Was dieser Film ganz krass offenbart, wie weit die Kunst von Helmut Dietls Polit- und Gesellschaftssatire im Kino hinter der rasanten Entwicklung, resp. dem Erblühen der Skandalkultur in unserem Lande zurückgeblieben ist.
Keine Figur in diesem Film, die auch nur annähernd an aktuelle Politakteure wie zu Guttenberg oder an den aalglatten, sich hinter juristischen Leerformeln unerträglich unangreifbar verschanzenden Bundespräsidenten auch im entferntesten herankäme. Dagegen erscheinen die Figuren in diesem Film von Helmut Dietl, der mit Benjamin Stukrad-Barre auch das Drehbuch geschrieben hat, wie aus einer Welt von vorgestern und der Cast kommt einem in diesem Zusammenhang altbacken vor, was durchaus Qualitäten beinhaltet, die jedoch in einem so liebevoll gewirkten, sorgfältig geprobten, eingeübten und inszenierten Bilderbogen eher an die Hingabe eines Carl Spitzweg an den armen Poeten erinnert als an eine radiologische Durchleuchtung unschlagbar charakterloser Polit- oder Gesellschaftsglücksritter.
Altbacken wirkt vor allem der Humor in dieser Komödie: der japanische Maler im Büro, das ist dann fast die Schlusspointe nach 110 Minuten, erklärt, und auch das hat Dietl bestimmt minutiös und mit Einsatz geprobt, „allein die OP für die Schlitzohren hat mich mein ganzes Sparschwein gekostet“. Das Team dürfte sich dabei gebogen haben vor Lachen, dem Publikum bleibts im Halse stecken. Sunny Melles wird als dümmliche Moderatorin in Szene gesetzt, sie, wie auch viele andere der Figuren, kriegen selten ein Wort auf Anhieb richtig hin, auch das dürfte exakt geprobt worden zu sein, glücklich wer das lustig finden kann, statt „warmherzig“ sagt sie zuerst „warmeres“. Auch dabei dürfte sich das Team bucklig gelacht haben. Von solchen und ähnlichen Versprechern gibt es massenweise in diesem Film, der eher eine Aneinanderreihung von netten bis bemühten Miniaturen ist, und nicht einer der Versprecher, der witzig ist, aber sie sind sowieso nur die fade Garnitur auf einer Geschichte, die so nicht funktioniert.
Der Chauffeur Zettl wird von seinem Boss, einem Schweizer Investor mit einem merkwürdig verzerrten Dialekteinschlag, zum Chef einer neu zu gründenden Zeitschrift ernannt, die in Berlin erscheinen soll, einer Berliner Variante des New Yorkers. Dieser Zettl wird von Bully Herbig gespielt, der mir beim ebenfalls verunglückten Film „Hotel Lux“ von Leander Haussmann ganz gut gefallen hat. Hier nun versucht Helmut Dietl aus ihm sowas wie einen Klon des Helmut Fischer zu machen, zumindest lässt mich die Diktikon von Herbig das vermuten. Es ist genau dieses knappe, staubtrockene Bayerisch, was einem vom Fischer so geblieben ist und was man an ihm so gemocht hat.
Nun ist aber Bully Herbig nicht Helmut Fischer. Noch ist er ein Schauspieler, der einen inneren Drang nach einem Wohin ausstrahlt, ein Need, das in jeder Sekunde spüren lässt, dass die Figur voller ungelöster Konflikte ist und darum Wege, die sich auftun, unbedingt gehen muss ohne Rücksicht auf Moral; der Kroetz hätte diesen Grundpegel an Aggressivität; und genau den müsste eine solche aufstrebende Figur haben.
Insofern funktioniert das bisschen an Geschichte nicht, was Dietl zwischen den liebevollen politischen Hinterhofidyllen, die er vielleicht auch inspiriert von Heinrich Rudolf Zille zeichnet, erzählen will, kann nicht ein Minimum an Spannung erzeugen.
Noch ein Beispiel für die ungemeine geistige Regsamkeit, die Spritzigkeit, den Witz von Dietl und Stuckrad-Barre: eine Figur darf an einer Stelle die bauerntheatererprobte Verwechslung von Historiker und Histeriker bringen. Wat haben wir jelacht. Ein bescheidener Witz wird dadurch, dass er minutiös inszeniert ist, nicht inspirierender.
Leid tun kann einem auch ein Dieter Hildebrandt, der von Senta Berger ständig im Rollstuhl rumgeschoben werden muss (in dieser Paarung schwebt der hübscheste Hauch von Nostalgie), dann noch sein dicker Bauch, und trotzdem wird die Figur irgendwie nicht klar. Es reicht nicht, um vom bekannten Kabarettisten zu abstrahieren. Bei Harald Schmidt funktioniert das gerade noch, da bleibt aber nach Abzug der Showmaster-Qualitäten nicht viel übrig; es soll ein Ministerpräsident sein, was er darstellt. Und ist ein Würmchen. Zu vermuten, dass Dietl doch recht bewusst das Häuflein Elend im berühmten Showmaster rauspuhlen wollte, wie praktisch bei allen anderen Figuren auch. Ist ihm gelungen. Bösartigkeit der Inszenierung auf der zweiten Ebene. Hildebrand darf zur Erklärung seiner Lähmung anführen, er sei von der Promiyacht gefallen damals in Monte Carlo vor 20 Jahren. Irgendwo dort ist der Geist dieses Filmes stecken geblieben.
Vielleicht möchte Dietl eine Art Berlin-Bashing betreiben, indem er die Figuren und ihre Texte so heillos veraltet aussehen lässt.
An sich kinofreundlich gedacht, die Figuren Dialekt reden zu lassen, aber diese merkwürdigen Dialekte bleiben oft in ihrer übereingeübten Künstlichkeit starr. Oder es ist eine typisch münchnerisch-grantlerische Liebeserklärung an Berlin: bildets Euch ja nicht ein, dass Ihr weniger dörflich seid als wir vom Millionendorf. Auch wir können rückständig sein. Spricht nicht geade für den Film, wenn er einen zu so seltsamen Spekulationen veranlasst, wenn man ihm was Gutes abgewinnen möchte.
Noch einer der Jokes: die Frage des Arztes an das großartig kranke Kanzlergespenst des Götz George, jener fängt an mit „Hirnströme“ und dieser darf unterbrechen mit „strömen nicht oder wie?“, dem kann wohl vorbehaltlos zugestimmt werden.
Noch ein Witz gefällig: einer sagt „wie Madonna“ und der andere, der wohl aus einer noch weiter entlegenen Zeit stammt, fragt, „von Michelangelo“? Wir fragen: von Helmut Dietl? Und wenn einer Mao sagen will, so muss er vorher mindestens zweimal mit „Mau“ „Mau“ ansetzen, auch dem ist nichts hinzuzufügen. Außer dem tragischen Hinweis, dass das noch dazu peinlich genau einstudiert wurde.
Diese Orgie aus lahmenden Geistesblitzen wurde durch Millionen von Steuergeldern überhaupt erst möglich gemacht. Bleibt abzuwarten, ob Millionen von Steuerzahlern sich dafür interessieren, was diese überwiegend gesättigten älteren Herrschaften in ihrem luxuriösen Seniorenresidenz-Planschbecken veranstalten und die Meinung war zu hören, dass sie mit solchen Projekten dem hungrigen Nachwuchs krass den Weg versperren – aber für die Kosten werden die Jungen eines Tages aufkommen müssen, denn auch bei der Kohle der für das Projekt geflossenen Filmförderung dürfte es sich um staatlich gepumptes Geld handeln, wofür der mit einem solch rückwärts gewandten Werk jetzt schon geprellte Nachwuchs dann eines Tages auch noch aufkommen darf. Der Vorgang “Zettl”: ein bürgerliches Trauerspiel.

Einträge (RSS)
Ich möchte einfach einmal loswerden, dass ich ihre Kritiken liebe, und dies losgelöst von dem Urteil der Kritik, denn das sah ich schon öfter mal anders. Ohne viele Worte:
Rattenscharf
Danke sehr, Stefan Stüber,
scharfes Wort: rattenscharf..
ich sehe mich zwar mehr als Betrachter,
denn als Ratte…
aber habe schon verstanden. Smile