Archiv für 16. Februar 2012
Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Das Kino ist eine Traumfabrik und es kann industriell Träume herstellen. Traumhafte Geschichten erfinden. Wie drei Wale, die im Packeis von Alaska gefangen sind und von Menschen mit den verschiedensten, widersprüchlichsten Interessen und politischen Anschauungen geretttet werden. Hollywood erfindet diese Geschichte so schön, dass man sie schier glauben möchte, denn das sind schließlich die Mittel der Traumfabrik. Und wenn es zu Beginn schon heißt „nach einer wahren Geschichte“, so wird das Märchenhafte nur noch mehr rausgstellt und der Industrieregisseur Ken Kwapis bekommt grünes Licht für seine Arbeit, der Verfilmung des Drehbuches von Jack Amiel und Michael Begler, die sich den Roman „Freeing the Whales“ von Thomas Rose zur Vorlage genommen haben.
Es geht um eine Familie von Grauwalen bestehend aus Papa, Mama und deren Junges, die im Eis nur noch ein Loch haben, an dem sie zum Atmen an die Oberfläche kommen können, aber es wächst mit rasender Geschwindigkeit zu.
Zum Glück entdeckt das ein lokaler Reporter, sein kleiner Bericht erregt die Aufmerksamkeit von großen TV-Stationen, wird bald weltweit zum Newsprodukt, zum Newsfortsetzungsprodukt.
Somit sind die unterschiedlichsten Interessen alarmiert und wollen zur Rettung dieser Wale ihr Teil beitragen als auch ihr Teil davon abschneiden. Die Vertreterin von Greenpeace, die erst die Eskimos anprangern will wegen ihres Walfangs – doch die einigen sich schnell auf die Rettung. Der Ölmagnat, der dort nach Erdöl bohren will, entdeckt die PR-Chance, unterstützt die Heranschaffung eines Luftkisseneisbrechers (diese Geschichte wird sich dann leider irgendwo im Packeis verlaufen, einen solchen Luftkisseneisebrecher hätte man schon gerne in Aktion gesehen). Eine Reporterin, blond, hollywoodschön sieht als Berichterstatterin vor Ort ihre Chance, weil der Oberreporter ihres Senders die Sache für zu unwichtig hält (wichtig ist, worüber er berichtet, meint er). Zwei Kompagnons, die ein Enteisungsmittel vertreiben, wittern ihre Werbe-Chance. Die Eskimos machen das Geschäft ihres Lebens mit der Vermietung von Hundeschlitten und dem Beherbergungsgewerbe. Und der Eskimojunge verscherbelt ganz simple Kartons als Isoliermaterial gegen das Eis zu Wucherpreisen.
Bald schon sind Mengen von Menschen auf dem Eis versammelt, damit beschäftigt, alle paar Meter neue Eislöcher zu bohren, damit die Wale Richtung offenes Meer schwimmen können, was diese dann auch kapieren und tun. Inzwischen hat sich aber am Rande des Eises ein Eisberg aufgetürmt, der nur mit einem starken Eisbrecher durchstoßen werden kann, die letzte Hürde zum Meer und zur Rettung. Zum Glück ist ein russischer Eisbrecher in der Nähe. Wir schreiben das Jahr 1988; es ist noch Kalter Krieg. Aber in Russland ist Gorbi an der Macht und im Weißen Haus Ronald Reagan. Die beiden Herren telefonieren miteinander, brechen so schon vorsorglich mal die Eismauer.
Man verrrät kein großes Geheimnis, wenn man ausplaudert, dass die Geschichte insgesamt gut ausgehen wird. Sonst wärs ja kein Märchen. Es ist ein ohne große Bedenken industriell hergestelltes Märchen mit einem industriellen Cast, der seine Funktion erfüllt, denn es geht schließlich um die Wale und nicht um schauspielerische Brillanz. Insofern bleiben die Geschichten zwischen den Menschen sehr skizzenhaft und oberflächlich, es sind Filmfiguren und nicht solche aus dem wahren Leben. Darin dürfte vielleicht die begrenzte Wirksamkeit dieses gewiss familienfreundlichen Filmes begründet sein, denn der ins Kino gehende Mensch vergleicht und es gibt im Kino viele Filme, die doch genauer auf die Menschen und ihre Widersprüchlichkeiten, ihre Sehnsüchte, ihr Lieben und Vorlieben schauen und diese konsequenter herausarbeiten; dagegen scheint dieser Film zwar wie ein schönes Märchen, aber ob ein durchschnittlich kinobewanderter Mitteleuropäer heute noch solche Märchen im Kino braucht, das wird bald an den Kassen abzulesen sein. Vielleicht Familien mit sehr kleinen Kindern, denn der Rest kann sich trotzdem unterhalten und es ist auch nicht allzu anstrengend. Hier sind die Figuren eher Abzhiehbildchen von Menschen, die dazu erfunden wurden, ihre Funktion in der Walrettungsgeschichte zu erfüllen – und dieser Intention genügen sie.
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Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Die Macher dieses Filmes, Paul Smaczny und Günter Atteln muten dem Zuschauer eine volle Jahresdröhnung „Thomaner“ zu – TV-häppchenweise. Sie haben sich für diese Hommage oder dieses Portrait des weltberühmten Leipziger Thomanerchores für eine Rasterung nach Jahresablauf entschieden. Die Wirkung ist dann doch nachhaltig – den folgenden Einwänden zum Trotz.
Der Film umspannt ein Jahr, anfangend mit den Eignungsprüfungen für die neu eintretenden 9- bis Zehnjährigen bis im Jahr drauf wieder die Neuen kommen. Dieses Vorgehen zeitigt „natürgemäss“ einen Effekt, der vielleicht einem bunten Erinnerungsalbum an Zeiten des Heranwachsens ähnelt. Dieses Vorgehen hat zur Folge, dass der Zuschauer dem strengen und stressigen Ablauf eines Thomaner-Lebens ausgesetzt wird, Aufstehen, Zähneputzen, Frühstück, Schulstunden, Gesangsproben, Musikproben, Fussball, Hausaufgaben, Schlafengehen nach Kissenschlacht und dazwischen wieder Konzerte oder gar eine Reise nach Lateinamerika volles Freizeitprogramm inbegriffen. Der Zuschauer wird ein Jahr Thomaner im Schnelldurchlauf durchseuchen.
Der ganze Film läuft in solcher Stückelung ab, man könnte auch von einer Art Intervallfilm sprechen orientiert am Intervall-Training, dabei werden die Einheiten auf fernsehtaugliche Schnipsel verknappt, die Konzertausschnitte immer wieder unterbrochen, streng protestantisch darf kein Genuss aufkommen; die ganze Prozedur dauert für einen echten Thomaner 9 Jahre. 9 Jahre im „Kasten“, so nennen sie das Internat, und die „Stube“ als Familienersatz; dann werden sie ins brutale Leben entlassen. Sie haben Angst davor.
Was aus ihnen geworden ist, ob dieses musisch rigide Erziehungskonzept mit Johannes Sebastian Bach als Obermuse, der immer wieder Blumen auf die Grabplatte in der Kirche in Leipzig gelegt werden, erfolgreich glückliche Menschen hervorbringt, das erfahren wir leider nicht.
Ein Blick auf die Filmographien der beiden Macher bei IMDb, zeigt, dass sie vornehmlich mit Musikfilmen zugange sind; vielleicht liegt hier ein Irrtum vor, weil das musische Substrat für die Erziehung die Kantaten und Oratorien und Motetten von Johannes Sebastian Bach sind, dass Musikfilmer glauben, sich eines solchen Themas annehmen zu müssen.
Die Musik kommt auch hervorragend, wirklich ein extremer Gegensatz dieses Jubilierende und die in höchste Knabensopranhöhen sich in himmlische Höhen schraubenden Töne im Gegensatz zum doch sehr nüchternen, ostdeutschen puritanischen Protestantismus. Das allein wäre schon eine Bemerkung oder ein Hinweis wert gewesen. Kommt aber nicht vor. Wie die Macher generell darauf verzichtet haben, einen geistigen Rahmen für ihre Dokumentation abzustecken. Sie haben damit gerechnet, dass es wohl genüge, einige Bubengesichter aus den über 90 Thomanern herauszupicken und sie übers Jahr zu begleiten. Diese 90 sind diejenigen, die im Internat wohnen, das sind die elitärsten von den etwa 600 Schülern an der Thomas-Schule, das sind diejenigen, die den Chor bilden und wöchentlich eine Kantate neu einstudieren, wofür, das betonen sie gerne und oft, ein anderer professioneller Chor ein halbes Jahr lang üben würde.
Es kommt viel Interessantes vor, die Stubengemeinschaften aus Buben verschiedener Jahrgänge, die Verantwortungspositionen, die die Älteren einnehmen, hübsch sind sie alle in ihren Choruniformen, ob süßes Matrosenkostüm oder schlichter Konfirmandenanzug. Und es ist ein erhebendes Erlebnis, in einem riesigen Opernhaus in Montevideo oder Buenos Aires aufzutreten. Dort ist es allerdings schade – und das gereicht nicht zur Ehre von vorgeblich auf Musikproduktionen spezialisierten Machern – dass sie erst die Ermahnungen des Chorleiters hinter der Bühne zeigen, wie er den Jungs sagt, man müsse die Gefühle der Lieder auch in ihren Gesichtern ablesen – und sie dann vom Konzertmitschnitt lediglich routinierte Bilder von den Seiten zeigen. Das wäre die Differenz zur anspruchsvollen Kinoproduktion. Und ein kleines Indiz dafür, warum der Film im Kino auf nicht allzu großen Zuspruch stoßen dürfte; im Grunde ein nettes Familienalbum für Zugehörige und zugewandte Orte oder für Fans.
Obwohl die wahren Fans und Anbeter der Bachmusik, die dürften ständig herb enttäuscht werden, weil immer nach wenigen Takten einer Mottete, einer Kantate, diese schon wieder mit Interviews oder anderen Szenen zwischengeschnitten werden. Die Smaczny-Atteln-Thomaner-volle-Dröhnung umfasst außer den erwähnten Programmen Interview-Ausschnitte, einige Infos über diese Institution. Aber was man wirklich gerne wissen würde, wie ein Thomaner zehn, zwanzig, dreißig, vierzig Jahre nach dieser harten Schulung im Leben steht, darüber kein Wort.
Übrigens findet in diesem Jahr auch ein Umzug in ein Container-Provisorium statt, weil das alte Internat umgebaut werden soll; denn die „Stuben“ mit vier, fünf Jungs verschiedenen Alters zusammen, die seien heute nicht mehr vertretbar, überall sonst hätten die Jungs inzwischen ihre eigenen Zimmer.
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Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Bollywood hat das stupid German Filmfördermoney unseres Kulturstaatsministers Naumann, den DFFF, entdeckt und flugs wird ein oberflächliches, drittklassiges B-Action-Picture rasch hingeschrieben mit Drehort auch in Berlin und die Deutsch-Euros fließen, dafür dürfen ein paar deutsche Schauspieler ehrfurchtsvoll kleinere Auftritte hinlegen und zeigen, dass sie aus Achtung vor dem großen Geld und dem Ruhm Bollywoods schier erstarren.
Das, was die superschlauen Produzenten hier für was ganz Besonderes ausgeben, Bollywood meets Berlin (denn der deutsche Kinomarkt ist doppelt interessant, erstens wegen der Förderung, die dumm-selbstverständlich jeder, der hier produziert in den Hintern geschoben bekommt und zweitens wegen einem doch recht zahlreichen und zahlungskräftigen Kinopublikum), entpuppt sich bei näherem Hinsehen als eine Des-Königs-neue-Kleider-Geschichte: der König trägt so gar nichts Neues, präsentiert sich in Unterwäsche. Was den Fans des indischen Stars Shah Rukh Khan, der hier den titelgebenden Don spielt, doch zupass kommen dürfte – aber der Star selbst ist meist ordentlich angezogen. Dessen ungeachtet lässt er noch in der extremsten Situation einen flapsigen, wenn auch selten originellen Spruch los.
Dieser Star, Sha Rukh Khan, hat auch in Deutschland Fans und das Publikum dieses Filmes dürfte sich im Wesentlich aus diesen rekrutieren. Sonst gebe ich dem Film in Deutschland wenig Chancen, mir scheinen die Produzenten eines nicht einkalkuliert haben: die Tatortgeschultheit des deutschen Publikums – egal wie man zum Fernsehen steht – aber da ist Action und Crime immer mit einem sozialen Zündstoff verbunden. Die sind thematisch anspruchsvoll und die Schauspielerei ist dabei nicht mal die Hauptsache.
Wenn aber wie hier, es lediglich unter Gangstern darum geht, die Druckplatten für die Herstellung der Euronoten aus der Deutschen Zentralbank in Berlin, einem Hochsicherheitstrakt mindestens wie Fort Knox, zu klauen, so ist das schlicht eine zu doofe Handlung. Kommt dazu, dass auch der Hauptstar Khan kein sonderlich guter Schauspieler ist, ein Männertyp, den sicher viele Frauen mögen, je nach Schminkdichte sieht er mehr oder weniger verrucht aus, aber mehr gibt’s da nicht zu berichten.
Die Kriminalhandlungen, die im Drehbuch verwendet werden, die sind reine Standards des Genres und nicht mal in einem attraktiven Tempo und Rhyhtmus gefilmt und ineinander geschnitten.
Wo also könnte noch die Attraktivität dieses Filmes liegen? Sicher auch nicht im Objekt der Begierde, denn von diesen Druckplatten für die Euronoten war bislang in der Öffentlichkeit nichts zu hören, es fehlt dem Zuschauer jeder Bezug. Ähnliche Filme nehmen als Ziel des Bruches dann wenigstens einen weltberühmten Diamanten (wie zuletzt in „Man on a ledge“) oder Fort Knox oder zumindest die Geheimformel zum Herstellen von Gold aus Müll oder Energie aus Zehennägeln oder dergleichen.
Ein weiteres Kalkül der Produzenten, was sich auf das Verkaufsresultat negativ auswirken dürfte, scheint mir das Schielen auf das europäische Publikum. Dadurch machen sie den Film nicht so „richtig“ indisch, mit der unendlichen Zeit und den Musiknummern alle Viertelstunde – hier ist nur eine ganze Nummer mit Tanz und Gesang drin – aber auch nicht richtig europäisch von Tempo und Inhalt her. Der Film ist irgendwie weder Fisch noch Fleisch, weder indisch noch europäisch – da haben sich die Produzenten einfach zu wenig Gedanken gemacht, wie so ein Film, der beide Kontinente bedienen möchte, aussehen müsste. Er müsste garantiert mehr Substanz haben, also einer genauere Zeichnung der Figuren und ihrer Beziehungen zu einander.
Die Produzenten sind primär Kaufleute. Die Aussicht, bloss weil man in Berlin dreht, 10 Prozent des Budgets unbesehen überwiesen zu bekommen, die ist für einen Geldkalkulierer zu verlockend. Was sollen wir uns mit Gedanken fürs Drehbuch groß Mühe machen, wenn es anders auch geht? Ein weiteres Beispiel für negative Folgen von staatlich-deutscher Förderpolitik.
Industriell aufgetakeltes Kino.
Musik/Song: Guess who I am.
Merkwürdiger Tango-Walzer bei einem Empfang in Berlin.
Song: all an illusion (aber es gibt schönere Illusionen als dieses Kino)
Extrem uninspirierte Story, uninspiriert dargestellt.
Die Regie besorgte Farhan Akhtar nach einem Buch von Salim Kharn und Farhan Akhtar.
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Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Ein polnischer Trauerverarbeitungsfilm. Das Ende einer unverbrüchlichen Liebe durch Tod und die Folgen. Izabel und Bogdan haben sich schon als Kinder die ewige Liebe geschworen. Eine schöne Rückblende am Strand. Wie Izabel ihren Buben-Freund Bogdan, der von der Mutter mit unzimperlicher Liebe Bogus genannt wird, immer wieder fragt, ob er sie auch noch lieben werde, wenn sie alt und krank sei, wenn sie Falten habe und Zahnausfall.
Und sie sind zusammengeblieben. Sie waren erfolgreiche Musiker in den großen Konzertsäälen und Opern der Welt, er als Pianist, sie als Sängerin. Dann kam der Krebs und das Ende. Auch das wird immer wieder in schöner Schlaglichtfotografie dazwischen geschnitten. Das Ende einer so unverbrüchlichen, einer so großen Liebe zeitigt für den Überlebenden gravierende Folgen.
Die Beerdigung wird in ebensolcher Schlaglichtfotografie skizziert. Bogdan kann nicht weiter leben wie bisher. Etwas ist zu Bruch gegangen. Er zieht sich auf den Bauernhof der Mutter zurück, fängt das Saufen an, kauft eine Kuh, deren Preis er noch ganz schnell von 3000 auf 1500 runterhandelt. Die Kuh heißt da noch Schwärzchen, obwohl sie braun ist.
Immer mehr sieht er durch eine Reihe von Ereignissen in der Kuh den Ersatz für seine große Liebe, veranstaltet sogar ein großes Vermählungsfest (von Sodomie allerdings an keiner Stelle auch nur die leiseste Andeutung; ist eben alles sehr symbolisch) und findet durch diese Kuh, die nach dem Hörerlebnis von Papageno irrsinnig viel Milch gibt, eine unglaubliche Menge Milch (das wird mittels einer eigenen Szene erst im Stall mit dem Uhrzeiger, der den schier nicht enden wollenden Melkvorgang mit großen Sprüngen begleitet, richtig deutlich gemacht ) und was für eine Milch das ist (das wird mittels einer weiteren extra erfundenen Szene im Milchladen von Pawel gezeigt, der übrigens seinen Lieferwagen aus Werbegründen, weil sich das besser anhört, mit Pavlowsky & Sons anschreibt, obwohl er noch ledig und also für ein Verhältnis mit der Tochter von Izabel und Bogdan noch frei ist)!
Das ist die Idee hinter diesem Film, wie die Kuh den Menschen wieder zum Menschen macht. Dagegen ist auch nichts einzuwenden. Auch wir Westler mögen Verrücktheiten, wir mögen Ionesco und wir mögen auch Dziga Vertov. Aber die Humorart, denn es soll sich um eine absurde Komödie handeln bei diesem Film von Radek Wegrzyn, der mit Roberto Gagnor und Cezary Iber auch das Drehbuch geschrieben hat, ist für uns rationale Westler zumindest nicht leicht zugänglich. Falls ich hier für eine Allgemeinheit reden darf. Wir brauchen einen realistischen Andockpunkt. Und zwar zur Kuh. Nur dass sie viel Milch gibt, weil sie Papageno hört, den Bogus aus Lautsprechern vom Stalldach spielen lässt, das schafft noch keine glaubwürdige Verbindung. Für mich zumindest kommt das hier alles so daher, als komme es daher, damit es lustig sei. Und wenn ich eine solche Absicht so deutlich mitlesen kann wie hier, da will sich bei mir kein Lachen rühren. Wobei mir nicht ganz klar ist, ob es sich wirklich um ein grundsätzlich kulturelles Problem handelt oder vielleicht doch eher um ein Anfängerproblem von einem Studenten der Konrad-Wolf-Filmschule, für welche dieser Film als Abschlussfilm gedacht war. Vielleicht werden sie sich an der Schule selbst krümelig gelacht haben aus dem simplen Grund, weil sie die Absicht kannten als auch das Making of.
Das ist scheint mir schon ein Problem, dass all die schönen Bilder in diesem Film und die schön geschminkten Frauen (sterbenskranke Gattin und overgestylte Tochter) so ganz ohne einen Handlungszusammenhang da stehen. Es ist eher eine impressionistische Evozierungsmethode gewählt worden, die dann teils fast ulkige Bilder abgibt, die Kuh in der Stube, die Kuh am Picknicktisch unterm Baum, denen aber die Intention der Ulkigkeit auf 100 Kilometer schon anzusehen ist und denen eben der Zusammenhang einer Handlung fehlt, der dem Lachen seine Berechtigung und Tiefe gäbe.
Obwohl die Mutter den trauernden Sohn mehrfach fragt, ob er den Zaun nun repariert habe. Auch hier scheint der filmimmanente Grund dafür einzig der zu sein, den malerisch kaputten Zaun endlich mal ins Bild rücken zu können. An sich wärs beim diesem Gehöft egal, ob der Zaun kaputt ist oder ganz. Da kommt kein Fuchs und die Kuh haut auch ohne diesen Zaun ab. Es gibt keinen Handlungs-Zwang dazu. Aber dass die Mutter den Sohn mittels solcher Arbeiten von der Trauer therapieren möchte, das wird genau so wenig behauptet. Übrigens ist die deutsche Rasch-rasch- und Billig-Synchronfassung nicht dazu angetan, den Film irgendwie erhellender zu gestalten.
Kleiner Scherz, der vielleicht lustig ist, wenn die Mutter dem trauernden Sohn zuruft, ein Herr Rättel aus Berlin hätte angerufen. Kuh und Rättel und Bauernhof. Das ist schon grotesk. Denn der Herr Rättel ist ein weltberühmter Dirigent.
Fantasie und Lustigkeit als Selbstzweck. Mir scheint, den Regisseur und Autor hat die Idee dieser Art Trauerbewältigung total umgehauen, er war von sich und der Idee dermaßen begeistert, dass er sich nur noch ans Ausmalen gemacht hat und ganz vergessen hat, dass da eine zwingende Dimension rein muss. Dass so ein Todesfall ein gravierender Bruch gerade in einer so ungewöhnlich großen Liebe ist und dass der nicht mit Impressionen und originellen Ideen zu kitten ist. Ein solche Trauer erfordert eine entsprechend große Trauerarbeit. Hier wurde sich für Trauer-Grotesk-Arbeit entschieden, nicht der Trauer, sondern der Groteskheit halber.
Insofern dürfte es dem hiesigen Zuschauer schwer fallen, diesen Film ernst zu nehmen, dürfte es nicht leicht sein, Zuschauer wirklich zu beschäftigen, vielleicht gerade solche, die selber frisch mit einem Trauerfall befasst sind; mir scheint, der Autor hat sein Thema nicht richtig ernst genommen. Gerade im Grotesken muss ein solches Thema umso ernster genommen werden.
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Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Ein Pferdefilm, ein Kinderfilm, ein Kriegsfilm, ein Tierfilm.
Steven Spielberg ist zweifellos ein grandioser Kinoerzähler. Wie er sich Zeit nimmt, die Dinge einzuführen, die Dinge signifikant zu machen, die in der Geschichte wieder vorkommen und eine Rolle spielen werden. Sinnvoll, bewährt, traditionell. Zuerst zu sagen, wo wir sind, mit wem wir es zu tun haben. Das ist irgendwo auf der britischen Halbinsel. Die Geburt eines Pferdes in einer Koppel. Die wird beobachtet von einem Jungen. Das Pferd wird die durchgehende Rolle haben. Der Junge wird bei Kriegsbeginn 1914 zurückgelassen. Logisch, das verlangt die Gekonntheit der Exposition, dass sie sich wieder finden werden.
„Es war einmal ein Pferd. Das wurde von einem Jungen beobachtet. Der entwickelte eine innige Beziehung zu dem Pferd. Durch den Krieg verloren sie sich aus den Augen. Nach den Kriegswirren finden sie wieder zueinander.“ So könnte die Geschichte in 5 Sätzen zusammengefasst werden. Das muss man Spielberg lassen, das macht die großen Geschichten aus, dass sie in wenigen Sätzen zusammengefasst werden können. Aber, es gibt ein Aber in dieser Geschichte: die dicke, fette Emotionssauce, in die Spielberg die Geschichte tunkt, verdirbt sie ganz und gar.
Die Geschichte wird dem Pferd durch die Kriegswirren folgen. Das ist eine Schmerzstelle, wer die Einführungssequenz für bare Münze genommen hat, in der der Junge zu dem Pferd über wunderschöne Szenen zuerst mit einem Apfel das Vertrauen und die Zuneigung gewinnt; wie er einen Lockruf wie den eines Vogels ausstößt, auf den es zu hören lernt. Das wird so deutlich gezeigt, dass der geneigte Zuschauer im weiteren Verlauf nur darauf wartet, bis das Pferd so von seinem Jungen wieder gefunden werden wird, das ist dann allerdings schon 1918 und der Krieg kurz vor dem Ende und das Pferd hat Kriegsleiden wie ein Kriegsheld und noch einen Solohusarenritt durch Stacheldrahtverhau hinter sich und die Umstände, die das zusammenführen, was am Anfang ausgiebig ausgestellt worden ist, die sind noch potenziert ausgewalzt, also da fragt man sich ganz laut, für wen macht Spielberg diesen Film, für wen plättet er diesen so dick absehbaren Wiedersehensmoment in die Länge wie Kaugummi oder wie einer der zu heftig einen Orgasmus herbeiführen möchte und dann im entscheidenden Moment doch nicht kommen kann, weil er die Spannung überdehnt hat, so kommt dieses Wiedersehen zustande. Als ob die Zuschauer nicht nur schwer von Begriff sondern auch noch schwerhörig und schwachsichtig zugleich wären und noch nie einen Film gesehen hätten.
Ein Pferdefilm. Ein Tierfilm. Und als ob es Spielberg leid täte, dass er zwischendrin in diesem Tierfilm in hollywood-genuinen Kriegsbildern mit viel Dreck, vielen, vielen Komparsen, vielen toten Soldaten, viel Stacheldraht, viel Nebel, vielen toten Pferden, vielen Explosionen, vielen Kanonen, vielen Säbeln geschwelgt hat, will er am Schluss, wie die anfängliche Pferdefamilie wieder zusammenkommen wird, das darf man ruhig verraten, impliziert er es ja selbst mit der breiten Exposition, da ist er so glücklich, dass er noch heroisch, Lob des Helden, kaum genug davon kriegt, die Figuren, fast erstarrt wie im Nazireigentheater stehen lässt, wie die Familie zusammenkommt und der Himmel in Rot und Gelb weint dazu. Sag mal, wo lebt der Spielberg eigentlich, lebt er überhaupt noch? Weiß er überhaupt noch, was auf der Welt außerhalb von Hollywoods Gemarkungen vor sich geht? Oder hat er sich so in seinen Stoff reingekniet, dass er sich selbst – auch geistig – hundert Jahre zurückvesetzt gefühlt hat?
Über das Wie des Geschichtenerzählens kann man bei Spielberg viel lernen. Besonders die Exposition. Wie das Verhältnis zwischen dem Jungen und dem Pferd wächst. Wie der Vater es trotz Schulden bei einer Auktion ersteigert zu einem überhöhten Preis. Sein Sohn ist der Junge, der schon die Geburt beobachtet hat, er hat somit bereits ein Fernverhältnis zum Pferd. Und dann bringt der Vater, der ein Kriegsinvalide ist und humpelt, ein Kriegsrübckbleibsel, eine Art Ehrenflagge, einen Heldentribut ins Spiel, was dem Pferd mit in den Krieg gegeben wird, damit der Wimpel wiedererkennungshalber nach einem langen Spielfilm wieder ins Bild kommen kann. Das Gedächtnis des Zuschauers ganz gut kalkuliert für diesen puren, emotionalen Kitsch. Kitsch-as-Kitsch-Can.
Wie der Junge das Pferd zähmt, dann die agrar-heroische Tat des Pflügens, weil die im steinigen Acker Rüben pflanzen wollen, damit seine Eltern die Zinsen zahlen können. Der gigantische Heldenkampf mit der Pflugschar, das filmt Spielberg alles großartig, kommt aber wie eine Werbung für das Hehre des Ackerbaus, Ackerideologie, das Lob der Scholle daher, erinnert an Wandgemälde aus sozialistischen Diktaturen, naiv heroisierend.
Spielberg erzhält immer sehr genüßlich. Die Mutter des Jungen, die Aufnahmen fangen alle mit einem Closeup auf das Objekt ihrer aktuellen Tätigkeit an, Töpfe und Gefäße, in denen sie rührt. Aber schon da, alles verdammt heroisch, der Junge, das Pferd, der Besitzer mit seinem Auto, die Dorfbevölkerung, sein Freund.
Die Heldentaten des Vaters in Transvaal. Und wieso er zum Trinker wurde. Die Attacken der Soldaten.
Der Schwenk zum Krieg, dass der Vater das Pferd an die Armee verkauft, damit er die Zinsen bezahlen kann, der Abschied vom Jungen; das ist für den mehr menschenbezogenen Zuschauer doch eine leichte Überraschung, dass jetzt definitiv ein Pferde- und Kriegsfilm draus zu werden droht, für zarte, pubertierende Mädchen, die doch so gerne reiten, allerdings zu brutal, für harte Jungs zu weich.
Die Attacke mit den Pferden und den gestreckten Säbeln, wie sie das deutsche Lager überrennen, da sind ein paar Zeitsprünge drin, die nicht logisch sind; die Briten scheuchen die Franzosen aus Langeweile auf, jagen sie vor sich her, und doch fangen die schneller an aus den Kanonen zu schießen, die sonderbarerweise auf das Lager gerichtet sind.
Dann die Geschichte in Frankreich mit den beiden deutschen Soldaten Michael und Günther, die desertieren und in der Mühle erwischt und gleich füsiliert werden. Die Pferde aber entdeckt die Enkelin des Mühlenbetreibers (der wird später das Pferd wieder auf einer Auktion ersteigern und unserem Jungen schenken, denn die Enkelin, der das Pferd das Leben gerettet hat, ist inzwischen auch tot, noch eine Rührgeschichte). Die Oberrührszene aber findet sich im Lazarett nach dem Krieg. Aber der voraus geht, um die Rührung dann noch zu verstärken, die Szene, wie das Pferd sich im Stacheldrahtverhau zwischen den Fronten verfängt, ganz gausam ist das, da würde ich mit einer Altersfreigabe doch recht knickrig sein wollen, und wie ein Brite es befreien will mit weißer Fahne und ein Deutscher hilft ihm, das ist nun wirklich nicht neu und immer noch naiv zu zeigen, dass die Soldaten auch nur Menschen sind und dann werfen sie eine Münze um das Pferd und das Pferd geht mit den Briten. Dann ist der Krieg vorbei. Jetzt muss gegen die Grausamkeit der kulminierende Rührpunkt gesetzt werden, auf den hin der ganze Film mit seiner naiven Botschaft ausgelegt scheint: Lazarett, der Junge vom Anfang im Film ist blind. Das Pferd soll erschossen werden, weil es eh nicht genügend Tetatanusmittel gibt gegen die Wunden vom Stacheldrahtverhau und der Junge macht den Vogelruf und das Pferd schaut und der Offizier drückt nicht ab, spannt wieder, das dauert eine Ewigkeit dieses künstliche Erhöhung vermeintlicher Spannung durch Spielberg, bis endlich die Soldaten dann einen großen Bahnhof für den Jungen machen und der zum Pferd geht und es beschreibt, aber man sieht keine weißen Flecken vor lauter Dreck und dann wäscht einer den Dreck von den Beinen und man glaubts immer noch nicht und dann wäscht der es erschießen soll noch den Fleck von der Stirn frei und dann ist Friede Freude Eierkuchen angesagt, ich glaube wir haben uns da in eine geistig ganz entlegene Weltgegend verirrt, und dann sollten die Kinobetreiber mit Schneuztüchlein im Saal erscheinen, oder sollen sie erklären, es handle sich um cinéastisch-amerikanische Selbstironie? Aber nein, der Film wehrt sich vehement dagegen und fährt nun das letzte seiner Rührgeschütze auf, denn der Soldat mit der weißen Flagge, der brummelt oder singt noch, oh nein, das war vorher beim Stacheldrahtverhau, „Der Herr ist mein Hirte“, man fragt sich da nur noch, ob dieser Film nicht eine einzige Tier- und damit Zuschauerquälerei sei.
Großer Hollywoodbahnhof für ein Pferd, als ob die Welt schon lange stehengeblieben sei.
Das Buch stammt von Lea Hall und Richard Curtis nach einem Roman von Michael Morpurgo.
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Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Stephen Daldry, der Regisseur dieses Filmes, hat mit „Der Vorleser“ beeindruckt und einen erinnerungswürdigen Film hingelegt. Mit seiner einfühlsamen Regie hat er deutlich gemacht, dass der dem Film zugrunde liegende Roman von Bernhard Schlink ein starke Geschichte ist.
Mit „Extrem laut und unglaublich nah“ geht es ihm umgekehrt. Hier macht seine einfühlsame, soghafte Regie deutlich, dass die Geschichte von Jonathan Safran Foer, die von Eric Roth zu einem Drehbuch bearbeitet worden ist, eine rein amerikanische 9/11-Sülze ist, die schier zerfließt vor amerikanischem Selbstmitleid und die hierzulande wohl kaum jemanden ins Kino locken dürfte. Denn die amerikanischen Rachefeld- und Kreuzzüge, die unter dem Titel „Krieg gegen den Terror“ unendliches Elend und zahllose Gräueltaten in Irak und Afghanistan angerichtet haben – dazu kommen Guantanamo und Drohnenkrieg -, sind im europäischen Bewusstsein inzwischen lauter präsent und gehen ihm deutlich näher.
Da mag Tom Hanks als Thomas Schell noch so sehr kumpelhafter, lustiger Vater mit irrem Forschungstrieb sein und mit Ideen, die seinen Buben begeistern. Er ist der Sympathieankerpunkt, um den es einem leid tun wird, wenn man mitkriegt, wie er beim Flugzeuangriff auf das World Trade Center in einem der Türme war und einer von denjenigen, die sich aus dem Fenster stürzten, wie Daldry das bebildert, das erinnert an die magische Fantasiewelt von „Amélie“; da mag sein Schells Oscar mit Assoziationen zum Oskar Matzerath aus der „Blechtrommel“ vom Namen bis zum Tamburin versehen sein (dieses hält er ohne es zu gebrauchen nur so in der Hand, als hätte es der Requisiteur ihm kurz vor der Aufnahme eben mal schnell in die Hand gedrückt); da mag dieser Oscar ständig in Bewegung sein und die schier unglaubliche Aufgabe in Angriff nehmen, aus Hunderten von Blacks als Familiennamen im New Yorker Telefonbuch, den zu finden, der vielleicht etwas mit einem vom Vater hinterlassenen Schlüssel zu tun hat; da mag Sandra Bullock all ihre Gaben einsetzen, eine den Sohn voll unter Kontrolle haben wollende Mutter zu spielen. Die Grundaussage des Filmes ist und bleibt die, wie schlimm doch 9/11 gewesen ist, wie der Titel sagt: wie extrem laut und unglaublich nah, und wie dieser einzigartige Terroranschlag ein kleines verspieltes Familienglück auseinandergerissen habe. Das ist natürlich ganz furchtbar. Kino, was mit spitzem Finger auf Unglück und auf Übeltäter zeigt. Nicht meine Vorstellung von Kino.
Es ist das Konstrukt der Geschichte, was mir keineswegs schlüssig erscheint. Sie startet mit 9/11 und den Folgen für Oscar, dem Verlust des Vaters. Wie der Junge auf die Spur einer Hinterlassenschaft des Vaters kommt. Wie er weiß, dass der Vater diese Spur für ihn gelegt habe. Dann erscheint eines Tages wie ein Deus ex Machina in der Wohnung der Großmutter dieser stumme alte Mann, nicht taubstumm, er hört wohl und muss bei einem einschneidenden Erlebnis die Sprache verloren haben – damit soll auf Teufel komm raus ein Nexus hinsichtlich der Grauenhaftigkeit von 9/11 und Zweitem Weltkrieg geschaffen werden – Komparabilität der Unglücke? Dass er dann andauernd einzelne Wörter und kleine Sätze aufschreibt, wie ein Gottvater den Jungen damit an der Hand nehmend, kommt nicht über Schnitzeljagdqualität hinaus, Schnitzeljagd auf der Spur des Vaters. Diese Großvaterfigur kommt einem wie aus dem Ärmel gezaubert hervor. Amerikanischer Wunderglaube? Auch dass dieser alte Mann mit dem verwitterten Gesicht ausgerechnet und gerade jetzt bei der Großmutter auftaucht und sie ihn verstecken will, ist zumindest merkwürdig. Aber der Junge kann mit einem Fernrohr die Wohnung der Großmutter über die Avenue oder die Street hinweg beobachten – auch eine extrem konstruierte Situation – und entdeckt so den geheimnisvollen Besucher. Ferner stellt sich spät im Film nullkommaplötzlich ein perfid-perfektionistischer Überwachungsmechanismus durch die Mutter heraus, der Junge nennt es „Snooping“, der auch wie aus heiterem Himmel freigelegt wird und man fragt sich warum, denn bis dahin schien die Gute eher überfordert.
Durch die sensible, hellsichtige, auf den Stoff horchende und auch fantasievolle Regie legt Stephen Daldry die Verwirrtheit des Konstruktes der Geschichte nur noch deutlicher frei, das sich für keinen Themenstandpunkt entscheiden kann: Trauma 9/11, Vatersuche oder Mutterabhängigkeit? Vom Titel her dürfte es eindeutig 9/11 sein, zum Nachteil der existentiellen Geschichten der Protagonisten, die nicht als solche interessant erscheinen, sondern eben nur zu Demonstrationszwecken der Größe des Unglück von 9/11 ab Stange gekauft und eingesetzt werden.
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Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Die Eroberung Konstantinopels durch Sultan Mehmed II anno 1453 als ein Monumentalfilm erzählt, der einerseits Ausdruck heutigen türkischen Selbstbewusstseins sein will, der aber an die westliche Hemisphäre gewandt auch die Angst vor einem unbekannten Islamismus nehmen möchte, denn nach gelungener Eroberung, das zu erwähnen heißt kein Geheimnis vorwegnehmen, garantiert Mehmed den in die Hagia Sophia geflüchteten Christen, dass sie in Zukunft in seinem Reich die Religion frei ausüben dürfen. Toleranz nach dem Heiligen Krieg.
Vor dem Screening habe ich mir überlegt, wie denn so ein Film aussehen könnte, ein heutiger Monumentalfilm, ein Eroberungsfilm. Die Schlachten, die Züge der Armeen, damalige Rüstungsgüter, Kämpfe, viel Computeranimation. Das traf dann zwar alles ein, die Überraschung aber war jedoch die ausgezeichnete Drehbucharbeit von Attila Engin und Irfan Saruhan, wie die über zweieinhalb Stunden Kino wohldosiert strukturierten, die erste Stunde lang findet vor allem die geistige Auseinandersetzung und Vorbereitung auf den Krieg statt (dass Mehmed Konstantinopel erobern will, dazu ist er schon durch Weissagung berufen, das hat ein Komet signalisiert und außerdem versteht er Macht als ein Instrument zum Wohle aller), die diplomatischen Fallen, das Suchen von Mitstreitern, das Abchecken, wer für, wer gegen einen agiert, auf welcher Seite stehen der Vatikan, Genua, Ungarn, und all die anderen Länder; das Deutsche Reich war zufälligerweise gerade mit sich selbst beschäftigt; dann die Weigerung, die Alimente für Orhan zu bezahlen, die er dem Kaiser von Konstantinopel schuldete und die dieser bereits zum zweiten Mal verdoppeln wollte.
Die vielen Gesprächsfäden der Exposition werden aber schon ständig von kleinen Geplänkeln und Säbelkreuzen aufgemischt. Die Kriegsmusik schon in Bildern eingestreut. Auch des Atmosphärischen wegen.
In Konstantinopel herrschte noch Kaiser Konstantin. Aber seine Herrschaft stand historisch auf nicht mehr allzu stabilen Füßen, obwohl das im Film natürlich nicht so dargestellt wird, denn sonst wäre die Eroberung ja ein Spaziergang geworden. Und wir wollen doch in einem Monumentalfilm Helden, Kämpfer sehen und keine Spaziergänger. Es geht im Vorfeld auch darum, den Rüstungsexperten und Kanonenrohrgießer Urban aus Ungarn für die eigene Seite zu gewinnen.
Durch geschickte Konzentration auf wenige Protagonistenfiguren, bleibt der Film gut nachvollziehbar. Denn auch die Liebe darf nicht fehlen in einem Monumentalepos, da steht dieser Film den Hollywoodmonumentalfilmen der 60er oder 70er Jahre in nichts nach. Die Hauptfigur ist Mehmed. Seine Frau und sein Sohn leiden unter seiner eroberungsmissionsbedingten häufigen Abwesenheit. Der Sohn, ein Bub noch, hat nichts von seinem Vater, der ist eine entfernte Hoheitsfigur, die ihn liebe, wie die Mutter versichert. Mehmeds wichtigster Mitstreiter wird sein Kumpel Hasan. Der gefährlichste Gegner wird der Genuese Giustiniani, der auf der Seite des Kaisers von Konstantinopel kämpfen wird. Auch da spielt eine Frau eine Rolle: Era, die Tochter des Kanonengießers, die vom Genuesen Giustiniani ständig Heiratsangebote bekommt, sich dann doch stärker zu Hasan hingezogen fühlt. Damit hat Mehmed die moderne Rüstungsindustrie auf seiner Seite und kann eine Riesenkanone von 75 cm Durchmesser gießen lassen.
Wie dann die Belagerung und die Angriffe auf Konstantinopel anfangen, die Voraussetzung dazu war noch der Bau einer Festungsanlage bei Rumeli, die den Schiffsverkehr auf dem Bosporus kontrollieren kann, weichen die vielen formal statischen, aber geistig regen Expositionsszenen in majestätischen Palästen in der ersten Stunde, die einen sehr genauen Faden für die Entwicklung zeichneten, immer mehr Kampfvorbereitungs- und gigantischen Kriegsszenen, mit alter Kriegstechnik von geschleuderten Feuerbomben über die Geschoße der Bogenschützen zu Mauerstürmleitern, Kanonenkugeln, Rammböcken, fahrbaren Türmen, um die Mauern zu überwinden, computeranimierte Massen von Kanonenfutter. Aber auch unteriridisch wurde gebuddelt, Tunnelbau, um den Feind von innen angreifen und hochgehen lassen zu können. Und Pech und Schwefel und Feuer für die Angreifer von den Türmen Konstantinopels herab. Menschen, die in Feuerbällen aufgehen, andere die von Leitern fallen, Pfeildurchbohrte, Säbeldurchstochene.
Der Film stellt die Eroberung plausibel als kaum machbar dar. Mehmed möchte nach über 40 Tagen das Projekt erfolglos abbrechen. Er kommt einfach nicht an gegen die geballte Gegenwehr aus der stark befestigten Stadt. Da bekommt er Besuch von einem alten Scheich, der im Traum das Grab eines Heiligen gefunden hat – und tatsächlich, am nächsten Tag fangen sie dort an zu buddeln und finden den Sarg. Wenn das kein Zeichen ist. Mit neuer Motivation wird jetzt zum definitiven Sturm geblasen. Der ergibt heroische Bilder, denn die Haupthelden sehen mit ihren langen schwarzen Haaren und Bärten ganz wild und kriegerisch aus. Bis Hasan endlich von Pfeilen durchbohrt wie der Heilige Sebastian die rote Fahne auf dem Turm hissen und die gelbe Fahne von Kaiser Konstantin runterholen kann, das dehnt der Könner-Regisseur Faruk Aksoy schon fast wie Spielberg die Wiedererkennungsszene von Pferd und Mann im parallel anlaufenden „Gefährten“. Wobei, wenn ich die Entweder-Oder Wahl eines Kinobesuches hätte, ich diesen türkischen Monumentalfilm hundert Mal vorziehen würde. Denn wie auf einer Klarsicht-Folie wird hier vor dieser Geschichte von damals die aktuelle Geschichte des Nahen Ostens und deren brisanten Entwicklungen sichtbar.
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