Archiv für 29. März 2012
Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Es gibt Produzenten, die tragen ein Projekt im Herzen, was sie selber gerne mal verfilmen möchten. Das wäre vielleicht eine Kategorie von Filmen, die zu untersuchen sich einmal lohnen würde. Mag sein, dass dieser Film hier einige Hinweise gibt, wie solche Produzenten-Filme aussehen können. Ihnen scheint ein nicht unsympathisches Element von Liebhaberei innezuwohnen.
In unserem Falle war es der Produzent Jim Kohlberg, den die Forschungen von Oliver Sacks sehr beeindruckt haben, besonders die Studie „The Last Hippie“. Es geht darin um einen Fall von teilweisem Gedächtnisverlust nach einer Gehirntumoroperation und des Zurückholens, des Neuerschließens der weggesperrten Gehirn-Regionen mittels Musik, die der Patient mit Erlebnissen verbindet.
Hier geht es um die 60er. Gabriel Sawyer, Jahrgang 1951, hatte sich in der Hippie- und Antivietnam-Zeit mit seinen Eltern heftig zerstritten und ist von zuhause abgehauen. 20 Jahre später bekommen sie einen Anruf, er stehe vor einer riskanten Gehirtumoroperation. Das führt die Familie wieder zusammen.
In so einem Produzentenfilm ist vermutlich eher ein positives Menschenbild zu erwarten und da Produzenten selbst Ermöglicher sind, mögen sie vielleicht Filme, die Dinge ermöglichen, hier die Suche nach den verlorenen Zonen des Gedächtnisses von Gabe, wie die Mutter ihn nennt. Tatsächlich zeigen Behandlungsversuche durch eine Musiktherapeutin bald schon erste Erfolge. Wie Gabe gefragt wird, ob er eine Cola wolle, antwortet er prompt mit dem damals berühmten Spruch, „the real thing“. Das gab Hoffnung auf mehr.
Die Marseillaise löste weitere Assoziationen aus, der Beatles-Song „She loves you yeah, yeah, yeah,“. So kann sich denn das Publikum und sicher der regieführende Produzent daran delektieren, wie Stück für Stück von Gabes Vergangenheit an den Tag kommt, wie die Erinnerung zurückkehrt. Eine kleine engagierte Wiederfindungsgeschichte mit Hingabe in Szene gesetzt. Erinnert ein bisschen an die Haltung der Texte aus dem Propaganda-Blättchen „Das Beste aus Readers Digest“, die alle die Welt als heilbar darstellten, als heilbar im amerikanischen Sinne.
Das scheint denn auch auch die Message dieses kleinen Filmes zu sein, der Kino gewiss nicht in seiner existenziellen Breite und Tiefe nutzt, sondern für ein eher intimes, beschwichtigendes Zwiegespräch zwischen Leinwand und glaubensbereitem Zuschauer, dem durch die Langsamkeit der Inszenierung, durch die Eins-zu-Eins-Realität, die vorgegeben wird, auch nichts entgeht und der viel Musik aus dem Zeitraum nach 58, denn da setzte der Erinnerungsverlust ein, zu hören bekommt, nicht ganz ohne Erinnerungsmelancholie.
Es gibt Produzenten, die tragen ein Projekt im Herzen, was sie selber gerne mal verfilmen möchten. Das wäre vielleicht eine Kategorie von Filmen, die zu untersuchen sich einmal lohnen würde....
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Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Eindrückliches cinéma directe aus Norwegen; wobei ich den Begriff “cinéma directe“ verstehen würde als ein Kino, was den Zuschauer hautnah an der Geschichte, die sich hier auf eine wahre Begebenheit beruft, ungefiltert wie es vorgibt, teilnehmen lässt. Ein Kino, was den Zuschauer sicher berühren will, was ihn mit den Konflikten der Hauptfigur konfrontieren will. Das gelingt Marius Holst vortrefflich.
Denn das Buch von Dennis Magnusson nach einer Vorlage von Lars Saabye Christensen und Mette Marit Bolstad konzentriert sich von Anfang an auf die Hauptfigur. Das ist Benjamin Helsted als Erling, resp. als Insasse C 19 auf der Jugend-Gefängnisinsel Bastoy. Der Film spielt auf dieser Insel in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Erling wird gleich als schwieriger Charakter vorgestellt, da wird nicht drum herumgeheimnisst, dass es mit ihm in diesem Jugendgefängis nicht leicht werden würde, denn dort gelten Zucht und Ordnung und die Regeln müssen eingehalten werden. Wenn nicht, ist man ein Team, das heißt, das ganze Team muss büssen, wenn einer sich nicht an die Regeln hält. Man könnte auch von Sippenhaft sprechen. Tun die „Erzieher“ natürlich nicht.
Erling wird mit einer traurigen Geschichte in Voic-Over vorgestellt während der Überstellung per Schiff auf diese Insel (er soll einen Totschlag verübt haben).
Sein wiederkehrender Traum, seine Geschichte ist die von einem Walfisch, der bereits von drei Harpunen getroffen ist – er wird im Bild gezeigt, die drei seidendünnen Leinen der Harpunen tun weh, als ob sie an einem Zahn befestigt wären, der gleich gezogen werden soll. Der Wal kämpft aber weiter und weiter und schwimmt und schwimmt, einen ganzen Tag lang. Die Geschichte von einem traurigen Kampf, einem endlos traurigen Kampf leitet diesen Film ein, der ein Drama erzählt.
Das Drama einer Jugend in einem Gefängnis auf einer Insel. Bei den Begriffen Jugend, Insel, Norwegen kommt automatisch die Erinnerung an das rechtsradikale Attentat eines gewissen Breivik von letztem Jahr. Der Film wurde aber schon ein Jahr früher gedreht. Im Film ist es vor allem kalt. Meist Winter, man sieht den Atem, Schnee, Frost – auch die Atmosphäre in der Anstalt und die Zöglinge sind immer viel zu dünn angezogen und ihre Bettdecken sind alles andre als Daunendecken.
Warum mir der Film auch prima gefallen hat, ist auch dem Buch zu verdanken, das sich vor allem für die Handlungen der Figuren interessiert, nicht so sehr für das Ausmalen von Verfehlungen (zum Beispiel von Heimleiter Brathen, gespielt von Kristoffer Joner, der sich in der Waschküche ständig an Ivar, der im Heim C-5 hieß und von Magnus Langlete gespielt wird, vergeht) oder von Befindlichkeiten. Einmal sieht man am Nacken von C-5 einen mächtigen Knutschfleck.
Aber in einem solchen Gefängnis darf nichts zur Sprache gebracht werden. Die richtige Antwort lautet immer „Ja, Herr Heimleiter“, „Danke, Herr Heimleiter“. Es wird viel unterdrückt und das sucht sich seine Wege, Fluchtwege. Gescheiterte Fluchtversuchte werden besonder brutal geahndet. Was aber unseren Protagonisten nicht bricht. Wie sein Wal bleibt er in Bewegung und sinnt auf Auswege. Erling ist der Wal, dem wir bei seinem Überlebenskampf zuschauen. Was schnell mal zu einem Kampf um Leben oder Tod werden kann.
Was Erling auch zur spannenden Figur macht, ist, dass er Analphabet ist, er kann also weder seine Geschichte selber aufschreiben, noch kann er die Briefe von Frauenhand lesen, die er bekommt. Leicht auszudenken, was mit so einem angestellt wird. Aber er kämpft. Und rudert. Und sinnt.
Charakteristisch für die Atmosphäre auf der Insel ist, dass die Jungs die Latrine als ihr „Amerika“ bezeichnen, weil das der einzige Ort ist, wo die Oberern wegen des Gestankes nicht hinkommen. Freiheit in der Latrine. Thema Freiheit und Unterdrückung und wie vorgehen dagegen.
Genau da kommt der Punkt, wo ich den Film, der in Norwegen ein riesiger Erfolg gewesen sein muss, doch wieder eher ins Museum stellen würde: die Freiheitsversuche der Jungs passieren primär physisch – auch wenn Erling gleich bei der ersten Hygienemusterung durch Brathen dessen Schnapsatem anspricht. Aber sonst bleibt die Auseinandersetzung physisch mit Elementen von Sägen, Schlösser aufbringen, mit giftigen Pilzen und dem Erbrechen darnach, um den Aufenthalt im Sanitätszimmer zu erzwingen, um weitere Fluchtvorbereitungen unternehmen zu können, was durch die Zuspitzung der Ereignisse bis an die Grenze der Lynchjustiz führt. Mit nachfolgendem Militäreinsatz. Insofern bleibt es eine Geschichte aus einer fernen Zeit, die aber prima inszeniert und stimmungsvoll erzählt wird.
Eindrückliches cinéma directe aus Norwegen; wobei ich den Begriff “cinéma directe“ verstehen würde als ein Kino, was den Zuschauer hautnah an der Geschichte, die sich hier auf eine wahre Begebenheit...
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Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Bei aller polnischen Gefühligkeit, in die dieser Film getaucht ist, was will uns Malgorzata Szumowska, die polnische Regisseurin, die mit Tyne Byrkel auch das Buch geschrieben hat, mit diesem Film zeigen?
Dass Männer sich nach Liebe, Sex und Erotik sehnen – und Frauen auch? Wir sind Malgorzata dankbar für diesen Hinweis. Da wären wir nie darauf gekommen. Sie will uns zeigen, dass dort wo die Liebe, der Sex und die Erotik formal zu Hause sind, in der Ehe nämlich, Polen ist sehr katholisch, diese nur allzu gerne verdorren, wie bei Anne und Patrick. Sie haben zwei Kinder: Stéphane (noch Bub) und Florent (schon in der Phase der Pubertät, dass er über größere Zeiträume von zuhause abhaut). Die Filmemacherin will uns zeigen, dass Anschauungsunterricht über Sex und Erotik die Fantasie beflügeln und zum guten Ende auch in erotische Taten umschlagen können, denn Juliette Binoche spielt Anne. Sie ist Journalistin, lebt in einer eingeschlafenen, vertrockneten Ehe und recherchiert gerade über Studentinnen, die sich als Escort-Service ein Geld zum Studium verdienen, denn im Schnellimbiss zu jobben verzehrt deutlich mehr Zeit und bringt deutlich weniger Geld. Durch die Beschäftigung mit der professionell verkauften Liebe, gedeihen auch bei der Journalistin wieder Sehnsüchte und sie möchte mit ihrem Mann wieder was erleben.
Der Zuschauer bekommt viele Bilder von dieser käuflichen Liebe auf die Leinwand serviert, jene Bilder, die die Journalistin nur erzählt bekommt. Vielleicht tut sich darum in ihrem Kopf mehr als in dem des Zuschauers. Der eine Freier pinkelt auf den prallen Busen der Dame, der andere lässt sich einen blasen, der Dritte möchte die Frau von hinten nehmen. Das übliche Programm, immer ganz schön fotografiert. Der Spielfilm auf der Kippe zum Pornofilm. Die Anzüglichkeit aufs Kulturformat geschrumpft.
Ferner „zeigt“ uns die Regisseurin, dass Juliette Binoche auf einer engen Toilette nicht weiß wohin mit der großen Tasche, sie zeigt sie auch so mal beim Pinkeln, später auch beim Onanieren, beim Einfüllen der Wäschetrommel, beim Gurkenschneiden – und da schneidet sie sich auch in den Finger.
Die Regisseurin verspricht sich viel Erhellung vom Bild, wie Juliette Binoche den blutenden Finger unter einen Wasserstrahl hält. Juliette Binoche wirft ihren Männern, außer dem kleinen Buben vor, sie hätten alle Pornos auf ihren Rechnern. Die Regisseurin zeigt Binoche am Computer beim Kämpfen mit dem Schreiben und den Cigaretten. Sie zeigt einen Coq au vin. Sie zeigt Binoche beim Knacken von Austern, sinnlich natürlich, symbolisch. Dazu spielt sie auf der Tonspur „Gloria in excelsis“ ein.
Die Regisseurin zeigt uns den Tiefglanz vom Hochglanz. Sie bebildert ihre Message mit Sujets und Interieurs und Menschen, wie sie in ein Hochglanz-Life-Style-Magazin passen und will uns den Tiefglanz des alltäglichen Lebens davon vermitteln. Sie erzeugt durchaus eine Atmosphäre der Hingabe an ihre Message (dass Männer wie Frauen sich nach Sinnlichkeit, Erotik, und Sex sehnen, für die, die das vergessen haben).
Es kommt ein Kühlschrank vor, der spinnt. Von einer Bohrmaschine ist die Rede.
Die Wandlung von Frau Binoche ist die, dass sie wieder Liebeshunger nach ihrem Mann verspürt, das ist die Entwicklung, die ihre Recherche bei den Escort-Mädchen auslöst. Bei einer Essenseinladung, die die beiden in ihrer großzügigen Wohnung Freunden geben, sieht Frau Binoche statt der anwesenden Gäste die Freier, von denen ihr das Escort-Mädchen erzählt und die der Zuschauer leibhaftig gesehen hat – sie passen alle übrigens hervorragend in die Runde der Eingeladenen. Dann verschwindet Juliette, um sich schick zu machen für ihren Mann. Das ist ihre Entwicklung in dem Film. Das soll andere ermutigen. Ein Ermutigungsfilm zu Liebe und Sex und Erotik nämlich da, wo sie hingehören: in die Ehe. Denn so katholisch sind die Polen nun mal.
Die deutsche Synchronisation genügt der Stereotypie und ist kein Erotik-Anreiz.
Bei aller polnischen Gefühligkeit, in die dieser Film getaucht ist, was will uns Malgorzata Szumowska, die polnische Regisseurin, die mit Tyne Byrkel auch das Buch geschrieben hat, mit diesem Film...
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Britisches Postkarten-Puppenstuben-Horror-Movie mit einem einsamen, bleich geschminkten und stets im Nirgendwo die Augen fixierenden Daniel Radcliffe in der Protagonistenrolle des Arthur Kipps, eines jungen Anwaltes, der von seinem Chef in undurchsichtiger Testament-Mission in einen abgelegenes Kaff an rauher englischer Küste gesandt wird.
Radcliffe lässt seinen Sohn zurück, verspricht diesem aber bis Freitag abend wieder zurück zu sein, denn der Sohn leidet unter dem Verlust der Mutter. Ob Radcliffe darunter leidet, wird nicht ganz so klar, er ist vor allem auf einen ruhigen, fast statischen Gang konzentiert und darauf, diesen gewissen, fast starren Blick zu produzieren, auch so, als ob die Augäpfel bald rauskullern würden, was sich für einen Horrorfilm offenbar ausgezeichnet eignet, das hat er schon mal bewiesen und ist damit berühmt geworden, gell Harry Potter!
Puppenstuben- oder Postkarten Film. Erstens weil der Film themenhinweisend mit einer Puppenstubenszene anfängt, in die niedlichen Tassen wird getan also ob Tee eingeschenkt wird, dann halten Kinderhände die Puppenstubentassen den Puppen an den Mund und die Puppen trinken den nicht vorhandenen Tee. Die Tassen scheinen aus ecchtem Porzellan zu sein, eine Kostbarkeit. Dieses „als ob Teetrinken“ wird mich den Rest des Filmes nicht loslassen: tun hier der Regisseur James Watkins und die Drehbuchautorin Jane Goldman bloss so, als ob sie uns eine Horrorgeschichte auftischen wollten?
Faktisch zu besichtigen ist hier jedenfalls eine in gleichmäßigem Rhyhtmus abwechselnde Reihenfolge postkartenschöner Bilder, die eine Geschichte von Susan Hill illustrieren unter gänzlichem Verzicht auf eine kinonötige und kinoverträgliche Spannungsdramaturgie. Durch diese Bilder geht immer wieder Radcliffe mit seinem hochkonzentrierten Gesichtsausdruck.
Postkartenschön sind die Bilder, einerseits die prunkvoll und offenbar sehr genau und exquisit ausgestatteten Interieurs. Die Engländer können es sich also doch leisten, sich von den Europäern und ihrem Euro zu distanzieren, bei dem gewaltigen Reichtum an Möbeln und Spieluhren und ausgestopften Affen, die allein in einem eher schäbigen Haus in einem verlotterten grauen englischen Küstenort sich ansammeln, geschweige denn die Schätze, die sich in der Hauptlocation des Filmes, einem Gespenster-Haus auf einer dem Festland vorgelagerten Halbinsel bei Ebbe und bei Flut eine Insel, vorfinden. Auch Autos oder Kutschen die über den schmalen Ebbe-Fahrweg sich der Insel nähern, geben fantastische Bilder.
Die Insel erinnert auf den ersten Blick entfernt an Böcklins Toteninsel aber dann überwiegt doch wieder die Postkartenschönheit. Bei dem exquisiten Mobiliar und der übrigen Ausstattung dürfte so manchem Antiquitätenliebhaber der Speichel aus den Mundwinkeln tropfen.
Ein Thema ist bei der ganzen Bilderschau auch auszumachen: es geht um eine Versöhnung der Geister von Verstorbenen, einer Mutter und ihres Kindes, die dem von ihnen ehedem bewohnten Anwesen keinen Frieden schenken und die Menschen daran hindern, es weiter zu beleben oder gar zu bewohnen. Das Problem einer generationenübergreifenden Perpetuierung von Problematiken, die Verstorbene offenbar nicht zu lösen vermochten; an sich eine spannende Sache, die Weitergabe ungelöster Probleme von einer Generation an die nächste. Das Missing Link findet sich in einem schwarzen, zähen, Kutschen und Autos und Menschen verschlingenden Sumpf am Fuße eines Kreuzes im Ebbe-Flut-Niemands-Gelände zwischen Insel und Festland.
Nachtrag zur Einführung des Filmes: die mit den Puppen Tee-Trinken spielenden drei Mädels, die selbst wie die kostbarsten Puppen hergerichtet sind, werden durch den Horror aus dem Spiel gerissen, draußen muss was sein, sie treten zu dritt über zwei Stufen an das dreiteilige Fenster.
Horrormobiliar: die Wand des Schweigens der Dorfbewohner, die Überseekiste von Nathanael Drablow, alte Limousinen.
Radcliffes Blick drückt immer aus, er weiß nicht wie ihm geschieht. 200 gefühlte Jahre Harry Potter im Gesicht. Sein Gesicht hat auch prima Filmproportionen. Blick ist Mischung aus intro-retro-extrospektiv.
Der Solicitor. Das Mittagessen bei ihm. Die Zwillinge (zwei Möpse); Thementabu: Kinder, weil Bub gestorben. Aber Elisabeth fängt directemang damit an und kriegt ihren Anfall, gegen den nur Chloroform an die Nase beruhigend wirkt.
In den besten Momenten, so im ersten Drittel, gefiel mir der Film, ich kam mir vor wie einer, der ein superbekanntes Bilderbuch, das er einfach gerne anschaut, mal wieder zur Hand nimmt.
Bösartig gesagt könnte ich mir vorstellen, dass der Film in Auftrag gegeben wurde von einem Auktionshaus, das eine Einlieferung alter Möbel und Einrichtungsgegenstände mit einer kleinen Rahmenhandlung publikumswirksam präsentieren will.
Am deutlichsten wird die Einsamkeit des Daniel Radcliffe am zweiten Tag, den er allein im Inselhaus verbringt. Da lassen die Macher ihn gefühlte zwei Stunden in dem Haus rumgehen, Geräusche hören, einnicken, Gespenster sehen, Bilderkollektion zum Auswählen. Hier schreit eine Einsamkeit unverhohlen von der Leinwand herunter.
Britisches Postkarten-Puppenstuben-Horror-Movie mit einem einsamen, bleich geschminkten und stets im Nirgendwo die Augen fixierenden Daniel Radcliffe in der Protagonistenrolle des Arthur Kipps, eines jungen Anwaltes, der von seinem Chef in...
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Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Was wäre das Kino ohne das Sehen und manchmal lehrt uns das Kino sogar etwas über das Sehen.
In diesem von Kubny & Schnell Film aus Köln produzierten Dokumentarfilm von Stefan Levi, der mit Lisa Wagner auch das Drehbuch geschrieben hat, geht es um das Sehen mindestens in zweifacher Hinsicht. Zum einen geht es um die medizinisch-chirurgische Wiederherstellung der Sehfähigkeit durch Operation des Grauen Stars in entlegenen Gebieten Nepals, wo der sehr häufig und auch schon bei jüngeren Menschen auftritt, es ist nicht nur der normale Alterungsprozess, es sind auch Ernährungsmängel und die Ultraviolettstrahlung in der Höhe, die ihn überdurchschnittlich häufig auftreten lassen.
Der Protagonist dieses Filmes ist der Augenarzt Dr. Sanduk Ruit. Er ist selbst in einer der entlegensten Gegenden der Welt, in Siwa weit hinten in Nepal, aufgewachsen. Zur nächsten Straße sind es von dort aus heute noch 3 – 4 Tagesmärsche. Für einen erblindeten Menschen ein Ding der Unmöglichkeit, diesen Weg zu bewältigen und dann noch stundenlang mit dem Auto unterwegs zu sein bis zum nächsten Spital, wo ein Eingriff vorgenommen werden könnte.
Das Problem hat Dr. Ruit gesehen. Das ist die zweite Geschichte über das Sehen: mit dem Augenlicht auch Dinge zu sehen. Ihn haben seine Eltern, das waren Händler zwischen Tibet und Nepal, früh nach Darjeeling in ein Internat gesteckt, damit er eine gute Bildung bekommtt. In den sieben Internats-Jahren ist er ein einziges Mal in den Ferien nach Hause gegangen. Sonst musste er immer dort bleiben. Das habe ihn hart und willensstark gemacht, sagt er heute.
Er ist Augenarzt geworden und wollte gerade jenen Menschen helfen, die keinen Zugang zu professioneller medizinischer Versorgung haben. Er hat gesehen, dass der Graue Star eine der häufigsten Erkrankungen ist, gerade in armen und entlegenen Gebieten und das Leben der Betroffenen und der Familienmitglieder unsäglich schwer macht. Und er hat gesehen, dass die bis dahin übliche Operation des Grauen Stars 1000 bis 4000 Dollar kostete, dass der Patient nachher noch eine Woche lang total ruhig liegen musste. So hat er zu forschen angefangen und eine Linse und eine Operationsmethode entwickelt, die deutlich billiger waren. Die Linsen werden in Nepal hergestellt und kosten nur noch 20 – 40 Euro. Die Patienten können sofort nach dem Eingriff aufstehen, müssen allerdings einen Tag lang noch die Augen unter einem Verband schützen.
Der Film begleitet eine der Reisen von Dr. Ruit nach Siwa. Die Vorbereitungen im Tal. Das Herstellen und Verpacken der Linsen. Die ersten Wegstrecken auf wackeligen, motorisierten Gefährten. Behandlungsaufenthalte. Schließlich der Aufbruch zu Fuß nach Siwa. Dafür werden eine ganze Menge Träger engagiert, denn die mobile Operationsstation muss in Teile zerlegt und verteilt auf Körbe in langen Fußmärschen nach Siwa getragen werden. Dr. Ruit selbst bekommt beim Aufstieg Probleme mit dem Knie, aber wichtiger ist ihm, dass die Hände funktionieren für die diffizilen Operationen im improvisierten OP.
Der Film ist mehreres in einem. Am Anfang ein Infofilm über den Grauen Star, seine Verbreitung, seine Behandlung. Dann Abenteur- und Extrem-Touristikfilm zugleich, der lange Weg nach Siwa mit grandiosen Landschaftsaufnahmen. Stefano Levi hat immer ein Auge dafür, was sich am Rande des Weges abspielt, gibt uns so nebenbei auch einen eindrücklichen Einblick in das Leben in diesen kargen Tälern, in denen prächtige Rhododendren blühen; die Erde ist hart und steinig, das Pflügen kostet ein mehrfaches an Kraft als woanders. Teppiche und Reis werden auf Lasttieren zu Tal gebracht. Diese sind mit kleinen Schellen versehen, das hört sich an, wie unser vertrautes Herdengeläut aus den Alpen.
Bei der Ankunft in Siwa wird Dr. Ruit einen Augenblick lang sentimental, wenn er daran denkt, dass er von hier kommt; was sie als Buben für Schlingeleien angestellt haben, wie er nach dem Bruch eines Armes mit simplen Bambusrohren und Tuch geschient worden ist.
Der Film ist auch ein Stück Biopic über das Leben dieses Arztes, der sich in einem kleinen Segment der Verbesserung der Situation der Menschen verschrieben hat, der unkonventionelle Lösungen sucht und beharrlich auch findet, die nicht unbedingt im Interesse der großen Konzerne liegen. Zuletzt erhält der Film sogar eine heilsgeschichtliche Dimension; denn einen Tag nach der Operation, werden den Patienten die Verbände von den Augen genommen. Manche sehen nach Jahren das erste Mal wieder. Das sind Momente direkt ins Gefühlszentrum.
Einer der inzwischen eher seltenen Dokumentarfilme, die man unbedingt im Kino anschauen sollte; wegen der geschickten Vermischung der verschiedenen Genres, wegen den einmaligen Bildern aus Nepal und weil diesem Reisebericht von Stefano Levi etwas Persönliches anhaftet, Engagement und Offenheit, was die große Leinwand durchaus verträgt und füllt.
Was wäre das Kino ohne das Sehen und manchmal lehrt uns das Kino sogar etwas über das Sehen. In diesem von Kubny & Schnell Film aus Köln produzierten Dokumentarfilm von...
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Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Hier bescheren uns deutsche Drehbuch-, Kamera-, Inszenierungs- und Castingkunst ein Schmankerl der russischen Art, das in keiner Weise russisch schmeckt sondern ganz und gar nach ordentlich-regulärer deutscher Filmsubventionskunst.
Das Werk möchte basierend auf dem Kultbuch von Wladimir Kaminer Berliner Szenestimmung evozieren, wie sie zur Zeit der Wende geherrscht haben soll.
Lang, lang ists her, die Zeit macht die Konturen unscharf und der hier vorliegende Film bringt auch kein zusätzliches Licht in die Angelegenheit. Er glaubt vielleicht, wenn er überwiegend eine Art tiefliegende Froschperspektive für die Filmaufnahmen verwendet, er schaffe Nähe oder Übergröße der Figuren, Zeit- und Szenennähe suggerierend, dabei verfremdet er und gibt so ganz gewöhnlichen Szenen immerhin einen visuell ungewöhnlichen Touch. Vergangenheitsschönung, Vergangenheitsaufmotzung? Die Szenen selbst erinnern gelegentlich an eine Schauspielschule, jetzt spielen wir eine Dialogszene, jetzt spielen wir eine Liebesszene; das fällt mir bei den gecasteten Frauen mehr noch auf als bei den Männern.
Die beiden Protagonisten sind ein an sich erfolgsverwöhntes Paar, denn Friedrich Mücke und Matthias Schweighöfer haben mit „Frienship!“ einen Kinoüberraschungshit gelandet. Das Buch dazu hatte Oliver Ziegenbalg geschrieben, der hier nicht nur den Kaminer-Text zum Drehbuch umzumodeln versucht hat, sondern gleich auch noch die Regie übernommen hat.
Vielleicht etwas viel aufs Mal. Jedenfalls lässt er es zu oder fordert es sogar heraus, dass Matthias Schweighöfer, der den Wladimir Kaminer geben soll, sich als total extrovertierter, überdrehter Kasperl, als reiner Faxenpeter aufführt, so als müsse er in jeder Szene extrem viel Nachdruck darauf legen, so aufzufallen, damit er ja auch wahrgenommen werde, als warte er nur darauf, bis ihm jemand auf die Schultern klopft und sagt, „hast Du gut gemacht, Junge!“, soviel Anerkennungsheischungsactivity hat selten ein Schauspieler in so wenig Figur gelegt.
Die Grundsituation im Buch ist die, dass drei junge Russen aus Moskau nach der Wende nach Berlin ziehen. Wobei der zweite im Bunde, der zurückhaltend agierende Mücke, der meiner Ansicht nach schon die entscheidende Portion Glaubwürdigkeit zum Erfolg von „Friendship!“ beigetragen hat, hier eine gewisse Anlaufzeit braucht um dann jugendfreizeithaft schön auf der Klampfe russische Songs zu begleiten, die er selber singt. Hier kann er aber nicht viel zum Erfolg beitragen, denn die Figuren sind alle weniger durchdacht, es geht um die Schilderung einer Gesamtsituation, wie sich die drei Russen in Berlin einrichten und zurechtbuddeln.
Also der Mücke, der hier Mischa heißt, hat das Problem, dass er keinen einzigen jüdischen Vorfahren aufweisen kann, im Gegensatz zu seinen beiden Kumpels, und dadurch nur ein Visum für drei Monate Berlin erhalten kann und dann wieder zurück nach Moskau muss. Das gibt Anlass zu einer kurzen Judentums-Initiation und zu einem Gespräch mit einem Rabbi.
Der dritte im Bunde ist ein nicht weiter definiertes Mittelstück zwischen den beiden, der die zusammenhalten soll, das ist nun nicht schön ausgedrückt, aber es scheint, als dürfe dieser dritte im Bunde durch keine Eigenschaft besonders auffallen, was er denn auch tut.
Es scheint leichter zu sein, ein Drehbuch für ein Roadmovie für Zwei zu schreiben wie bei „Friendship!“, denn der Weg hat ein Ziel und der Weg ist das Ziel. Während hier die Anfahrt nach Berlin kurz und das Sein in Berlin lang ist. Es gibt wenig Handlung. Film ist nicht Literatur. Hier dient die Literatur dazu, Szenen zu bebildern, Film als Lieteraturbebilderungsanstalt, das muss wie hier bewiesen wird, nicht immer spannend sein. Anskizzierkino nach Literaturvorlage.
Erlebnisse in der Literatur beschrieben sind eines und daraus Geschichten fürs Kino herauszuarbeiten, das wäre ein anderes. Wer das Buch kennt, der wird wie immer in solchen Fällen sicher viele Szenen und Situationen oder Texte wiedererkennen. Im Film sind sicherlich viele Stellen aus dem Buch identifizierbar, davon gehe ich aus.
Zu den drei russischen Jungs müssen selbstverständlich drei Frauen her. Aber viele bunte Lichtquellen und viele altkluge Frauen ab Camera-Acting-Workshop (so der Eindruck) garantieren noch nicht für lupenreines Kino. Genauso wenig wie die meist tiefe Kameraperspektive, die besonders verwahrloste Ecken von Berlin gewaltig und imposant ins Bild rückt. Oder das Stück Mauer, an dem gehämmert wird, um Souvenir-Stücke rauszuhauen. Vielleicht ein schönes Bild für diese Art der Literaturverfilmung: die Mauer als das Stück Literatur, aus der der Film, resp. der Drehbuchautor, versucht einige Stücke herauszuhämmern und einen Film daraus zu machen.
Hier bescheren uns deutsche Drehbuch-, Kamera-, Inszenierungs- und Castingkunst ein Schmankerl der russischen Art, das in keiner Weise russisch schmeckt sondern ganz und gar nach ordentlich-regulärer deutscher Filmsubventionskunst. Das Werk...
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Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Was ist Sams? Das ist physisch ein geschlechtsneutrales Kind mit dickem Bauch, nicht allzu elegant geformt und mit roten Haaren und kommt aus der Samswelt, in der das Übersams mit einem Buch voller Geheimnisse regiert und sowas wie eine Hexe ist. Es ist aber auch Ausdruck für überbordende Fantasie, Anarchie, Frechheit, außer Rand und Band Geratens, kindlichen Protestes gegen die Erwachsenenwelt. Wehe also, wenn das Sams einen Erwachsenen überkommt. Darum geht es hier nämlich, dass das Sams nicht nur bei Taschenbiers ein und ausgeht, nein, auch Herr Taschenbier wird ab und an und immer öfter von samsigen Anfällen heimgesucht. Dabei zeigen sich dann von Mal zu Mal mehr rote Haarbüschel vor allem auf seinem Hinterkopf. In der Sams-Variante scheint er nicht mehr ganz Herr seiner Sinne, seiner Bewegungen, seiner Gedanken und Handlungen zu sein. Wobei, was rothaarig kulturell so alles bedeutet, noch ein weiteres Thema wäre, man denke an Nestroys Talisman.
Ein Problem mit der Rolle Taschenbier fängt hier allerdings schon mit dem Buch an. Herr Taschenbier ist nämlich Erfinder und Tüftler. Er hat eben eine Maschine erfunden, da werden oben die Zutaten reingegeben und unten kommen fertige Regenschirme für Kinder heraus. Solche Tüftler und Erfinder sind in unserer Fantasie und nach unserer Kinoerfahrung meist schon leicht verrückte, verschrobene Figuren. Insofern gibt schon das Buch dem Darsteller der Rolle ein gewisses Problem. Denn wenn die Figur schon im Normalzustand nicht vollkommen normal, sagen wir „buchhalternormal“ ist, wie soll dann der exzessive Sams-Zustand noch definiert werden?
Aber vermutlich hat es gar keine Findungskommission für die Rolle Taschenbier gegeben, die sich genau die Problematik einer solchen Rolle bewusst gemacht und sich gezielt auf die Suche nach der stimmigen Besetzung gemacht hätte, die in diesem Film die tragende Hauptrolle spielt und die zu einem wesentlichen Teil für den Erfolg des Filmes gradezustehen hat. Vermutlich hat sich gar niemand gefragt, wo finden wir einen Schauspieler, der einerseits eine gepflegte Bürgerlichkeit glaubwürdig darstellen kann, der aber andererseits eine vollkommen ausgeflippte Figur bieten kann, die genau diese Bürgerlichkeit unverschämt und frech konterkariert, dieser Spontaneität und Unkonventionalität bewusst entgegensetzt, ihr sozusagen vollkommen glaubwürdig die Zunge rausstrecken kann, sich einen Deut um sie kümmert, sich über sie lustig macht. Vom Resultat her betrachtet müsste das Verfahren zur Besetzung dieser Hauptrolle vermutlich als vollkommen dilettantisch bezeichnet werden.
Jedenfalls wurde – vermutlich ohne jedes konkurrierende Casting und ohne weiteres Einschalten eines Darstellerradars – die Rolle Ulrich Noethen anvertraut. Wenn das nicht mal eine geschäftlich etwas leichtsinnige Entscheidung war, die den Erfolg des Filmes genau dort deckeln wird, wo er mit Kinderfilmen generell eh schon zu erwarten ist in Deutschland, bei jenem Stammpublikum für Kinderfilme, was es hier gibt wie für das gute alte Weihnachtsmärchen im Stadttheater. Außerdem ist das Sams eine bekannte Figur. So besehen ist die Besetzung so ziemlich wurst, mag sich der kurzfristig denkende Produzent gedacht haben.
Welche verschiedenen Behauptungen stellt nun Ulrich Noethen zu seiner Rolle Taschenbier und Taschenbier im Sams-Zustand auf? Zu Taschenbier bleibt er zu Recht im Rahmen der Erwartungshaltung an eine Noethen-Rolle: bürgerlich, anständig gesprochen, eine gewisse Zuverlässigkeit und Verlässlichkeit ausdrückend, ja er hat sogar am Anfang und dann gegen Ende nochmal kurze Momente, wo einem das Herz juchzen möchte, wo er einem punktgenau besetzt vorkommt, wo man denkt, das ist durch und durch dieser doch irgendwie Spießer, haargenau getroffen – was ja sonst eine Konstante bei seinen Besetzungen ist, dass sie nie punktgenau sind, also tauglich und seriös ihre Zwecke erfüllen, nie aber ein Übermaß an Interesse erwecken, beamtenschauspielerisch der Sache dienend funktionieren. Und dann kommen plötzlich so hoffnungsvolle Momente, die zum Hingucken zwingen. Da steht er kurzfristig völlig unangestrengt, gelöst und ernsthaft da, so dass er dem Zuschauer Platz lässt, Erwartungen in die Figur zu setzen, Emotionen zur Figur aufzubauen, dass man kurzfristig vor Glück schier platzen möchte, endlich mal eine punktgenaue Besetzung für Noethen. Zu früh gefreut.
Gut, das ist die eine Seite. Jetzt aber die Frage, welche Behauptungen er zur Sams-Seite seiner Figur aufstellt.
Im Film gibt’s verschiedene Ansätze zur Interpretation des Sams. Die kürzeste, keckeste und für mich einleuchtendste bietet Eva Mattes in der gar nicht besonders dankbaren Rolle als Gattin von Armin Rohde; sie streckt einmal bei einem Abgang einfach keck die Zunge raus. Klarer kann man eine Haltung zu einer Sache, eine Haltung die natürlich nicht bürgerlich korrekt ist, nicht ausdrücken. Samsig par excellence.
Vom Buch her sind es ferner da se lustige Aktionen wie die: Taschenbier bestellt für zwei Leute zwei Dutzend Pizzen oder rast mit dem blauen Bus, dem „Bamberger Pfeil“, riskant auf zwei Rädern durch Bamberg. Samsig gleich Nonsense, gleich Grenzüberschreitung.
Und nun die Sams-Angebote von Herrn Noethen: ein ungelenker wie unkontrollierter Bewegungsablauf, der vielleicht Befreiung suggerieren soll, akustisch-stimmliche Ausraster, eine Art irres Lachen, was keine dezidierte Haltung gegen die Bürgerlichkeit ausdrückt. Wie hysterisches Lachen. Tut das hysterische Lachen nicht viel eher einen Ich-Kommentar abgeben, dass man sich selber nicht für ganz für voll nimmt statt sich einer Sache gegenüber zu distanzieren, statt eine Haltung zu artikulieren, statt ein prononciertes Verhältnis zum Sachverhalt der Bürgerlichkeit herzustellen? Ist das wirklich samsig? Sind das den Alltagstrott verstörende Reaktionen? Oder ist Sams wirklich sowas wie besoffen, wie von Sinnen? Fällt mir schwer, dieser Interpretation was abzugewinnen. In der Sams-Variante nun schreit und plärrt Noethen, versucht sich auffällig zu gebärden und zu benehmen, strengt sich deutlich zu etwas an, was ihm nicht gegeben scheint, hat eine raue, rausgedrückte Lache wie ein besoffener Räuber oder ein Bösewicht, der einen dummen Streich gespielt hat, gänzlich uncharmant und bemüht und den Kommentar zur Samsigkeit gleich hineingespielt, insofern distanziert er sich in der Samsigkeit schon wieder von derselben. Bierzeltgrölfantasie. Je länger der Film dauert, desto mehr wirkt dies als Schmierentheater und überlappt sich zusehends auch mit der brav-bürgerlichen Variante der Figur.
Noethen bleibt auch im Sams-Exzess steif und brav, als ob er mit einem Schuhspanner versuche, die Gesichtsmuskeln in Richtung Sams zu verziehen. Er scheint innerlich das Sams nicht gefunden zu haben. Was er bietet, ist letztlich gequälte Beamtenschauspielerei. Ihm fehlt die Magie und kreative Phantasie der Bewegung. Noethen verkindertheatert und verdummt damit seine Figur unnötig. Seine fast hysterische Lache beim Rückwärtsfahren durch Bamberg.
Die Sams-Figur aber ist der zentrale Qualitätspunkt in diesem Film. Was uns Noethen jedoch mit seiner Gestaltung der Figur erzählen will, bleibt mir unergründlich.
Aber auch der filmtechnische Verwandlungstrick zum Samszustand macht es Noethen nicht leicht. Diese Verwandlung wird mit einem endlos lang dauernden technischen Trick, mit vielen Sternchen vor seinem Gesicht und Gesichtszuckungen in Kinosprache übersetzt, eine schwer lesbare Bildsprache wie eine Zangengeburt in diesem Fall, die zu entziffern dauert und dauert, der Wirkung eines Geistesblitzes konträr entgegengesetzt. Der Spontaneität, die bestimmt ein wesentliches Sams-Merkmal ist. Und wenn eine spontan sein sollende Sache schon so anfängt. Und vor allem, da es ständig wieder vorkommt und jedes Mal diese ganze aufwändige Verwandlungsnummer, so ermüdet das schnell, wirkt kontraproduktiv zur Idee des Sams als Symbol für Geistesblitz und dessen Freiheit und Unvoreingenommenheit, wird so gleichsam schon ins Gipsbett gelegt; so aber wirkt der Übergang verschmiert, schmiert sich rein in die Sams-Variante.
Auf weitere Schmerzpunkte im Film weist das Drehbuch von Paul Mar und Ulrich Limmer selber hin. Denn die Geschichte spielt in Bamberg und das ist so schön immer wieder ins Bild gerückt, dass einem unwillkürlich E.T.A. Hoffmann in den Sinn kommt, davon ist nun aber in diesem Film nicht ein Hauch, nicht ein Atem, wobei der doch zum Sams, was eine Fantasiefigur ist, mindestens eine Verwandtschaft aufweisen müsste. Und dann die Schokoladenfabrik. Irgendwann im Sams-Zustand verirren sich das Sams und der Herr Taschenbier in eine Schokoladenfabrik. „Charlie und die Schokoladenfabrik“ von Tim Burton wird da unweigerlich im Geiste assoziiert, ein Produkt großartiger Fantasie und macht einem bewusst, in welch Gefilden bescheidenen subventionierten Kinoanspruches man sich hier doch verirrt hat.
Auch die Titel machen skeptisch: die Namen von Stab und Darstellern, mit denen das Sams anfangs spielt, kommen allzu fett daher. Diese Wichtigkeit, die hier den Darstellernamen verliehen wird, die lösen sie leider im Verlauf des Filmes in keiner Weise ein.
Die einzige Figur in diesem Film, die für mich die richtige, oder sagen wir: die ideale Mischung aus Stilisierung, Realismus und Kinderfilmfigur gefunden hat, ist Heio von Stetten als Arzt. Bei ihm blinkt plötzlich kurzfristig etwas von der Listigkeit eines möglichen Erzählers der Geschichte auf, ihr Verhältnis zu den Dingen und den Geschichten und zur Fantasie und zur realen Welt. Der Arzt, der hat Pli, der hat Stil, und er kann spielen auf dieser Klaviatur.
Die Musik dagegen drückt voll das Misstrauen gegen die Inszenierung aus, kann aber mit Übertönen auch nichts helfen oder bietet eine Interpretation der Samsität, die sich mir nicht erschließt
Die Regie führte Peter Gersina.
Was ist Sams? Das ist physisch ein geschlechtsneutrales Kind mit dickem Bauch, nicht allzu elegant geformt und mit roten Haaren und kommt aus der Samswelt, in der das Übersams mit...
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