Céderic Klapisch, der Regisseur und Autor dieses Filmes, hält sich lustvoll schadlos an einem Exemplar verantwortungslosen Londoner Investmentbankers. Es macht ihm enorm Spass, der sich durchaus auf den Zuschauer überträgt, zwei Gegenwelten zu schildern, die so wie es im Film möglich ist, im realen Leben vermutlich nie aufeinander treffen würden. Er genießt die künstlerische Freiheit des Geschichtenerzählers und auch die Kunst, die er beherrscht, einen eher unwahrscheinlichen Sachverhalt glaubwürdig darzustellen.

Die eine Welt, die er schildert, ist die eines Investment-Bankers in London. Der hat nur Zahlen im Kopf, Gewinnmargen, die Spekulation, wie der Dollar auf eine Rede des amerikanischen Präsidenten reagieren könne, und da er vermutet, die Rede würde dem Dollar positive Impulse verleihen, kauft er mit einen „Short“-Geschäft auf Pump schnell 3 Millionen Doller und stösst sie innert einer Stunde nach der Rede wieder ab, hat also innert zwei Stunden mit zwei Telefonaten über 62’000 Euro verdient.

Diese Selbsterklärung seines Geschäftes kommt allerdings erst an der Stelle, wo er schon in Paris ist und gerade mit der Putzfrau über ihren Lohn verhandelt, was sie bräuchte, wenn sie auch den Buben noch hüten würde. Da findet er dann allerdings Stundenlöhne von 3.40 Euro auch indiskutabel und geht von 100 Euro pro Tag aus. Aber das ist vorgegriffen.

Steve Delarue heißt unser Banker und wird gespielt von Gilles Lellouche. Er ist so erfolgreich, dass sein Chef möchte, dass er in Paris eine Zweigstelle aufbaut, denn sein Arbeitgeber hat dort einige reiche Kunden. Über sein Privatleben ist nach und nach zu erfahren, dass er von einer Frau ein Kind hat, Alban, und dass der Bub jeweils am 4. des Monats ihn besucht. Er hatte eine grosse Liebe, Melody, aber da hat er mit einer Nacht mit einer Nutte Anlass zur Trennung gegeben. Es gibt ein Beispiel, wie er es als Solist mit Frauen hält. In London findet im Hochhaus ein Fotoshooting mit einem eleganten Model statt. Mit der tauscht er Adressen. Sie besucht ihn in Paris. Er nimmt sie mit zum Flugplatz und sie besteigen einen kleinen Privatflieger, mit der er sie nach Venedig mitnimmt in ein feines Hotel. Sie möchte aber nicht schon in der ersten Nacht, was er will. Er hat ihr ein blaues Unterhemd geschenkt. Andertags kommts zu dem, was er will. Aber die beiden passen nicht zusammen.

Das andere Ende des Handlungs- oder gar Täterzusammenhangs von Steve oder Stéphane, wie er sich in Frankreich nennt, denn er ist aus Frankreich, findet sich in Dünnkirchen. Es handelt sich um eine Fabrikschließung oder wie er später sagt, sie hätten Sifrnur „eingestampft“. Das sagt sich in London leicht. In Dünkirchen kann es sehr existentiell werden, wenn plötzlich über 1000 Menschen arbeitlos sind. In Dünnkirchen setzt Klapisch seinen Fokus auf die Folge einer Londoner Investment-Entscheidung von Stéphane. Denn er war Hauptakteur, die Fabrik in Dünnkirchen zu schließen, in der die Protagonistin des Films arbeitete. Stéphane wurde damit gewissermassen der Antagonist von France, gespielt von Karin Viard, die wegen dem Jobverlust Tabletten genommen hat und sich umbringen wollte. Aber sie hat drei reizende Töchterchen. Und die muss sie durchbringen. Die einzige Chance, Geld zu verdienen, sieht sie in Paris, als Putze. Kurz und amüsant wird ihre Ausbildung zur Putzfrau geschildert. Sie müsse vor allem einen ausländischen Akzent sich aneignen. Das übt sie laut und ausgiebig beim Bügeln. Sie will „viel Glück finden bei Arbeit in Frankreich“.

Ihre erste Stelle, warum es auch kompliziert machen, führt sie gleich zu Stéphane, der in Paris inzwischen ein luxuriöses Appartment bewohnt. Wichtig sind hier Sauna, Sporträume und dergleichen. Sie kriegt den Job, weil sie beim Vorstellungsgespräch kein Wort sagt und er eigentlich nur von sich und seiner Wohnung und von seiner Vorstellung von einer Putzkraft drauf los plappert. Tenor: nur ja keinen menschlichen Kontakt.

Dass France das Schema durchbrechen wird, das wissen wir aus der Erfahrung mit guten Geschichten und freuen uns darauf und es ist genüßlich mit anzusehen, wie sie nach und nach Gespräche führen müssen. Wie France dann mitansehen muss, wie das Fotomodel in der Wohnung auftaucht und sie ihm plötzlich sagt, die sei bestimmt nicht die richtige. Noch enger wird’s, wie Alban seinen Vatertag hat und die Mutter noch wissen lässt, sie fahre einen Monat in Urlaub. Einem Investmentbanker kommen auch die eigenen Kinder immer ungelegen, genau so wie Menschen im Allgemeinen. Aber wozu hat man eine Putzkraft. Für sie ist es allerdings ein Problem, nicht nach Hause zu den eigenen süßen Töchterchen nach Dünnkirchen zu können. Aber sie hat ja noch eine Schwester und eine Gehaltserhöhung liegt auch drin.

So ein Kind sorgt für Gesprächsstoff und dadurch weitere Annäherung. Bis zum Ausflug nach London, wo es super wäre, wenn er zu seinen Kollegen mit einer Frau erscheinen würde. Aus so einer Putzfrau lässt sich was machen. Das beweist jedenfalls France mit Grandezza. Wie sie aus der Stretchlimousine steigt, wie sie sich dann von Stéphane als die Russin Vlada vorstellen lässt und vollkommen bescheuerte Sachen zu den gelähmten Gesichtern spricht, als ob sie nicht richtig Englisch könne. Dann folgt eine Liebesnacht. Aber Stéphane hatte im Doppelzimmer nebenan noch eine andere. Und wie France mit Alban spazieren gehen soll, schneidet Stéphane eine Etage über dem Eingang lautstark ins Handy vor einem Kumpel auf, wie geil er noch schnell und nebenbei die Putze flachgelegt habe. Jetzt reicht es France. Sie haut mit dem Buben ab. Sie soll ja zur Tanzshow ihrer Tochter nach Dünnkirchen. Auch die Überfahrt gelingt reibungslos. Aber während der Veranstaltung wird sie verhaftet. Und auch Stéphane ist mit seiner früheren Freundin, mit einem dicken Sportwagen hinter ihr her. Bis es vor der Halle der Tanzaufführung zu einem eindrücklichen Countdown und einer Art unerwarteter Abrechnung kommt. Der kleine pikante Schuss Rachefantasie am Ende einer lustvollen Erzählung, die Klapisch mit viel Verve, leichter Hand und einem Herz für den einfachen Menschen auf die Leinwand bringt.

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