Mit dem heiligen Ernst eines jungen Fassbinders setzt Darioush Shirvani, der Autor, Regisseur und Produzent dieses Filmes seine Message ins Zentrum. Es geht ihm nicht darum, irgend eine geleckte Pseudoprofessionalität an den Tag zu legen, es geht ihm nicht darum, einen Augsburgfilm zu machen, auch wenn die Haupthandlung in Augsburg spielt. Er richtet hundertporzentige Konzentration auf das Spiel und das Zusammenspiel der Darsteller, auf die Dialoge, auf das einfache Einfangen der Situationen mit der Kamera ohne Sperenzien, auf seine Message.
Was aber ist diese Message, die er mit einigen Randfiguren unserer Gesellschaft, Pennern, Alkoholikern, Obdachlosen, Prostituierten, Zuhältern erzählen will? Welche Message will er mit seiner ganzen Leidenschaft verbreiten? Es scheint mir die zu sein, dass Obdachlosigkeit dem Menschen nicht die Menschlichkeit, nicht die Würde rauben soll, dass Alkoholikertum behandelbar ist, dass auch Prostituierte Menschen sind, dass auch diese Randgruppen Aufmerksamkeit verdienen. Dass auch sie Gefühle und Träume haben wie wir anderen Menschen auch.
Die Frage, die sich mir allerdings stellt, ob sich viele unserer Wohlstandzeitgenossen bereit finden werden, ins Kino zu gehen, um so eine Message zu vernehmen. Denn Shrivani hat seine Message also solche direkt in das Drehbuch eingearbeitet. Sie wird in den Gesprächen der Figuren ausgesprochen. Weil Shirvani offenbar mehr an seiner eigenen Message interessiert ist, hat er also, statt die Figuren ganz genau zu studieren und entsprechend zu zeichnen, sie viel mehr dafür hergenommen, seine Message (die damit eine der Figuren über sich als Figuren selbst wird) zu artikulieren. Die Figuren handeln also weniger ihren Alltagsneeds, ihren Problemen der Alltagsbewältigung gemäss. Die Idee von Shrivani dürfte die gewesen: nicht dokuähnlicher Spielfilm, der uns den Alltag dieser randständigen Figuren näher gebracht hätte, sondern künstliche Situationen, die diesen Alltag zwar markieren, ihn aber, Augsburg gleich Brecht, in gewisser Weise verfremdet darstellen.
Alltagssituationen kommen eher des Arrangements halber, denn aus der Notwendigkeit einer Spielhandlung vor. Mal als ein kleiner Flash die Obdachlosen beim Flaschensammeln oder Paul, der weißhaarig Weise unter ihnen, der immer einen Spruch oder eine Lebensweisheit über das Feuer und die Leidenschaft und das Vergehen bereit hat, und der einmal erklärt, für den Winter habe er eine kleine Hütte organisiert.
Da die Message des Filmes zum Thema der Gespräche der Figuren wird, steigen sie sozusagen gleichzeitig auch aus ihrem Figursein aus – werden aus der filmrealistischen auf eine theatralkünstliche Ebene gehoben. Das erinnert an Obdachlosenzeitungen. Die kauft man zwar aus Mitleid und aus Anerkennung, dass Verkäufer nicht bloss wie Bettler rumhängen oder jammern, sondern, dass sie was tun. Nur leider drehen sich ihre Texte meist nur um ihre Lage und um sich selbst, schaffen es kaum, gesellschaftlich verbindliche, womöglich gar schmerzhafte Statements abzugeben. In manchen Momenten entsteht der Eindruck, ein Sozialarbeiter erarbeitet sich mit „Betroffenen“ ein Stück über ihr Leben. Das verweist das Produkt in die Nische von Bekannten, Verwandten, Projektunterstützern oder Gutmenschen.
Wenn ich jetzt ein Bekannter des Regisseurs wäre, ein Freund, wenn ich die ganze Mühe dieses Proejektes über mehrere Jahre ohne jede Förderung zu stemmen hautnah miterlebt hätte, er würde bei der Premiere von mir mit Komplimenten überschüttet werden. Erst später, in einer ruhigen Stunde, würde ich ihm dann das sagen, was ich jetzt oben geschrieben habe.
Der zahlende Kinozuschauer will aber weder über Obdachlose aufgeklärt oder belehrt werden, noch über Prostitutierte, noch will er ein wohltätiger Projektunterstützer sein wie der Käufer einer Obdachlosenzeitung. Es sei denn, so ein Film wird dezidiert zur Unterstützung eine sozialen Projektes gezeigt. Auch in dem Rahmen wäre ihm ein großes Echo sicher. Aber im normalen Kinoprogramm sehe ich den Film weniger, so wohltuend es ist, einen Film zu sehen, der nicht infiziert ist von der grassierenden Sterilität geförderter Projekte. Und das kann man von Darioush Shiranis Film nun garantiert nicht behaupten.

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