Ein Mann, nicht besonders sportlich, etwas älter, joggt durch die Straßen eines Wohnquartieres einer deutschen Stadt. Er hat Kopfhörer auf; der Text, den er hört, wird dem Zuschauer ins Kino eingespielt. Es ist ein gesprochener Text aus einem Buch von Olaf Karasek, „Der Fluch des Schamanen“ wie wir später erfahren werden. Die Rede ist vom Schamanen, wie er bewegungslos in seinem Erdloch sitzt. Aha, einer joggt und hört sich einen Text über einen bewegungsllosen Schamanen an. Joggen und regungsloser Schamanismus, wie geht das zusammen? Vielleicht haben wir es mit einem widersprüchlichen Menschen zu tun, mit einem Menschen, der offenbar nicht das tut, was er gerne tun würde. Oder vielleicht kommt er sich stark vor, wenn er beim Joggen an einen regunslosen Mann denkt?

Er macht dann, wie er sich seinem Haus nähert, noch den Versuch einiger befreiender, tänzelnd-tänzerischer Schritte. Übersprungshandlung? Kommentar zum eigenen Jogging? Vor seinem Haus warten zwei Typen, die im weiteren Verlauf des Filmes keine Rolle mehr spielen werden. Sie wollen von unserem joggenden Schamanismus-Hörer ein Bettgestell kaufen. Sie sind aber zu früh da. Aha, die sind zu früh. Was hat das für eine Bedeutung, dass es im Drehbuch geschrieben und dringelassen worden ist? Zu früh für einen Bettgestellkauf. Auch das Bettgestell wird im weiteren Verlauf des Filmes keine Rolle mehr spielen.

Die ersten Szenen eines Filmes setzen den Zuschauer auf ein Gleis oder den Zug der Spannung. Mit Joggen, Schamanismus-hören, zu frühen Interessenten für einen Bettgestellverkauf sind hier allerdings gleich zu Beginn drei extrem verschiedene Signale gesetzt, die nun, manchmal arbeitet das Zuschauerhirn sehr schnell, erstmal so gar nicht wie der Anfang einer Geschichte aussehen, aus denen sich das arbeitende Zuschauergehirn erst mal gar keinen Reim machen kann. Vexierspiel?

Die Autoren Minu Barat und Michael Ebmeyer machen es mit diesem so beliebig scheinenden Anfang, mit wenig Gemeinsam-Nennerhaften dem Regisseur Ralf Huettner und seinem joggenden Hauptdarsteller Joachim Krol und auch dem Zuschauer nicht unbedingt leicht, sich mit den ersten herausgestellten Elementen des Filmes eine Geschichte ansetzen zu können. Da es sich um einen professionell sich gebenden Kinofilm handelt, muss davon ausgegangen werden, dass sich die Autoren bei einer solchen Exposition was gedacht haben. Aber was nur haben sie sich gedacht mit diesen expliziten Hinweisen?

Es kommt die Frau des Joggers dazu. Es gibt Andeutungen, dass die Ehe des Protagonisten nicht im besten Zustand ist. Der Jogger gibt noch die Info an seine Frau, dass er für seine Firma für eine paar Tage nach Sibirien verreisen müsse. Tja, der Anfang einer Geschichte kann ein schwieriges Unterfangen sein, das jedenfalls vermitteln uns die Autoren.

Die Firma stellt Dessous her, ist in Leverkusen ansässig und heißt Fengler – und wer jetzt dies Wortkombination Dessous-Leverkusen-Fengler lustig findet, der darf sich auch amüsieren; und findet es vielleicht noch lustiger, wenn er erfährt, dass unser Jogger Matthias Bleuel heißt.

Die kurze Exposition hat immerhin einen Eindruck von den Charaktereigenschaften des Protagonisten gegeben, er scheint entfernt eine Ähnlichkeit mit Mr. Bean zu haben (leider hat er nicht die entsprechenden Szenen), er scheint leicht schwerernöterisch zu sein, schwer von Begriff, er hat etwas leicht Verdattertes, ist wohl sehr zuverlässig und mit wenig Selbstbewusstsein ausgestattet (wenn er jetzt in eine Situation geriete, die zum Beispiel Selbstbewusstsein forderte, so wäre das vielleicht spannend) er scheint etwas kompliziert zu sein und ist nicht gerade ein Idealbild von Mann, hat möglicherweise viel geschluckt oder schlucken müssen in seinem Leben.

Es fehlt jedoch das pointierte Herausstellen einer brisanten Charaktereigenschaft, bei der schon die Erwähnung einer Reise nach Sibieren, den Zuschauer mit Vorfreude, Vorschadenfreude, Vorschaulust, Vorvergnügenslust oder einfach mit Spannung erfüllen würde. Diese Info hier ist allerdings in etwa so spannend, wie wenn ein Beamte mitten in einer Besprechung sagt, er muss mal schnell aufs Clo.

In Sibirien wird Bleuel sich voraussichtlich ebenso weltfremd bewegen wie hier, einerseits joggen, andererseits der Schamanismus-Lektüre frönen. Denn wir haben nichts über Schmerz- und Sehnsuchtspunkte von ihm erfahren, nicht sinnlich, nur theoretisch über den Köpfhörertext vom Schamanismus.

Auch blieben die Infos über die Ehe merkwürdig karg und so alltäglich und wenig signifikant, dass nun eine Sibirienreise garantiert nicht als Hoffnung gewertet werden könnte, daran was zu ändern. Diese Ehe war fast nur als hypothetisches Klischee-Konstrukt vorgetragen. Kann somit höchstens Ausgangspunkt für eine weitere hypothetische Erörterung bilden, nicht aber für ein sinnlich-erfahrbares Kinoerlebnis.

In Nowosibirsk legt Armin Rohde einen souveränen Auftritt als mafiaähnlicher Geschäftemacher hin, mit fettem Anzug und dicker Krawatte und er schmiert den Deutschen Bleuel an der Behörde vorbei. Bald schon sieht dieser bei einer Rast den Schamanen auf einem Pferd am Horizont vorbeireiten. Aha, ist er auf der Suche nach dem Schamanismus? Nein, er muss in einer Filiale von Fengler im einsamsten Sibirien, ja was muss er da machen, das wird gar nicht so richtig klar, er gibt zwar gelegentlich Erklärungen ab und eine Russin meint, er bräuchte eine Frau.

Sprachliche Schwierigkeiten sind immer dankbare Sujets, und um diese nicht ausufern zu lassen, wurde ein smarter Dolmetscher engagiert, der fließend russisch und ein sehr glattes Deutsch spricht. Der hat in Deutschland die Liebe seines Lebens kennen gelernt, die zu Bernd.

Was Krol in Sibirien zu erledigen hat, ist einigen Ausdrücken aus seinem Text zu entnehmen: „Compatibility Report“, „kürzere Transportwege“, „Leitlinien aus Leverkusen“. Das ist auch so ein dramaturgisches Problem, dem Zuschauer das Ziel einer Reise erst peu á peu bekannt zu geben. Das gibt der Vermutung Nahrung, dass es den Autoren auch gar nicht darum ging, dass das bloss ein billig konstruierter Vorwand für das Folgende zu sein habe. Man nimmt also fundamentale Glaubwürdigkeitsprobleme einer Story in Kauf, um das zu zeigen, worin man sich vernarrt hat.

Denn schon ist die fröhliche Schar, die Fengler-Verkäuferinnen-Schar aus Sibirien mit dem Deutschen auf einem Rummelplatz. Dort hört Bleuel die Sängerin Sajana mit Kehlkopfgesang, die auch schorische Lieder singt. Er verliebt sich sofort in sie und in ihren Gesang. Der ist in der Nähe des Schamanismus anzusiedeln. Uns überrascht das nicht sonderlich. Wieso nicht? Weil das mit dem Schamanismus-Faible bereits in der Figur angelegt ist. Bleuel gerät nicht in einen Konflikt, er begegnet lediglich einer Sache, die eh schon Teil von ihm ist. Und sein Pflichtteil ist nicht so glaubwürdig fundiert worden, dass es zu einem Konflikt reichen würde.

Bleuel sollte drei Tage bleiben. Aber er verlängert die Geschäftsreise wegen Kehlkopfgesang und Schamanismus und Sajana. Und noch bevor wir kapiert haben, was los ist, wird aus dem Film, dessen Ziel wir bis jetzt noch nicht ganz verstanden hatten, ein netter Werbefilm für Sibirien, seine Landschaften, für schorisches Spa qua Sauna. Denn Bleuel und sein dolmetschender Begleiter geraten in immer abgelegener, schönere, untechnisiertere sibirische Landschaften. Einzig die erklären uns plausibel, dass ihretwegen der Film nämlich gemacht worden ist und dass als Vorwand notdürftig und offenbar mit nicht zuviel Bedacht, eine „Geschichte“ von den Autoren zusammengeschustert worden ist, die an allen Ecken und Enden leidet. Verwunderlich allerdings, dass Ralf Hüttner diese erfolgsbeschränkenden Schwächen nicht gesehen haben will.

Für den Zuschauer stellt sich allenfalls als einziger Mehrwert, jener einer touristischen Information über eine untouristische Gegend ein, wenn ihn das denn interessiert. Oder vielleicht sind Esoteriker wegen dem Schamanenthema als Zuschauer für den Film zu gewinnen. Man erfährt aus schamanischem Munde etwas über die Befreiung aus dem eigenen Gefängnis. Aber von einem Gefängnis war bisher weder Rede noch Bild noch Symbol. Oder war das Bettgestell am Anfang des Filmes, das ausrangiert werden sollte, das Symbol für das Gefängnis, in dem Bleuel steckte?

Netter Witz nach Sauna: neugeboren bei den Schoren.
Ach ja, Bleuel hat auch eine Tomatenallergie, er bekommt von ihnen einen anaphylaktischen Schock. Auch das eine Eigenschaft, die leider im Drehbuch nicht spannungserzeugend eingesetzt worden ist.
Im übrigen ein sehr züchtiger Film.
Es gibt dann noch ein Lagerfeuerritual.
Irgendwann scheinen dem Filmteam in Sibirien die schorischen Ideen ausgegangen zu sein. Da haben sie in Leverkusen zu Ende gedreht.

2 Antworten zu “Ausgerechnet Sibirien”
  1. IckePaul sagt:

    Der Käfig steht sinnbildlich fur das bornierte Leben des Hauptdarstellers. Deutlicher Hinweis ist der Charakter den der Hauptdarsteller spielt. Also die ersten fünf Minuten des Film reichen schon um dies zu merken.

    Sehr guter ruhiger komischer tiefgründiger Film.

  2. Vielen Dank, IckePaul, für Ihren Meinungsbeitrag.
    Sicher, „kann“ man das merken, „muss“ aber nicht. Sicher gibt es Hinweise darauf und wenn der Zuschauer bereit ist, eine gewisse Lebenserfahrungskumpanei bezüglich bornierten Lebens, die der Film offenbar einfordert, mitzumachen, ist er auf der sicheren Seite. Aber zwingend sind die Hinweise nicht. Das habe ich beschrieben. Zur Fundierung einer tragfähigen Kinospannung ist mir solch Ungefähr zu wenig. Das meinte ich mit den „erfolgsbeschränkenden Schwächen“ (des Drehbuchs).

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