Diese 88minütige, flott geschnittene Dokumentation von Uta Bodenstein gibt Einblick in eine Subkultur oder Szene, die sich in den letzten Jahren in Deutschland abseits vom Fokus der breiten Öffentlichkeit stetig entwickelt hat, in das Liverollenspiel, abgekürzt LARP.

LARP ist ein Hobby von Leuten, die, wie der Film zumindest mit einigen Bildern suggeriert, ein angepasstes bis spießiges Leben führen, die unauffällig in geordneten Verhältnissen leben, die ihrem Verdienst nachgehen, die aber von ihrem Hobby vollkomen in Anspruch genommen werden, und von welchem sie glauben, andere Leute würden sie dafür für verrückt erklären: in der Freizeit mittelalterliche Feldschlachten (mit ganz weichen, leichten Säbeln aus Kunstoff aus einer Design-Fabrikation in Regensburg beispielsweise) nachzuspielen oder als Vampire in aufgelassenen Plattenbauten in Sachsen-Anhalt Fake-Wissenschaftler und Fake-Bürger zu jagen, kurz, ein ganzes Wochenende mit vorher schon eingedreckten Klamotten im Dreck zu verbringen und dann nach Hause zu kommen und motags wieder sauber im weißen Hemd zur Arbeit zu gehen, sei es als Apotheker oder als Lehrerin oder zur Schule als Gymnasiast.

Matthias, Chris und Nick sind die Hauptinterviewpartner der Dokumentaristin. Sie erzählen über den Stellenwert, den dieses Leben in ihrem bürgerlichen Leben hat, dass es ihnen Freiheit und Abenteuer bedeute oder für die Lehrerin Chris als Aniesha Fey sogar Berühmtheit, offenbar ein Problem, das sie ziemlich umtreibt. Oder Matthias, der Apotheker, dem als taffem Organisator von solchen Spielevents das Hobby beinah über den Kopf gewachsen ist. Er hat ein großes Gelände als LARPspielplatz gepachtet und organisiert das ganze Jahr über Veranstaltungen. Ein solches Event kann bis zu 7000 Mitspieler mobilisieren mit hunderten von Seiten Programm von hunderten von Autoren, so dass der Drucker sich weigert, das Konvolut zu binden. Oder Chris, die Lehrerin, ist als Aniesha Fey nach einer großen LARP-Messe in Köln, wo sie den ganzen Tag in ihrem bombastischen, anstrengenden Fantasy-Kostüm unterwegs war, abends hundemüde und froh, im Hotelzimmer die Klamotten und speziell die künstlichen Linsen aus den Augen wieder zu entfernen.

Diese Events mit ihren Rüstungen aus allen Phasen des Mittelalters, mit den verrücktesten Zombie-Kostümen und –Masken, mit ihren reinen Fantasy-Kostümen, prunkvoll oft, sind für die Kamera ein gefundenes Fressen und die hat sich auch nicht schlecht bedient am ergiebigen Stoff, hat bei den Zombies ganz fröhlich die Reverenz an Zombie-Filme erwiesen. Das ist Kinofutter.

Andererseits blitzt auch immer wieder durch, dass bei allem Gerede von Freiheit und Abenteuer, das Ganze ohne unendlich viel Mühe und Vorbereitung gar nicht möglich wäre, allein so eine Zombiemaske, deren Grundstruktur drei übereinanderliegende verschiedenfarbige Damenstrümpfe sind, ist ein Kunstwerk, was viel Zeit braucht, die sich Nick mit viel Talent und hingebungsvoll nimmt. Oder der generalstabsmässige Aufbau der Festspiele auf dem Gelände durch professionelle Eventfirmen, die mit riesigen LKWs ankommen, mit Sanitätern und Feuerwehr und vielen Ordnern und Helfern und weitflächigen Parkplätzen.

Ein anderer zu sein, das ist der Wunsch vieler. Matthias sagt an einer Stelle, man könne am Event auch ein Arschloch sein, aber alle Leute seien sehr nett. Nun ja, wenn man vielleicht etwas genauer hinschauen würde in die Struktur hinter dem Event, wäre es vermutlich der exakte Spiegel des Alltags dieser Menschen. Straff organisiert und mit klaren Hierarchien und vermutlich sogar wenig Toleranz solchen gegenüber, die sich wirklich Freiheiten rausnehmen. Das bleibt aber hier reine Spekulation. Denn Uta Bodenstein hat sich, was verführerisch ist, im Grunde genommen damit begnügt, ein teils spektakuläres, zumindest extraordinäres Objekt für einen Dokumentarfilm aufgetan und eher videojournalistisch präsentiert zu haben.

Das heißt, was sie an Material geschossen hat, das hat sie ordentlich zusammengeschnitten. Den Hauptinfogehalt vermittelt sie mittels Interviewpassagen vor allem mit Matthias, dem Apotheker, Chris, der Lehrerin und Nick, dem Maskenspecialeffectman, der gerade das Abitur hinter sich gebracht hat und der im Spiel als Zombie auftritt, aber auch mal einen namenlosen mittelalterlichen Bauern spielt. Am leichtesten sprudeln die Selbstäusserungen dem Apotheker über die Lippen, aber auch die Lehrerin ist schon von Berufes wegen begabt, schulischen Text, auch wenn er ein vermeintlich verrücktes Hobby betrifft, didaktisch verständlich vorzutragen. Mit dieser Methode verzichtet die Filmemacherin auf viele Möglichkeiten des Kinos. Denn Kino und Gerede vertragen sich meiner Ansicht nach selten gut.

Vielleicht wäre Beschränkung auf eine Figur mehr gewesen. Die dafür viel präziser in ihrem Doppelleben zu zeigen, sie nicht über sich reden zu lassen, sondern über ihre Handlungen dem Zuschauer dieses Doppelleben, wenn es denn wirklich eines ist, die kritische Frage sollte sich ein Dokumentarfilmer sicher unbedingt stellen, sinnlich erfahrbar zu machen. Über cineastisch ergiebige Vorgänge, Handlungen, Taten diese Menschen dem Kinogänger näher zu bringen und nicht über Gerede, denn dafür brauchen wir nun nicht unbedingt eine Kinoleinwand, dafür haben wir beispielsweise die Talk-Shows. Matthias sagt, die Begegnung mit dieser LARP-Welt sei für ihn wie ein Urknall gewesen, es bleibt aber bei dieser Äußerung, sinnlich-emotional wird das für den Zuschauer nicht nachvollziehbar; Matthias scheint in jeder Lebenssituation sehr beredt. Selbstdarstellerisches Geschwätz, das ist was für den Psychologen, nicht aber für den Kinozuschauer; das mein Einwand gegen diesen Film, der mir aber vom Stoff her auch im Nachhinein durchaus noch durch den Kopf gegangen ist.

Hinterlasse einen Kommentar

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>