Kino als Voyeurismus pur. Wer einen gepflegten, intimen, aufreizenden bis melancholisch-wehmütigen Blick in ein Edelbordell des Paris von 1899/1900 werfen will, der ist hier richtig. Der ist hier aufgehoben in einer Welt mit engen Fluren, dunklen Vorhängen, düster gemusterten Tapeten, Frauen in jeder Sekunde malerisch gekleidet oder malerisch nackt und ebenso anzusehen. Hindrapiert mit ihren Freiern oder mit dem schwarzen Jaguar Vuitton wie auf einem schwülstigen Oelgemälde vergangener Zeiten.

Aus diesen Gängen und Räumen gibt es kein Entkommen. Zumindest für die Frauen nicht (aber im Grunde genommen auch für die Männer nicht; denn sie kommen immer wieder), für Samira, Clothilde, Julie, Léa, Madelein, Pauline. Denn die meisten sind hochverschuldet bei Madame, der mütterlichen Betreiberin des Bordells. Die Mädchen wohnen im Hause, in Gemeinschaftsräumen unterm Dach, wo normalerweise das Personal wohnt. In gewissen Sinne sind sie ja auch das Personal.

So diskret die Atmosphäre am Hause geschildert wird in diesem Film, so diskret wird sie musikalisch begleitet. Ausnahme bildet das große Maskenfest zur Auflösung des Etablissements, weil Bordelle verboten worden sind, da schmettert Pavarotti, der noch gar nicht auf der Welt gewesen sein dürfte, eine tolle Arie aus den Lautsprechern des Kinos.

Der Film versucht zum Vornherein den allfälligen Vorwurf des Voyeurismus, den ich aber aufrecht erhalte, muss ja auch nichts schlechtes sein und wer, wenn nicht das Kino, kann diesen besser und lustvoller bedienen, also der Film versucht diesen Vorwurf zu entkräften, indem er ein möglichst komplexes Bild aus dem Leben in so einem Gefängnis ausbreitet.

An Pauline erleben wir, wie ein Mädchen vom Lande von sich aus in dem Betrieb anheuert. Pauline darf als erstes in Champagner baden. Man sieht die Mädchen bei der ärztlichen Untersuchen, bei der Intimwäsche, ui das Sperma ist so klebrig, nach dem Verkehr, bei der Vorbereitung für die Arbeitszeit, beim Frühstücken, wenn Madames Schulkinder gerade aufgestanden sind und die Frauen endlich schlafen gehen sollten. Es gibt verschiedene Freier mit ihren speziellen Wünschen. Auch die Brutalität wird nicht ausgespart, Opfer ist Mathilde, deren Gesicht plötzlich von schweren Narben entstellt ist. Pauline muss Puppe spielen. Einer möchte sich vor allem unterhalten. Es wird auch gezeigt, dass es eine Stammkundschaft, Industrielle, Kaufleute, Banker gibt, die auch immer wieder die gleichen Mädchen buchen.

Der Traum von der Befreiung mittels Geschenk, Smaragd, eines Freiers fehlt ebensowenig wie die Gefahr durch Geschlechtskrankheiten, die Angst vorm Abstieg in einen billigen Puff zum Beispiel in Marseille.

In den Wartezeiten sitzen die Mädchen im Kontaktsalon, spielen ein Blasspiel, lassen sich die Karten legen oder reiben mit feuchten Fingern an den Rändern halbgefüllter Weingläser, was eine ganz eigene Klang-Musik ergibt, die sich anhört wie ein Klagelied über die ewige Wiederkehr des Gleichen.

Etwa zur Halbzeit des gut zweistündigen Filmes gibt’s sogar einen kurzen Betriebsausflug, ein Picknick der Liebesarbeiterinnen mit ihrer Madame im Grünen. So kommen wir in den Genuss viele gut gebaute nackte Frauen ins Wasser springen zu sehen. Ein kleine Delikatesse: ein paar Schamhaare der Prostituierten in einem Kuvert dem Freier gereicht bedeutet, dass sie von ihm die Nase voll habe (ein Vokabular, was so im Film selbstredend nicht vorkommen würde).

In so einem schweren Interieurfilm ist kein rasanter Rhyhtmus möglich, da geht alles im Gleichmaß seinen Gang. Dieses Gleichmaß kommt einer Gefangennahme gleich. Der Ehemann, der findet, mit Huren sei er glücklich und der nach dem Bordellbesuch gar nicht wieder nach Hause zu seiner bürgerlichen Familie will. Das Elend des Freiers wird hier gezeigt. Nach dem Tod einer der Frauen tanzen die Überlebenden einen trübsalschweren sentimentalen, schwülstigen Tanz. Dieser Film verweigert sich dem Politischen in Gänze. Er ist wie ein perfekter, undurchdringlicher Oelgemäldeteig. Bertrand Bonello hat ihn meisterlich angerichtet.

Hinterlasse einen Kommentar

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>