Eine seltsame Nachtschicht muss es gewesen sein am CERN-Teilchenbeschleuniger, denn alle bis auf einen Wissenschaftler sind verschwunden. Haben sich einfach in Luft aufgelöst Der Verbleibende, Professor Carus, ist zu keiner Aussage zu bewegen. Ist er ein Täter? War es ein Unfall? Ist der Teilchenbeschleuniger schuld? Wie kann sowas passieren? Wieso scheint Professor Carus gar nicht zu wissen, dass er Abends zuvor noch Kollegen hatte?
Eine Untersuchungskommission wird eingerichtet. Zwei Ermittler, Robin Spector und Sophia Dekkers, verhören den schon Jahre an den Rollstuhl gefesselten Professor. Mit dabei ist auch das Unikum Antoine, der die Befragung an einem antiken Computer protokolliert.
Doch anstatt Fortschritt zu machen, was das Verschwinden der Wissenschaftler angeht, stößt die Untersuchungskommission auf immer neue Ungereimtheiten. Ungereimtheiten, die selbst Professor Carus überraschen.
Mit Reality XL verlässt Regisseur Tom Bohn die ausgetretenen Pfade der üblichen deutschen Methoden der Filmfinanzierung. Statt sich einem mutlosen Verleih anzubiedern und seine Idee von Schlipsträgern auf Massentauglichkeit trimmen zu lassen, statt bei Filmförderungen und anderen Geldgebern Klinkenputzen zu gehen, hat Bohn einfach seine Altersvorsorge aufgekündigt und mit der Kohle den Film gedreht, den er auf der Leinwand sehen wollte.
Herausgekommen ist ein wahrlich bemerkenswerter Mystery-Thriller, gekonnt inszeniert und mit genau den Ecken und Kanten, die ihm in den Mühlen des Systems abgeschliffen worden wären. Mit nur wenigen verschiedenen Schauplätzen, Dialogen, bei denen man mit dem ganzen Hirn folgen muss und teilweise nur kleinsten Andeutungen, die aber das A und O für eine spätere Erklärung darstellen – das wäre im deutschen Mainstream nicht erlaubt gewesen.
Kein Wunder, dass der Film polarisiert. Die einen werden ihn furchtbar langweilig, öde und eintönig finden, die anderen aber als willkommenes Kontrastprogramm zum cineastischen 08/15-Einheitsbrei der Gegenwart wahrnehmen. Das ist aber auch gut so, denn allen gefallen kann niemand.
Das Tolle an Reality XL ist, dass der Film erst Stunden nach dem Kinobesuch so richtig “einfährt”. Lässt man die Handlungsfäden noch einmal Revue passieren, beginnt man bald, ein feines Geflecht von Verbindungen wahrzunehmen, das komplexer zu werden scheint, je genauer man hinsieht. Es mag einem kalt den Rücken hinunterlaufen, so unheimlich stellen sich all die harmlosen Szenen und ihre Implikationen im Nachhinein dar. Hinter diesem Film liegt eine ganz große dramaturgische Begabung. So vielschichtige Implikationen auf allen Zeit- und Handlungsebenen gibt es nicht so oft im Kino, und schon gar nicht im plumpen deutschen Wenn-Dann-Kino. Wahrlich ein Trip an die Grenze des Verstandes.
Ich kann dem Kinozuschauer nur empfehlen, sich nicht von der verhältnismäßig kargen Ausstattung des Films ablenken zu lassen oder sich an der geringen Zahl von Figuren zu stören. Man beachte: Hier wurde ein Kinofilm mit den privaten Ersparnissen eines einzelnen Mannes gedreht! Das können Sie auch machen, lieber Leser, genau so! Hier wurden nicht Millionen von Steuergeldern der Filmförderung oder ein großes Produktionsbudget einer großen Produktionsfirma verschossen und dafür Pomp und Kitsch an jede Ecke gezaubert, hier fanden sich mutige Leute zu einem Team zusammen, um die Vision von Tom Bohn, einem Tatort-Veteran, auf die Leinwand zu bringen. Es ist geradezu spürbar, wie Schauspieler und Team allesamt mit vollem Herzblut dabei waren. Und ich kann nur sagen: Es ist schauderhaft gut geworden.

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