Es gibt so Tage, da bekommt man einen Anruf von einem alten Freund, von dem man lange nichts mehr gehört hat, und der einen dann ganz plötzlich fragt, ob man nicht in einem Kinofilm mitspielen möchte, den dieser gerade dreht. So oder ähnlich geht es zu, wenn Freunde und Bekannte sich zusammentun, um “was eigenes” auf die Beine zu stellen. Immer wieder hört man Geschichten von Independentproduktionen, die so independent sind, dass selbst die Presse erst Wind davon bekommt, wenn schon fast alles im Kasten ist.
Und genauso läuft es seit einigen Jahren in Bad Tölz. Im Jahr 2006 fand sich eine bunte Truppe von Filmverrückten zusammen, um Tödliche Verbindungen zu drehen – basierend auf einer wahren Begebenheit, entnommen dem True Crime-Buch Mordsgeschichten aus Bad Tölz und dem Isarwinkel. Das Filmprojekt fand jede Menge wohlwollende Unterstützer in der ganzen Gegend, und wurde schließlich erfolgreich ins Kino gebracht. Die Entstehungsgeschichte ist abenteuerlich und eigentlich ein eigenes Buch wert.
Nun haben sich die Jungs vom Oberland wieder zusammengefunden, um eine weitere wahre Geschichte der Mordsgeschichten zu verfilmen: Pension Freiheit spielt 1988 und dreht sich um Menschenschmuggel aus der DDR, die Stasi und die Tölzer. Auf die Handlung will ich gar nicht weiter eingehen, denn das Filmprojekt selbst ist derart bewundernswert, dass man sich einfach selber ein Bild machen sollte.
Sicher, die Schauspieler könnten professioneller sein, der Takt ausgefeilter, das Drehbuch ebenso, aber das ist alles egal. Hier haben wir ein weiteres Zeugnis dafür, dass man selbst einen Kinofilm drehen kann, wenn man nur möchte. Die durch die Bank hochsympathische Riege von Cast und Crew erlaubte uns, einen Tag am Set zu verbringen. Völlig ohne Berührungsangst durften die Journalisten einfach überall dabeisein, ihre Fragen stellen, ihre Kameras draufhalten und so weiter. Keine inszenierte Show für die Presse (von der Gelegenheit für ein Gruppenfoto einmal abgesehen), sondern ein echter Setbesuch.
Mein Fazit: Guckt Euch den Film an (Tödliche Verbindungen zu kennen, ist nicht nötig, aber wäre nett). Und das nicht nur, wenn Ihr das Gefühl habt, selbst noch irgendeine Spur auf diesem Planeten hinterlassen zu müssen. Dieses Team macht Euch vor, wie es geht und wie man dabei tierischen Spaß hat. Geht auf einen der Termine der Kinotour und fragt den Leuten Löcher in den Bauch. Ihr werdet merken, die kochen auch nur mit Wasser. Und in Full HD filmen heute sogar schon die Handys, also gibt es keine Ausreden mehr.
Hier ein Video vom Setbesuch, das ich gemacht habe – leider sind mir einige Szenen unscharf geworden. Aber ich schaffe wohl eh bald die Nikon D3200 an. Viel Spaß!
Wieviele Schauspielerinnen es doch in Frankreich gibt, die auch noch Filme machen. Valérie Donzelli gehört dazu. Sie hat für diesen Tumorfilm zusammen mit Jérémie Elkaim das Drehbuch geschrieben und auch die Regie geführt. Das ist ein ganz persönlicher Film. Die filmische Verarbeitung persönlicher Erlebnisse im Zusammenhang mit einer bösartigen Krebserkrankung eines Kindes.
Der Kurzinhalt aus dem Pressematerial liest sich wie folgt: „Ein junges glückliches Paar, Roméo und Juliette. Ihr kleines Kind, Adam. Eine starke Bewährungsprobe. Und die grandiose Liebesgeschichte einer kleinen Familie“.
Was der Film in jedem Moment durchblicken lässt, dass Valérie Donzelli das Thema umtreibt, dass sie eine Dringlichkeit in sich spürt, die Geschichte zu erzählen. Was allerdings nicht ganz klar ist, was sie nun ganz genau erzählen will oder, wie ich an manchen Stellen dann doch den Verdacht gekriegt habe, ob sie nicht doch mehr zu „zeigen“ versucht, wie furchtbar doch der ganz bösartiger Tumor Rhabdoid im Kopf eines Kleinkindes sei. Oder will sie uns doch eher zeigen, wie zerbrechlich doch die Liebe ist?
Andererseits muss ich nun nicht unbedigt im Kino sehen, wie die Eltern die ersten Asymmetrien im Gesicht des Kindes feststellen, wie sie besorgt sind, wie sie zum Arzt gehen, zu Frau Dr. Prat, ein lustiger, heftiger Name für eine Kinderärztin. Ich muss das wirklich im Kino nicht so detailliert sehen, welche Untersuchungen nun gemacht werden. Was der Spezialist in Marseille sagt. Die Vorbereitungen zur Operation.
Die Erzählerin hat die Umgebung auch im Auge. Die Großeltern, die ängstlich auf das Resultat warten, die Eltern natürlich auch; wie eine Flasche Sekt vorbereitet wird zur Feier für die erwartete gute Nachricht von der gelungenen Operation. Das sind Momente, wo Donzelli sich durchaus der Mittel der Parodie oder Groteske bedient.
Auch bei einigen Szenen des Elternpaares Romeo und Julia im Spital. Die sind oft ganz unkonventionell; die Mutter am Anfang viel zu hysterisch. Auch die Entscheidung, bei welchem Arzt man operieren lassen wolle und dann die Suche in der Ärztegruppe, welcher nun der heilende Gott sei. Bitterscharfes Licht auf eine Realität, die sogar lachen machen kann, so gewichtig, wie sie sich gibt.
Was die Dringlichkeit des Erzählens auch unterstreicht: es wird mit minimalen Aufwand gedreht, mit einer sehr beweglichen Kamera, mit nicht allzuviel Lichtsetzungen; dadurch und auch durch den Wechsel in den Haltugen, von humoristisch bis todernst, von wissenschaftlich bis künstlerisch, entsteht der Eindruck einer raren Spontaneität, als ob sie erzähle, wie es ihr grad einfalle und es sind Details, die als merkwürdige Details unbahängig von der Story stehen bleiben können. Genauso wach und lustig und fast chaotisch könnte sie einen Film über Hygieneprobleme drehen.
Xiaolu Guo, die Autorin und Regisseurin dieses Filmes, möchte viel. Sie will den rapiden Wandel eines verschlafenen chinesischen Dorfes zeigen, in dem plötzlich Bildung, Geld und Bauwut Einzug halten. Dann möchte sie die Geschichte von Kwok Yun, gespielt von Shi Ka zeigen, die schon etwas älter ist und immer noch nicht verheiratet, die aber eine Affäre mit dem verheirateten Lehrer im Dorfe hat und diesen so weit treibt, dass er die Scheidung einreicht, so dass für die Bürgermeisterin eine Hochzeit stattfinden kann, die ihr bei den nächsten Wahlen helfen wird, nämlich eine politisch erwünschte Liaison zwischen einer ungebildeten Analphabetin und einem Intellektuellen, was der herrschenden Ideologie entspricht.
Guo fängt mit einem Bild der wunderbaren Gegend mit den vielen zuckerstockförmigen Bergen an, ein nackter Knabe spielt an einem Fluss, zieht etwas hinter sich her und wie die Kamera sich nähert, bewegt er sich von ihr weg, läuft dem Fluss entlang. Dann erfasst die Kamera eine Frau mit einer roten Bluse (die sich bei näherem Sehen als ein Poloshirt entpuppt), die auf dem Fahrrad durch die Gegend fährt. Sie trifft einen Mann. Die beiden schauen sich um. Sie suchen in der freien Natur einen Platz, wo sie sich ungestört lieben können, was sie dann auch heftig bis kunstgewerblich dargestellt tun. Eine Kuh muht im Hintergrund. Dazu ein aufgeregter Trommelrhyhtmus auf der Tonspur. Die Liebenden ziehen sich wieder an.
Dann ist die Frau allein. Sie findet einen Kristall. Jetzt lösen sich die Bilder wieder in kunstgewerbliche Fantasiegebilde auf, die Frau taumelt, es gibt Hintergrundgeräusche, die an einen Helikopter erinnern, es kommt der Titel. Wir sind am Ort „3-köpfiger Vogel“; jetzt verändert sich die Erzählweise. Sie wechselt ab zwischen Schwarz-Weiß-Sequenzen, in denen verschiedene Bewohner des Dorfes vorgestellt werden anhand einer Befragung durch eine Amstperson.
Unsere Frau hat nämlich im Dorf erzählt, sie habe ein UFO gesehen und das muss recherchiert werden. Was haben sie am 11. September getan? Das ist die Frage an den Wanderarbeiter, der Fahrräder repariert, an den Schlachter, der von Hygienevorschriften nichts weiß, an den Bauern, den Vater von Kwan, an die Bürgermeisterin, an den Lehrer, an den Computermenschen (der als einziger Kommunist ist).
Der Fahrradmechaniker wird politisch als subversiv eingestuft. Der wird später auch zu seinem Papieren kontrolliert und der Schlachter muss seinen Laden schließen. Der Vater der Frau des Lehrers hat sich im Karpfenteich umgebracht, ganz grausam umgebracht, weil der Lerher sich von der Tochter hat scheiden lassen; die Loverin des Lehrers sei schuld.
Es gibt aber noch andere Geschichten. Kwok hat nämlich einen verletzten Amerikaner gefunden, den spielt der Udo Kier gewohnt professionell und lebendig, der ist von einer Schlange gebissen worden und Kwan versorgt ihn in ihrer bescheidenen Hütte. Sie will Medikamente besorgen und wie sie zurückkehrt, ist der Amerikaner verschwunden. Der wird später, da fängt noch eine Geschichte an, 3000 Dollar an die ihm unbekannte Retterin schicken und sie wird die Heldin des Dorfes und das Geld soll in die Bildung investiert werden.
Die Bildung fängt an, Investoren anzuziehen. Es soll ein Hochhaus gebaut werden, ein Golfplatz, ein Ufo-Denkmal. Manche Projekte erlebt man im Film und wie gebaut wird, andere werden wieder vergessen. Der Karpfe, so nennen sie den Fischer, der fängt kaum mehr Fische. Zwischendrin gibt’s ein kunstgewerbliches Impressionen-Potpourri aus der Gegend. Das Hotel ist plötzlich fertig. Das UFO-Museum wird eingeweiht.
Wie im amerikanischen Film schwebt der Amerikaner mit einem Helikopter ein. Später gibt’s die Hochzeit zwischen dem Lehrer und Kwan. Parallel dazu gibt’s einen Aufstand der Bauern gegen die Bauarbeiter. Xiaolu Guo möchte einfach alles erzählen, was so passieren kann in einem Dorf und vor lauter vielem, weiß man nicht recht, auf welche der Geschichten man sich konzentrieren möchte, denn die brechen auch wieder abrupt ab.
Ein buntes Gemisch aus Spielhandlung, Landschaftsimpressionen, Informationen über das Leben in China. Nicht ganz klar ist, für wen Xiaolu Guo den Film überhaupt gemacht hat. Für die Westler, die Europäer, damit sie etwas über China erfahren? Oder für die Chinesen, damit die etwas über ihr Land erfahren können? Oder vor allem für die westlichen Förderer aus Deutschland und den Hubert-Bals-Fonds des Filmfestivals Rotterdam? Offenbar aber nicht für jenen Zuschauer, der eine spannende Geschichte im Kino erwartet, die ganz nebenbei vielleicht auch noch was über China erzählt. So ist der Film jedenfalls ganz schön anstrengend, wenn durchaus interessant.
Irakkriegstrauma-Süssholzverarbeitung à l’Américaine. Schon die nervig drüber gelegte Musik säuselt einem ständig ins Ohr, Krieg, das ist doch nicht so schlimm, Schicksal ist Schicksal, aber wir nehmen es in die Hand, so weit es geht. Und wenn es im Krieg nach so einem Raid, bei dem die martialisch ausgerüsteten amerikanischen Soldaten nachts brachial in die innersten Gemächer islamischer Familien eindringen, einen erwischt, so gibt’s einen Buddy, der dann im Verlaufe des Filmes die trauernde Hinterbliebene trösten kann. Aber so weit sind wir noch nicht.
In einer merkwürdig zusammengeschnittenen Art wird nach einem Bild mit Schiff über wunderbarer Flusslandschaft einer dieser berühmt-berüchtigten Raids im Irak gezeigt, es wird nicht ganz klar, ob das jetzt ein Vorfilm zu etwas sein soll oder ein Trailer. Der Raid wird immerhin in einiger Brutalität gezeigt.
Ein Soldat findet kurz vor einer weiteren Explosion ein halbes Foto mit einer blonden Frau drauf und einem markanten Turm im Hintergrund. Dann schleudert ihn die Explosion in die Bewusstlosigkeit. Es ist unser Marzipantörtchen von Mann, Zac Efron, Schwarm sicher vieler leicht entzündbarer Frauen, weil er kein angsteinflößender Mann in männlicher Hinsicht ist, ein Mann, den man in seinen Träumen wunderbar in die eigene Puppenstube einbauen kann.
Er kehrt zurück zu seiner Familie. Der Hund erkennt ihn sofort. Er leidet unter posttraumatischen Störungen, die sich in Panikattacken bei den kleinsten Geräuschen äußern, was für seinen Neffen recht gefährlich werden kann. In der familiären Umgebung fühlt er sich nicht wohl.
Er hat das Bild mit der Blondine gerettet. Er will die Frau suchen. Das ist immerhin dramaturgisch eine einleuchtende Geschichte. Er marschiert zu Fuss von Colorado bis in jene Flussgegend, die mir nicht näher identifizierbar schien. Er findet den markanten Turm. Er fragt Leute nach der Blondine. Er wird auf ein Hundeheim verwiesen. Er stößt auf die Blondine und ihm fehlen die Worte. So lässt er sich, statt vom Krieg zu berichten, als Helfer anstellen.
Im Haushalt ist noch die Oma der Blondine und ein Junge. Weil Zac Effron, der hier Logan heißt, immer mal ein bisschen ungeschickt in der Gegend rumsteht, macht das einen bedrohlichen Eindruck. Denn die Störung könnte jederzeit über ihn kommen. Der kriegsidelogische Kitsch verlangt nun, dass Blondine und Zac sich zu lieben anfangen; dass es noch den Vater ihres Buben gibt, einen richtig unsensibel und bös gezeichneten Polizisten, der es gar nicht gern sieht, dass Logan plötzlich bei den Hunden, den zwei Frauen und dem Buben arbeitet und nach dem rechten sieht.
Im Rhyhtmus wie es die Fernsehsender normalerweise verlangen, werden jetzt auch alle paar Minuten gesellschaftliche Ereignisse eingeblendet, ein Charity-Event, ein Markt, ein Fest, ein Tanzanlass.
Das Design der Bilder, vor allem wenn Natur vorkommt, ist sehr romantisch gehalten. Eine einhüllende, einfangende, beschützende Natur meist in warmem sonnigem Lichte bis goldherbstig, es sei denn, dass vorher gerade ein Sturm getobt hat. Schöne Bilder, immer im Grenzbereich von Feelgood und Romantik. Und immer diese beschwichtigend zupf-säuselnde Musik drüber, wie ein Zuckerguss, ob dem einem übel werden kann, die uns ständig suggeriert, es sei alles halb so wild, das Schicksal habe es letztlich gut gemeint.
Man plaudert auch gar nichts aus, wenn man erzählt, dass nach einem theatralisch heftigen Sturm endlich das Happy-End erreicht wird.
Das Bild mit der blonden Frau drauf hat Logan beschützt. Es sollte einen anderen beschützen. Aber das Schicksal wollte es so. Das muss man annehmen. Ein Film mit Gemütssauce aus allen Departments: dem ideologischen, dem bühnenbildnerischen, dem musikalischen, dem drehbuchmässigen, dem schauspielerischen. Kriegsheimkehrer-Melo aus dem tiefsten Süden. Zac Efron soll vermutlich das darstellen, was nach heutigen Life-Style-Magazinen ein schöner, attraktiver Mann zu sein hat.
Zum Brüllen komisch sind die Kussversuche zwischen Efron und der Blondine. Man sieht ihnen förmlich die Panik vor Tröpfcheninfektionen oder Schleimvermischungen an.
Verantwortlich für diesen Film zeichnen Will Fetters für das Drehbuch nach dem Roman von Nicholas Sparks und für die Regie Scott Hicks.
Mit dem heiligen Ernst eines jungen Fassbinders setzt Darioush Shirvani, der Autor, Regisseur und Produzent dieses Filmes seine Message ins Zentrum. Es geht ihm nicht darum, irgend eine geleckte Pseudoprofessionalität an den Tag zu legen, es geht ihm nicht darum, einen Augsburgfilm zu machen, auch wenn die Haupthandlung in Augsburg spielt. Er richtet hundertporzentige Konzentration auf das Spiel und das Zusammenspiel der Darsteller, auf die Dialoge, auf das einfache Einfangen der Situationen mit der Kamera ohne Sperenzien, auf seine Message.
Was aber ist diese Message, die er mit einigen Randfiguren unserer Gesellschaft, Pennern, Alkoholikern, Obdachlosen, Prostituierten, Zuhältern erzählen will? Welche Message will er mit seiner ganzen Leidenschaft verbreiten? Es scheint mir die zu sein, dass Obdachlosigkeit dem Menschen nicht die Menschlichkeit, nicht die Würde rauben soll, dass Alkoholikertum behandelbar ist, dass auch Prostituierte Menschen sind, dass auch diese Randgruppen Aufmerksamkeit verdienen. Dass auch sie Gefühle und Träume haben wie wir anderen Menschen auch.
Die Frage, die sich mir allerdings stellt, ob sich viele unserer Wohlstandzeitgenossen bereit finden werden, ins Kino zu gehen, um so eine Message zu vernehmen. Denn Shrivani hat seine Message also solche direkt in das Drehbuch eingearbeitet. Sie wird in den Gesprächen der Figuren ausgesprochen. Weil Shirvani offenbar mehr an seiner eigenen Message interessiert ist, hat er also, statt die Figuren ganz genau zu studieren und entsprechend zu zeichnen, sie viel mehr dafür hergenommen, seine Message (die damit eine der Figuren über sich als Figuren selbst wird) zu artikulieren. Die Figuren handeln also weniger ihren Alltagsneeds, ihren Problemen der Alltagsbewältigung gemäss. Die Idee von Shrivani dürfte die gewesen: nicht dokuähnlicher Spielfilm, der uns den Alltag dieser randständigen Figuren näher gebracht hätte, sondern künstliche Situationen, die diesen Alltag zwar markieren, ihn aber, Augsburg gleich Brecht, in gewisser Weise verfremdet darstellen.
Alltagssituationen kommen eher des Arrangements halber, denn aus der Notwendigkeit einer Spielhandlung vor. Mal als ein kleiner Flash die Obdachlosen beim Flaschensammeln oder Paul, der weißhaarig Weise unter ihnen, der immer einen Spruch oder eine Lebensweisheit über das Feuer und die Leidenschaft und das Vergehen bereit hat, und der einmal erklärt, für den Winter habe er eine kleine Hütte organisiert.
Da die Message des Filmes zum Thema der Gespräche der Figuren wird, steigen sie sozusagen gleichzeitig auch aus ihrem Figursein aus – werden aus der filmrealistischen auf eine theatralkünstliche Ebene gehoben. Das erinnert an Obdachlosenzeitungen. Die kauft man zwar aus Mitleid und aus Anerkennung, dass Verkäufer nicht bloss wie Bettler rumhängen oder jammern, sondern, dass sie was tun. Nur leider drehen sich ihre Texte meist nur um ihre Lage und um sich selbst, schaffen es kaum, gesellschaftlich verbindliche, womöglich gar schmerzhafte Statements abzugeben. In manchen Momenten entsteht der Eindruck, ein Sozialarbeiter erarbeitet sich mit „Betroffenen“ ein Stück über ihr Leben. Das verweist das Produkt in die Nische von Bekannten, Verwandten, Projektunterstützern oder Gutmenschen.
Wenn ich jetzt ein Bekannter des Regisseurs wäre, ein Freund, wenn ich die ganze Mühe dieses Proejektes über mehrere Jahre ohne jede Förderung zu stemmen hautnah miterlebt hätte, er würde bei der Premiere von mir mit Komplimenten überschüttet werden. Erst später, in einer ruhigen Stunde, würde ich ihm dann das sagen, was ich jetzt oben geschrieben habe.
Der zahlende Kinozuschauer will aber weder über Obdachlose aufgeklärt oder belehrt werden, noch über Prostitutierte, noch will er ein wohltätiger Projektunterstützer sein wie der Käufer einer Obdachlosenzeitung. Es sei denn, so ein Film wird dezidiert zur Unterstützung eine sozialen Projektes gezeigt. Auch in dem Rahmen wäre ihm ein großes Echo sicher. Aber im normalen Kinoprogramm sehe ich den Film weniger, so wohltuend es ist, einen Film zu sehen, der nicht infiziert ist von der grassierenden Sterilität geförderter Projekte. Und das kann man von Darioush Shiranis Film nun garantiert nicht behaupten.
Ein in der Art einer Boulevardkomödie von Jon Hurwitz und Hayden Schlosser gekonnt und temporeich gemachter Problembewältigungsfilm: die Probleme des Älterwerdens (der Schulabschluss liegt über zehn Jahre zurück), der Routine in der Ehe und der trotzdem ständig sich meldenden Lust auf Sex und Liebe.
Nach einigen eher lieblos, fast wie ein Signal hingeklotzten ersten Szenen, fangen die Charakteres (dafür zeichnet Adam Herz verantwortlich) schnell an, einen für sich einzunehmen. Vielleicht ist das ein Charme, der auch darauf beruht, dass das Team aus denselben Protagonisten besteht wie schon 1999 im ersten Film der Reihe. Dass der Dreh zum „Klassentreffen“ selbst zu einer Art Klassentreffen geworden ist. Und dass die Probleme im Film durchaus auch die Probleme der Darsteller sein könnten.
Es scheint sich im Team sowas wie bei einem Klassentreffen abgespielt zu haben. Dass sich alle gefreut haben, wieder miteinander, mit denselben Figuren, die jetzt alle etwas in die Jahre gekommen sind, teils Bäuchlein angesetzt haben, zusammenzuspielen. Das überträgt sich positiv auf den Zuschauer, der Effekt des Eins plus Eins ist im Team eben mehr als Zwei.
Die Autoren haben die Problemlage der Altersgruppe ernst genommen, sie mit komödiantischen Mitteln überhöht gezeichnet und auf die Spitze getrieben, haben Träume wahr werden lassen, wie sie dem normal 30-jährigen, der seine Lebensschiene sowohl im Beruf als auch als Ehemann/Ehefrau gefunden haben dürfte, wohl verwehrt sind. Es sind die nicht nachlassenden Träume auf wilden, spontanen Sex. Davon ist auch die Elterngeneration nicht gefeit, Jims Dad mit Stiflers Mom, die zeigen, dass sie, die noch mehr Lebens- und Schauspielererfahrung haben, durchaus in der Lage sind, mehr zu bieten hat als die halbwegs gesättigten 30jährigen.
Die Sehnsucht der erwachsen sich glaubenden 30er, wieder soviel Spass zu haben wie auf dem College. Es ist vielleicht auch insofern wie im richtigen Leben, es gibt ja Untersuchungen, wie oft am Tag ein Mann an Sex denkt, und hier im Film, da denkt er eben nicht nur dran, da tut er auch was dafür, ihn eventuell zu bekommen. Aus diesem Motiv heraus kann er in diverse verfängliche Situationen geraten oder gar mal ganz deftig in die Getränkekiste eines vermeintlichen Rivalen kacken und dessen Wassermoped als Autoanhängsel in einer zackigen Fahrt zerschreddern.
Die Gag- und Humorlage wird von Anfang an eindeutig zweideutig und markant kundgetan mit der eingangs erwähnten Szene. Die Frau von Jim hat Sehnsucht nach Sex. Aber da ist schon seit Jahren nichts mehr gelaufen. Jeder schaut für sich. Sie zieht sich ins Bad zurück und hantiert mit der Brause zwischen den Beinen. Derweil hockt Papa auf dem Bett vorm Computer, befriedigt sich chattender Weise. Der kleine Sohnemann kommt ganz unschuldig rein, fragt naiv, was Papa mache, vor lauter Schreck klappt dieser den Laptop zu und klemmt seinen kleinen Freund schmerzhaft ein. Kurz darauf steht er in seiner Pyjamahose, auf der ein Blutfleck zu sehen ist, vor dem Kind und entdeckt seine Frau im Bad. Hier fühlte ich mich noch irgend wie fremd, und ich denke, dass es vor allem die Liebenswürdigkeit und Glaubwürdigkeit der Charaktere sind, die einen die weiteren verfänglichen Situationen ganz gut gelaunt ertragen lassen. Weil ein Ernst dahinter steckt, der die Figuren nie denunziert. Weil das Thema bei aller derben, die Gürtellinie gezielt ignorierenden und gar nicht neuen Filmkomödiantik ernst genommen wird. Weil die Macher die Mittel der Komödie, eben nicht nur der Gags und Witze, sondern auch der Charakterisierungen der Figuren beherrschen, dürfte es für viele zumindest eine Angelegenheit zum Ablachen sein, aber eben zu einem qualitativ durchaus akzeptablen Ablachen, vielleicht könnte man sogar sagen von einem erleichternden wenn nicht gar reinigenden Ablachen sprechen.