Archiv für 25. August 2011
Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Kino als Porzellanmalerei, vielleicht aus Meißen, mit zwei selig lächelnden Protagonistinnen aus der DDR, hübsch wie Engel auf Porzellan gemalt für den Salongebrauch. Die DDR der Putten.
Nach einer wahren Geschichte ist dieser Film gedreht worden. Die Produzentin selbst will sie mit ihrer Zwillingsschwester erlebt haben. Das war vor über zwanzig Jahren. Erinnerung verändert die Geschichte, verfärbt sie.
Der Film spielt zur Zeit der DDR, ein Jahr vor dem Fall der Mauer. Doreen und Isa heissen die beiden DDR.-Sportlerinnen, Ruderinnen um genau zu sein. Sie sind zweieiige Zwillingsschwestern. Sie dürfen für ein Pionierlager zum ersten Mal ins sozialistische Ausland fahren. Nach Ungarn. Dort lernen sie westdeutsche Jungs kennen. Doreen verliebt sich in Arne aus Hamburg. Sie lässt sich von ihm im VW-Käfer über die ungarische Grenze in den Westen schmuggeln.
Über 20 Jahre nach dem Fall der Mauer scheint die DDR im diesem Erinnerungs-Film ihren Schrecken verloren zu haben. Die Entscheidung für die Besetzung mit den beiden Hauptfiguren gibt gar nicht erst vor, DDR-Realismus auf die Leinwand bringen zu wollen. Die beiden Schwestern fahren im Zugabteil Richtung Ungarn. Sie fahren allein. Nicht in der Gruppe. Sie sitzen im Zug und lächeln, lächerln, lächeln versonnen, wie im Traumland, wie im Film, wie im Old-Hollywood. Aller Sorgen los und glücklich. Keine graue DDR die als dunkler Akkord dahinter liegt. Filmwelt, Traumwelt.
In Ungarn verpassen sie den Bus zu ihrem Camp. Sie gehen mit ihren Rucksäcken zu Fuss eine fast leere Strasse entlang. Der orange VW-Käfer aus Hamburg kommt da wie bestellt, das heißt, er kommt ziemlich absichtsvoll die Strasse entlang, um dann zu stoppen und die beiden Frauen zu fragen, wo sie hinwollen, ob man sie ein Stück weit mitnehmen könne. Deutliche Inszenierung.
Die Liebe dürfte auf den ersten Blick gefallen sein, die zwischen Arne und Doreen, auch wenn das den beiden vielleicht nicht gleich bewusst ist, auch der Film macht kein Aufhebens davon. Also die DDR muss recht süss gewesen sein. Der einzige, der im Pionierlager immer rumbrüllt, das ist der Trainer und Leiter Balisch. Im Ton immer zu hoch und zu undifferenziert.
Einerseits müssen die Mädchen trainieren. Gerne rudern sie zu zweit. Mal ist auch Balisch im Boot. Schon am nächsten Tag tauchen die 4 Westdeutschen auf, was auf Seiten der DDR-Leitung zu Misstrauen führt. Ab da finden die Treffen am Draht-Zaun statt, der sich ums Camp zieht oder die Mädchen schleichen sich nachts durch den Zaun zu den Westdeutschen, erst zur Party, dann auch in ihre Zimmer.
Bald wird die Frage der Flucht akut. Doreen lässt in der Leistung nach, sie ist voll verliebt und nicht bei der Sache. Die Liebe wird allerdings auch minimal nur angedeutet. Vielleicht ist das ein Film für Kenner, die diesen Minimalismus erkennen können und sich darin gut fühlen, ihn erkennen zu können.
Es ist eine Erzählung aus Signalen. Doreen probiert das Parfüm von Arne. Ihre Schwester findet nach ihrer Rückkehr, sie rieche nach Arne. Du riechst nach Arne. Hat der Balisch was bemerkt? Du liegst seit 2 Stunden mit Bauchschmerzen im Bett. Die Schwester deckt die Ausflüge ihrer Zwillingsschwester.
Kino ist immer die Folge eine Unmenge bewusster oder intuitiver Entscheidungen der herstellenden Macher. Hier war sicher eine der ersten Entscheidungen, den Film mit sehr wenig Budget zu machen. Es sind keine namhaften, sprich teuren Stars dabei, stattdessen zwei wunderbare Nachwuchsschauspielerinnen (Friedericke Becht als Doreen und Luise Heyer als Isa); die meiner Ansicht nach aber nicht die Idee eines DDR-Realismus transportieren; das war wohl auch nicht die Absicht. Von mir aus gesehen grinsen sie echt zu viel, was mir der Glaubwürdigkeit der Story nicht allzu dienlich erscheint; auch der durchgehende Verzicht auf Dialektfarben der Schauspieler hebt den Film eher ins Wolkige, ins Wolkig-Schöne zwar; beinah ins Verklärend-Verklärte, aber nicht unbedingt in einen Bereich, um Publikum zu gewinnen, das an eigene Erfahrungen andocken möchte.
Es ist eine schöne Liebesgeschichte. Mit pointiert ausgewählten Szenen erzählt, immer deutlich, dass ganz bewusst entschieden worden ist, was erzählt wird und was weggelassen wird. Mit der Pinzette sozusagen ausgewählt aus einem Wust von Erinnerungen der Produzentin und ihrer Schwester. Leider begnügt sich der Filmemacher Robert Tahlheim damit, gewiss hübsch und schön gearbeitete Bilder nachzustellen; die Arbeit, diese in einen dramaturgisch spannenden Bogen zu bringen, wurde allerdings gar nicht erst angegangen. Wer auf solche Arbeit verzichtete, der bekommt das sehr deutlich an der Kinokasse zu spüren.
Vielleicht soll so ein Film zum Vornherein ein nicht allzu grosses Publikum erreichen; sonst hätten wohl einige Parameter anders entschieden werden müssen. Aber ganz versteh ich es nicht, wenn ein Film zum Vornherein nur für ein ganz kleines Publikum gemacht wird. Und wenn dem so ist, für welches Publikum? Für die erwähnten Kenner, die sich daran ergötzen, dass sie einen beuwssten Entscheid für Unpopuläres oder zur Auslassung von „normalerweise“ Erzählnotwendigem als solchen erkennen und gouttieren können?
Irgendwann möchte man doch auch Erfolg an der Kasse sehen. Und diese Liebesgeschichte hier ist weissgott universell genug; immer noch gibt es genügend undurchlässige Grenzen auf der Erde, politische Hemmnisse für Lieben. Eine Geschichte also, die beim heutigen Besucher Saiten zum Klingen bringen könnte. Das tut der vorliegende Film meines Erachtens kaum. Er lässt zwar gerne Saiten klimpern zur Vertonung und bedeutunsschwangere Streicher Saiten streichen. Was wirklich gar nicht nötig wäre bei der behutsamen und geschmackvollen Inszenierung. Aber die Bearbeitung des Textes und auch von Teilen der erfundenen Dialoge scheint mir nicht dazu angetan, eine Kinospannung zu erzeugen, die auch Leute zu faszinieren vermöchte, die zur DDR keine Assoziation mehr haben.
Mir scheint der Untertext der ganzen, wenn auch elaborierten Inszenierung der zu sein: ich mache Kunst, ich wähle aus. Und Menschenkenntnis spielen bei mir keine Rolle, Psychologie? Ohne mich. Ohne dann ganz auf stereotpe TV-Dialog-Fragen verzichten zu können wie „was machen ma jetzt?“.
Beispiele für diese deutlich sich als Kunst und Künstlichkeit verstehende Erzählweise, die quasi mit Glacéhandschuhen ihren Gegenstand behandelt: die Geschichte mit dem Floss.
Oder die Schilderung der Unterkunft der Deutschen, die erst am Schluss erkennbar wird (aha, so haben die also gewohnt. Oder die Schilderung des Schmuggelversteckes unter der Hutablage im VW-Käfer und dessen Handling. Die Schilderung der Zollkontrolle, die genau da aufhört, wo sie „normalerweise“ spannend wird, nämlich bei der Kontrolle. Kein Zweifel besteht allerdings daran, dass der Regisseur ganz genau begründen könnte, warum er gerade diese Auswahl des Gezeigten getroffen hat. Warum er aber bereit ist, auf Kosten dieses Etepete auf Spannung, menschliche Widerborstigkeit, Erzählrhythmus und Tempo zu verzichten, das zu begründen dürfte ihm sicher schwerer fallen.
Ein begrenzter Kinobegriff, den wir hier vorgeführt bekommen, der genau auf das einzigartige Element des Kinos verzichtet, wodurch es so einmalig ist: durch geschickte Aneinanderreihung von Szenen, die in einem vorgegebenen Zeitraum ablaufen, ein konstruktive Aktivität im Gehirn des Zuschauers zu erzeugen, die ich dann Kino-Spannung nennen würde und die ein einmaliges Erlebnis ist. Hier wird Kino verstanden als kultiviertes Blättern in einem äusserst gepflegten Hochglanz-Bilderbuch.
Salonkino zum Fünf-Uhr-Tee.
Kino als Porzellanmalerei, vielleicht aus Meißen, mit zwei selig lächelnden Protagonistinnen aus der DDR, hübsch wie Engel auf Porzellan gemalt für den Salongebrauch. Die DDR der Putten. Nach einer wahren...
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Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Ein Augenschmaus ist dieser Film. Ungewöhnlich schon die oft tiefe Kameraperspektive, egal wie man das interpretieren mag. Styling und Setting versuchen Kult, Verruchtheit, Künstlertum, Erotik, Sinnlichkeit (rote Lippen und Erdebeere im Schmollmund und richtig blondes oder richtig schwarzes Haar). Das Styling gibt sich vampirromantisch, farbenfroh, verspielt, leicht dekadent und geniesst dies auch. Ziska Riemann, die Filmemacherin, schwelgt im Möchtegern-Kult-Milieu.
Der Film fängt an mit Bildern aus einem Monster-Vampirfilm: das bleichgesichtige Monster, Zylinder, tanzende Mädchen drum herum. Das soll die Stimmung des ganzen Filmes bestimmen. Wobei das Thema Vampirismus nicht unbedingt das Kernthema ist, aber das Tier, das Tier im Mann aber auch in der Frau, das fasziniert die Filmemacherin.
Man fährt orignelle Autos mit der Nummer K XXX 777. Die Kamera versucht sich als Malerin.
Zwei Familien im Mittelpunkt: eine Künstlerfamilie und die andere Familie heisst Bach und wohnt in einer Art verspieltem Hexenhäuschen am Waldrand.
Die Künstlerfamilie besteht aus der Mutter Nicolette Krebitz, Kristina, eine schön reif gewordene Frau und richtig super auf der Leinwand gerade in diesem Milieu. Sie hat die Tochter Oona, ein jüngeres Ebenbild ihrer selbst. Der Vater hat als Maler seinen Zenit überschritten. Auf einer Vernissage sieht man, dass sein Bild ganz abseits hängt. Und wie seine Frau ihm gesteht, dass sie mit seinem Bruder Lukas geschlafen hat, da erhängt er sich.
Lukas ist ein richtig charakterloser Weiberer. Er macht die Freundin von der Tochter Oona an und entjungfert sie, grapscht nach Lust und Laune am erwartungsvollen Mädchen im Auto rum. Bruder Lukas ist nun mit der verwitweten Krebitz zusammen.
Die Geschichte selber ist leider eher deutsche Telenovela. Die Witwe Krebitz, die mit dem Bruder ihres Mannes, der sich erhängt hatte, fickt. Dieser verführt auch die Freundin der Tochter. Wie das alles an den Tag kommt, sinnen die beiden jungen Frauen auf Rache und locken den Schweinehund Lukas in eine Falle ins Hexenhäuschen und bringen ihn um. Sehr blutig. Blutig schön lag er da. Aber das Bild wurde cineastisch nicht mal richtig ausgeschlachtet.
Ein Film, der einen auf Jugendkultur machen möchte.
Nun ja, inhaltlich ist er doch sehr bescheiden geblieben, die Sätze kommen nicht über TV-Standard hinaus. “Das Leben muss doch irgendwie weiter gehen“
„Ariana, es ist das Beste, wenn wir uns eine Weile nicht mehr sehen“ (Der Saubär am Handy zur entjungferten Blondine).
Noch so ein Satz: Seit er tot ist, verkaufen sich die Bilder wie blöd.
Eine Szene in der Schule. Die beiden Freundinnen, Ariane und Oona begegnen drei Schülern und fragen die gleich, ob die ficken wollen und gehen mit ihnen auf die Toilette. Dort traut sich keiner. Schliesslich nimmt sie einen mit in die Kabine und wie er die Hose runtergelassen hat, da zwickt sie ihn, er rennt panisch aus der Kabine und die anderen nehmen auch Reißaus.
Immer wieder der Vesuch, psychodelische Atmosphäre mittels der Musik herzustellen.
Irgendwie kommt einem die Arbeit doch bemüht und teilweise linkisch retro vor.
Oder wie die Familie Bach in ihrem Hexenhäuschen den Toten entdeckt, den ermordeten Lukas, da fängt Frau Bach wie irre und wortlos an, den Boden zu fegen. Bescheuert könnte man sagen.
Die bunten Farben im Haus der Familie Bach.
Krebitz: Wenn Lukas nicht wäre, dann hätte er (Dein Vater) nicht mal einen Grabstein.
Tochter Oona: Wenn Lukas nicht wäre, dann bräuchte Vater keinen.
Als Thema wird angesprochen: die Suche nach der grenzenlosen Freiheit. Der Film selbst soll wohl so ein Versuch sein, diese grenzenlose Freiheit im Film auszuleben; wobei das Problem der Grenzenlosigkeit deutlich wird: denn ohne Grenzen keine Form, ohne Erzählfaden und ohne Grundkonflikt keine Geschichte. Was bleibt ist Patchwork, bunte Impressionen, die uns in eine aufgerührte, jugendrebellische Welt hineinziehen wollen.
Ein Augenschmaus ist dieser Film. Ungewöhnlich schon die oft tiefe Kameraperspektive, egal wie man das interpretieren mag. Styling und Setting versuchen Kult, Verruchtheit, Künstlertum, Erotik, Sinnlichkeit (rote Lippen und Erdebeere...
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Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Matthias Schweighöfer, Autor, Regisseur und Protagonist dieses Filmes, versucht sich vom Bild des Traumes aller Schwiegermütter zu befreien und engt dieses Bild nur noch mehr ein gemäß dem Slogan und der Moral dieses Filmes, man müsse sich nur so annehmen wie man sei, dann sei man ein echter Mann. Ein echter Traum aller Schwiegermütter.
Die Handlung: zwischen Schweighöfer als Alex und seiner Freundin Carolin, gespielt von Mavie Hörbiger, knirschts und kriselts. Sie schmeißt ihn raus. Er kommt bei Nele, Sibel Kekilli, unter. Die beiden sind für einander geschaffen. Aber wenn sie das sofort begreifen täten, wäre der Film schon nach 20 Minuten aus. Bis die beiden also im Flieger nach Peking sitzen zur Rettung der Pandas müssen noch einige Verwirrungen passieren. Okke gespielt von Elyas M’Barek muss ihm einige Ratschläge geben, wie man ein Mann wird und der Lockvogel Laura, den Sibel auf ihn ansetzt, muss die Verwirrung der Gefühle noch steigern.
So weit so theoretisch so gut. Ich würde nicht sagen, dass die intendierten Gefühlsbewegungen sehr genau analysiert und inszeniert sind; die werden mehr naturalistisch, schauspielerisch-intuitiv-naiv weggespielt und da Matthias Schweighöfer selbst die Regie führt, geschieht dies auch recht nonchalant, aber auch recht überraschungsfrei, eher mit Kichergarantie für seine potentiellen Schwiegermütter.
Wie eng die geistige Welt unseres Filmstars Schweighöfer ist (als solcher setzt er sich ganz schön ins Licht und in Szene), zeigt die Spannbreite der kühnsten männlichen Taten, die im Film vorkommen: das ist das Fällen eines Baumes mit der Axt, das sind erotische Spiele mit Schlagsahne auf dem Bauch der dicken Laura, und dann kommt noch igitt igitt als Nonplusultra verwegener Mannwerdung: das Schmatzen. Das muss gleich zweimal im Film vorkommen. Das erste Mal beschwichtigt Schweighöfer seine Freundin Carolin noch. Wie sie später, das ist eine der Komplikationen, die das Filmende nach hinten verschieben, plötzlich wieder reuig vor der Wohnung auf der Treppe hockt und ein Versöhnungsgespräch will, da gehen sie zum Japaner essen und eine ältere Dame einer japanischen Reisegruppe schmatzt laut. Da rastet Carolin total ausj. Das ist ihre Nicht-Entwicklung in diesem Film. Schweighöfer beschwichtigt jetzt nicht mehr, er schlürft und schmatzt nun ebenfalls, was das Zeugs hält, das ist seine Entwicklung im Film, seine Mannwerdung. Er tut es. Er schmatzt.
Das ist nicht seine einzige „Entwicklung“. Er hat noch ein grösseres Problem, was nun aber genau nicht ein typisch männliches Problem ist, er hat Flugangst. Da gibt’s ganz am Anfang des Filmes eine Alptraumsequenz, wie das Flugzeug, in dem er sitzt, anfängt zu ruckeln dass es nicht mehr schön ist und er schier zugrunde geht. Und aus Liebe – wie gesagt, theoretisch postulierter, im Spiel jedoch nicht erkennbarer – Liebe, fliegt er dann der Pandaschützerin Kekilli hinterher nach Peking und zu allem Zufall hat sie den Flieger verpasst und sitzt dann in der gleichen Reihe. Ein Lebenshilfefilm zur Überwindung der Flugangst.
Andere spießige Elemente in diesem Film: der zu laute Nachbar über der gemeinsamen Wohnung von Alex und Carolin, die Frage in der Schule an das jugendliche Alter Ego von Alex, den blonden Bengel Frank: was ist in der Wurst.
Na ja, das ist auch sehr Klischee, der Freund von Kekilli, der Franzose Etienne, der allein nach Peking fahren will. Witzchen, Witzchen, Bonne Chance.
Oder wie Schweighöfer Nele sucht und weiß, dass sie im Panda-Kostüm rumläuft und dann sind da plötzlich Dutzende von Aktions-Pandas und einer weiß, dass Nele schon auf dem Weg zum Flughafen ist, das ist so wenig originell, nichts gegen verbrauchte Ideen, aber müssen sie dann auch noch so uninspiriert vorgetragen werden?
Text gegen Flugangst: „Fliegen ist super, man kommt so schnell von A nach B.“
Nachdem er Kekilli das erste Mal kurz geküsst hat, steht sie da und sagt „Kuck, nix passiert“.
Die Handschrift von Schweighöfer scheint mir schon was Persönliches zu haben, aber es ist die Handschrift des Traumschwiegersohnes: nett und niemandem weh tun und immer schön lächeln und in jedem Moment schön fotogen bleiben und keinen Makel haben. Der Hang zur unmenschlichen Perfektheit von Form und Oberfläche. Ideal für Rasierwasserwerbung. Oder Hautcreme.
Es gibt ein paar schöne Aufnahmen von Frankfurt, dem Main, den Brücken, den Hochhäusern, by night und von einem schönen alten Botanischen Garten.
Ein etwas aufwändigeres Selbstdarstellungsfilmchens eines wohl im deutschen subventionierten Film bereits vertrockneten Talentes.
Vielleicht haben die Förderer dieses Filmes noch nie ein anderes Drehbuch gelesen. Oder sie gehören selbst zur Gruppe der angepeilten Schwiegermütter-Klientel.
Matthias Schweighöfer, Autor, Regisseur und Protagonist dieses Filmes, versucht sich vom Bild des Traumes aller Schwiegermütter zu befreien und engt dieses Bild nur noch mehr ein gemäß dem Slogan und...
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Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Aus dem Bilder-, Dialog- und Szenenkompilat lässt sich in etwa folgende Storyline ablesen: eine Mutter, Meret Becker als Roberta, die Reiseleiterin im Grenzgebiet zwischen Deutschland und der Schweiz ist, bumst lieber wild mit ihren Touristen rum als sich um ihre drei halbwüchsigen Kids, davon zwei Mädels, zu kümmern. Die wachsen verwahrlost auf. Diese kaputte Familie heißt Meiringer. Die Hauptfigur ist ihre älteste Tochter, Nana, gespielt von der hochbegabten Elisa Schott, die hier 15 ist und ihr Leben erbärmlich findet. Sie hat den Traum, als Kapitänin zur See zu fahren. Sie und ihre Schwester werden außerdem im Laufe des Filmes versuchen, ihrer Mutter einen anständigen Mann zu verschaffen, um damit ein geregeltes Familienleben zu bekommen. Eine widersprüchliche Ausgangslage: der Traum von der Flucht aus der Familie bei gleichzeitigem Versuch der Reparatur der Familie. Diese Widersprüchlichkeit scheint von der Autorin, die auch die Regie besorgte, Güzin Kar, keineswegs reflektiert worden zu sein. Hätte aber durchaus als Konflikt gesehen ein dramaturgisches Drehmoment erzeugen können.
Verkomplizierung der Widersprüchlichkeit: der Traum von der Familie wird im Film ziemlich negativ vorgestellt am Beispiel der Familie Gilbert. Die sind alle immer in Gelb gekleidet und oh Symbolik, wer gelb ist, ist in diesem Film spießig und wer rot ist, hat wohl das Leben gepachtet und die Sauerei und darf auch ziemlich kaputt sein. Meret Becker trägt als Reiseführerin ein enges rotes Kleid und macht in einer witzig-zweideutig intendierten Anmerkung, die sie bei einer Rheinfahrt im Touristen-Weidling macht, darauf aufmerksam, dass die Grenzlinie zwischen Deutschland und der Schweiz in diesem Moment genau längelang durch die Mitte des Bootes gehe, der Grenzstrich eben; die Herren links sind in der Schweiz und die Herren rechts in Deutschland. Und die Dame in der Mitte auf dem Strich. Interessanterweise sind bei diesen Geschäftsausflügen immer nur Herren beteiligt.
Meret Becker darf also die Schlampe raushängen lassen und sie tut es schamlos. Sie macht, obwohl sie brav werden will, im Grunde genommen im Film keine Entwicklung. Es gibt zwar das Beratungs-Gespräch mit der Sozialarbeiterin, die wie in einem Bilderbuch für Dreijährige steif stilisiert und steril dargestellt wird; Roberta erzählt der Sozialarbeiterin, sie gehe jetzt zu den Chorproben und kochen könne sie auch schon fast. Auf dem Wege, ihr Leben in Griff zu kriegen und ein ordentlicher Mensch zu werden.
Details aus dieser kunterbunten Anhäufung verschiedener Szenen um die Familie Meiringer, die immer zwischen Kinderfilm und Erwachsenenfilm hin und her schwappt: Nana glaubt, sie habe die Arschkarte unter den Müttern gezogen.
Die Provinz wird als düster bezeichnet. Der einzige Spaß seien die Selbstmorde, die sich im Frühjahr häuften; dann springen die Lebensenttäuschten vom Stau-Wehr. Und den grössten Spaß, nämlich ihre Abschiedsparty, verpassen sie. Was ist mit den Selbstmorden in den Städten?
Es werden Tiere erwähnt, die hören mit den Beinen und schmecken mit den Füssen.
Einmal geht Meret Becker baden, sie verliert ihr rotes Top im Wasser. Dann rennt sie nackt mit den Armen vor ihrer Brust verschränkt durch die Stadt. Anderntags verspotten die Jungs ihre Tochter. Die geilen Möpse. Grade noch Kinderfilm?
Ein Gespräch auf dem Sozialamt soll filmische Spannung erzeugen, das passiert nach viel zu langem Vorgeplänkel. Roberta wird eine Deadline von drei Monaten gesetzt, um ihre Familie ordentlich zu organisieren, sonst werden ihr die Kinder weggenommen.
Sie will sich aber von dieser verkrusteten Tante mit der hässlichen Frisur nic ht vorschreiben lassen, wie sie ihr Leben zu gestalten habe. Emanzipation oder bloss Störrigkeit? Erwachsenenfilm.
Ein Versuch ein ordentliches Leben zu führen wird illustriert mit einem Bild, wie Roberta und ihre drei Kinder schön brav in einer Reihe auf dem Sofa sitzen, alle die Beine parallel und auf den Oberschenkeln haben sie je einen Teller mit zwei Klößen und essen. Naive Malerei.
In der Nähe der Ortschaft gibt es eine Marienfigur. Mit der unterhält Roberta sich. Die muss Karl, ein Angestellter der Stadt, von der Taubenkacke säubern. Karl ist aber nicht nur im örtlichen Reinigungsdienst, er ist auch der Chorleiter. Tagsüber kämpft er mit der Taubenkacke, abends mit dem Dirigentenstab. Das ist direkt eine lustig-dadaistische Kinderfantasiefigur aus Absurdistan, eine groteske Figur, wenn man das recht bedenkt, deren Potential hier vollkommen verschenkt wird. Karl ist sozusagen das Wettermännchen, das anzeigt, was angesagt ist (diese Wetterfigürchen, die sich je nach Wetter blau oder rot verfärben). Er trägt nämlich, wie es „in“ ist, plötzlich rot.
Die Farbspiele scheinen überhaupt der widersprüchliche moralische Zeigefinger in diesem Film zu sein. Rot ist gut und lebendig, wenn auch verwahrlost und bumsfreudig, gelb ist hässlich, geizig, spiessig, engherzig. Farbenmoral. Rot ist erstrebenswert. Beim Abschlusskonzert, dem lange vorbereiteten dramaturgischen Höhepunkt in diesem eher träge wie der Rhein gegen das Meer hinfliessenden Film, tragen plötzlich alle Rot, selbst die gelbhässlichen Gilberts sind jetzt farbbekehrt. So besehen ein Kinderfilm, der sich aber nicht richtig traut, einer zu sein.
Zum Kirchenkonzert erscheint Roberta zu spät, weil sie noch den jungen Arzt nach Afrika verabschieden musste. Eduardo heisst er im Film. In Eduardo ist auch die Tochter von Roberta verliebt. Das passt Roberta gar nicht. Sie droht dem Arzt an, ihm die Eier abzureißen, wenn er sich in ihre Tochter verliebe. Immerhin Klartext. Und, ja, kein Kinderfilm.
Dieser Arzt, der vermutlich zum Schutze seiner Eier, nach Afrika auswandern will, der wird am Wehr, wo Angeln verboten ist, als Angler eingeführt. Nana ist Lehrtochter beim Wehr und als solche macht sie ihn auf das Verbot aufmerksam. Dann treffen sie sich im Laden, er hat sich gleich belehren lassen und kauft also Fisch statt ihn zu angeln.
Der erste Versuch der beiden Töchter, für ihr Mutter Roberta Männer zu suchen, besteht in der Beobachtung eines Badestrandes per Feldstecher: lauter hässliche Männerkörper in teils zu engen Badehosen, Kommentar: Männer sind wie Schweine. Kein Kinderfilm.
Die Kinder wollen also ihrer Mutter Roberta einen Mann verschaffen.
Männercasting zu Hause auf dem Sofa, da sitzen sie witzlos verklemmt und alles keine Helden; Datingshow im Kinderfilm, der kein Kinderfilm sein kann.
Einsichten.
Einen Mann zu finden ist schwieriger als einen Marsmenschen.
Wir Frauen haben alle Freiheiten und suchen einen Mann als Erlöser. Kein Kinderfilm.
Roberta zur Sozialarbeiterin: Heiraten Sie einen afrikanischen Buschkönig und schreiben Sie ein Buch darüber.
Männer, die nett sind, sind pervers. Kein Kinderfilm.
Frauen beim Arzt. Wir wären alle nicht hier, wenn Johnny Depp zuhause auf uns warten würde.
Mütter denken viel weiter als Du glaubst.
Tochter über die Mutter: Weil Dich immer alle verarscht haben, muss es bei mir nicht auch so sein.
Nana beim Arzt:
Sind Sie Arzt?
Nein, Schlachter.
Wo ist Dr. Merkel?
Er ist in der Tiefkühltruhe, ich habe ihn vorhin zerstückelt.
Sind Sie verheiratet?
Dann noch ein Exkurs über den Namen Nana, sumerische Göttin der Liebe aber auch des Krieges. Drehbuchschreiben heisst Googeln und Kompilieren. Da kann Nana Mouskuri nicht ausbleiben.
Güzin Kar traut sich nicht, eine Idee konsequent weiterzuführen, sie kann sich nicht klar für eine Erzähsicht- und Schiene entscheiden, offenbar hat sie Angst vor Festlegungen und den radikalen Konsequenzen ihrer Einfälle, Misstrauen vor den eigenen Ideen und gefährdet so ihr eigene Arbeit.
Ein unfertiges, unentschiedenes Genre-Mix-Produkt mit lustigen chaotisch-anarchischen Ansätzen.
Aus dem Bilder-, Dialog- und Szenenkompilat lässt sich in etwa folgende Storyline ablesen: eine Mutter, Meret Becker als Roberta, die Reiseleiterin im Grenzgebiet zwischen Deutschland und der Schweiz ist, bumst...
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