Anfänglich versteht der Film einen durchaus zu vereinnahmen, denn die Autorin/Regisseurin Verena S. Freytag bleibt nah dran am Objekt ihres Interesses. Ihr Haptaugenmerk gilt Maryam Zaree, die hier eine total überforderte Mutter von drei Kindern spielt. Sie hat einen Freund, der sich für Drogenhandel nicht aber für Kindererziehung interessiert. Pelin, so heißt sie hier, verdient ihren Lebensunterhalt als Tätowiererin. Ihr Freund hat ihr das dafür notwendige Gerät geschenkt. Allzu konkret wird ihr Berliner Alltag aber nicht geschildert. Es entsteht nicht in einer Sekunde das Bild einer Frau, die ernsthaft ihren Beruf ausübt. Das ist recht lottrig nur angedacht. Sie kommt einem eher vor wie eine Hobbytätowiererin. Ein gewisses Paradox zwischen einer selbständigen Tätigkeit, die Beherrschung der Lebensumstände erfordert, und der Überforderung zuhause.

Es gibt Frauen, die händeln das brilliant, Beruf, Karriere und Kinder. Gerade durch die doppelte Herausforderung sind sie gezwungen, sich effizient zu organisieren. Also da ist schon mal ein Grundwiderspruch in der Konstruktion der Figur Pelin. Von der allgemeinen Lebenserfahrung her tun sich Frauen oftmals schwerer, die keine andere Herausforderung haben außer Klein-Familie und Haushalt.

Was Pelin darstellt, ist also eine merkwürdig überforderte Frau, ganz wird man den Verdacht nicht los, sie sei eher ein sentimentales Fantasie-Konstrukt einer Autorin. Aber das bringt sie erst mal schön auf die Leinwand.

Eine Filmgeschichte darf immer eine erfundene Geschichte sein. Why not. Aber sie sollte dann ein klitzekleines Bissel in sich schlüssig sein. Logisch, dass diese überforderte Frau es mit den Ämtern zu tun bekommt. Die Figuren, denen wir hier begegnen, die sind schon sehr à la Aktenzeichen XY eindimensional entworfen. Jedenfalls erhält Pelin die Chance auf einen Mutter-Tochter-Urlaub in einer Reha am Meer.

Es scheint ein modisches Lieblingssujet von diversen Regisseuren zu sein, irgendwo im Film Gymnastik- oder Schwimmstunden, Entspannungsübungen, Walking zu zeigen, weil das immer lustig sein soll, wenn eine Gruppe von ähnlichen Menschen versucht sportlich oder gymnastisch das Gleiche zu tun. Aber leider erzählt es so gar nichts mehr als dass wir eben in einer solchen Institution sind. Die Szenen wurde nicht dazu eingesetzt, die Geschichte vorwärts zu bringen. Der Ausflug in die Disco und das Anbandeln mit einem jungen Mann dürfen ebenso wenig fehlen. Der Junge Mann nun, der scheint kein Wässerchen trüben zu können, er entstammt einer völlig anderen Welt als der Pelins. Er strahlt christlichen Glauben und ebensolche Offenheit aus. Zudem ist er noch der Sohn des Direktors der Reha-Anstalt. Bei einem solchen Konstrukt würde ich meinen, knistert und knarzt schon sehr deutlich Papier und der Schreibtisch der Autorin. Denn nichts in der bisherigen Beschreibung der Figur Pelin ließ darauf schließen, dass sie eine Ader für gebildete Söhnchen hätte.

An sich gutgemeint gedacht, eine dicke, deutsche Matrone im Nachbarzimmer von Pelin unterzubringen (Pelin ist türkischen Ursprungs, dazu gibt’s natürlich auch noch den passenden Ressentiment-Satz). Aber die Konflikte, die sich daraus ergeben, die hätten doch etwas gründlicher durchforstet werden müssen. Wurden sie aber nicht. Weil vielleicht die Regisseurin zu sehr fixiert war auf die Hauptdarstellerin, und ihr viele Möglichkeiten zum Spielen geben wollte ohne Rücksicht auf die Stimmigkeit von der Geschichte her. In einer solch nachbarlichen Konstellation dürfte es zu teils heftigen Konflikten und Ablehnungen kommen, immer am Rande des Bruches und des Eklats.

Hier entsteht dagegen eher der Eindruck, man zeigt viel Goodwill, auch in der Zeichnung der Figuren, keine will ein Spielverderber sein, alle wollen zum guten Gelingen des Filmes beitragen; das wird dann noch merkwürdiger, wie der Freund von Pelin auftaucht. Pelin ist übrigens schwanger von ihm. Er möchte sie für einen Drogenschmuggel nach Dänemark einsetzen.

Diese Reise geht offenber problemlos. Sind es doch arme Leute in dieser Klinik und machen dann einen Ausflug wie gut situierte Touristen. Auch von Seiten der Klinik scheint es keine Einwände zu geben. Sowas müsste allerdings eingeführt werden, da ja der Klinikalltag als streng und streng reglementiert präsentiert worden ist (auch keine Männer auf dem Zimmer!). Das ist mir alles zu ungenau.

Aber Pelin kann mir nichts dir nichts mit der dicken Deutschen und der ganzen Kinderbaggage mit der Fähre nach Dänemark fahren – auch das verwundert, dass bei diesem Sandstrand gleich eine Fähre landet, nichts wurde vorher eingeführt, man hattte den Eindruck, am Ende der Welt zu sein und nicht bei einem Fährhafen. Das sind Überraschungen, bei denen der Zuschauer hängen bleibt und sich fragt, wieso wurde uns das nicht mitgeteilt oder habe ich was verpasst.

Jedenfalls ist viel Koks in der Windel des Kleinsten. Die Frauen gehen als letzte von Bord und Pelin wird prompt zur Kontrolle gebeten. Dies und das Folgende wird sehr umständlich erzählt, wie sie das Kind in der Windel noch an die Matrone geben kann vor der Kontrolle, wie die Matrone dringend das Kleine wickeln will und wie sie die Drogen in der Windel entdeckt. Dann verlieren sich die beiden Frauen in Dänemark aus den Augen. Sie suchen sich auch nicht. Keine „normale“ menschliche Reaktion in so einer Extremsituation. Sie tun einfach so, als sei nichts gewesen, als seien sie nie zusammen gewesen. Jede geht ihrer Weg. Sehr merkwürdig. Da ist vom Drehbuch her nichts mehr durch- und zu Ende gedacht. Die Geschichte verläppert sich. Die Autorin/Regisseurin ist so ganz nebenher noch in das Krimigenre gestolpert.

Im Ferienappartment kommt es zu einem abschließenden Höhepunkt, wie der um seine Ware gebrachte Dealer-Freund auftritt, wie der Klinik-Direktorssohn schon da ist und dann auch noch die Nachbarin mit dem Kartoffelmesser in der Hand auftritt, es wird etwas geschlägert, Pelin verliert Blut und wird urplötzlich im Krankenwagen weggefahren, aber wohin? Dann ist der Film zu Ende.

Nicht ganz klar wird, was die Regisseurin an der Geschichte so fasziniert. Es gibt Bilder von Pelin auf der Fähre, die würde man nie in Verbindung bringen mit diesem Soziodram, was doch anfangs in Gang gesetzt worden ist. Oder ging es schlicht darum, dieser Schauspielerin ein paar Chancen zu geben? Ich mache jetzt einen Fim mit Dir, wo Du viel zeigen kannst.(?) Da wäre nichts dagegen einzuwenden, wenn die Figur, damit sie was hergibt und präsentabel wird, gut auf ihre Konflikte hin und wie sie das Drama vorwärts treiben, untersucht worden wäre. Daran scheint es hier mächtig zu mangeln. Der Film als Bebilderung einer unausgereiften Ideenskizze zu einer Story – nicht reif fürs Kino.

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