Der Titel könnte Erwartungen in Richtung einer leicht schlüpfrigen Hofgeschichte erwecken; diese Erwartung wird zwar im kleinem Umfang auch erfüllt. Sie wird aber weit übertroffen, denn Nikolaj Arcel, der mit Rasmus Heisterberg das Drehbuch nach einem Buch von Bodil Steensen Leth geschrieben hat, gibt uns für dänische Verhältnisse sicher beeindruckend einen pointierten Einblick in die politische Entwicklung des 17. Jahrhunderts, des Jahrhunderts der Aufklärung.

Aus taktischen Adelserhalts- und Connectionsgründen wird die eine Titelfigur des Filmes, Caroline Mathilde, die jüngste Tochter von Friedrich Ludwig von Hannover und Augusta von Sachsen-Gotha, Schwester des Prinzen von Wales und späteren englischen Königs George III, früh von England nach Dänemark geschickt, um dort den dänischen Thronerben Christian zu heiraten. Sie war 15, er 17.

Der Film fängt in England an mit ihren Vorstellungen von Christian als Traummann. Mit der Ankunft in Dänemark geht es weiter. Der Prinz holt sie unterwegs mit eigenen Kutschen ab. Das erste Treffen ist einerseits Zeremoniell. Die Kutschen und viele Bedienstete stehen in der Gegend herum. Sie entsteigt ihrem Reisegefährt. Sehr formales Rumstehen, höfisch, auf Acker. Wo ist der Mann? Der Film benutzt das Steife und die Etiquette des Hofes generell genüsslich, um die Differenz dazu aufzuzeigen, oft auch, um dem Menschen dem Zeremoniell gegenüber als Individuum abzusetzen.

Wo also ist der König? Er ist nirgends zu sehen. Nur prächtig Uniformierte stehen steif in der freien Natur rum. Doch dort hinter einem Baum, da bewegt sich was. Ein Wasserstrahl. Offenbar ist da jemand beim Wasserlassen. Sicher der passendste Moment. Dann lugt der Prinz hinter dem dicken Baumstamm hervor. Schaut sie verlegen an. Sie steigt zu ihm in die Kutsche.

Sie haben sich nichts zu sagen. Ein Gespräch kommt nicht in Gang. Nicht mal Blabla. Er ist ein Verrückter, ein Träumer, ein Fantast, ein Kindskopf vielleicht. Er wird bei ihr keinen hochkriegen. Der Empfang am Hofe. Er müsse ihr so bald wie möglich einen Zimmerbesuch abstatten, so ist die Erwartungshaltung der Entourage. Wenn sie das schafft, dass er sie besuche, dann sei alles bestens. Solche Themen beschäftigen den ganzen Hof. Von Intimität keine Spur. Er besucht sie. Der Besuch endet in einem ganz ungentlemanhaften Desaster. Bald schon verabschiedet er sich für längere Zeit auf eine Europa-Reise. Lässt die Frau allein zurück.

Immerhin ist sie schwanger geworden mit einem Sohn. In Hamburg findet der Prinz einen neuen Leibarzt, den Preussen Johann Friedrich Stuensee. Der ist vom aufklärerischen Gedankengut durchdrungen. Arbeitet mit den Menschen ganz unten, mit denen im Elend. Aber er nimmt das Angebot des Prinzen einer Stellung am dänischen Hofe an, findet einen Draht zu ihm und über ihn, wie sie wieder in Dänemark sind, auch zu dessen Frau, die er bald schon über die Bediensteten-Tür heimlich aufsuchen kann. Hier setzt das Pikante an der Geschichte ein. Aber es wird eben nicht als Wert für sich erzählt. Es ist eingefügt in den aufklärerischen Gedankenzusammenhang.

Es bildet sich um die Drei herum ein Gruppe von Leuten, es kommen aus Hamburg die Deutschen Enevold Brandt und Schack Carl Rantzau dazu, die von den Ideen der Aufklärung durchdrungen sind, die Voltaire lesen. Und die das mithilfe des Prinzen, der zwar immer wieder im Clinch mit dem Staatsrat steht, politisch auch umsetzen wollen: Abschaffung von Prügelstrafe und Zensur, Einführung der Pockenimpfung und Gründung von Waisenhäusern und Universitäten.

Das Establishment am Hofe und der Staatsrat sehen sich immer mehr überfahren, wehren sich, bis Christian gerade noch rechtzeitig die Macht selbst übernimmt und den Staatsrat auflöst. Das brachte kurzfristig Dänemark zum Erblühen. Weiter blühte auch die Liebe zwischen Struensee und Caroline und er zeugte ein zweites Kind. Darin witterten die Entmachteten, darunter auch die Mutter von Christian, ihre Chance zum Staatstreich.

Denn inzwischen hatte der Leibarzt sich von Friedich die Procura geben lassen. Er durfte selber Gesetze unterschreiben. Friedrich hat das mehr belustigt zur Kenntnis genommen. Er ist und bleibt ein großes Kind, nicht dumm noch bösartig, aber ohne jede Verständnis für Sachzwänge, Intrigen oder eheliche Pflichten. Vielleicht war der in Dänemark einziehende Fortschritt einfach zu früh, jedenfalls siegte die Restauration. Friedrich wurde entmachtet, der Leibarzt und Brandt wurden geköpft. Dänemark sei daraufhin wirtschaftlich zurückgefallen, Schlusslicht in Europa. Bis dann der nächste dänische König alle Neuerungen wieder einführte und Dänemark eine lange Blützeit im Sinne der aufklärerischen Ideen bereitete.

Ein epischer Film, der sehr genau erzählt, sehr schön die Figuren charakterisiert, das Pikante nicht ausspart, aber gleichzeitig ein Stück Kultur- und Politgeschichte Europas erzählt. Angenehmer kann man allfällige Bildungslücken nicht schließen.

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