Film kann vieles mit unserem Bild von Realität anstellen. Es kann dieses dehnen, kürzen, komprimieren, verbiegen wie mit einem Hohlspiegel oder verzerren wie mit einem Zerrspiegel, kann dieses beschleunigen, verlangsamen, gar stehen lassen, kann einzelne Teile herausarbeiten, hervorheben oder darauf verzichten; was Film selten kann oder kaum, das ist die Qualitäten eines Zeichners als pointiertes Abbild unserer Realität herzustellen. Kino kann nicht Sempé – oder allenfalls als Echo.
Dieser Film jedoch fängt mit einem Bild an, was von einem Zeichner stammen könnte. Eine einzige Rose steht blühend auf einem flachen Hügel, der dicht vor uns die Horizontlinie bildet. Sonst ist nur kärglicher Bewuchs. Dieses Bild will uns wohl bewusst auf eine Art der Betrachtung, die für diesen Film vielleicht hilfreich werden könnte, einstimmen. Kino als ein Alternativ-Versuch, Realität mit einem spitzen Bleistift und traurig-ernst und wie ich sogar vermute rabenschwarz-humorig abzubilden.
Wobei sich Fernando León de Aranoa, der Autor und Regisseur dieses Filmes, ganz keck dann noch der Bildwelt des italienischen Neorealismo bedient. Und zwar vor allem in sehr ruhigen statischen Bildern. Ohne überflüssige Requisiten oder Möblierungen. Auf das Wesentliche reduziert.
Am Anfang gibt’s ein wenig Action. Die Kamera weitet nach dem Bild mit der einzelnen Rose am Horizont das Gesichtsfeld. Einige Männer, eher gedrungene, südliche Typen, schleichen sich den Hügel hinan. Schauen auf der anderen Seite hinunter. Da sind Leute damit beschäftigt, Blumen in große Container zu werfen. Jetzt machen die Beschäftigten Pause. Unsere, wie sich bald herausstellen wird: Blumenverkäufer preschen vor, um möglichst viele dieser Schnittblumen, vor allem Rosen, in mitgebrachte Taschen zu stecken. Aber sie werden von der Polizei entdeckt und vertrieben.
Nelson ist einer von ihnen. Er bringt die Blumen zu sich nach Hause. Seine Frau ist Marcela, die Hauptfigur in diesem Film. Sie bringt den spröden Ausdruck mit, den wir bei Frauen schon im italienischen Neorealismus gesehen haben. Sie ist immer wie naiv, ausdruckslos der Welt gegenüber. Ihr wunderbar sinnliches schwarzes Haar bedeckt ihren ganzen Rücken, aber das wird nur so ganz nebenbei kurz gezeigt. Sie ist eine Frau, die keine Geschichte aus sich macht. Die das Schicksal nimmt wie es kommt.
Bald wird sie erfahren, dass sie schwanger ist. Die Blumen werden im Kühlschrank aufbewahrt, damit sie frisch bleiben, später werden sie parfümiert, damit sie nach Blumen riechen. Marcela und Nelson wollen einen neuen Kühlschrank kaufen. Aber mit dem spärlichen Geld aus den aufgemotzten Abfall-Rosen ist das kaum zu bewältigen.
Marcela bewirbt sich für eine Stelle als Pflegerin bei einem bettlägerigen, schwerkranken alten Mann. Das ist Amador. Sie erhält die Stelle ohne weiteres und eine Anzahlung auf den Kühlschrank bekommt sie umgehend überwiesen.
Es gibt jetzt viele stille Bilder, wie sie den Alten betreut, wie sich die beiden unterhalten, über das Meer, das beim Puzzle besonders schwer zusammenzustecken sei, über Meerjungfrauen. Oft sitzt sie still da. Die äußerliche Hauptszenerie, auch das erinnert an den Neorealismo, ist der ausfransende Rand einer wachsenden Großstadt mit anonymen Wohnblocks im Übergang zum Niemandsland.
In all dieser Ruhe und spannend gedehnten Zeit, entwickeln sich nun Dinge, die den Traum vom neuen Kühlschrank gefährden können, auf dem alten war anfangs des Filmes noch in bunten Magnetbuchstaben der Name Marcela zu lesen.
Leicht surreal wirken diese Pflegebesuche bei Amador auch dadurch, dass die Verwandten nie zu sehen sind. Die Kinder sind nämlich mit dem Bau eines Hauses beschäftigt und wenig an ihrem Vater interessiert. Lediglich eine Dame, Puri, was Purismus anklingen lässt, es aber höchstens in sehr eigenwilliger Interpretation ist, besucht Amador jeweils donnerstags für eine Stunde. Spätestens im Augenblick, wo Puri Marcela von einem Mann erzählt, der ein „Podium“, was Marcela verunsichert, also ein „Medium“ gewesen sei, gibt sich der schräge Beobachterhumor an dieser feingezeichneten Komödie kurzfristig zu erkennen.
Sonst vermeidet der Filme jeden Anschein, er wolle hintersinnig oder hinterfotzig sein. Er gibt sich ernsthaft und diverse Mittel der Künstlichkeit, die dem Kino soviel Reiz verleihen können, benutzend. Um uns am Schluss klarzumachen, dass er die Menschen doch als recht sonderbare Wesen sieht, die wie Krokodile oder was auch immer, je nur ihren eigenen Zielen nachgehen, dem roten Faden ihres Lebens folgen, immer auch das eigene Ziel und den eigenen Vorteil lange vor jeder Moral suchend. Kreuchende und fleuchende Existenzen.
Ein lakonisches Beispiel dafür ist das Fake-Telefonat, das Marcela mit einer vorgeblichen Freundin oder einem Freund führt, damit der Alte sein Vorurteil bestätigt bekommt, dass diese Hilfen immer nur an ihren Freund oder an ihre Freundin denken.
Zur Begründung, dass Blumen ein Geschäft seien, erfahren wir, dass das Leben, die Liebe und der Tod die Momente sind, die immer wieder kommen und bei denen Blumen gekauft werden.
Die Menschen in diesem Film versuchen, am Schicksal zu zupfen, zu rütteln, es in Richtung ihrer Absichten, in ihrem Sinne zu verändern; dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. Andererseits gibt es Momente, da denkt man: eine Groschenroman-Geschichte. So simpel. Aber so ganz simpel ist sie eben nicht. Und gegen die Sünde gibt es die Kirche. Auch da findet später eine sehr komische Szene statt, wie der Priester Marcela, die der Ansicht ist, sie tue etwas Unrechtes, dies aber abstrakt schildert, vom Priester den Segen dafür erhält – das ohne jede Flachserei oder Distanziererei des Filmemachers. Es gibt Momente, da könnte die Nacherzählung fast in eine Schauermär ausarten.
Zwischendrin spielt der Filmemacher auf die Tonspur einige wie kommentierende Musikrefrain-Takte. Irgendwie ist doch alles immer das Ähnliche, dasselbe.
Momentweise ein surreales Kino. Was aber in der Menschenbeobachtung wieder nah an die Menschen und deren Realität rankommt, was nah heran gezoomt manche Dinge vergrößert und verdeutlicht ohne jeden Zeigefinger sondern aus Spaß und Neugier, wie ein Mensch sich in einer bestimmten Situation doch verhalte.
Eine surreale Komödie über das Sein, die Schönheit und über Versuche, das Schicksal auszutricksen. Blumen und Leichen sind sich in vielen Dingen nicht unähnlich. Von der Sterblichkeit der Schönheit, vom Sterblichen in der Schönheit, von der Schönheit im Tod, von der Schönheit der Blumen und dem Geschäft mit ihnen.

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