Archiv für 15. März 2012

Nicht leicht zu sagen, was dieser Film will. Es gibt die moralische Ebene, die Moral von der Geschichte, wenn man zupacken kann, braucht man keine Angst haben im Leben. Das ist einer der Lehrsätze, die dem 13jährigen Jo Istad mitgegeben werden. Zeigen soll er das im Fußball.

Nun ist der blondlockige Junge eher ein Engel, denn ein Fußballspieler. Die Männlichkeit ist noch nicht entwickelt in ihm. Obwohl er sich in die neue Schülerin Mari schon mal verguckt.

Um beim Thema zu bleiben, den Satz von seinem Vater beherzigt er insofern als er oft in freien Minuten mit den Händen, in die er rundliche Gegenstände packt, das Zupacken übt. Das wird jedenfalls immer wieder gezeigt. Immer wieder zwischen die Szenen geschnitten, die sonst noch aus seinem Leben gezeigt werden: wie er mit seiner Mutter in einem Häuschen lebt, wie diese mit dem Single-Nachbarn gerne die Buchhaltung macht und dann mit ganz zerzaustem Haar zurückkommt – aber das gefällt dem Jungen; wie er sich mit den Jungs seiner Klasse auseinandersetzen muss; wie er für einen älteren Mitschüler immer die Aufsätze schreibt.

Ein weiteres Sujet, was immer wieder vorkommt, das ist das Sammeln von Fußballer-Bildern. Besonders begehrt ist das Bild eines Goalies, eine Torhüters. Irgendwann ist es in einer Packung, die Jo gekauft hat,  dabei. Er lädt alle Mitschüler und Freunde in seine Wohnung ein, die Sensation zu feiern. Aber bis er dort eintrifft, ist das Bild geklaut.

Er bricht beim älteren Mitschüler ein, den er verdächtigt, aber statt des Fußballerbildes findet er Pornomagazine und Kondome; der ist halt schon weiter. Die Auseinandersetzung mit diesem Älteren spitzt sich zu. Erst reagiert Jo feige, worauf Mari sich von ihm distanziert. Dann traut er sich, denn er hat ja die Hände gestählt, ihm zu zeigen, wer hier Kraft hat.

Plötzlich gibt’s ein Fußballspiel, wo Jo doch mitspielen soll – bis jetzt hat er sich gedrückt darum. Erst muss er auf die Ersatzbank. Aber zwei Minuten vor Schluß fällt der Torhüter aus und er muss einspringen.

Den Rest kann man sich denken. Es passiert tatsächlich sowas wie ein Wunder. Es ist wirklich ein Wunder, das außer durch das Handmuskeltraining nun grad durch gar keine der bisherigen Charakterisierung von Jo im Film irgendwie absehbar gewesen wäre.

Zwischendrin kommen immer wieder Bilderzusammenschnitte von Angstträumen des 13jährigen. Die deutsche Synchro vor allem der Kinder ist recht angenehm. Das Buch stammt von Lars Gudmestad, für die Regie zeichnet Arild Andresen.

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Ganove Riva kehrt nach zehn Jahren in Angola wieder in den Kongo nach Kinshasa zurück. Hier herrscht Benzinmangel, extremer Benzinmangel. Er hat bei César in Angola gelernt. Jetzt beschafft er sich eine Wagenladung voller Benzinfässer und verdient damit ein Riesengeld. Das ermöglicht ihm ein Macho-Macker-Leben in Clubs und mit den entsprechenden Frauen. Wenn da nicht, nun ja, wenn da nicht César hinter ihm und seinem Benzin her wäre. Zu finden ist dieser über die rothaarige Nora, eine gebleichte Afrikanerin, die den Typ Vamp verkörpert, die aber schon mit Azor zusammen ist und die sich keineswegs für eine käufliche Frau hält. Insofern eine gängige Art von Ganovenstory mit Sex und Blut und Schießereien, mit schönen und weniger schönen Frauen und sinnlichen oder brutalen Männern und mit viel afrikanischem Temperament und Enthusiasmus gespielt und inszeniert und auch musikalisch mit einem Mix aus Discomusik (was immer das sein mag) und afrikanischen Lauten sehr modern vertont.

Das Ungewöhnliche an diesem Film ist die Entstehungsgeschichte, das Drum und Dran. Denn im Kongo gibt es keine Filmindustrie. Unter der Diktatur war es unmöglich, Filme zu drehen oder auch nur davon zu träumen. Das hat sich inzwischen geändert. Ein Beweis dafür liefert der Film. Der Drehbuchautor und Regissuer Djo Munga hat in Belgien Film studiert und hat, wie es oft bei afrikanischen Filmen der Fall ist, europäische Koproduzenten gefunden, in diesem Fall aus Frankreich und Belgien. Auch im Stab tauchen viele französische Namen auf. Aber vor der Kamera, das sind Originaldarsteller aus Kinshasa und aus dem Kongo. Die hatten alle keine Erfahrung mit Film; Munga musste sie selber suchen über kleinere Theater und dann auch auf der Straße und mit ihnen das Acting vor der Kamera richtiggehend in Workshops üben. Bei den Proben wurde improvisiert. Für den Dreh selber war der Dialog vorher festgeschrieben worden. Die Darsteller sprechen sowohl einheimische Sprachen als auch gelegentlich französisch, am ungewöhnlichsten klingts, wenn sie beides mischen.

Die Absicht des Regisseurs war, mit den Mitteln des Thrillers, etwas über das heutige Kinshasa zu erzhählen, was ihm durchaus gelungen sein dürfte. Nach einer Verhaftung der Angolaner gibt’s zum Beispiel eine Diskussion, gegen wieviel Bestechungsgeld die wieder rauskommen können; der Betrag scheint ihnen zu hoch, da antwortet die Vermittlerin, gut, ihr könnt auch bis zum Richter gehen, da wird’s aber deutlich teurer.

Djo Munga zeigt viel vom Discoleben in Kinshasa, aber auch das Chaos auf den unbefestigten Straßen, der Benzinmangel spielt eine Rolle, selbst bei Ganovens stehen fünf dicke Schlitten vor der Tür und keiner fährt, weil kein Benzin da ist. Das wird für die rothaarige Nora, in die sich Riva, unser Protagonist, verliebt, zum Problem, dass sie nicht so ohne weiteres zum Shopping fahren kann. Eine Missionskirche kommt vor. Der Pfarrer von der Gemeinde St. Thomas, der will das Benzin aus dem Geld der Kirche kaufen. 25 000 Liter hat Riva gebunkert.

Nora lässt ihren Macker auch nur sitzen, weil er ihren nubischen Ohrring versetzt hat, weil er gerade nicht flüßig war. Diese Untreue verzeiht ihm Nora nicht. Es kommt nach einer extrem heißen Sexszene mit Riva zu einem zärtlichen Beieinanderliegen im Bett und zum Gespräch über die Abstammung, dass Nora ihrem Vater, einem Schullehrer, früh schon Schande gemacht habe, weil sie nachmittags immer beim Direktor ein Stündchen hatte, schon sehr jung!

Auch von Riva lernen wir später das Elternhaus kennen, die haben sich alle Mühe gegeben, behaupten sie, und dann ist der Sohn so misslungen.
Erste Begegnung von Riva mit Nora, sie sei sein Diamant, behauptet er, sie antwortet, er sei ein Kindskopf (dabei schaut er sehr treuherzig).
Auch einen Weisheitssatz über Geld lässt Nora los: Geld sei wie Gift. Geld sei nicht alles.

Riva war der Sklave von César, der immer ganz in weiß mit weißem Sombrero und oft auch hellem Schal erscheint. Er und seine Bodygards werden einmal von der Polizei verhaftet und wie Zootiere, allerdings in Unterhosen in den Käfig aus Gittern gesteckt.
Beim Schlafen in der Pfarrei: die Wanzen im Bett.

Am Schluss sind übrigens wie bei einem Shakespeare-Drama alle tot. Aber damit hat ein kongolesisches Kino sich kraftvoll,  lustvoll, unbekümmert und mit unübersehbarer Ambition bemerkbar gemacht. Der Zeitpunkt für das Erscheinen dieses Filmes bei uns im Kino könnte  passender  nicht sein, hat doch gerade der Weltgerichtshof in Den Haag den Kongo-Milizenchef Lubanga verurteilt. In Afrika bewegt sich was. Doppelter Anlass, genauer hinzuschauen.

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„Auf der Welt gibt es 5 Millionen Arten, sich am Leben zu erhalten. Das wird eine Geschichte von Hoffnung und Triumph.“, so weit die Anküdigung im Vorspann. Am Ende des Filmes heißt es „ein Planet mit einer Zukunft“.

Die Exegese dieser Sätze wird im dreiteiligen Hauptteil des Filmes geboten. Teil 1 illustriert anhand von vielen Beispielen ein Lob auf die Mutterschaft, zeigt, dass Mütter gut um ihre Jungen sorgen, dass es dazu manchmal Mut braucht und auch Erfahrung. Teil 2 beschäftigt sich anhand von vielen Beispielen mit dem Problem der herangewachsenen Tiere, die jetzt in den Kreislauf des Nahrungserwerbes hineinwachsen qua Sammeln, mit Instrumenten bearbeiten oder Fressen und Gefressen werden. Teil 3 bringt dann noch wenige Beispiele, wie Männchen das Weibchen suchen, der Kampf der Rivalen und sogar eine Hochzeitsszene von zwei Schwimmvögeln und eine Begattungsszene einer kompliziert gebauten Käferart wird gezeigt.

Die Philosophie, die mit den bunt zusammengewürfelten Szenen vor allem aus Nord- und Lateinamerika und Afrika im übrigen breitgetreten wird ist die, Mütter sorgen sich um ihre Jungen, der Stärker gewinnt, es braucht manchmal List, manchmal Kraft zum Überleben, im Team ist man stärker und Geduld zahlt sich aus. Also wie im guten alten Tierfilm, außer schönen Bildern, und da gibt’s wirklich ganz schöne was heutzutage alles möglich ist mit diesen Kameras, nichts gewesen.

Zum Thema Mutterschaft gibt’s Bilder vom knallroten Giftfrosch, der seine Kaulquappen einzeln auf dem Rücken einen steilen Stammes hochträgt und in einem großen Wassertropfen am Fusse eines Blattes ablegt, das geht über die Affenfamilie hoch im Norden, wo die Königsfamilie in heißem Quellwasser badet, die Prinzessin ihr Haar streichelt und die niederen Schichten schlotternd am Rand stehen bis zur Elefantenmutter, die es nur mit Hilfe der Großmutter schafft, ihr Kleines vor dem Versinken im Matsch zu retten.

Den Mittelteil nehmen viele, viele Szenen ein, in denen es um die Nahrungsbeschaffung geht, das was der Mensch oder das Tier nach dem Erwachsenwerden tut, die Ameisen, die Grasstängel sammeln und Pilzkulturen zum Verdauen geben, denn die Pilzkulturen sind ihre eigene Nahrungsgrundlage und dadurch bauen sie eine riesiges Gemeinwesen auf, einem Termitenhügel nicht unähnlich. Der Sprecher des Filmes bemüht sogar die menschliche Archaitektur zum Vergleich; außerdem ist er beeindruckt, dass die das 365 Tage im Jahr machen. Ein Fuchs geht leer aus bei der Jagd nach einem jungen Steinböcklein, welches seiner Familie hinterher ist, sich aber gerade noch in einen fast senkrechten Steilhang flüchten kann, was selbst dem Fuchs zu gefährlich ist. Es gibt Affen, die sammeln harte Nüsse, die schälen sie erst, dann lassen sie sie trocknen und dann versuchen sie, die Früchte mit Steinen zu zertrümmern, um den Inhalt zu essen; bis sie die Technik perfekt beherrschen gehen gerne 8 Jahre ins Land. Geier, die Knochen von toten Tieren sammeln und hoch aus der Luft fallen lassen, um sie zu zerkleinern, damit sie sie verschlucken können, denn ihr Magen wird die Knochen aufweichen und Nahrhaftes freisetzen. Geparden jagen einen Straußenvogel, allein würde einer es nicht schaffen, so lobt denn der Sprecher den Teamgeist, den sie für die Jagd entwickeln, und siehe da, sie sind erfolgreich.

Wir sind in diesem Film immer auf der Seite der Besseren und der Stärkeren. Darwinistisch sozusagen. Das geht bis zum Tümpel in der Wüste, in den sich ein Urochse zurückgezogen hat und dem giftzüngige, gepanzerte Reptilien erst mal eine blutige Wunde ins Bein schlagen; der Blutgeruch zieht eine ganze Herde von Artgenossen an; das Gift braucht Wochen bis es wirkt, die Reptilien haben Geduld; und wenn der Ochse lahmt und zu Boden geht und sich nicht mehr wehren kann, haben sie ihn in drei Stunden in Fetzen gerissen und verschlungen.

So geht das beliebig weiter und beliebig fort von kriechendem zu schwimmendem zu rennendem zu fliegendem Getier, eine ganze Arche Noah wird hier vorgeführt; alle kämpfen ums Überleben, sie töten oder fliehen, sie bauen sich Nester, und es lebe die Mutterschaft, aber anthropogen fortpflanzen tun sich keine, denn so ein ? Tierfilm muss zwar 100prozentig anthropogen moralinisch sein (Mutterschaft, Siegen, Fressen) aber gleichzeitig jugendfrei. Wo der Zwang zur Besichtigung eines solchen Tierfilmes durch Menschen, zum Beispiel Lehrer, in der Kette einer Natur, eines Planeten einzordnen wäre, darauf gibt der Film leider keine Antwort. Die Namen der Macher sind leider vom Buchstabenfresser verschlungen worden.

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Das Buch von Bora Dagtekin (der auch die Regie besorgte) und von Andy Ramer stellt die Hauptfiguren und ihre verkorksten Verhältnise mit einer guten Prise Schwarzhumorigkeit und gutem Tempo vor.

Die hochgestörte und emanzipierte Mutter, die in der Erziehung ihrer Tochter alles falsch gemacht hat, aber man konnte ja alles besprechen und therapieren. Die nicht auf den Mund gefallene Tochter dieser Mutter, die das „erste Mal“ noch ängstlich vor sich hat, auch gar nicht weiß mit wem. Das ist die eine Familie. Die andere ist türkischen Ursprungs. Der türkische Fahnder, der Bücher über Forensik studiert. Sein Sohn, gut gebauter, aber leicht lernbehinderter Mann, mit großer Angst vorm Wasser und Nichtschwimmer dazu, denn seine Mutter wurde in seiner Gegenwart im Rahmen eines Racheaktes ermordet. Dessen Schwester, eine brave Kopftuchmuslima. Dessen stotternder Kumpel. Und dann noch der verklemmte Frieder.

Schon an einer Kreuzung auf dem Weg zum Flughafen müssen die Autos mit den beiden Protagonisten-Gruppen zufällig nebeneinander zum Stehen kommen und die Blicke und die Fingerzeige sind eindeutig. Dass man sich nur freuen kann, dass die im Flugzeug nach Thailand nebeneinander zu sitzen kommen. Dann führt eine schnelle Szene als köstliche Referenz an den Katastrophenfilm „Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug“ zum Absturz ins Meer, die Voraussetzungen für das Gegenteil eines langweiligen Pauschal-Urlaubes schaffend.

Durch die Katastrophe sind die Akteure definitiv zu Schicksalsgemeinschaften zusammengeschweißt und können lustvoll aufeinander losgelassen werden. Die Alten, die gleich gerettet worden sind, in dem feinen Resort mit der Karaoke-Bühne am Strand. Und die vier Jungen, der Türke, seine Muslima-Schwester, der Stotterer und die Tochter der gestörten Mutter, die vom Türken „Duden“ genannt wird, weil er gerne Sprachfehler korrigiert. Diese vier treiben in einer aufblasbaren Rettungsinsel auf dem Indischen Ozean. Bis schließlich ein Eiland mit Palmen in Sicht kommt. Der Autor dürfte die Robinson-Situation anpeilen.

In dem Resort reihen sich mehr oder weniger lustige Szenen und Dialoge aneinander zwischen türkischem Polizisten und der gestörten Mutter. Dito auf der Palmeninsel, an die die vier Schiffbrüchigen anlanden. Sie finden eine verlassene Hütte und sogar ein mit einer Kurbel zu betreibendes Funkgerät, das gut funktioniert bis die Kurbel bricht. Auf der Palmeninsel wandelt sich die Angelegenheit ins Dschungelcamphafte, aber immer mit Lust. In den Dialogen und dem Verhalten der Menschen zueinander, in ihren Verhinderungsmechanismen zur Liebe lässt Dagtekin die Leute gerne an ihren eigenen Vorurteilen auflaufen und das freut den Zuschauer meist auch. Ordentliches Pointenkino.

Der Film ist das Folgeprodukt einer hochgelobten Fernsehserie. Ihm fehlt aber nach der schneidigen Einleitung ab dem Flugzeugabsturz der Kinoatem, der es schafft einen Bogen bis zum Ende zu spannen. Dazu hätten die Konflikte der Figurer gründlicher analysiert und schärfer auf ihr Ziele hin untersucht werden müssen; auch die Interaktion mit den Störungen der anderen, die das Erreichen des Zieles nur hinauszögern, hätten besser durchdacht werden müssen. So paddeln denn mehr oder weniger gelungene Szenen an schönen Stränden und Dschungelwasserfällen mit vermeintlichen Menschenfressern oder Haigefahren dahin. Es fehlt an einem fürs Kino unerlässlichen, genau strukturieren Handlungsgerüst, was machbar gewesen wäre, denn die auf der Insel Gestrandeten wollen ja weg; und die Eltern im Resort würden versuchen alles in Bewegung zu setzen, um ihre Kinder zu finden. Anhand dieser Handlungen wären der Austausch und die Reibung über die Vorurteile und die eigenen Charaktereigenschaften kinostärker zur Geltung zu bringen gewesen. Wenn Menschen gemeinsam was tun müssen, dann kann man sie kennen lernen. Und darum geht es ja. Und wenn man sie so kennenlernte, so könnte man sie eventuell auch mögen und lieben lernen.

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Evelyn, Graham, Douglas und Jean, Muriel, Norman, Madge sind britische Senioren, die ihren Lebensabend in Indien, im Best Exotic Marigold Hotel verbringen wollen.

John Madden, der Regisseur, nimmt den Zuschauer von England aus mit auf diese nicht unbedingt selbstverständliche Reise in Richtung Lebensabend. Er gibt erst eine kurze Skizzierung der Lebenssituation der Beteiligten, die Gründe dafür, auf das verlockende Angebot aus dem Internet mit der Altersresidenz in Jaipur, einzusteigen. Er schildert sie in zynisch-britischem Humor als ziemlich erstarrte Herrschaften und Ladies. Schürt damit die Erwartungshaltung, dass sich hoffentlich in Indien vorm Ableben der Herrschaften noch dies und das ändern möge.

Primär dürfte der Entscheidungsgrund für das Abenteuer, was für die Beteiligten anfangs nicht als solches genommen wird, das Geld gewesen sein, das Altersruhegeld, womit man sich in Indien einen anderen, einen weit luxuriöseren Lebensstandard gönnen kann als in England.

Davon, dass die Reise nach und nach die Masken der Figuren aufbrechen lassen und wieder persönliche Gespräche ermöglichen und Erfahrungen machen lassen würde, davon hat wohl keiner geträumt. Aber wie das mit einer Reise so ist, sie verändert den Menschen und Madden lässt den Zuschauer daran teilhaben, macht es ihm anfangs nicht leicht mit seinen Holzschnitt- und Klischee-Figuren, lässt sie durch anonyme Flughafenwartehallen ziehen, in Indien kann der Anschlussflug wegen schlechten Wetters (uh, wir sind doch in Indien und nicht mehr in Britannien“) nicht stattfinden. Also muss auf einen öffentlichen, gerammelt vollen Bus umgestiegen werden: merke, in Indien gibt’s immer Platz. Die letzte Strecke muss mit dem Tuck-Tuck, einer Art motorisierter Rikscha zurückgelegt werden, und auch hier baumelt der Rollstuhl jener Dame, die am klischeehaftesten den Bösen Blick mimt, hintendrauf.

Wenn das versprochene Traumhotel jetzt das versprochene Traumhotel wäre, dann könnten wir die Senioren dort abliefern und ihnen einen schönen Lebensabend wünschen, denn dann gäbe es wohl nichts mehr zu erzählen. Aber da dem natürlich nicht so ist, gibt es einiges zu erzählen über das Bröckeln der britischen Senioren-Fassaden. Schuld sind die Umstände: Zimmer ohne Türen, Decken voller Staub über den Möbeln, der Lärm der Stadt, ein junger Hotelmanager, Sonny, viel zu jung und ganz offensichtlich überfordert, der alles verspricht und nichts vorzuweisen hat.

Aber die Alten reagieren erstaunlich wenig pikiert. Vielmehr suchen sie Betätigung, der eine will selbständig den Wasserhahn reaparieren, die andere sucht einen Job in einem Callcenter, die nächsten wollen in einem feinen Club anbandeln, der Herr beschafft sich Viagra, duscht kalt und will top on the mountain und der nächste outet sich und sucht seine alte Liebe in Indien.

Aus dem anfänglich inszenierten Seniorenkabarett, das sich von den Senioren im Allgemeinen und den Britischen im Besonderen eher billig genährt hat, schwenkt der Film, der einen Roman von Deborah Moggach zur Grundlage hat, den Ol Parker zum Drehbuch umgeschrieben hat, um ins Melodram, ins Besinnliche, in immer wieder ernste Gespräche, unterbrochen von Jokes über die Liebe, den Tod und das Risiko, die Zukunft, die Angst vor der Stille und der Veränderung.

Über manche Szenen weht ein Hauch Erinnerung an die Atmosphäre in Romanen von Somerset Maugham, der dekadente Hauch des Kolonialistischen.

Zwischendrin wiederum wähnt man sich im indischen Kino, immer wenn es um die triviale Liebesgeschichte von Sunny geht, der dritte oder vierte Lieblingssohn seiner Mutter und die die Frau, die er liebt, sie arbeitet in im Call-Center, selbstverständlich ablehnt.

Die Erfahrung des Zuschauers in diesem Film ist wie die der Beteiligten, anfangs ruckelt es gewaltig, man ist kritisch distanziert, fühlt sich fremd, es dauert bis man sich aufwärmt, bis man die Figuren lieben lernt, eben immer dann, wenn sie was von sich preisgeben, das nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit ist und plötzlich ist man gefangen darin – fühlt sich weitgehend ernst genommen als Zuschauer oder Reisemitmacher.

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Die Geschichte, die Leo Khasin in seinem Film erzählt, ist ganz deutlich als ein Konstrukt erkennbar, das zeigen will, dass Versöhnung möglich und machbar ist, Versöhnung zwischen Erzfeinden am Beispiel eines palästinensischen Jungen und eines alten Juden. Denn alle sind nur Menschen. Die Politik wird außen vorgelassen.

Der Junge ist Ali. Er ist mit seiner Familie nach Deutschland geflohen, kam im Asyllager unter, das wird kursorisch vor allem anhand von Kinderzeichnungen erzählt, Krieg und Unterdrückung, der die Palästinenser ausgeliefert sind. Die eigentliche Story fängt an, wie Ali, sein Vater, seine Mutter und seine beiden Geschwister aus dem Asyllager in eine eigene Wohnung in einem riesigen anonymen Wohnsilo in Berlin einziehen können.

Ali spricht zu diesem Zeitpunkt bereits perfekt deutsch, was doch sehr verwunderlich ist. Er wird allerdings auch als künstlerisch begabt vorgestellt. Er soll sich nun bei den anderen Jungs und jungen Männern im Quartier beweisen und mit diesen die Wohnung eines alten Juden, der eine Etage über der Familie von Ali wohnt, zerstören.

Er hat den alten Mann, er heißt Alexander, bereits beim Einzug kennen gelernt, denn diesem ist die Waschmaschine übergelaufen, Tropfen von der Decke bei Alis. Und nur Ali ist raufgegangen zu dem alten Mann, auch das nach der Lebenserfahrung eine Überraschung, aber zwengs der Geschichte muss das so sein. Alexander hat ihn bei der Verwüstung der Wohnung später deshalb auch erkannt und das bei der Polizei angegeben.

Ali hat noch Asylstatus, bei Konflikten mit dem Gesetz droht die Abschiebung. Das ist das Damoklesschwert, das nun über ihm hängt. Er fängt also an, dem alten Mann zur Hand zu gehen, ihm nicht nur zu helfen, die Unordnung, die er und seine Kumpels angerichtet haben, wieder zu beseitigen, sondern auch noch die Wohnung zu renovieren. Alexander will dafür die Anklage zurückziehen, denn er ist von der Zwangsübersiedlung in ein Altenheim bedroht, die Behörden trauen ihm nicht mehr zu, seinen Haushalt selbst zu bewältigen.

Es ist klar, woraus das hinausläuft, wir sind alle nur Menschen und mit gutem Willen und Sprechen kann man sich verstehen, alter, reifer und gebeutelter Mann, Jude und junger, unerfahrener,  gebeutelter Flüchtling, Palästinenser, der eine vom Wohnungsverlust bedroht, der andere von der Abschiebung. Das hat das Zeugs zu einer anrührenden Geschichte und darauf hin inszeniert Leo Khasin sein Buch denn auch.

In sich ist die Geschichte schlüssig und rezept- oder instinktsicher auf den versöhnenden Effekt hin gebaut. Die Frage ist, wieviel sie mit aktueller bundesrepublikanischer Gegenwart zu tun hat, wieviel mit dem Schicksal alter Juden und junger Asylanten. Da driftet die Geschichte nach meiner Wahrnehmung allerdings deutlich von dem Heute ab. Denn Flüchtlinge sind hier mit ganz anderen Dingen beschäftigt als mit Hassaktionen gegen Juden. Sie stehen in einem extremen papierkriegenen Überlebenskampf mit den Behörden, um Geld, um Nahrungsmittel, um Aufenthaltsbewilligung, Bewältigung des Lebens in einem Asyllager oder später in einer freien Wohnung, mit dem Problem des Deutschlernens und der Bildung, Lernen und Ergreifen eines Berufes, mit der Auseinandersetzung mit der fremden Kultur, mit den Traumata ihrer Vergangenheit.

Judenhass artikulieren in unserem Lande doch vor allem die Neonazis. Von Flüchtlingen ist mir das nicht bekannt. Dass der alte Jude ausgerechnet eine Wohnung über den Palästinensern bewohnt, kommt mir sehr geschichtskonstruktionsbedingt vor, ist Alexander doch als ein Mensch charakterisiert, der nicht unbedingt in so einem anonymen Block wohnen würde.

Auch sind mir die Konflikte innerhalb der Ausländergruppen, sowohl in der Familie als auch unter den jungen Männern, zu sehr an den Haaren herbeigezogen, zu künstlich aufgebauscht. Wenn zuviel auf den Ausgang der Geschichte hingetrimmt wird, so kann sie auch sehr schnell an Reiz und vor allem an Wichtigkeit und gesellschaftlicher Verbindlichkeit verlieren. Ein brisantes Thema, was Khasin hier anpackt, garantiert eben bei dieser übermäßigen Rücksicht auf die erzählerische Funktionabilität bei gleichzeitiger Vernachlässigung der realistischen Faktoren noch keine brisante Geschichte. Die Geschichte wird keinem weh tun, sie wird keinem den Blick für bundesrepublikanische Realitäten schärfen. Sie wird eher beruhigen, denn sie erzählt, dass die Probleme bei gutem Willen lösbar sind. Eine Placebo-Geschichte.

Die Geschichte ist in sich schlüssig, aber zu oft aufgeblasenes Theater. Wem hier im Lande wird sie was erzählen? Wer wird sie schauen wollen? Vor lauter Engagement für die Versöhnung hat doch der Autor glatt die Realität ausgeblendet, wie solche Konflikte in Gang kommen und verlaufen. Die Knallchargen vom Sozialamt und vom Wohnungsamt, die den alten Juden räumen wollen, die tragen auch nicht gerade zur Glaubwürdigkeit bei.

Kaurismäki hat in „Le Havre“ auch eine vollkommen erfundene Geschichte präsentiert, aber ihn hat nicht das herbeikonstruierte Ende als fast theologische Message interessiert, er hat mit seiner schrulligen Erzählweise vielmehr eine Menschenliebe artikuliert, die sich aus ganz genauer Beobachtung und auch aus einer politischen Haltung und Verwertung dieser Einsichten in die Geschichte hinein begründet – und damit attraktiv wurde. So weit scheint mir Leo Khasin noch nicht zu sein.

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Hauptperson ist der Headhunter Roger Brown gespielt von Aksel Hennie, der in seinem Zweitleben den Klienten teure Gemälde klaut, um sich damit einen luxuriösen Lebensstil zu leisten; aber seine Frau Diana hätte seit sieben Jahren nichts lieber als ein Kind.

Sein nächster Kunde, den er von einer Firma abwerben will, Clas Greve, wird sich allerdings zu einem außerordentlich verzwickten und blutigen Fall auswachsen. Dabei hatte seine Frau Diana ihm diesen Kunden zugeführt; die Beute ist verlockend: ein echter Rubens im Millionenwert. Vorher wurde noch gezeigt, wie ihm bei seinem letzten Bruch gerade mal 10’000 geblieben sind, nicht mal genug für die nächste Hypothekenzahlung. Die Vorlage zum Drehbuch ist der gleichnamige Roman des Erfolgsautors Jo Nesbo.

Wie haben nun die Autoren Lars Gudmestad und Ulf Ryberg ein Drehbuch für die Verfilmung unter Regisseur Mortem Tyldum geschrieben? Sie haben sehr ordentlich die Geschichte exponiert, wie Brown vorgeht, sehr schön gezeigt, wie er sein Doppelleben führt, wie er smart und schnell die Brüche verübt in Kooperation mit der Polizei, die die Objekte überwacht, wie seine Frau lieber Kinder zeugen möchte, er aber immer wieder Termine hat, wie er in Kontakt mit Greve kommt. Wie er den Rubens gekonnt klaut. Das wird alles sehr sauber, fast wie ein Infofilm, ein Aufklärungsfilm über diesen Verbrecher zu- und ausgebreitet.

Mein Hauptproblem dabei ist, dass der Hauptakteur Roger Brown immer in Handlung gezeigt wird; es gibt nicht einen Moment, wo er ruhig zu sehen ist, wo er nachdenkt oder in einer Zwickmühle steckt, wo der Zuschauer sich mit ihm als dem Hauptdarsteller beschäftigen könnte, sich fragen könnte, was ist mit ihm los, was sind seine Antriebkräfte, seine Gründe.

Aksel Hennie hat ein interessantes Gesicht, große Augen und schöne Locken; aber der Film gibt dem Zuschauer nicht die Chance, ein emotionales Verhältnis zu ihm herzustellen. Er wird vielmehr eingesetzt wie eine Spielfigur, um die entsprechende Züge des Vorbildes auf dem Spielbrett deses Verbrechens nachzuzeichnen. Das scheint mir das größte Manko in der Drehbuchbearbeitung zu sein. Zumindest hinsichtlich einer breiten Wirkung im Kino.

Fürs Fernsehen mag die Sache taugen. Aber im Kino kommt der Stoff auf diese Weise sehr oberflächlich daher. Weil er, außer jetzt mal der Ehediskussion über Kinder, Konflikte nicht aufspürt und nicht einsetzt. Das scheint mir das Haupthandicap dieses an sich spannenden und verzwickten Kriminalfalles zu sein. Auch die Farbgebung kommt mir relativ steril fernsehmässig vor. Sie wird der bunten Werbung ums Programm herum nichts wegnehmen.

Es gibt zwar einen theoretischen Schlüssel zum Handeln, zur Motivation von Roger Brown. Gleich zu Beginn schon wird erwähnt, dass er nur 1,68 Meter groß sei und dass er das kompensieren müsse. Das wird lediglich als theoretische Info bekanntgegeben und die Chance, das filmisch zu nutzen, es dem Zuschauer emotional zu vermitteln, wird nicht gepackt (die Amerikaner sind da meist fitter, die würden statt dessen einen kleinen Bilderbogen mit diversen Kompensationsübungen der Figur einfügen, damit der Zuschauer das eben auch sinnlich und nicht nur theoretisch wahrnehmen kann). Dann der Grundsatz „Wer nicht spielt, gewinnt nicht“, auch das eher eine allgemeinplätzige Handlungsbegründung, die nicht in der Figur fundiert ist. Schließlich die ganzen Begründungen seines Handelns mit dem Renommée, die bleiben rein theoretisch, im Vergleich zu den Möglichkeiten im Kino: Papier. Papierkino. Kinopapier.

Sicher gibt es komische Einsprengsel: der Kommissar, der mit seiner Freundin in der Hütte Nacktschießen mit Platzpatronen übt.
Aber das Verhältnis zu seinem Gegenspieler Greve wird nicht prickelnd eingeführt, sie spielen Squash, das ist nun gerade nicht das Symbol, was irgend eine Erwartung auf einen an sich außerordentlich spannenden und verzwackten Kriminalfall schürt.

Das Drehbuch kommt mir eher vor wie eine Skizze zum Plot, jedoch nicht auf die subjektive Sicht der Hauptfigur hin untersucht.
So kann der Zuschauer eventuell zum Gutachter werden, nicht aber zum Mitfiebernden.
Stellenweise wirkt der Film wie ein Studentenfilm, gerade dort, wo er aus dem Realistischen in den Horror abzudriften beginnt. Weil die emotionale Bindung zum Zuschauer nicht hergestellt wurde. So wirkt dann ein Satz wie „Milch neutralisiert“ irgendwie komisch (gegen ein Gift).
Es fehlt sozusagen die psychologische Analyse der Figuren. Der Film hat keinen Psychoappeal.

Man könnte ihn aber auch als einen Film um ein spannende Thema beschreiben: es geht um ein Gel, wenn ein Mensch das eingerieben bekommt, dann ist er immer ortbar, denn das Gel ist auch nicht leich abwaschbar. Das wird alles eine gravierende Rolle im Laufe der weiteren, teils sehr blutigen Entwicklungen spielen.

Andererseits werden zwei komisch-dicke Polizistenfiguren wie aus den Vätern der Klamotte zur Bewachung vor ein Spitalzimmer postiert, bei denen man sich fragt, auf welcher Ebene der Ernsthaftigkeit die Macher dieses Filmes spielen.

Das Kino, was die Norweger uns hier mit Produktionshilfe vom inzwischen dispensierten Herrn Jurgan von Degeto präsentieren, ist ein Kino, was uns die Innenansicht des Protagonisten vorenthält; dabei wäre das eine der größten Möglichkeiten, die das Kino bieten kann, um sich vom Sach-, Fach- und Lehrfilm und vom Fernsehen zu unterscheiden. Hier gibt es nur Außenansichten. Mit anderen Worten, hier wird auf eine hervorragende Qualität, die Kino bieten kann, verzichtet. Darum kommt mir dieser Film stellenweise so hohl vor. Das können pseudoernsthafte Gespräche über die Liebe nicht wettmachen.

Fazit: ein raffinierter Fall, aber fürs Kino nicht raffiniert genug bearbeitet.

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Ein Marseille-Film. Auch ein Mittelmeerfilm. Ein Hafenarbeiterfilm. Ein sozialistischer Film. Aber doch auch ein Familienfilm.

Ein Film, den man sich vorstellen kann wie den Besuch bei einem alten Bekannten, den man lange nicht gesehen hat, einer der seinen Überzeugungen treu geblieben ist und den man gerade deswegen schätzt. Die beruhen auf Marx und verstehen nur schwer, warum manche sehr reich sein können und in riesigem Überfluss leben, während andere fast am Hungertuch nagen, obwohl alle gleichzeitig auf derselben Welt leben oder auch innerhalb von Marseille.

Ein alter Bekannter von dem man weiß, wenn man ihn besucht, so dauert das, und es wäre respektlos und unfair, sich über ihn lustig zu machen und sich die Zeit nicht zu nehmen; denn es ist eine sehr humane Atmosphäre, die er verbreitet, sie hat ihr Thema, die Gerechtigkeit und er erzählt durchaus reflektiert, er entwickelt seine Story langsam, step by step. Die kann auch recht konstruiert sein, denn der Bekannte ist ein humanistischer Moralist; es kommt also mehr auf die Moral an als auf dokumentarische Beobachtungsgenauigkeit.

Erhellend für diesen Film könnten durchaus zwei Dokumentarfilme sein. Der eine ist von Stanley Kubrick, der erste Farbfilm den er 1953 in Kalifornien gedreht hat, „The Seafarers“, der ganz präzise das System beschrieb, nach welchem die Hafenarbeiter ihre Jobs verteilten, ein System, was versucht größtmögliche Gerechtigkeit herzustellen. Und dann auch Alain Tanners Film von 1995 „Les hommes du port“, in dem er die gewerkschaftliche Organisation der Hafenarbeiter von Genua schildert. Die könnten das Dokumentarische an der moralischen Geschichte von Guédiguian erhellend bedeutsam machen.

Die Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit, um die es Robert Guédiguian hier geht, ist die, dass die Gewerkschaft, um Arbeitsplätze zu retten, selbst die Auslosung von 20 Namen von Arbeitern vornimmt, die ihren Job verlieren werden. Guédiguian hat zusammen mit Jean-Louis Milesi das Drehbuch nach einem Gedicht von Victor Hugo „Die Armen Leute“ geschrieben und auch die Regie geführt.

Der Protagonist, Jean-Pierre Darroussin als Michel Marteron, zieht gleich zu Beginn des Filmes am Hafen von Marseille die Lose und liest die Namen vor. Die Betroffenen nummerieren sich von 1 bis 20 durch und treten einzeln vor. Aber es hat auch Michel selbst getroffen. Der ist allerdings schon nahe dem Rentenalter. Seine Frau arbeitet als Pflegerin. Sie haben Kinder. Und Enkel. Die leben in einer gut gesicherten, geschloßenen Wohnanlage hoch über Marseille. Er hat denen eine Pergola gebaut. Ihn trifft es also wenig. Er ist gut versorgt. Für ihn fängt ein neuer Lebensabschnitt an mit viel Zeit für die Enkel. Das wird auch ausgiebig berichtet.

Andere trifft es härter. Ein junger Kollege muss seine zwei kleinen Geschwister versorgen und die Mutter, oder wie sie sagen, die ältere Schwester, ist nie zuhause. Von ihrem Job als Stewardess auf einem Schiff bringt sie nicht genügend heim in die verlotterte Wohnung in einem anonymen Wohnhochhaus.

Unser Erzähler konstruiert nun einen Überfall an dem der benachteiligte Jüngere beteiligt ist, auf die Privilegierten, auf den Frührentner. Denn der und seine Frau haben zu ihrem Jubiläumshochzeitstag von den Hafenarbeitern eine kleine Kiste mit viel Bargeld und zwei Tickets für eine Reise nach Tansania geschenkt bekommen. Ja, es ist ein gemütlicher Film, denn diese Tickets und die Aussicht auf Tansania wird zum Beispiel genutzt für eine kleine Szene am Strand, wie das alte Paar dasitzt und den Badenden zuschaut und wie sie die hübschen jungen Frauen als Löwinnen bezeichnen und die Masse der Menschen als Gnus. Leben in Marseille und träumen von der Welt. Als Arbeit der Imagination ist Tansania doch viel lustiger als selbst hinzufahren.

Gewerkschaftshelden, Arbeiterhelden. Als Junge war Michel von einem Comic fasziniert mit dem Helden „Strange“. Den Comic bekommt er zu diesem Fest wieder geschenkt. Der wird eine entscheidende Rolle spielen bei der später folgenden Überfallsgeschichte, bei welcher sie Geld und Ticket wieder los werden. Michel ist ein eigenartiger Arbeiterheld, eine typische Darroussain-Figur auch. So ganz klar ist mit ihm nicht zu kommen. Vielleicht ist er der typische Arbeiter-Denker-Idealist. Der bis ins hohe Alter sich über die Ungerechtigkeit der Welt aufregen kann. Der sich aber sein kleines, feines Nestchen gebaut hat.

Das schlechte Gewissen dem jüngeren, kriminell gewordenen Kollegen gegenüber, der verhaftet wird, weil Michel der Polizei den Tipp gibt, und in den Knast kommt, wird sentimental kompensiert mit einer guten Tat. Auch sucht Michel vorher noch das Gespräch mit dem Kollegen. Der geht auf heftige Abwehr. So werden ein paar Argumente über die Ungerechtigkeit der Welt virulent.

Eine Szene, die man vielleicht unter der „Art de vivre de Marseille“ subsumieren könnte ist, wie die Frau von Michel vor all diesen Problemen, denn Michel trägt noch Wochen nach dem Überfall den Arm in der Schlinge, allein in ein Kaffee gehen will, was sie seit Jahren nicht mehr getan hat und wie der Kellner, ein ganz junger, aparter mit großen Augen, ihr eine Getränke-Lebenshilfe-Beratung bietet, gegen was was gut sei und für sie zum Schluss kommt: Metaxa. Das ist eine Szene im Film, die die übrige Gemächlichkeit kurzfristig verlässt.

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So ein Containerschifffilm hat Charme allein schon deswegen, weil als Subakkord semibewusster Perzeption die moderne Schiffspiraterie die Nerven in Richtung Gefahr kitzelt.

In diesem Film von Baltasar Kormakur, wozu Aaron Guzikowski basierend auf dem Film „Reykjavik-Rotterdam“ der Autoren Amaldur Indrioason und Oskar Jonasson das Drehbuch geschrieben hat, geht es allerdings nicht um moderne Seepiraterie, sondern um Schmuggel in Containerschiffen durch die Besatzung.

Chris Farraday war so ein Schmuggler, Mark Wahlberg spielt ihn, seine Wohlbeleibtheit, die sympathisch macht, allerdings nur gelegentlich und ganz dezent andeutend. Er hat dem Schmuggel abgeschworen, sich zivilisiert, ist seriös geworden, fast ein bisschen phlegmatisch, mit einer hübschen blonden Frau mit vollendetem Gesicht, der beim Spielen zuzuschauen irgendwie erschütternd ist, wenn so eine Schönheit geschlagen wird oder Unsicherheit und Verwirrung darstellen muss. Er hat mit ihr zwei Buben im lustigsten Lausebengel-Alter.

Leider hat seine Frau einen Bruder, der gerade die Pubertät in Richtung erste erwachsene Torheiten hinter sich gelassen hat und der von seinem berühmten Schwager – und auch dessen Vater – lernen will und sich im Kokainschmuggel versucht. Wie der Zoll das Schiff durchsucht und er die heiße Ware gerade noch rechtzeitig über Bord werfen kann, damit fängt der Film an, schafft er dem ruhigen Wahlberg ein riesiges Problem, denn die Dealer wollen die Kohle sehen und zwar dallidalli und im brutalen Geschäft des Rauschgifschmuggels gilt Sippenhaftung ganz ohne Pardon. So bleibt Farraday auch im Interesse seiner jungen Familie nichts anderes übrig, als sich nochmal auf so ein Geschäft einzulassen, um für den Schwager die Kohle zu beschaffen.

Die Sache eilt. Im Moment wäre gerade ein Ding mit zwei Paletten nagelneuer erstklassig gefältschter Dollarnoten frisch ab Werkstatt in Panama möglich. Keine Wahl für Farraday. Er gesteht das seiner Frau auch offen und ein Freund von ihm, der beim Hafen arbeitet, aber auch nicht ganz koscher ist, der hagere, finstere Giovanni Ribisi als Tim Briggs, fädelt diesen letzten Coup für Wahlberg ein und verspricht, währenddessen auf seine Frau und Kinder aufzupassen, denn mit den Dealern, denen die Lieferung entgangen ist, ist nicht zu spaßen.

In engstem Zeitkorsett muss Farraday nach Panama, die Ware entgegennehmen, sie aufs Schiff schmuggeln, es türmen sich aber ungeahnte Hindernisse auf und selbst wie diese erfolgreich geklärt sind, kommen während der Rückfahrt in die USA – der Zuschauer hat dafür ein paar schöne Panamakanal und Panamastadtbilder zu sehen bekommen, nebst diverser gutgängiger Ganovenaction – verkompliziert sich die Geschichte noch weiter, so dass sie schier nicht mehr lösbar scheint. Das ist nicht ohne gravierende Folgen für zuhause. Denn Briggs spielt ein doppeltes Spiel, soviel darf hier verraten werden.

Nicht ausgeplaudert aber wird, wie elegant die Drehbuchautoren sich dann doch Lösungen haben einfallen lassen, die sind wirklich nicht einfach, denn durch den Lauf der Dinge hat sich das Schmuggelgut vermehrt um einige Packungen reinweißen Kokains und ein Gemälde moderner Kunst im Millionenwert, das Anlass gibt für ein paar pseudokunstkritische Szenen gibt, die noch die Saite „was ist moderne Kunst und was ist ihr Wert“ brauchbar lustig zum Erklingen bringen.

Was weiter den Charme dieses Filmes ausmacht ist sicher die Besetzung der Hauptrolle mit Mark Wahlberg. Er strahlt so eine gemütliche Ruhe aus, die vielleicht vergleichbar ist mit dem Familiaritätslevel, den einst der Kommissar Kress von Rolf Schimpf im deutschen Fernsehen etablierte.

Was auch beruhigend wirkt, zeigt doch der Film, wie unendlich mühsam so ein Schmuggelgeschäft ist und wie hochriskant; und das wahre Leben dürfte dem Schmuggler nicht so wohlgesonnen sein wie der Drehbuchautor Aaron Guzikowski hier dem Mark Wahlberg.

Weiteren Charme verbreitet durchaus die deutsche Nachsynchronisation, angenehm dezent, sozusagen der Atmosphäre, die Wahlberg fürs gesamte Ensemble verbreitet, angemessen.

Das Movie macht Lust auf mehr Containerschifffilme. Denn so ein Schiff ist etwas Großes, Mächtiges, aber auch etwas Ruhiges, aus einer gewissen Distanz gesehen sogar Behagliches, wenn es nicht durch einen dummen Fehler gerade dabei ist, die Kaimauer von Panama zu rammen – eine der kleinen Actionideen aus dem Film.

Für einen nasskalten Frühjahrstag ergibt das einen Ausflug in schönere Gegenden nicht ganz ohne Kribbeln.

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Ulrich Schamoni war ein wichtiger deutscher Filmemacher von etwa Mitte der 60er bis Mitte der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts, einer der prägenden Köpfe des Neuen Deutschen Filmes. Mit seinem ersten Spielfilm „Es“ hatte er dank gezielter Zuspitzung der Probleme in der Beziehungskiste gleich für Furore gesorgt und den Deutschen Filmpreis erhalten, der damals noch eine gewisse Geltung gehabt hatte.

Wie er in den Neunzigern an Leukämie erkrankte, fing er ein filmisches Tagebuch an, das er bis zu seinem Tod 1998 immer wieder fortführte. So sammelten sich die Kassetten, die das Material für ein filmisches Selbstportrait des Künstlers als eines Mannes im Angesicht des Todes lieferten. Seine Tochter Ulrike hat dieses Material jetzt gesichtet, mit anderem historischem Material und mit vielen Filmausschnitten aus dem Werk des Vaters angereichert und zu einem Film montiert, der zu einer beeindruckenden Begegnung mit der Persönlichkeit von Ulrich Schamoni wird.

Sein Lachen erinnert an Willy Millowitsch, so zeigt er jedenfalls seine Zähne. Er hat auch diesen herzlichen, non-aggressiven Humor. Meist baut er die Kamera auf einem niedrigen Stativ auf, vor allem im Garten, und dann beugt er sich von vorn oder von der Seite runter vors Objektiv und erzählt über seinen Zustand, dass er wieder frisches Blut bekommen habe, dass er früh aufgestanden sei, dass er sich auf die Sonne freue an diesem Tag oder auf Naturaufnahmen, die er im Garten machen wolle von den Fröschen, den Amseln, den Bienen, von Krokussen und rotem Mohn. Meist trägt er eine Art Raumfahrer-Hausanzug wie eine Art Pyjama aus einem Stück, einen häuslichen weißen Overall, mit dem er sich zuhause und im Garten bewegt, darüber einen Schal und eine Baskenmütze und oft raucht er eine feine Cigarre.

Der Arzt hat ihm das sowieso empfohlen, je schlimmer die Befunde wurden und er solle sich durchaus gelegentlich besaufen. Das tat er einmal ausgiebig mit dem Wirtschaftsminister, zu viel Marillen-Schnaps, so dass ihm am nächsten Morgen richtig schlecht war.

Schamoni wohnt in einem idyllischen Häuschen mit Garten, Swimming-Pool und Goldfisch-Teich. Leider wurde 1997 das Haus nebenan, in dem früher mal Gretchen Dutschke geschaukelt hatte, abgerissen, so dass oft der Baulärm stört. Aber Schamoni geht ganz stoisch um damit, muss eventuell mal seinen Vortrag für die Kamera, die für ihn wie zum vertrauten Zuhörer wird, abbrechen. Aber nie eine Regung von Rage oder Wut.

Er scheint immer sehr ausgeglichen. Oft sitzt er auf dem einen oder anderen bequemen und ausladenden Möbel seines Hauses, das, wie es in einem Filmclip einmal erwähnt wird, das Zentrallager des Parises Flohmarktes sein könnte. Die Wände vollbehängt mit Bildern, die Regale voll mit Büchern und Figürchen und schönen Gegenständen. Eine akademische Künstlerbehausung. Wirtschaftliche Probleme scheinen keine Rolle zu spielen.

Er hat sich eingerichtet mit seiner Krankheit. Jammern kommt nicht in Frage. Eher sieht es so aus, als mache der Filmer hier ein freches Experiment, als lasse er sich auf eine radikal-private Selbstdarstellung ein.

Einmal heiratet er eine zweite Frau. Da gibt’s tolle Hochzeitsdekorationen im Haus und Fototermin ist unterm Brandenburger Tor. Mal räkelt er sich im Bett oder auf dem Sofa und sagt, er denke schon darüber nach, was er für eine bessere Welt beitragen könne.

Sein größtes Projekt scheint zur Zeit dieses Tagebuches die Entwicklung der Idee eines Filmes über Arminius, Hermann den Cherusker; nicht über die Schlacht im Teutoburger Wald, nein das wär Scheiße, das interessiert ihn nicht; ihn interessiert, wie dieser Herman aus Pflichtgefühl den Feldzug nach Palästina mitmacht und dann in den Census verwickelt wird und wie er auf Zacharias stosse und auf eine Maria und damit sei man schon mitten im Neuen Testament. Schamoni hat Studien zum Thema angefordert. Einmal präsentiert er ein dickes Paket mit viel solchem Material, was eben angekommen sei. Da schaut er triumphierend-listig-lustig-verheißungsvoll, nicht ohne Schalk in Augen, Stimme und Gestik.

Aber dann verliert sich das Thema plötzlich aus dem Film. Dafür geht er auf Shopping-Tour ins KDW und bringt Tüten voller Spielzeugfiguren mit nach Hause, die er zum Teil im Garten postiert oder auch auf dem Tisch in Großaufnahmen zeigt. Des Knaben Wunderhorn.

Als Eingangsmotto setzt Ulrike Schamoni ein Zitat von ihrem Vater, das er in die Kamera spricht „Wer einen großen Sprung tun will, der muss erst rückwärts gehen“. Oder ein anderes Thema: „Gott gibt uns die Nüsse, aber er knackt sie nicht auf.“

Eindruck: Beschauliches Filmgelehrtenleben, Akademiker-Künstlerleben, die Aussicht aus seinem Haus, die erinnert ihn an Caspar-David Friedrich. Je nach Laune setzt er zu einem schönen Bild zum Beispiel eine Beethovenmusik auf. Bei seiner Hochzeit spielten Mariacchis „La Cucaracha“. Ein gebildeter Mensch. Der aber voll in seiner kleinen privaten Welt aufzugehen scheint. Der aufmerksam das Wetter und dessen Veränderungen betrachtet, das Erblühen der Natur: Katze, Frösche, Amsel, Schmetterlinge, Bienen, Spinnen, Igel, Lilien, Mohn: er sucht „Poesien im Regen“ einzufangen. Oder er freut sich über den Altweibersommer. Einmal fällt er beim Drehen auch in den Pool. Das wird klar gestellt in einer späteren Szene: er fischt die nassen Pantoffeln raus und erwähnt den Sturz. An der Stelle selber war mit Platsch aus. Manchmal trägt er Holzschuhe oder auch Stiefel.

Künstlerische Selbstportraits im Film. Was will uns Schamoni damit erzählen. Es sind absolut keine wichtigen Sätze zum Kino, die darin vorkommen. Er schildert nur, und das von Szene zu Szene anrührender, sein kleines privates, menschlich-fleischlich-intellektuell-bürgerlich-spießiges Leben in seinem Häuschen und dem es umgebenden Garten-Biotop und wo man an einem reichlich gedeckten Frühstückstisch sich für den Tag stärkt.

Die Baustelle stört in offenbar doch stärker, als er bisher sich hat anmerken lassen, weil nämlich sein eigener Garten plötzlich in Mitleidenschaft gezogen wird. So gibt es denn eine köstliche Szene, in der bekommt ein junger Rechtsanwalt. „ein Einführunsgespräch für einen jungen Anwalt, der aktiv werden soll wegen der Baustelle“, so der lakonische Kommentar von Schamoni.

Seine Zeit vertreibt er sich auch mit Fernsehschauen, am Rande interessieren ihn Sportereignisse, wie Boxer Tyson und das abgebissene Ohr, Fussball, Tour de France oder der Tod, der furchtbare Unfalltod von Prinzessin Diana. All das kommentiert er mit einer leicht distanzierten Nähe zur Ironie, in einer Art Verwunderung, was es nebst dem Kreuchen und Fleuchen in seinem Gärtlein sonst noch so alles gibt. Er behauptet auch, dieses Selbstportrait, das sei Non-Fiction, das sei harte Realität.

Leben in guten Verhältnissen und doch krank sein. Immer wieder frisches Blut erhalten müssen. Später dann Medikamente mit unangenehmen Nebenwirkungen. Gehobene Lebens-Verhältnisse, die sich eine Putzfrau leisten können. Der Arzt rät ihm zu Aufregung, aber nur positiver. In seinem Haus, da werden Weihnachten und Ostern ausgiebig dekoriert gefeiert. Am Rande kommen auch mal seine Frau oder seine Tochter vor oder es gibt sogar Besuch von seinem Bruder Peter. Aber die anderen Figuren spielen in diesem Selbstportrait eine periphere Rolle. Mal hilft ihm die Tochter den Osterbaum oder den Christbaum schmücken. Oder seine Frau steht hinter der Kamera. Und um den Christbaum herum fährt eine Spielzeugeisenbahn mit einem Putto drauf.

Ein standesgemäßer Intellektueller? Gewiss. Gerne macht er Präsentationsgesten, lässt auch mal das neue Jahr zur Tür rein. Und ist ganz verwundert, wie schon Februar ist oder gar März. Und dass er immer noch lebt. Was treibt ihn dazu, dieses Tagebuch zu führen? Dann beklagt er sich aber doch, und er wirkt müde, er habe zu viel Eisen im Körper durch die vielen Bluttransfusionen. Dann wiederum findet er es „irr, nö“ dass schon Oktober ist und er immer noch am Leben.

Ein besonders schönes Bild: da sitzt Schamoni kaum zu sehen in einem Fauteuil, raucht Ciagarre, die Kamera ist durch dieses und das folgende Zimmer nach draußen gerichtet, dann verlässt er gegen das Licht den Raum und die Rauchschwaden ziehen langsam gedehnt in Richtung Kamera. Fast zu poetisch für ein baldiges Ableben.

Eine Art Wettbewerb zwischen Vätern und Söhnen: den Vater zu überleben, er jedenfalls stellt mit 58 Jahren fest, dass sein Vater so alt nicht geworden sei. Doch nur ein Schnippchen dem Schicksal schlagen?

Biographischer Background: er fing als Schauspielschüler bei der Zarboni-Schule an, wurde später Regieassistent bei Rudolf Noelte.
Er möchte doch so gerne was tun für den Fortschritt der Menschheit, erkennt aber auch: manchmal muss man spielen wie die Geige es will. Die Medizin, die ich zur Zeit nehme, ich leide sehr darunter, Nebenwirkungen.

Warum der Film vielleicht gerade heute interessieren sollte? Vielleicht weil so gar kein karrieristisches Denken von Ulrich Schamoni ausgeht. Aber vielleicht hattens die auch leichter. Es wurden ja noch keine Regisseure an protzigen Neubau-Hochschulen ausgebildet. Die Menschen hatten in den 60ern noch genügend zu tun mit dem Wirtschaftswunder. Heute wird durch die Schulen und die Subventionen eine ganz andere Kampfstimmung in die Branche gebracht. Die Künstler haben heute viel mehr so zu spielen, wie die Geige es will, um mit Schamoni zu sprechen. Aber er hatte bei dem Satz wohl eher seine Gesundheit im Auge gehabt. Und: dieser Film macht neugierig auf seine fiktionalen Filme.

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