In Paris haben die Frauen das Sagen, nämlich die Ehefrauen, das ist der wichtigste Satz, den der in schäbigen wirtschaftlichen Verhältnissen lebende junge, elegante Algerienkriegsveteran Georges Duroy nach seiner Ankunft in Paris lernt. Er will aus seiner elendiglichen Absteige raus, er strebt in die feinen, höfisch geprägten Räume von Paris, in die vornehme Gesellschaft. Der Weg führt über die Frauen. Und den geht er konsequent und ohne Rücksicht auf Verluste, auch nicht auf die eigenen. Die Geschichte hat Guy de Maupassant geschrieben und sie fordert direkt zu Verfilmung auf.
Hier haben sich Declan Donnellan und Nick Ormerod des Stoffes angenommen; Rachel Bennette hat ihn zu einer Drehbuchform umgearbeitet.
Da es sich um einen historischen Stoff handelt, er spielt im Paris von 1890 und da das Budget für den Film zwar groß gewesen sein mag, aber nicht übergroß, so findet die Handlung vor allem in repräsentativen alten Innenräumen statt, vor Hauseingängen oder selten in der armseligen Kammer des Neuankömmlings in Paris oder in der billigen Kaschemme mit den billigen Frauen. Die Kadrage in solchen Produktionen ist meist eng; bevorzugt werden Halbnahe bis Nahaufnahmen. Aber auch so entfalten die historischen Räume und die opulenten Kostüme vor allem der Damen zum Augengenschmause des geneigten Publikums ihre ganze Wirkung.
Die beiden Regisseure kommen vom Theater und das kann man ihrer Inszenierung durchaus attestieren, dass sie im Theater tragen würde und entsprechend sorgfältig gemacht ist. Im Kino ist das allerdings so eine Sache. Ein Problem was zum Beispiel bei der deutschen HenriIV-Verfilmung sicher entscheidend zum grandiosen Misserfolg beigetragen hat, dass keine Entspannungsszenen, Drüberstreuszenen zwischen einzelnen Gesprächs- und Liebesszenen eingebaut waren, Innenraum schließt sich nahtlos an Innenraum, Duoszene in Halbnaher schließt sich nahtlos an die nächste Duoszene in Halbnah, so dass der große Faden der Geschichte oft nicht erkennbar ist. Theaterseriöse Inszenierung.
Die Hauptfigur Georges Duroy wurde mit Robert Pattinson besetzt. Nun, eine Figur muss im Kino nicht unbedingt meinem vorgefassten oder durch andere Filme und Lektüre empirischen Bild eines erotischen Parvenüs in einer Großstadt entsprechen um mich zu überzeugen. Ich würde da atypische Besetzungen durchaus attraktiv finden können, wenn sie denn einigermassen funktionieren, wenn sie eine gedankenanregende Interpretation zulassen.
Das Gesicht von Robert Pattinson und auch seine teils scheuen Blicke so leicht von unten herauf, das assoziieren Millionen von Menschen mit Edward Cullen aus den Vampirfilmen „Biss zum…“. Diese Blicke, diese leichte Unsicherheit, vielleicht auch das verlegene Lächeln, das hat sich mir von diesem Gesicht so eingprägt, dass es damit eingängig belastet ist. Auch die Pseudoehrlichkeit in der Stimme von Pattinson, da finde ich keine Kongruenz zu irgend einem Bild von einem solchen Emporkömmling. Denn der braucht schon sehr viel Applomb, um auf dem dünnen Seil der zweckorientierten Anmache und aller sich daraus ergebenden Verwicklungen, sicher zu balancieren. Der kleinste Hauch von Unsicherheit, kann den Absturz bedeuten. Die Maske muss überzeugend wirken und darf nicht so tun, als verstecke sie den Hunger nach Blut hinter vagierenden Blicken. Andererseits ist es vielleicht genau diese Maske, die das einzige ist, was er hat? Problematisch dagegen scheinen mir die Ausbrüche, die irgendwie aus dem Ärmel geschüttelt, aus der Konserve gezaubert erscheinen. Pattinson transportiert eine bemühte Ernsthaftigkeit, die so gar nicht zu einem Spieler und Frauenverführer passen will – oder er bringt nicht den Beweis, dass diese richtig sei.
Das Problem der Besetzung der Hauptfigur Georges Duroy mit Robert Pattinson scheint mir, dass sein Gesicht eine andere Geschichte erzählt, als was die kursorische Inhaltsangabe zum Stoff von Maupassant ergibt. So entsteht der Eindruck: ein Vampir geht fremd und fühlt sich unwohl dabei. Es könnte auch so interpretiert werden: Georges hat eine Kriegsstörung. Aber er hat eben noch eine andere. So entsteht viel Melo, das bestenfalls zum Kichern Anlass gibt.

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