionäre.
Magdeburg geht am 15. Januar 45 unter.
Wie unberührt dürfen wir die Natur lassen, ohne den Spass daran zu verlieren?
Pfingsten steht vor der Tür und wir stehen im Stau.
Dresdens Frauenkirche dagegen sieht aus wie aus dem Ei gepellt.
Der Film fängt mit Steinböcken im Allgäu an und hört mit ihnen wieder auf.
Wer vieles bringt, wird vielen etwas bringen werden sich die Filmemacher gesagt haben. Ein Film für Menschen, die gerne mal auf einen Kirchturm steigen des Perspektivenwechsels wegen, die den Blick gerne schweifen lassen im Rund und sich von den Bildern und Aussichten treiben lassen und sicher für Kinder, die anfangen zu entdecken, was es so alles auf der Welt gibt, wovon sie in ihrem Kinderzimmer noch nicht zu träumen wagten.
Die Filmemacher zeigen auch, wie es durchaus schwierig ist, aus dieser Überfülle an technischen Möglichkeiten und Material (etwa 300 Stunden) einen spannenden Film zu machen.
Der inhaltlichen Dürftigkeit der gesprochenen Texte wird eine bombastische Filmmusik entgegengesetzt, die alle paar Minuten einen nicht unbedingt eintreffenden Höhepunkt ankündigt. Bei der Queen Mary 2 in Hamburg würde man das noch verstehen.
Schön, vielleicht der poetischste Moment im ganzen Film, wenn nach der Schilderung des Oktoberfestes von oben (München wird als die Hauptstadt des Sommers tituliert, Berlin als die Stadt der Monumente der Macht), wenn sich die Kamera entfernt, die Stadt im Dunkeln liegt und das Quadrat von Festwiese leuchtet und die Musik ganz leise wird.
Eindrucksvoll auch die GPS-gesteuerten Erntemaschinen. Und nett: die einzigen 400 Wildpferde Deutschlands in Dülmen. Die gedämpfte Sprecherstimme ist leider zu routiniert, zu bemüht, den doch harmlosen bis verharmlosenden Sätzen Bestimmtheit zu geben. Ein fruchtloses Unterfangen.
Und die Kamera ist vernarrt in Reisszooms.

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