Der Blick in die Vergangenheit kann eine sinnvolle Brücke für Projektionen in die Zukunft sein. Was wäre der Mensch ohne Geschichte, was wäre das Kino ohne seine Geschichte? Das Kino hat heute durchaus ein Definitions- und Orientierungsproblem. Besonders das deutsche Kino mit seiner oft schwer erträglichen Subventionsware. Aber auch das amerikanische Kino ist am Suchen. Hier gibt nun Martin Scorsese mit einer grandiosen Hommage an Georges Méliès einen Hinweis auf die mögliche, mächtige Sogkraft, die eine meisterhafte Montage von Bildern, die von der Leinwand herab eine Geschichte erzählen, entwickeln kann.
Scorsese erzählt uns in betörenden Bildern vom genialen Kinoimaginator Méliès, von seinem Aufstieg in der Gunst des Publikums über sein Verschwinden in der Versenkung bis zu seiner Wiederauferstehung; das nimmt hier fast eine heilsgeschichtliche Dimension an. Nach der bitteren Erfahrung des Ersten Weltkrieges war den Zuschauern allerdings nicht mehr nach den unglaublichen Erfindungen und Tricks von Méliès zumute. Sie konnten keine Lust mehr daran empfinden, sich vor einem von der Leinwand auf sie zubrausenden Dampflokzug kreischend zur Seite zu beugen. Den Effekt zeigt uns Scorsese gleich zweimal. Zwar duckt sich heute kein Kinozuschauer mehr weg vor solch einem herannahenden Ungetüm, aber der Effekt erzählt doch sehr viel über die Macht von Kinobildern. Und Scorsese setzt diese Macht der Bilder angereichert um den zwar nicht neuen, aber jetzt modischen Effekt des 3D mit großem Enthusiasmus und seltener Könnerschaft ein, um uns dieses Stück der Geschichte von der Macht und dem Zauber, den die Bilder, die das Laufen gelernt haben, zu erzählen.
Beim Verlassen des Kinos muss sich der Zuschauer jedenfalls erst mal wieder sortieren, muss mit dem Gefühl klar kommen, selbst in einer Waschtrommel voller Bilder geschleudert worden zu sein. Das ist die heute noch mögliche Macht der Bilder und des Kinos. Welche Geschichten es aber erzählen soll, die Frage kann uns Scorsese nicht abnehmen. Da ist er vielleicht selbst in einer Orientierungsphase, denn die letzten Filme von ihm, so schön sie waren, haben doch nicht punktgenau den Nerv der Zeit getroffen. Das ist vielleicht das Schwierigste an der Kunst mit den Bildern, den Nerv der Zuschauer zu treffen, den Nerv der Zeit zu treffen. Dafür genügt heute allerdings ein dampfendes Ungetüm an der Spitze eines Zuges nicht mehr.
Was Scorsese, das Buch hat John Logan nach einem Buch von Brian Selznik geschrieben, uns jedoch vermittelt, das ist ein kleiner, museumsreifer Ausschnitt aus der Geschichte des Kinos. Es geht um George Méliès, den frühen Kinomagier, welch Tüftler und Erfinder der war, welch großen Erfolg er mit den Täuschungen, den Illusionen hatte, die das Kino auf der Leinwand herstellen kann. Dann kam jedoch der Erste Weltkrieg. Das Publikum war mit einer grauenhaften Realität konfrontiert worden, zu der magische Kinobelustigungen nicht mehr passten. Méliès zerstörte sein Atelier die Ausstattungsgegenstände, das Filmmaterial. Er zog sich zurück in einen kleinen Laden mit Spielzeug in einem Bahnhof von Paris. Er wollte vom Film nichs mehr wissen. Er setzte glaubwürdig das Gerücht in Umlauf, er sei tot. Aber das Kino ist nicht so leicht tot zu kriegen. Kino-Freaks blieben ihm auf der Spur.
Dann ist er doch aufgeflogen. Ein am Bahnhof herumstreichender Junge mit einer genialen tüftlerischen Begabung, der sich oft im riesigen Bahnhofs-Uhrwerk aufhielt, gelangte in den Besitz eines frühen Roboters, den Méliès konstruiert hatte und der – ein wahres Wunderwerk – zeichnen und sogar mit „George Méliès“ unterschreiben konnte. Der Roboter war aber kaputt. Der Junge, es ist die Titelfigur Hugo Cabret, reparierte den Maschinenmenschen; um ihn aber zum Schreiben zu bringen, dazu war allerdings noch ein Schlüssel in Herzform nötig, den das Töchterchen von Méliès, in etwa so alt wie Hugo, um den Hals trug. Zu ihr gelangte er wegen einer Streitigkeit mit dem mysteriösen Ladenbetreiber am Bahnhof.
Um Méliès zu reaktivieren sind dann allerdings auch noch seine Frau und ein Filmwissenschaftler und Verehrer Méliès’ vonnöten.
Die Standardgefahr für Hugo am Bahnhof ist der Polizist, Kriegsinvalide mit einem künstlichen Bein und einem bedrohlichen Hund, der nichts mehr hasst, als die herumlungernden, elternlosen Kids am Bahnhof, die sich mit kleinen Diebstählen am Leben erhalten. Von Scorsese einmalig schön charakterisiert wie im schönsten Bilderbuch, aber auch: altbekannt schön. Nostalgiekinderfilm.
Auch die Filmacademy darf nicht fehlen, ein Auftritt des später im Film wiederauferstandenen Méliès vor dem jubelnden Saal. Auch das sind nun bei Gott keine Zukunftsvisionen.
Außerdem fügt Scorsese geschickt Filmausschnitte wie auch nachgestellte Drehbarbeiten ganz exakt ein, in den betörenden Wirbel, den er mit seinen Bidern anrichtet, und die Mitteilung, dass noch etwa 80 Streifen von Méliès an den verschiedensten Orten gefunden und restauriert werden konnten. Das macht neugierig.
Sonst aber ist es ein fast unerträglich schönes, sentimentales, schwer wie Plumpudding und vollkommenes Retro. Nach dem Streifen würde man meinen, die Zukunft des Kinos liegt in der Vergangenheit, in der Restauration alter Filme. Denn wenn 3D, in welchem Format Scorsese dieses tüftlerische Meisterwerk gedreht hat, die Zukunft des Kinos sein soll, so ist das ja nur ein technischer Trick, eine Jahrmarktssensation, aber noch keine inhaltliche Direktive.
Wie soll sie aber sein, die Zukunft des Kinos? Vermutlich muss sie forschend sein, viel mehr fragend, wer ist der Mensch heute, was kann er, was will er, welches sind seine Träume, seine Ängste, seine Irrationalismen, wo liegen seine Irritationsmöglichkeiten. Sind es die ewig gleichen Kinoträume von Heldentum und Adventure, von Sex and Crime? Welche Bilder braucht das Bewusstsein des heutigen Menschen, sei es zum Träumen, zum Abschalten, zur aktiven Anregung, gar zur Sinngebung, womöglich für eine bessere Welt? Denn was ist Kino anderes, als ein ganz großes Fenster, nicht zum Hof, sondern ins Bewusstsein oder ins die Bewusstheitskonstitution der Menschheit. Oder reicht es schon, wenn das Kino gut darin ist, wenigstens das Böse in der Welt präzise zu beschreiben? Was im Film „The Artist“ wundervoll gelingt, die Geschichte heutig zu machen, hier werden die Zuschauer sozusagen wach gerüttelt (wunderbar die Story, die verbreitet wurde, dass manche ihr Eintrittsgeld zurück wollten, wegen Tonausfall!); das kann Scorses allerdings nicht bieten. Während „The Artist“ ganz keck ein heutiges Kino als irgendwie verrücktes Erlebnis bietet, so zieht Scorsese einen – und jeder Widerstand ist zwecklos – hinein in einen Sog der Vergangenheit. Den Museumseintritt ist das alleweil wert, da wird kein Zuschauer sich sträuben; die kulturelle Konvention wird von Scorsese nicht unterlaufen.
Inhaltlich besehen bietet Scorsese kundiges, grandioses, perfekt gemachtes Filmmuseum. Immerhin. Aber die Freiheit des Kinos, die „The Artist“ behauptet, die Freiheit im Umgang mit Bildern und Tönen oder sogar mit teilweisem Verzicht darauf, die hat Scorsese nicht. Oft frag ich mich, in welchen Welten diese amerikanischen Größen leben, auch Eastwood oder selbst Woody Allen oder demnächst Spielberg mit seinem Tierfilm, in welch abgehobenen oder zumindest vollkommen anderen Welten, an denen offenbar Entwicklungen in der Welt spurlos vorübergehen, an denen wie an Méliès offenbar der Erste Weltkrieg 9/11 und die Veränderungen in der Welt spurlos vorbeigegangen sind, Veränderungen, die für europäisches Bewusstsein akut sind, viel näher gehen, seien es die Entwicklungen in den arabischen Ländern oder in Afrika und auch die Umbrüche in Europa selber, die uns ganz anders, für ganz andere Dinge wach werden lassen, die uns nicht so gediegen unser Heil in der Geschichte oder in lediglich schön erzählten Geschichten suchen lassen.

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Hugo Cabret wird sicherlich bei der Oscar Verleihung so einige Preise abräumen. Bin gespannt, ob er die Erwartungen auch erfüllt.