Archiv für 10. Mai 2012
Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Tim Burton und Johnny Depp verfrozzeln das Gothic-Genre. Mit Jokes, die nicht so exklusiv sind, als dass man nicht mit Popcorn zwischen den Zähnen angemessen lachen könnte.
Das Thema ist, wie es sich für einen amerikanischen Film mit Unterhaltungsanspruch gerne gehört, die Familie, wie wohlig-mies die sein kann, wie nett und verlogen-lieb; so dass der verzweifelte Bub der Collins, einer Fischereiindustriellenfamilie, die in Amerika die Eleganz ihrer europäischen Herkunft mit dem amerikanisches Erfolgsstreben zu einer Wucht an protziger Schlosseskälte und Reichtum vereint hatte, untröstlich einsam war.
Dieser untröstlich einsame Bub heißt Barnabas, was laut Wikipedia vom Aramäischen abstamme und mit „Sohn des Trostes“ übersetzt werden könnte. Er sucht seinen Trost aus purer Einsamkeit in den Tiefen seiner Trauer, die wahre Liebe suchte er, aber eine neidische junge Hexe vernichtet ihm sein Liebesglück brutal und burtonmalerisch schön und verwandelt ihn in einen Vampir, ihn somit auch der Möglichkeit des Todes, der Erlösung beraubend, und beerdigt ihn in einem massiven Sarg, kettengesichert. Wir schreiben in etwa das Jahr 1789.
200 Jahre später. Sein Familienclan lebt inzwischen in kleiner Zahl und verarmt im grauslichen Schloss in den dunklen Wäldern hoch über der Bucht von Collinsport an der amerikanischen Ostküste. Indiz für den Niedergang der Familie ist die Kürbisplantage beim Vorfahrtsrondell und auch die Figur von Schlossdiener wie aus einem Edgar-Wallace-Krimi erzählt wie es um diese Besitzung steht, wenn mans nicht schon beim verwucherten Gittertor begriffen hat.
Bauarbeiter stossen bei Erdarbeiten auf den Sarg von Barnabas und wecken ihn auf. Einen Vampir aus 200-jährigem Schlaf zu wecken, das kann den Bauarbeitern nicht gut bekommen. Die Leichen sorgen in Collinsport für Aufsehen. Die Hexe aus Barnabas Jugend, selbst ein Vampir, hat inzwischen die Collins aus dem Fischereigschäft weitgehend ausgebootet. 1972 oder auch 1971 heisst sie Angelique Bouchard. Mit ihrem knallig roten Sportwagen fährt sie im Schloss vor, denn ihr war durch die grausliche Mordtat an den Bauarbeitern klar geworden, dass Barnabas seinen Sarg verlassen haben dürfte.
Somit kann also Tim Burton Johnny Depp (wobei es produktionstechnisch gesehen gerade umgekehrt ist, Johnny Depp ist hier auch Produzent) reaktivieren mit weißer Mephisto-Maske und langen Fingernägeln und einem schön gesetzten, gelegentlich etwas zögerlichem oder tänzelndem Gang und oft einem Stöckchen in der Hand.
Der Zeitsprung von 200 Jahren geben Burton und seinen Autoren Gelegenheit für einige weitere Jokes oder Verwunderlichkeiten, Teer ist wirklich ein bemerkenswertes Material (fast wie Blut ein besonderer Saft ist) und die Gegenüberstellung von MacDonalds-Werbung mit mephistophelischem Denken löst auch einen kleinen Aha-Effekt im Zuschauer aus.
Depp begibt sich also nach seinem Arbeiter-Frühstück schnurstracks zum Familienschloss, stellt sich als Verwandter vor und nur der Schlossherrin Elisabeth, die wird von Michelle Pfeiffer gespielt, gibt er sich als der Vorfahre zu erkennen, der er ist, zum Beweis wendet er einige Kniffs an, die Geheimtüren und –Gänge öffnen, deren Wissen in der Familie offenbar verlorengegangen ist. Die anderen Familienmitglieder dürfen das nicht erfahren, halten ihn für einen Verwandten aus Europa und auch aus dieser Diskrepanz heraus lassen sich ganz akzeptable Jokes entwickeln. Culture Clash über die Jahrhunderte: die Makramé-Sachen im schweren alten Holzschrank, die sind für einen auferstandenen Vampir wirklich degouttant.
Zum wenigen festen Hauspersonal gehört noch eine Psychiatrin. Die kommt dem Vampirismus von Barnabas bald auf die Spur, wird ganz wild auf die damit verbundene Qualität der ewigen Jugend, sie rät ihm zu einem Blutaustausch und will sich selber sein Blut aneignen. Da Barnabas dahinter kommt, endet es nicht gut für die Psychiatrin. Sie wird der nächste Happen auf dem Speiseplan von Barnabas. Wobei sie ihm noch auf ein wunderbares anderes Menü (unwissentlich?) hingewiesen hat, er solle doch entspannen bei einer Gruppe Hippies, bei diesen lieben, netten, jungen, „unrasierten“ Menschen. Die werden zu einem prächtigen Saugmahl.
Als Fremdpersonal ist neu hinzugekommen die blutjunge Viktoria, eine Wiedergängerin seiner Jugendliebe, die dann von der Hexe in den Tod getrieben worden ist. Hier wäre der Punkt für einen Funken Hoffnung im tristen, nie zu beendenden Circulus Vitiosus eines Vampirs. Hier ist auch die Beziehung, die ausgenommen ist vom prinzipiellen Versuch von Burton und Depp, dem Gothic den schweren Ernst zu nehmen, ihn mit leichter Lach- und schlagermusikschlagseitiger Muse aufzupeppen. Den Gothic auf die leichte Schulter nehmen, das scheint die Übung, die sich Burton/Depp vorgenommen haben.
Am deutlichsten artikuliert wird dieses Vorhaben vielleicht in der Begegnung zwischen Depp und der pubertierenden Göre im Hause, die unter Coolness nicht unbedingt Gothic zu verstehen scheint. Ganz fasziniert ist der Vampir von der Lampe, in der immer rote Bubbles rauf und runterwandern. Caroline, so heißt die einzige Tochter von Elisabeth, betrachtet den ganzen Vampirzirkus aus cooler Distanz wie von oben herab.
Schießlich verlangt die Kompaktheit einer solchen Geschichte auch die Spiegelung der Hauptfigur in jung, das ist der gestörte, verstörte Junge David, zu dessen Betreuung die Psychiatrin hauptsächlich da ist.
Depp spielt wie immer sehr körperbewusst, setzt gekonnt, leicht und spielerisch Blicke, Gesten und Gänge. Schön, wenn er 200 Jahre nach dem Einschlafen wieder Boden unter die Füsse nimmt und plötzlich Teer vorfindet, da wird das Spiel zu Show, alles wunderbar platziert, in den Raum und auf die Leinwand gestellt in jeder Sekunde. Und auch seine deutsche Synchronstimme kann man wirklich gelten lassen, die bringt gerade auch die Jokes gut gesetzt rüber.
Sicher sind die Bildwelten in diesem Film Tim-Burton-Bildwelten, was als ein Qualitäts- und Kreativitätsbegriff für sich stehen kann, einschränkend entsteht aber hier bei mir der Eindruck einer Kreativitätsroutine auf allerdings erklecklich genießbarem Niveau.
Tim Burton und Johnny Depp verfrozzeln das Gothic-Genre. Mit Jokes, die nicht so exklusiv sind, als dass man nicht mit Popcorn zwischen den Zähnen angemessen lachen könnte. Das Thema...
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Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Pary El-Qalqili, die Autorin und Regisseurin dieser Dokumentation, versucht eine Annäherung an ihren Vater. Kein leichtes Unterfangen bei einem Mann, der vor allem mit seiner eigenen unglücklichen Geschichte beschäftigt ist, mit dem Verlust der Heimat, der Vertreibung, dem Leben in Deutschland, dem Verlassen der Familie um in seiner Heimat ein Haus zu bauen; dieses Haus steht aber leer, ist unwohnlich; wie er es mit seiner Tochter besucht, zieht sie es vor, in einem Hotel zu übernachten, während er als einziger Bewohner in seinem Haus schläft, und Nachbarn betrügen den selten anwesenden Hausherren ohne Heimat; der Versuch einer schier unmöglichen Annäherung an einen Mann, der sich in seiner Wut auf sein Schicksal wie eine Schildkröte unterm Panzer verkriecht.
In Berlin setzt die Filmemacherin ihren Vater neben sich auf eine Matratze am Boden, so hockend will sie ihn vor der Kamera zum Reden bringen über sein Leben, was durch Krieg und Vertreibung durcheinander geraten ist, aus den Fugen geraten ist, so dass er heute erkennt, eigentlich habe er nichts. Er ist ein Unsteter, ein Ashaver, wie man den rastlosen Juden zu nennen pflegte. Er ist aber kein Jude, er ist einer der Palästinenser, die einen hohen Preis für die Gründung des Staates Israel zu bezahlen hatten und immer noch bezahlen. Jener Palästinenser, die vertrieben wurden aus ihren angestammten Häusern und ganz in der Nähe davon in Lagern leben mussten. Und wenn sie nicht ausgewandert sind nach Deutschland zum Beispiel, heute noch in Lagern leben, nach Jahrzehnten also in den von Israel besetzten Gebieten.
Der Film besteht aus mehreren fahrig ineinander geschnittenen Elementen, dem unruhigen, sprunghaften Rhyhtmus des Lebens des Vaters nachempfunden, eines Lebens, das früh aus der Bahn geworfen worden ist und nicht leicht was auf die Reihe kriegt, damit einen sinnlichen Eindruck vom Wesen dieses Mannes, um den man sich gelegentlich ängstigen möchte, vermittelnd.
Ein Element ist die Voice-over der Regisseurin selbst, die in Prosa-Texten von literarischer Qualität von ihrer Kindheit und ihrem Vater berichtet. Das zweite wurde bereits erwähnt, das ist der Gesprächsversuch mit dem Vater, neben ihm auf dem Boden in der Ecke sitzend. Das dritte sind Geschichten und Erzählungen einer älteren und einer ganz alten Frau, das eine dürfte die Mutter sein, das andere die Großmutter und eine Tante kommt auch noch vor. Das vierte Element schließlich ist eine Reise, die Pary El-Qalqili mit ihrem Vater nach Palästina unternommen hat.
Von Ägypten aus wollten sie nach Palästina einreisen, nach 16 Stunden Wartens an der Grenze mussten sie erst mal umkehren. Das sind so Dinge, die die Wut in ihrem Vater nähren. Er hat immer gegen Israel gekämpft, er war im Gefängnis, sie wollten ihn nachher als Spitzel einsetzen, nur dann wurde ihm ein Pass in Aussicht gestellt; da hat er den Freiheitskampf aufgegeben, sich in den Winterschlaf, wie er sagt, zurückgezogen. Oft ging er in den Wald.
Er hat im besetzten Gebiet sein Haus gebaut, aber keiner von seiner Familie wollte dorthin ziehen. Glücklich ist er, wenn er unterwegs in einer Taxe ist, dann singt er, dann geht es ihm gut. Aber sein Haus ist inzwischen von einer fürchterlichen Betonmauer fast ganz umgeben, schlimmer als „die Mauer“ von Berlin, Entwurzelung einerseits und Einzäunung andererseits, weiteres Anfeuerungsmaterial für seine Wut. Die zeigte sich dann, wenn er wieder in Berlin war so, dass er sich wochenlang in den Keller verkroch. Daher kommt der Titel, Schildkrötenwut.
Dieses Vaterportrait von Pary El-Qalqili weist allerdings weit über den Rahmen einer familiengeschichtlichen Reminiszenz fürs Familienalbum hinaus. Es steht stellvertretendf für Millionen von Vertriebenenschicksalen, auch wenn jeder Einzelne individuell reagieren mag. Man sieht einen Menschen, dessen Leben durch die Vertreibung durcheinandergeraten ist und offenbar auch nie einen Frieden oder eine Ruhe finden wird. Den hätte er, wenn er mit seiner Familie in seinem selbst gebauten Haus in seiner Heimat, wohnen könnte, behauptet er. Aber das Haus steht leer, die Nachbarn betrügen ihn und eine mächtige Betonmauer schließt es vom freien Zugang zur übrigen Welt ab.
Deutsche Politiker, die U-Boote nach Israel oder Panzer nach Saudi-Arabien liefern wollen, täten gut daran, sich statt dessen diesen Film anzuschauen, zu sehen, was Krieg alles anrichtet, wie nachhaltig Krieg und Vertreibung Menschen aus dem Gleichgewicht bringen kann.
Interessant, dass sich die Tochter immer als Beschützerin des Vaters gefühlt hat, gegen die Mutter, gegen die Deutschen, gegen die Israelis.
Apropos Waffen: die einen liefern sie und die anderen töten Menschen damit, der Vater sagt „der eine schießt und der andre Kauft Patronen für ihn“
Der Vater wurde noch in der Wüste geboren; er hat 17 Geschwister, die alle irgendwo auf die Rückkehr warten.
Vater hat immer für die Freiheit Palästinas gekämpft.
Er war immer verdächtig als Palästinenser, als Muslim, als Asiate, als Araber, meint er.
Er hat Angst vorm Wasser.
Ein Vater, dessen Bild für die Tochter wie eine Leerstelle ist. Sie erinnert sich, dass er ihr zur ersten Menstruation Blumen geschenkt hat.
Kalkilia ist seine Stadt, obwohl er dort gar nicht geboren worden ist. Dort hat er das Haus gebaut. Was macht man, wenn Ausgangssperre ist und man nicht mal die Fenster öffnen darf. Er allein in seinem Haus. Er schlief wohl meistens, denn zum Spielen hatte er niemanden. Schlafen (träumen?) spielen, hört sich nach Hamlet ein, irgendwie halt.
Pary El-Qalqili, die Autorin und Regisseurin dieser Dokumentation, versucht eine Annäherung an ihren Vater. Kein leichtes Unterfangen bei einem Mann, der vor allem mit seiner eigenen unglücklichen Geschichte beschäftigt ist,...
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Der Film trägt voll die elegante Handschrift des Visionisten Luc Besson, nach dessen Idee Stephen St. Leger und James Mather, die auch die Regie übernommen und mit Besson zusammen das Buch geschrieben haben. Besson fungiert zudem als Executive Producer in dieser ausdrücklich „europäischen Produktion“. Europäisches Action-, Thriller- und SciFi-Kino aus bestem Hause, wenn man so will.
Für seinen Plot greift Besson eine Zukunftsidee auf, die bestimmt Sicherheitsbehörden oder Geheimdienste schon mal erwogen haben dürften: Schwerverbrecher in eigens konstruierten Stationen im All unterzubringen. Bei Besson werden sie in eine Art künstlichen Tiefschlaf, „Stasis“, versetzt. Mit dieser Idee streift Besson leichthändig ein schwieriges Thema unserer Zeit: der Strafvollzug, auch wenn er das nicht weiter vertieft, es ist doch ein Schmerzpunkt, dass Menschen immer noch Menschen einsperren zu müssen glauben, teils lebenslänglich.
Allerdings gerät der vermeintlich sichere Vollzug im All in diesem Film außer Kontrolle.
Die Tochter des amerikanischen Präsidenten, Maggie Grace als Emilie Warnock, informiert sich in einer humanitären Mission zur „MS One“, der Knast-Raumstation 50 Meilen über der Erde über diese Art modernen Strafvollzugs.
Parallel wurde Undercoveragent Snow, Guy Pearce, ziemlich unsanft, aber in Besson-Brillianz inszeniert, verhört. Er ist hier als ein expressiv sich exponierender Agententyp mit kalter Schnauze und immer einem Gegenwort statt einer gewünschten Antwort charakterisiert, der damit jedesmal einen Faustschlag ins Gesicht als Quittung erhält. Er wird verurteilt und soll in den Weltraumknast verbracht werden.
Gleichzeitig lässt sich die Präsidententochter im Weltraumknast die „Prisoner Stasis Procedure“ vorführen. Ein Häftling wird aus seinem Hochsicherheitsaufbewahrungsfach herausgenommen und aufgeweckt. Der nutzt nun die Chance, und Besson trödelt keine Sekunde, das geht Schlag auf Schlag, wie schon alles bisherige, der Gefangene nutzt also die Chance, seine Bewacher zu überwältigen, die Mitgefangenen aufzuwecken, die „MS One“ in seine und der Gefangenen Gewalt zu bringten. Gefangenenrevolte im Weltallknast.
Einer der Häftlinge, Mace, hat das Wissen über den Verbleib eines Koffers, an dem Snow interessiert ist. Das benutzen die alarmierten Sicherheitsbehörden nun, denn die wissen, dass die Präsidententochter in den Händen der Knastis ist, Snow zu überrreden, sich auf die Station fliegen zu lassen und die Geisel zu befreien. Damit kann er seine eigene Freiheit erkaufen.
Somit wird nun rasant und elegant zugleich die ganze Befreiungskiste in Gang gesetzt. Immer werden die modernsten technischen Geräte, die es schon gibt, oder die es noch nicht gibt, eingesetzt. Besson liebt die Spielereien damit. Und aus der Befreiungsgeschichte wird, man möchte fast sagen: augenzwinkernd, auch noch eine Liebesgeschichte zwischen Snow und der Präsidententochter. Aber bevor die Liebe kommt, muss Emilie Snow gehörig nerven mit ihrem Gelabere, wobei die Mund-zu-Mund-Beatmung schon hinter uns liegt.
Snow stattet sie mit einem Gewehr und einem synthetischen Apfel aus mit der Bemerkung „here is a an apple, here is a rifle, dont talk to strangers, shoot them“. Oder vorher, wie sie noch blutete „stop the bleeding and hopefully the talking”. Der Film ist voll solch lockerer Sprüche, die zeigen, dass die Filmemacher nicht nur begeistert von ihrem Genre sind, sondern dieses auch mit Pep undd einer Idee von Esprit servieren wollen.
Mit wenigen Strichen charakterisieren sie die Nebenfiguren. Den Gefangenen mit dem blinden Auge und dem riesig offenen Mund, der vom Hals aus immer in Bewegung gehalten wird. Mace, der Freund, der völlig durchgeknallt scheint und für jedes Wort, was er sagen will, einen halben Dadaismus an klang- und lautähnlichen Wörtern runterspult und irgendwie herrlich weggetreten wirkt. Der Chef der Aufständischen, eine Figur, dem eine Mischung aus Ähnlichkeiten von Jean Reno und George Clooney als Maske und auch als Spieltick gegeben wurde. Und Snow, der immer aufbegehrt, immer am Rande der Überforderung steht, sich aber nie verbiegen lässt und immer mal wieder vernehmlich schwer schnauft.
Bestens genießbares europäische Action-Kino.
Der Film trägt voll die elegante Handschrift des Visionisten Luc Besson, nach dessen Idee Stephen St. Leger und James Mather, die auch die Regie übernommen und mit Besson zusammen das...
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Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Ein Pointenschwurbelkino ist das, mit Pointen als solchen, die den Darstellern ziemlich wahllos in den Mund gelegt werden; immerhin mit hauptsächlichem Bezug auf das Thema Hochzeit.
Vor lauter Youtube und dem Titelthema Hochzeitsvideo und damit Lustigseinwollen haben der Drehbuchautor Gernot Gricksch und auch der Regisseur Sönke Wortmann vergessen, worums im Kino beim Thema Hochzeit immer geht und immer gehen muss: die Liebe.
Einmal nur sprechen die Braut und ihre Freundin in einer Wartezeit beim Tättowierer darüber, dass Pia, die Braut, ihren Bräutigam, Sebastian, wirklich liebe und dass ihr Ex-Freund, der Pornodarsteller, ihr das nicht geben konnte, was der Adelige Sebastian ihr geben kann.
Der einzig echte Youtube-Szene kommt ganz am Schluss des Abspanns, da spielt wie improvisiert Stefan Ruppe einen Rap zum Thema Ehe mit dem Schlusskommentar, „das wars in etwa“.
Aber es wars eben höchstens „in etwa“ mit diesem Film, dessen Substanz sich in Komplikationen, die sich auf dem Weg zur Hochzeit einstellen können, erschöpft. Die Story ist „in etwa“ die, dass Daniel, der Freund des Bräutigams, die ganzen Vorbereitungen und die Hochzeit filmen soll und das natürlich auf Youtube veröffentlichen wird, so habe ich das verstanden. Der Film tut also so, aber er tut es lange nicht konsequent, dass er aus den Aufnahmen von Daniel zusammengestellt worden sei.
Aber wenn das alles so privat und für Youtube aufgenommen wird, wieso sind die Darsteller teils so brutal überschminkt? Man wundert sich nach einer Szene zwischen Bräutigam und Freundin der Braut, wie die Kamera, von der behauptet wurde, Daniel habe sie aufgestellt, um dem Bräutigam via Kamera etwas zu sagen und dann platzt die Freundin der Braut rein und dann gehen sie aus dem Bild und noch bevor sie die Kamera grabschen können, fängt die an hochzusteigen und guckt über eine Mauer, hinter der gerade der Fabian mit einer dicken Frau gefickt hat; aber sie findet ihn nicht dick genug.
Filme, die eine Hochzeit zum Ziel haben sind nichts Neues; die Werbung von „Das Hochzeitsvideo“ bezieht sich ausdrücklich auf „Hangover“ und „Brautalarm“ – und tut sich damit nicht unbedingt einen Gefallen. Weder geht es um Existenzielles, Tiefcharakterliches wie bei „Brautalarm“, wo jeder Figur sehr gut skizziert war und es immer um die Liebe ging, noch geht es um eine überbordende Sause wie bei „Hangover“, wo immerhin mords was los war und auch die Charaktere deftig.
Hier geht es darum, dass der Freund des Bräutigams ein Video für Youtube, wie immer wieder erwähnt wird, herstellen soll über die letzten Tage vor der Hochzeit, also die Vorbereitungen, Junggesellenabschied, Polterabend, Ziviltrauung bis zum Höhepunkt der kirchlichen Trauung. Eine Videoreportage für die Zeit von Dienstag bis Sonntag.
Durch die Kameraführung wird der Bräutigamsfreund als ziemlich ungeschickt und verwackelt charakterisiert. Jeder junge Mensch heute geht souveräner mit der eigenen Kamera um. Aber der die Regie führt, ist im Vergleich zur Youtube-Generation bereits ein in die Jahre gekommenes Fossil, das zuletzt die Päpstin als Stand-In von Volker Schlöndorff mit großem Aufwand verfilmt hat, Sönke Wortmann, der im Interview sehr witzig sein kann.
Wie soll er da plausibel die Freiheit und Frechheit und Spontaneität eines Hobbyfilmers imitieren können. Dann hat er ein miserables Drehbuch in der Hand, was unter Drehbuch Pointen dreschen versteht unabhängig von den Charakteren der Darsteller, die gar nicht erst entwickelt worden sind. Ganz zu schweigen von den grausam geschriebenen Pfarrerszenen.
Auch ist nicht zuerst eine intakte Liebesbeziehung gezeigt worden, ist nicht die Erwartung auf ein tolles, rauschendes Fest hochgeschraubt worden, also die simpelsten dramaturgischen Tricks, um ein Publikum zu gewinnen und dann bei der Stange zu halten und es anschließend lustvoll daran teilhaben zu lassen, wie ein traumhafte Illusion allmählich zerbröselt, hielt man hier nicht für berücksichtigenswwert.
Szenen müssen gezwungen originell sein, ob die Anprobe mit Kummerbund und billigen Pointen dazu beim Bräutigam oder eine sehr erzwungen wirkende Originalität der Vorbesprechung beim Pfarrer. Man hat den Eindruck, keiner nimmt hier den Charakter seiner Rolle ernst, weder das Drehbuch, noch die desinteressierte Regie noch die Darsteller selber. Wobei bei letzteren ein paar Abstufungen zu beobachten sind. Der Pfarrer spielt seine Rolle zwar ernsthaft, aber die Texte und wie die Szenen, vor allem die Hochzeitszene auf Kilometer erwartbar aus dem Ruder läuft, sind so hanebüchene Reaktionen, dass die der Figur die letzte Glaubwürdigkeit nehmen. Susanne Tremper ist als Mutter der Braut immerhin eine Type mit Charakter. Sie erinnert auch gerne an die Vergangenheit der Adeligen-Villa als SS-Quartier und hat überhaupt ne recht kecke Schnauze.
Aber zum Beispiel die Kostümanprobeszene, da glaubt man sich auch von der lausigen Auflösung her in einer Daily-Soap. Vielleicht verwechselte Söhnke Wortmann Youtubehaftigkeit mit verwurstelter Szenenauflösung. Es gibt auch gar nicht erst eine erzählerische Rahmenhandlung, die nicht youtubisch ist. Es fängt youtubisch an und zwischendrin ist man irritiert, ist da jetzt doch eine auktorial erzählende Kamera oder wessen Handy oder Kamera nimmt das und das jetzt auf?
Es fehlt bis auf den vorhandenen chronologischen Faden auch die Klarheit, wie der Zusammenschnitt der Szenen zustande gekommen ist; ob da noch jemand rüber gegangen ist übers ganze Material oder ob Wortman für uns so eine Art Musterschau veranstaltet mit sehr häufigen Blacks drin, wenn wieder jemand ganz unnatürlich gefordert hat, man möge die Kamera ausschalten.
Eine große Krux in dem ganzen Verhau ist auch ein schauspielerisches Problem. Einerseits gibt es Szenen, wo die Darsteller unbeobachtet sich geben müssen, wo die Kamera als versteckte Kamera wirkt, da agieren die Akteure aber durchs Band viel zu schauspielerisch, darauf müsste eigentlich ein so renommierter Regisseur achten. Dann die Variante, dass die Leute wissen, dass sie gefilmt werden und so tun als ob sie es ignorieren, wobei dieses Ignorieren auch noch in Varianten unterteilt werden könnte und dann noch die Variante, wo sie direkt in die Kamera sprechen. Diese Unterschiede nicht ganz präzise rausgearbeitet zu haben, würde ich als eine ziemliche Schlampigkeit bezeichnen.
Besetzung Brautvater und Brautmutter unglaubwürdig. Wobei immer das außerordentlich schwache Drehbuch dazukommt, was die Charakterisierung der Figuren betrifft. Auch dem Ex-Porno-Darsteller nimmt man diesen Job einfach nicht ab, weiß nicht wieso.
Die Casterinnen Anja Dihrberg und Suse Marquardt haben offenbar kein Auge für die Kinoqualitäten von Schauspielern, wobei durchaus angenehm auffälllt, dass einmal nicht die ewig gleichen Subventionsgesichter zu sehen sind. Aber die jungen Mänenr, die schauen alle aus wie Klone aus der Rasierwasser- oder Unterwäschewerbung und die Frauen sind generell zu hart und zu schrill. So können sich unter den Darstellern keinerlei Beziehungen entwickeln. Ist wohl gar nicht erst beabsichtigt, da es sich vornehmlich ums Kalauern und Pointendreschen handelt, ohne Rücksicht auf die Charaktere. Das ist die große Drehbuchschwäche. Dass es sich überhaupt nicht mit den Charakteren beschäftigt. So kommen unspannende Klischeefiguren raus, die niemand im Kino sehen will. Die Frauen am Jungesellinnenabschied viel zu hart und zu schrill.
Youtube-Filme sind allesamt viel lustiger und spontaner. Das Kino des Sönke Wortmann ist gegenüber Youtube ein Greisenkino.
Es sind schon Ähnlichkeiten mit privaten Homemovies da. Der Unterschied ist allerdings, dass die Zuschauer beim privaten Movie die Geschichten und Charaktere der Partizipienten kennen, während hier der Zuschauer kaum Vorgeschichte von den Figuren und schon gar nichts von ihren Konflikten mitkriegt, lediglich Probleme mit der Organisation der Hochzeit oder des Abwehrens einer unerwartet auftauchenden und Verwirrung stiftenden Vergangenheit in Form des Pornodarstellers Keule.
Mei, und der Standesbeamte schaut sich zuhause Filme mit Hunden an.
Lustigkeit komm heraus, wir erwürgen Dir. Gilt auch für die Hochzeitszeremonie in der Kirche. Der Pfarrer sagt da ziemlich dumme Sätze “dann wollen wir mal gucken, ob wir Sie noch unter die Haube kriegen“. Unsägliche Krampflustigkeit. Nicht ansteckend zum Glück.
Dann noch einige TV-bescheidene „Was ist denn hier los?“-Sätze.
Nu, dann wollen wir mal gucken, ob wir mit so einem Film die Zuschauer ins Kino locken.
Ein Pointenschwurbelkino ist das, mit Pointen als solchen, die den Darstellern ziemlich wahllos in den Mund gelegt werden; immerhin mit hauptsächlichem Bezug auf das Thema Hochzeit. Vor lauter Youtube und...
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Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Ein Mann, nicht besonders sportlich, etwas älter, joggt durch die Straßen eines Wohnquartieres einer deutschen Stadt. Er hat Kopfhörer auf; der Text, den er hört, wird dem Zuschauer ins Kino eingespielt. Es ist ein gesprochener Text aus einem Buch von Olaf Karasek, „Der Fluch des Schamanen“ wie wir später erfahren werden. Die Rede ist vom Schamanen, wie er bewegungslos in seinem Erdloch sitzt. Aha, einer joggt und hört sich einen Text über einen bewegungsllosen Schamanen an. Joggen und regungsloser Schamanismus, wie geht das zusammen? Vielleicht haben wir es mit einem widersprüchlichen Menschen zu tun, mit einem Menschen, der offenbar nicht das tut, was er gerne tun würde. Oder vielleicht kommt er sich stark vor, wenn er beim Joggen an einen regunslosen Mann denkt?
Er macht dann, wie er sich seinem Haus nähert, noch den Versuch einiger befreiender, tänzelnd-tänzerischer Schritte. Übersprungshandlung? Kommentar zum eigenen Jogging? Vor seinem Haus warten zwei Typen, die im weiteren Verlauf des Filmes keine Rolle mehr spielen werden. Sie wollen von unserem joggenden Schamanismus-Hörer ein Bettgestell kaufen. Sie sind aber zu früh da. Aha, die sind zu früh. Was hat das für eine Bedeutung, dass es im Drehbuch geschrieben und dringelassen worden ist? Zu früh für einen Bettgestellkauf. Auch das Bettgestell wird im weiteren Verlauf des Filmes keine Rolle mehr spielen.
Die ersten Szenen eines Filmes setzen den Zuschauer auf ein Gleis oder den Zug der Spannung. Mit Joggen, Schamanismus-hören, zu frühen Interessenten für einen Bettgestellverkauf sind hier allerdings gleich zu Beginn drei extrem verschiedene Signale gesetzt, die nun, manchmal arbeitet das Zuschauerhirn sehr schnell, erstmal so gar nicht wie der Anfang einer Geschichte aussehen, aus denen sich das arbeitende Zuschauergehirn erst mal gar keinen Reim machen kann. Vexierspiel?
Die Autoren Minu Barat und Michael Ebmeyer machen es mit diesem so beliebig scheinenden Anfang, mit wenig Gemeinsam-Nennerhaften dem Regisseur Ralf Huettner und seinem joggenden Hauptdarsteller Joachim Krol und auch dem Zuschauer nicht unbedingt leicht, sich mit den ersten herausgestellten Elementen des Filmes eine Geschichte ansetzen zu können. Da es sich um einen professionell sich gebenden Kinofilm handelt, muss davon ausgegangen werden, dass sich die Autoren bei einer solchen Exposition was gedacht haben. Aber was nur haben sie sich gedacht mit diesen expliziten Hinweisen?
Es kommt die Frau des Joggers dazu. Es gibt Andeutungen, dass die Ehe des Protagonisten nicht im besten Zustand ist. Der Jogger gibt noch die Info an seine Frau, dass er für seine Firma für eine paar Tage nach Sibirien verreisen müsse. Tja, der Anfang einer Geschichte kann ein schwieriges Unterfangen sein, das jedenfalls vermitteln uns die Autoren.
Die Firma stellt Dessous her, ist in Leverkusen ansässig und heißt Fengler – und wer jetzt dies Wortkombination Dessous-Leverkusen-Fengler lustig findet, der darf sich auch amüsieren; und findet es vielleicht noch lustiger, wenn er erfährt, dass unser Jogger Matthias Bleuel heißt.
Die kurze Exposition hat immerhin einen Eindruck von den Charaktereigenschaften des Protagonisten gegeben, er scheint entfernt eine Ähnlichkeit mit Mr. Bean zu haben (leider hat er nicht die entsprechenden Szenen), er scheint leicht schwerernöterisch zu sein, schwer von Begriff, er hat etwas leicht Verdattertes, ist wohl sehr zuverlässig und mit wenig Selbstbewusstsein ausgestattet (wenn er jetzt in eine Situation geriete, die zum Beispiel Selbstbewusstsein forderte, so wäre das vielleicht spannend) er scheint etwas kompliziert zu sein und ist nicht gerade ein Idealbild von Mann, hat möglicherweise viel geschluckt oder schlucken müssen in seinem Leben.
Es fehlt jedoch das pointierte Herausstellen einer brisanten Charaktereigenschaft, bei der schon die Erwähnung einer Reise nach Sibieren, den Zuschauer mit Vorfreude, Vorschadenfreude, Vorschaulust, Vorvergnügenslust oder einfach mit Spannung erfüllen würde. Diese Info hier ist allerdings in etwa so spannend, wie wenn ein Beamte mitten in einer Besprechung sagt, er muss mal schnell aufs Clo.
In Sibirien wird Bleuel sich voraussichtlich ebenso weltfremd bewegen wie hier, einerseits joggen, andererseits der Schamanismus-Lektüre frönen. Denn wir haben nichts über Schmerz- und Sehnsuchtspunkte von ihm erfahren, nicht sinnlich, nur theoretisch über den Köpfhörertext vom Schamanismus.
Auch blieben die Infos über die Ehe merkwürdig karg und so alltäglich und wenig signifikant, dass nun eine Sibirienreise garantiert nicht als Hoffnung gewertet werden könnte, daran was zu ändern. Diese Ehe war fast nur als hypothetisches Klischee-Konstrukt vorgetragen. Kann somit höchstens Ausgangspunkt für eine weitere hypothetische Erörterung bilden, nicht aber für ein sinnlich-erfahrbares Kinoerlebnis.
In Nowosibirsk legt Armin Rohde einen souveränen Auftritt als mafiaähnlicher Geschäftemacher hin, mit fettem Anzug und dicker Krawatte und er schmiert den Deutschen Bleuel an der Behörde vorbei. Bald schon sieht dieser bei einer Rast den Schamanen auf einem Pferd am Horizont vorbeireiten. Aha, ist er auf der Suche nach dem Schamanismus? Nein, er muss in einer Filiale von Fengler im einsamsten Sibirien, ja was muss er da machen, das wird gar nicht so richtig klar, er gibt zwar gelegentlich Erklärungen ab und eine Russin meint, er bräuchte eine Frau.
Sprachliche Schwierigkeiten sind immer dankbare Sujets, und um diese nicht ausufern zu lassen, wurde ein smarter Dolmetscher engagiert, der fließend russisch und ein sehr glattes Deutsch spricht. Der hat in Deutschland die Liebe seines Lebens kennen gelernt, die zu Bernd.
Was Krol in Sibirien zu erledigen hat, ist einigen Ausdrücken aus seinem Text zu entnehmen: „Compatibility Report“, „kürzere Transportwege“, „Leitlinien aus Leverkusen“. Das ist auch so ein dramaturgisches Problem, dem Zuschauer das Ziel einer Reise erst peu á peu bekannt zu geben. Das gibt der Vermutung Nahrung, dass es den Autoren auch gar nicht darum ging, dass das bloss ein billig konstruierter Vorwand für das Folgende zu sein habe. Man nimmt also fundamentale Glaubwürdigkeitsprobleme einer Story in Kauf, um das zu zeigen, worin man sich vernarrt hat.
Denn schon ist die fröhliche Schar, die Fengler-Verkäuferinnen-Schar aus Sibirien mit dem Deutschen auf einem Rummelplatz. Dort hört Bleuel die Sängerin Sajana mit Kehlkopfgesang, die auch schorische Lieder singt. Er verliebt sich sofort in sie und in ihren Gesang. Der ist in der Nähe des Schamanismus anzusiedeln. Uns überrascht das nicht sonderlich. Wieso nicht? Weil das mit dem Schamanismus-Faible bereits in der Figur angelegt ist. Bleuel gerät nicht in einen Konflikt, er begegnet lediglich einer Sache, die eh schon Teil von ihm ist. Und sein Pflichtteil ist nicht so glaubwürdig fundiert worden, dass es zu einem Konflikt reichen würde.
Bleuel sollte drei Tage bleiben. Aber er verlängert die Geschäftsreise wegen Kehlkopfgesang und Schamanismus und Sajana. Und noch bevor wir kapiert haben, was los ist, wird aus dem Film, dessen Ziel wir bis jetzt noch nicht ganz verstanden hatten, ein netter Werbefilm für Sibirien, seine Landschaften, für schorisches Spa qua Sauna. Denn Bleuel und sein dolmetschender Begleiter geraten in immer abgelegener, schönere, untechnisiertere sibirische Landschaften. Einzig die erklären uns plausibel, dass ihretwegen der Film nämlich gemacht worden ist und dass als Vorwand notdürftig und offenbar mit nicht zuviel Bedacht, eine „Geschichte“ von den Autoren zusammengeschustert worden ist, die an allen Ecken und Enden leidet. Verwunderlich allerdings, dass Ralf Hüttner diese erfolgsbeschränkenden Schwächen nicht gesehen haben will.
Für den Zuschauer stellt sich allenfalls als einziger Mehrwert, jener einer touristischen Information über eine untouristische Gegend ein, wenn ihn das denn interessiert. Oder vielleicht sind Esoteriker wegen dem Schamanenthema als Zuschauer für den Film zu gewinnen. Man erfährt aus schamanischem Munde etwas über die Befreiung aus dem eigenen Gefängnis. Aber von einem Gefängnis war bisher weder Rede noch Bild noch Symbol. Oder war das Bettgestell am Anfang des Filmes, das ausrangiert werden sollte, das Symbol für das Gefängnis, in dem Bleuel steckte?
Netter Witz nach Sauna: neugeboren bei den Schoren.
Ach ja, Bleuel hat auch eine Tomatenallergie, er bekommt von ihnen einen anaphylaktischen Schock. Auch das eine Eigenschaft, die leider im Drehbuch nicht spannungserzeugend eingesetzt worden ist.
Im übrigen ein sehr züchtiger Film.
Es gibt dann noch ein Lagerfeuerritual.
Irgendwann scheinen dem Filmteam in Sibirien die schorischen Ideen ausgegangen zu sein. Da haben sie in Leverkusen zu Ende gedreht.
Ein Mann, nicht besonders sportlich, etwas älter, joggt durch die Straßen eines Wohnquartieres einer deutschen Stadt. Er hat Kopfhörer auf; der Text, den er hört, wird dem Zuschauer ins Kino...
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Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Schon die erste Szene zeigt ganz deutlich, wir haben es hier mit Vorzeige-, mit Aufzeigekino zu tun. Immerhin eine klare Ansage.
Vor einer Wand stehen sich Marina und Bella gegenüber. Sie machen sich daran, einen Zungekuss auszuprobieren. Marina, die braunhaarig leicht Lockige hat überhaupt noch nie einen Kuss ausprobiert. Die schwarz-glatthaarige Bella will ihre Freundin in die Kunst des Küssens einführen. Die Köpfe nähern sich, die Zungen züngeln, nähern sich, berühren sich. Es geschieht ohne Erotik, ohne Liebesbeziehung. Wie ein naturwissenschaftliches Experiment versuchen die beiden Frauen den Kuss zwischen zwei Frauen, den Zungenkuss und besprechen ihren Versuch darnach.
Die Angelegenheit ist merkwürdig schleimig. Es geht ums Frausein als Geschlechtsperson. Wie komplex das sein kann, wie frustrierend, wie unlustig. Es geht auch um den Traum von der Liebe. Den illustriert rein akkustisch ein französisches Chanson. Es geht um Träume von der Liebe, die erschrecken macht.
Es gibt einige Passagen im Film, da lässt die Regisseurin Athina Rachel Tsangari ihre beiden Protagonistinnen in kurzen Röcken und mit Stiefeln, Arm in Arm Tanzschritte ausführen. Das scheint wie eine kleine Hommage an Pina Bausch. Einmal tanzen die beiden Freundinnen nicht, da denkt man erst, sind die jetzt im Innenhof einer psychiatrischen Anstalt, sie gehen so gedeckt, so überruhig und erzählen sich Träume, die eine hat von einem Pimmelbaum geträumt, alle Arten von Pimmeln, die andere, Marina, die sich nicht so richtig über Männer freuen kann, hat von einem Busenbaum geträumt. Sie hat auch einen sterbenskranken Vater und einen Beruf, zumindest einen Job.
Marina ist Fahrerin in einem Industriebetrieb, der Rohstoffe abbaut; das Schlussbild findet vor malerisch roten Abraumhalden statt, durch welche LKWs kurven.
Die Männer im Film sind alles sehr ähnliche Typen mit ähnlichem Haar- und Bartschnitt, insofern nicht leicht zu unterscheiden, am ehesten noch der Bestatter, weil der älter scheint. Sich ähneln tun der Vater von Marina, ihr Fahrgast und der Mann, mit dem sie in einem Hotelzimmer ungeschickte Geschlechtsverkehrsversuche unternimmt. Aufzeigen, wie schwierig so ein Akt sein kann.
Nebst dem Industriebetrieb gibt es noch einen Stadtteil aus geometrisch angeordneten, flachen, weißen Mauerbauten und einem einzigen, futuristisch in den Himmel geschraubten Wohnhochhaus. Von da gucken die beiden Freundinnen auch mal auf die Straße runter und spucken was das Zeugs hält.
Marina will ihren Geschlechtspartner für sich behalten, auch dem Vater will sie ihn nicht vorstellen. Sie befürchtet, ihre Freundin würde mit ihm flirten.
Die Locations werden so gefilmt, dass der Eindruck entsteht, sie liegen an einer griechischen Bucht. Einmal fährt der Vater mit den beiden Freundinnen Boot. Wieso man bei diesem Film durchaus zuschauen kann, auch bei einer solchen Szene, das dürfte daran liegen, dass sich die Regisseurin einfach Zeit lässt. Sie schaut zu, wie die beiden mit dem Vater von Marina Boot fahren. Dinge geschehen lassen.
Dann wird wieder viel diskutiert. Über das Geschlechtliche, über die Liebe. Direkt köstlich ist die Liebesszene von Marina, in der sie alles zerredet. Kein Wunder, dass sich beim Mann unter ihr kaum was regt.
Reichlich akademisch kommt mir der Satz von Spyros vor, so heißt der Vater von Marina, er boykottiere das 20. Jahrhundert und damit meint, dass er wohl ins Jenseits gehe. Auch darüber gibt es ein Gespräch zwischen ihm und seiner Tochter, über die absehbare Bestattung. Sie solle die Asche in Griechenland ins Meer verstreuen. Dann gibt es Spyros-Suppe. Dem hält er entgegen: Bouillabaisse.
Nichts gegen die Gekünstelheit von Gesprächen und Texten. Aber irgendwie möchte man dann doch auch etwas erkennen damit, Gedankenspiele nachvollziehen können. Wie Gespräche mit dem Bestatter aufkommen, wie sie offenbar inzwischen weitherum im Kino in Mode sind – vermutlich um zu zeigen, wie es um unsere Bestatter- und Totenkultur bestellt ist – kommen mir doch leise Zweifel an diesem Film. Was will uns die Regisseurin „zeigen“? Was will sie uns erzählen? Dass Frausein schwierig ist?
Angenehm am Film, dass keine Handies vorkommen und ganz in diesem Sinne ist auch der Satz: „wir hatten niemals einen Fernseher verwendet“. Nach all dem und dem Problematisieren lässt die Regisseurin über den roten Abraumhalden und nachdem die Protagonistinnen das Bild verlassen haben, noch ein französisches Chanson spielen: es geht um das Verliebtsein, die Zeit der Liebe, an die man sich erinnert.
An welche Liebe genau will sich die Regisseurin mit diesem Film erinnern? Oder sind ihre Erinnerungen für sie so gefährlich, dass sie sie in einen recht abstrakten Postulatsfilm packen muss? Muss man den Film eher als Psychogramm einer unbefriedgten/unglücklichen Frau zu lesen versuchen?
Der Film heißt Attenberg, weil die Protagonistinnen, mal einzeln mal zu zweit am Fernsehen Tierdokumentationen schauen von Sir David Attenbourough, griechisch klingend wie Attenberg.
Schon die erste Szene zeigt ganz deutlich, wir haben es hier mit Vorzeige-, mit Aufzeigekino zu tun. Immerhin eine klare Ansage. Vor einer Wand stehen sich Marina und Bella gegenüber....
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