Das Kino ist eine Traumfabrik und es kann industriell Träume herstellen. Traumhafte Geschichten erfinden. Wie drei Wale, die im Packeis von Alaska gefangen sind und von Menschen mit den verschiedensten, widersprüchlichsten Interessen und politischen Anschauungen geretttet werden. Hollywood erfindet diese Geschichte so schön, dass man sie schier glauben möchte, denn das sind schließlich die Mittel der Traumfabrik. Und wenn es zu Beginn schon heißt „nach einer wahren Geschichte“, so wird das Märchenhafte nur noch mehr rausgstellt und der Industrieregisseur Ken Kwapis bekommt grünes Licht für seine Arbeit, der Verfilmung des Drehbuches von Jack Amiel und Michael Begler, die sich den Roman „Freeing the Whales“ von Thomas Rose zur Vorlage genommen haben.
Es geht um eine Familie von Grauwalen bestehend aus Papa, Mama und deren Junges, die im Eis nur noch ein Loch haben, an dem sie zum Atmen an die Oberfläche kommen können, aber es wächst mit rasender Geschwindigkeit zu.
Zum Glück entdeckt das ein lokaler Reporter, sein kleiner Bericht erregt die Aufmerksamkeit von großen TV-Stationen, wird bald weltweit zum Newsprodukt, zum Newsfortsetzungsprodukt.
Somit sind die unterschiedlichsten Interessen alarmiert und wollen zur Rettung dieser Wale ihr Teil beitragen als auch ihr Teil davon abschneiden. Die Vertreterin von Greenpeace, die erst die Eskimos anprangern will wegen ihres Walfangs – doch die einigen sich schnell auf die Rettung. Der Ölmagnat, der dort nach Erdöl bohren will, entdeckt die PR-Chance, unterstützt die Heranschaffung eines Luftkisseneisbrechers (diese Geschichte wird sich dann leider irgendwo im Packeis verlaufen, einen solchen Luftkisseneisebrecher hätte man schon gerne in Aktion gesehen). Eine Reporterin, blond, hollywoodschön sieht als Berichterstatterin vor Ort ihre Chance, weil der Oberreporter ihres Senders die Sache für zu unwichtig hält (wichtig ist, worüber er berichtet, meint er). Zwei Kompagnons, die ein Enteisungsmittel vertreiben, wittern ihre Werbe-Chance. Die Eskimos machen das Geschäft ihres Lebens mit der Vermietung von Hundeschlitten und dem Beherbergungsgewerbe. Und der Eskimojunge verscherbelt ganz simple Kartons als Isoliermaterial gegen das Eis zu Wucherpreisen.
Bald schon sind Mengen von Menschen auf dem Eis versammelt, damit beschäftigt, alle paar Meter neue Eislöcher zu bohren, damit die Wale Richtung offenes Meer schwimmen können, was diese dann auch kapieren und tun. Inzwischen hat sich aber am Rande des Eises ein Eisberg aufgetürmt, der nur mit einem starken Eisbrecher durchstoßen werden kann, die letzte Hürde zum Meer und zur Rettung. Zum Glück ist ein russischer Eisbrecher in der Nähe. Wir schreiben das Jahr 1988; es ist noch Kalter Krieg. Aber in Russland ist Gorbi an der Macht und im Weißen Haus Ronald Reagan. Die beiden Herren telefonieren miteinander, brechen so schon vorsorglich mal die Eismauer.
Man verrrät kein großes Geheimnis, wenn man ausplaudert, dass die Geschichte insgesamt gut ausgehen wird. Sonst wärs ja kein Märchen. Es ist ein ohne große Bedenken industriell hergestelltes Märchen mit einem industriellen Cast, der seine Funktion erfüllt, denn es geht schließlich um die Wale und nicht um schauspielerische Brillanz. Insofern bleiben die Geschichten zwischen den Menschen sehr skizzenhaft und oberflächlich, es sind Filmfiguren und nicht solche aus dem wahren Leben. Darin dürfte vielleicht die begrenzte Wirksamkeit dieses gewiss familienfreundlichen Filmes begründet sein, denn der ins Kino gehende Mensch vergleicht und es gibt im Kino viele Filme, die doch genauer auf die Menschen und ihre Widersprüchlichkeiten, ihre Sehnsüchte, ihr Lieben und Vorlieben schauen und diese konsequenter herausarbeiten; dagegen scheint dieser Film zwar wie ein schönes Märchen, aber ob ein durchschnittlich kinobewanderter Mitteleuropäer heute noch solche Märchen im Kino braucht, das wird bald an den Kassen abzulesen sein. Vielleicht Familien mit sehr kleinen Kindern, denn der Rest kann sich trotzdem unterhalten und es ist auch nicht allzu anstrengend. Hier sind die Figuren eher Abzhiehbildchen von Menschen, die dazu erfunden wurden, ihre Funktion in der Walrettungsgeschichte zu erfüllen – und dieser Intention genügen sie.

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