Archiv für 18. August 2011

Viel Lebendigkeit ist in diesem Film. Zwei nicht vereinbare Welten werden aufeinander losgelassen, so wie Tal und Bichl, Tal und Hügel sich ausschliessende Begriffe sind, so dürften Sannyasins und bayerische Dörfler sich ausschliessende Welten sein (was zwar noch der genaueren Untersuchung bedürfte, vielleicht sind die gar nicht so verschieden). Wenn die nun in nächster Nachbarschaft zusammen leben müssen, weil einige Bhagwan-Anhäger von Berlin ins oberbayerische Talbichl ziehen, so dürfte für Konfliktstoff gesorgt sein. Das müsste beim Zuschauer das Interesse wecken, das sich einstellt, wenn der Lehrer im Chemieunterricht zwei unverträgliche Elemente in einem Gefäss zusammen und zur Reaktion bringt. Nun, die chemischen Elemente gehorchen streng naturwissenschaftlichen Gesetzen und deslhalb verfolgt der Zuschauer ganz gebannt einen solchen Vorgang, weil er sich davon überzeugen will, ob das vom Menschen behauptete Gesetz auch stimmt und die erwartbare Reaktion sich einstellt.

Das Kino nun, das Marcus H. Rosenmüller macht, ist natürlich kein naturwissenschaftliches. Es will von Menschen berichten, von unterschiedlichen Lebensentwürfen und will diese miteinander konfrontieren. Allerdings versucht Rosenmüller gar nicht erst den Eindruck von Wissenschaftlichkeit, sei es Natur- oder Humanwissenschaft, zu erwecken. Er gibt gar nicht erst vor, mit scharf beobachtendem und analytischem Blick an sein Thema heranzugehen. Und damit erweckt er auch nicht die Hoffnung, Tiefschürfendes oder Überraschendes an den Tag zu bringen.

Zur Verteidigung von Rosenmüller muss hier allerdings angeführt werden, dass er für die Dramaturgie gar nicht zuständig ist, er ist hier in der bequemen Lage, dass er ein Buch von Ursula Gruber verfilmen kann.

Es stellt sich also die Frage, wo setzt man an, wenn man die Eindrücke dieses Filmes ordnen und formulieren möchte.

Für die Dramaturgie, also für das Konstrukt, was für die Spannung und geistige Erhellung, die ein Film liefern soll, zuständig ist, muss Verdienst und Verantwortung Frau Gruber zugewiesen werden. Rosenmüller war lediglich am Set vor Ort verantwortlich dafür, dass zum einen der Drehplan eingehalten, das Drehpensum erfüllt wird und zum anderen, dass die Schauspieler die vorgegebenen Texte und Dialoge mit viel Lebendigkeit, wie eingangs konstatiert, vortragen.

Der Grund dafür, warum ich trotz aller schauspielerischer Lebendigkeit das Kino unbefriedigt verlassen habe, dürfte also viel mehr darin zu suchen sein, wie uns dieses Experiment der Konfrontation von bayerischen Dörflern und Bhagwan-Anhängern erzählt wird.

Mein Eindruck ist der, dass Frau Gruber sich nicht genügend darum gekümmert hat, wie ein solche Geschichte spannend erzählt werden kann. Mein Eindruck ist viel eher der, dass sie die beiden Welten fast wie auf einem Flohmarkttisch einigermassen beliebig, wenn auch nett arrangiert, nebeneinander präsentiert hat, durch welche Nachbarschaft sich ein ganze Menge von Pointen und Witzen herstellen liess, aber zu echter Komik, zu einer universellen Erzählung, die dann auf der ganzen Welt weitherum verkauft werden könnte, reicht die Struktur nicht aus, da ist sie einfach zu beliebig, zu gefällig, zu nettig, vielleicht einfach auch zu unbedarft.

Das alte Übel: da es an einem zwingenden Handlungsfaden fehlt, muss ersatzweise viel diskutiert und die Lebensentwürfe informativ geschildert werden. Im fiktionalen Kino sind bekanntermaßen Erklärungen und Sach-Informationen der Tod der Spannung.

Einschub zum Handlungsfaden: dieser besteht hier lediglich darin, dass Berliner Sannyasins in ein bayerisches Dorf umsiedeln und dadurch in Kontakt und Konflikt mit der Dorfbevölkerung geraten: im Lebensmittelladen, in der Schule, in der Kirche, beim Dorffest und mit der Lokalbehörde wegen eines nicht genehmigten Umbaus. Das ist im Grunde genommen keine Geschichte, sondern nur eine Grundsituation. Darüber lassen sich nun beliebig viele Szenen erfinden, denen aber wie hier, immer die unangenehme Unschärfe der Beliebigkeit anhaftet.

Der Mangel an Handlungsfaden muss also kompensiert werden. Dazu bedient man sich der „Einfälle“. Oder die Wirklichkeit wird komischer dargestellt, als sie in Wirklichkeit ist, aber eben leider nicht abgrundtief komisch durch ganz genaue Beobachtung, sondern nur halbkomisch mit dem Ziele, dem Zuschauer einen Lacher abzugewinnen.

Flohmärkte sind meist erfolgreich, meist jedoch nur lokal oder maximal regional von Bedeutung. Man könnte auch von Flohmarkt-Dramaturgie der Frau Gruber sprechen.

Ein schönes Beispiel für diese Art von kompensatorischen Erfindungen ist die Figur der Frau Hase. Die prototypisch und klischeehaft neugierige Nachbarin und Tratsche. Klischee um des Klischees willen. Vermutlich inspiriert durch viele solcher Bauerntheater- und Bauernkabarett-Schenkelklopffiguren, die immer leicht dümmlich sind. Hier wird sie zu einem tragikomischen Höhepunkt getrieben, wenn sie vor lauter Neugier über den Balkonrand zu Tode stürzt. Leider vernichtet der Pfarrer bei ihrer Beerdigung die ganze Figur durch entlarvend sein wollende Erklärungen. Das ist, würde ich mir erlauben zu sagen, Autorendilettantismus pur und Rosenmüllers Regie-Zugriff war nicht stark genug, zu retten.

FERNSEHBEHAGLICHE INSZENIERUNG UND FERNSEHBEHAGLICHES DREHBUCH. Es wird keine Spannung erzeugt, die es unmöglich machen würde, zwischendrin nicht mal zum Pieseln zu gehen oder Crackers zu holen, man verpasst das eine oder andere Witzchen, von Bonmots zu sprechen verbietet sich. Seichtes TV-Unterhaltungsgetue, es ist doch so billig, sich über Sannyassins und erstarrte Bayern lustig zu machen.

Man gibt vor, die Geschichte aus der Sicht von Lili zu erzählen, denn es fängt mit einem Voice-Over von Lili an „Das bin ich Lili am 12. Geburtstag in Berlin“ Dann gibt’s ein paar geschilderte Informationen über das Leben, die glückliche Zeit, dass Mama sich selbst retten wollte in Kreuzberg, Berlin 1980, das war die schönste Zeit, meint Lili, aber dann hatte die Mama die Idee, in den bayerischen Bergen ein Thearpiezentrum zu errrichten; es folgt noch ein Wust an Informationen, wer die Mitglieder der Kommune sind anhand von Fotos, die alle ganz klein auf der Leinwand erscheinen. Wer sich das alles merken kann, Hut ab!

Also bis jetzt wissen wir kaum mehr, als wer in diesem Film mitspielen wird, mindestens auf der Seite der Sannyasins, von Konflikten, die die Handlung vorwärtstreiben, nicht die Spur, theoretisch wissen wir zwar, dass das Mädchen die schönste Zeit jetzt hinter sich lässt, aber was für Erwartungen sie hat, auch was genau sie hinter sich lässt, welch emotionale Bindungen, welche Kinderfreundschaften, welche Lieblingsplätze, nichts davon. Insofern gibt es im Moment auch keine Erwartungshaltung, kein Absehen von Unglück, dieses Stadtkind auf dem Land, denn es ist uns praktisch noch gar nicht vorgestellt worden.

Schon sitzt die Familie im Citroen in Richtung Berge. Es gibt eine Diskussion wegen Bayern. Irgendwie muss so eine Autofahrt gefüllt werden.

Überigens der GRUND für die ganze Chose und den ganzen Umzug scheint einzig der zu sein, dass die einen Hof in Talbichl geerbt haben. Von der vorgeblichen Hauptfigur Lili her gibt es also überhaupt keinen Grund, von Berlin wegzuziehen, sie müsste wohl schon den ganzen Weg protestieren, denn sie sagt ja, Berlin war die schönste Zeit, da kann was nicht stimmen, sie hat gar nicht besonders gelitten in Bayern, aber das scheint eh ein Problem der Erzählperspektive zu sein. Um eine Filmhandlung spannend zu machen muss es einen Grund geben. Zum Beispiel Konflikte in der Gruppe in Berlin, so dass ein Teil froh ist, ausweichen zu können und zu glauben, sie können mit dem Umzug den Konflikten ausweichen. Um dann beispielsweise zu erzählen, dass man vor seinen Konflikten nicht weglaufen kann. Dazu aber müsste der Erzähler erst mal eine genaue Konfliktanalyse vornehmen. Diese Aufgabe scheint hier nicht gemacht worden zu sein (ob sich das aufs Honorar auswirkt? ). Was zum einem Abfall von Spannung führt, resp. gar nicht erst eine richtige Spannung aufbauen kann.

Für mich kam das erste Mal Spannung auf, wie die Mutter wirklich in Konflikt gerät, mit Prem nach Colorado zu gehen und ihre Kinder Lili und Fabian hinter sich zu lassen oder sich für die Kinder zu entscheiden. Das war Konflikt. Aber wie gesagt, eine Viertel Stunde vor Schluss reichlich spät. Vor allem war es dann der Konflikt der Mutter. Das Mädchen ist aber als Hauptperson eingeführt worden. Immer wieder fetzige Musik kann das nicht vertuschen.

Auch der Jubel der ankommenden Sanyassins ist wenig verständlich; wenn sie jetzt eine Leidenszeit hinter sich hätten und endlich ihr Paradies gefunden, aber Lili fand ja Berlin die schönste Zeit, das müsste also Lili ziemlich verstören, dieser Jubel, tut es aber nicht. Schlecht durchdacht das Ganze. Die Geschichte wird nicht kinoprofessionell erzählt. Denn das Kino erzählt in einer zeitlichen Reihenfolge. Es muss also sehr genau achten, welche Grundsteine es legt, auf welche es den Zuschauer stellt, damit der mitkommt und nicht irgendwann in die Bredouille gerät.

Darum ist Lilis Eintritt in die SCHULE auch so vorhersehbar. Der bayerische Bub Max ist allerdings beim ersten Schwenk über die Klasse sofort als pfiffiger lustiger Knabe zu erkennen. Der Rest der Reaktionen sind schnell hingedrehtes Klischee (wie man kinomässig eine Schulklasse aufregend drehen kann, hat eben der Japaner Tetsuya Nakashima mit CONFESSIONS gezeigt). Mag fürs Fernsehen genügen. Die Lehrerin erklärt ihre Regeln, das ist eine schöne Szene, zum Beleg, wie in diesem Film gearbeitet wird, und dann erklärt Lili ihre Regeln der anitautoritären Autonomie. Die sind so und die anderen sind anders. (Das ist das Prinzip, worin sich auch Alamanya verlustierte). „Unser Opa, war Guru, der hat Kräfte wie Obelix.“
Lili sucht auf der Landkarte Oregon. (weil die Mutter mit Prem ins grosse Zentrum ziehen will, was die Sannyassins dort bauen).

Auch die erste Szene im LEBENSMITTELGESCHÄFT, die ist ohne weitere Hintergründe sehr oberflächlich, die ausgestellten Dorfratschen sind billigstes Klischee – ich hatte bei mehreren Szenen den Eindruck, dass Rosenmüller irgendwie müde sei oder einfach in der Aufmerksamkeit nachgelassen hat. Sorry, diese ersten Begegnungen von Zuoagroasten und Einheimischen, ich finde, die sind nicht sorgfältig gearbeitet. Die haben sichs ein bisschen leicht gemacht. Das sind halt die erwartbaren Missverständnisse, das sind Kabarettsituationen bestenfalls, oder immerhin.

Parallel üben die Sannyassins den URSCHREI.
Es folgt ein Gottesdienst in der Kirche, auch nicht besonders inspiriert.
Es geht halt um die Erzeugung von Lachern übers Anderssein.

Die Mama geht zu einem Workshop nach München mit dem Guru Prem.
Frage: was passiert mit den Kindern. Erziehungsfragen, die diskutiert werden. Das ist vielleicht ein Problem für die anderen, nicht aber für Lili, die Hauptfigur, für deren Probleme wir uns eigentlich interessieren sollten. Also dramaturgisch wackelig, nur Vorzeigefilm, schaut mal, die machens so, anders als wir. Das ist aber nicht die Perspektive von Lilli. Dass die anderen ein Problem damit haben, wäre für Lili und die Lili-Perspektive nur von Interesse, wenn es sie in einen Konflikt stürzen würde; tut es aber nicht, sie hat die fixe Antwort parat.

DRAMATURGISCHE ANKÜNDIGUNGEN. Das war jetzt an der Zeit, weil bis jetzt noch kein Ziel für Lili erkennbar war, wenigstens die dramaturgische Ankündigung der 350-Jahr-Feier von Talbichl (es sind bereits 20 Filmminuten vorbei und man weiß immer noch nicht so recht, wohin das alles driften soll).
Eine weitere Ankündigung ist  der Bau der Buddha-Halle. In vier Wochen sei es so weit (hier kommt dann statt dessen die Polizei, die den unangemeldeten Schwarzbau mit einem Traktor, ziemlich läppisch muss ich sagen, abreißen soll). Vielleicht interessiert Rosenmüller gar nicht die Glaubwürdigkeit der Story. Es soll halt lustig sein.
Die dritte dramaturgische Ankündigung, die die nichtvorhandene Spannung aufpeppen soll, ist die Geburtstagseinladung, die Lili an ihre Mitschüler auspricht, vor allem an Max.

Die INHOMOGENITÄT der Sannyassin-Gruppe. Wenn Menschen länger in einer Gruppe zusammenleben – und diese Sannyassin-Gruppe besteht zum Teil schon seit über zehn Jahren, nämlich bestimmt so lange wie Lili schon auf der Welt ist, gleichen sie sich in Habitus und der Sprache einander an. Bis auf die Schwäbin, die ein Neuzugang ist, da passt es, dass sie vollkommen rausfällt. Aber Oliver Korittke als der Vater, der dieses heimatlose Fernsehhochdeutsch spricht und das noch sehr hackig, passt allein von daher überhaupt nicht in die Gruppe, die mir soviewo merkwürdig unpassend zusammengecastet vorkommt. Auch die Mutter von Lili und Fabian, die blonde Amrita, die spielt mir zwar überzeugend die Bhagwan-Anhängerin, aber in der Gruppe kommt sie mir auch isoliert vor. Korittkes Sprache und Stimme sind einfach zu hart, so als ob er ignoriere, dass er Teil einer Gruppe ist; das ist aber weiter nicht bewusst als Eigenart von seiner Figuranlage her charakterisiert. Oder das Gruppenmitglied mit dem dreckigen österreichischen Dialekt.

Es wird noch VIELE DISKUSSIONEN geben, die immer Bremsklötze für eine spannende Handlung sind, oder die vielleicht erst ein ausgewiesener Drehuchautor zu vermeiden versteht. Es gibt Diskussionen über Demos und das Leben, ideologische Diskussionen.
Diskuission mit dem Briefträger darüber, was normal sei.
Diskussionen über Energie.
Dass Lili ein ganze besonderes Mädel mit einer ganz besonderen Energie sei.
(alles keine handlungsförderlichen Texte).
Diskussion über den Stein, den verschwundenen Stein.
Dann Diskussion mit dem Bürgermeister über die Genehmigungspflicht von Anbauten, wie der Buddha-Halle der Sannyassin, Bauordnungsdiskussion – habe wir hier ein Gemeinderatsprotokoll zugrunde liegen, wir dachten doch, wir seien im Kino, dort würde scharf an den Dialogen geschliffen, damit sie kurz und aussagekräftig seien, wir sind doch nicht auf einer Amststube und kümmern uns um Papierkram.
Stubendiskussion über die Liebe. Multipler Orgasmus. Ja, zum Lustigmachen vielleicht ok.
„Jetzt beginnt der spirituelle Verfall, jetzt wo der grosse Prem kommt“.
Beim Dorffest dann die Mutter-Tochter-Diskussion.
Diskussion über die Polizeirazzia bei den Sannyassins. Lili entschuldigt sich.

Ein INHOMOGENES WERK mit deutlichen Qualitätsunterschieden in den verschiedenen Departments. Hervorragend scheinen mir die Bilder, die Musikuntermalung und der Schnitt. Regie, Buch, Buch, Buch, Casting, fallen dagegen für mich ab. Dialogregie praktisch nicht vorhanden. Muss auch nicht. Aber dann sollten die Dialoge wenigsten filmprofessionell geschrieben sein.
Sowas kann vorkommen in Talbichl, da geht auch nichts zusammen, aber da bin ich mir nicht so sicher, insofern vielleicht doch lebensnah realistisch, aber eben nicht unbedingt gekonntes Filmemachen. Gelebte bayerisch-filmische Anarchie?

ÜBERFLÜSSIGE SZENEN, die nur illustrieren und die Handlung keinesfalls vorwärts bringen. Das Hören der Stimme Bhagwans. Vollkommen überflüssig, falls die Geschichte wirklich aus der Perspektive von Lili erzählt werden soll, sind die Seminarszenen mit dem Guru in München. Die sind dann wirklich nur als „Sannyassin-Ploitation“-Szenen gedacht, damit das werte Kabarett-Publikum was zum Lachen bekommt, das Kinopbulikum fragt sich, wozu. (wenn sie dann wenigstens besonders ungewöhnlich geschrieben, inszeniert und gefilmt worden wären, sind sie aber nicht). Es wird der Versuch gemacht, das irgendwie exzessiv zu übertreiben.
Die Suche nach dem verschwundenen Stein mit der Wünschelrute. Mei, sieht lustig aus, wieso ist er verschwunden, was hat das mit dem vermutlich anvisierten Grundkoflikt von Sannyassins mit den Bayern zu tun?

Der Schulabwart mit seinem eigenartigen Akzent. „Keine Ahnung, alles Scheiße. Musst du kennen lernen die Leute, sonst weiss Du nicht, ob alles Scheiße“ und Lili wird den Satz später als den von einem Guru zitieren. Wozu?

Gut, so ein Stein der Erleuchtung, das könnte ein Requisit sein, um das herum sich Geschichten synthetisieren lassen, wird hier lediglich für illustrierende und parodierende Sannyassin-Szenen benutzt, ohne der Geschichte vorwärts zu helfen.
Die Sache mit dem schiefen Empfangsbanner WILLKOMMEN PREM. Grosse Aktion, das Banner gerade zu spannen. So ein Banner zu spannen erfordert Geschick. Will erzählen: Sannyassins sind ungeschickt. Was hat das mit der Problematik von Lili zu tun?

Erfundene Szenen, mei welche Erfindung, dass Lili über die Wiese zu den Nachbarn und das sind genau Bürgermeisters, laufen muss, um Butter und dann auch noch Brot auszuleihen. „Mama muss ihre Kindheit aufarbeiten, das dauert“. Papa ist Oekoaktivist auf der Rainbowarrior. Diese Erklärungen von Lilli kommen auch merkwürdig einstudiert daher, so, als seien die Sätze für ein sich belustigen sollendes Publikum gedacht; die Lili-Figur nicht ernst genommen.

Eine Beispielssezne: Max und Franz besuchen Lili in ihrem Zimmer. Da ist mir der Film “Mischgebiet“ in den Sinn gekommen, bei dem mir zwar die Geschichte zu sehr abwesend war, aber wie sorgfältig der Regisseur an den Dialogen gearbeitet hat, wie sorgfältig er die Figuren besetzt hat und wie sorgfältig er mit ihnen gearbeitet hat. Da war das, was vorhanden war eine Freude, hier ist es eher ein Plage bis eben auf die lacherorientierten Witze und Sich-Lustig-Machereien. Kino mehr als Pointensammlung, als Witzbuch verstanden
.
Und immer noch ist Lili nicht als Protagonistin etabliert oder vom Buch als Hauptcharakter ernst genommen. (wenn ich mich recht erinnere, Wer früher stirb ist länger tot, da war die Besetzung des Buben, also der Hauptfigur, einer der stärksten Punkte des Filmes vom Buch her schon).

Lili soll den Bayerischen Buben ihren Busen zeigen. Das setzt von Seiten Lilis eine so heftie Ohrfeige, dass man denkt, da versucht einer Karatefilme zu toppen, aber bittschön was hat das mit der Grundsituation von Lili zu tun, nichts in ihrem Charakter war bisher andeutet, was eine solche Ohrfeige rechtfertigte, wird doch gerade in ihrer Grossfamilie recht grosszügig mit Sex und Nacktheit umgegangen. Unverständlich. Da reagiert sie ja prüder als ein bayerische Mädel vom Lande. Wurde aber auch in keiner Weise eingeführt. Vielleicht hat sich das Drehteam kaputt gelacht bei der Szene.

Dramatisch für die zuagroasten Kinder KEIN VEREIN WILL UNS.
Bevor das Konfliktpotential dieser Situation für den Film urbar gemacht würde, erbarmt sich der Postbote und will die Kinder in den Musikverein aufnehmen.

Soll lustig sein. Prem geht auf die Bühne des Dorffestes. „love to you“ stimmt Song an. Dann kommt es zu einer durch den bisherigen Verlauf der Geschichte schwer nachvollziehbaren Auseinandersetzung zwischen Lili und ihrer Mutter, und weil die ganze Voraussetzung dafür fehlt, denn die Mutter wurde immer so charakterisiert, dass sie sich nicht allzu sehr um Lili kümmert, sonder mehr mit sich und ihrem Seelenheil beschäftigt war, so ist es vollkommen unlogisch, dass sie wie eine spiessige Hausfrau ihr Töchterchen anschreit, das jetzt plötzlich in bayerischer Tracht in der Menge des Dorffestes auftaucht. Das entbehrt jeder Logik. Vielleicht wird es darum zu laut geschrieen.

Und dann die Fernsehfrage „Lili, was macht ihr hier?“, „Was soll das“. Da komme noch einer mit. Ein so gut wie nicht angelegter Mutter-Tochter-Konflikt, der im Film keine Basis hat, bricht aus, noch dazu in aller Öffentlichkeit (wobei ja nur die Mutter den Konflikt hat, die Tochter hat ihn blendend mit dem Kostümwechsel umgangen),.

Lili haut ab. Sie ist auf der Strasse. Die Frau des Bürgermeisters fährt im Auto vorbei. Fragt sie die typische Fernsehfrage „Du Lili, was machst denn du hier“ (Die Darstellerin spricht sehr schön fernsehdeutlich, alles gut gelernt).
Lili sagt, sie fahre nach Hamburg zu ihrem Vater, sie wolle weg.
Dass es bei Bürgermeisters zum Krach kommt, weil die Frau Lili von der Strasse mitbringt hat, das ist so absehbar wie das Amen in der Kirche. Lili will nicht mehr heim. Die sind doch alle kriminell. Da wird der Bürgermeister hellhörig und alarmiert die Polizei, die eine Razzia durchführt.
Dann sind die Sannyassins wieder frei. Im Haus ist alles drunter und drüber gestellt worden. Wo ist Lili.

Therapiesituation. Konfuse Drehbuchsituation. Prem: Ich bin jetzt deine Mutter, ich fühle nix, gar nichts. Diese Therapie der Mutter von Lili, die ist wieder spannend. Denn die Mutter scheint einen Konflikt zu haben, obwohl das Buch doch die Geschichte von Lili erzählen will. Jetzt behandeln Prem und die Gruppe sie mit hartem psychologischem und physischem Zugriff. Das ist spannend, aber es sind bereits neunzig von etwa 110 Filmminuten vorbei. Immerhin eine geschulte Therapeutenszene scheint das, „Ungewolltes Kind“. Jetzt fängt man zum ersten Mal an, mit einer Figur mitzufühlen; es ist jedoch nicht die Hauptfigur. Ob das gut ankommt im Kino. Kabarett gibt’s überall.

Und kaum haben wir uns nach etwa 90 von 110 Filmminuten entschieden, uns doch für die Mutter als Hauptfigur zu interessieren, wegen ihres Konfliktes Kinder oder Guru, da kommt schon die lang ersehnte Abspann-Voice-over – von Lili. Die erzählt, was aus allen geworden ist.

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Woody Allen rettet uns das alte Europa. Nun, nicht jenes alte Europa, das der damalige amerikanische Verteidigungsminister Rumsfeld so verächtlich abgetan hat, als die Europäer sich weigerten in den sinnlosen Irakkrieg einzutreten. Nein, Woody Allen rettet uns jenes Europa und bereitet es uns auf zu einem wahren Hochgenuss, zu einer Sause im künstlerischen Salon, das wir zu Bildungszeiten auch sehr gemocht haben, dasjenige vom Paris der Belle Epoque. Woody Allen rettet uns das Post- und Kunstkartenparis.

Hier ist alles vom Feinsten, vom Erlesensten, so kostbar wie Fayencenmalerei, ein Kunststück von der Art, wenns denn kein Film wäre, das auf Auktionen sicher einen guten Preis erzielen würde. Die Auswahl der Schauspieler, die Regie, die Settings der Belle Epoque, Schnitt und Ton und Kamera, die Dialoge alles geführt von meisterlich-stilistisch sicherer Hand.

Woody Allen schwimmt in seinem Kunstbiotop wie der Fisch im Wasser. Sein Kunstbiotop ist das einer begüterten, gebildeten bürgerlichen Schicht, die die Künstler der Belle Epoque verehrt, Bücher und Bildbände von ihnen zuhause hat, die die Museen besucht.

Gil ist unser Protagonist und Zeitreisender. Er verbringt einige Tage mit seiner Verlobten in Paris. Auch deren Eltern, vermögende Geschäftsleute, halten sich hier auf. Er ist fasziniert von Paris und gerät, wie er es auf eigene Faust erkundet und sich müde auf einer Treppenstufe niederhockt, mittels Peugot-Luxus-Zeitsprung-Limousine in die Belle Epoque. Die fröhlichen Herrschaften in der Limousine nehmen ihn mit und führen ihn in die besten Kreise der Belle Epoque ein. Hier trifft er auf Ernest Hemingway, auf Getrude Stein, Cole Porter und Joséphine Baker, F. Scott Fitzgerald, T.S. Eliot, Henri Matisse, Henri de Toulouse-Lautrec, Pablo Picasso, Salvador Dali, Luis Bunuel, Man Ray, Edgar Degas, Paul Gaugin.

So ein Ausflug in eine andere, traumhafte Zeit, will wiederholt werden. Das führt zu Spannungen zwischen ihm und seiner Braut, vor allem mit deren Eltern. Gil gibt vor, Schriftsteller zu sein. Er hat auch ein Manuskript in Arbeit. Er geht also jeden Abend los und um genau Mitternacht erscheint bei jener Treppe der Peugeot. So verbringt er die Abende im illustren Kreis der verblichenen Künstler. Der Schwiegervater wird misstrauisch und schickt ihm einen Detektiv hinterher. Der verschwindet auf Nimmerwiedersehen im Time-Channel. Der Schwiegervater weiss nicht wo. Aber der Zuschauer wird aufgeklärt, der Detektiv landet in den Intimräumen des französischen Königs. Dieser schreit: qu’on lui coupe la tête!

Der Film fängt an mit minutenlangen Impressionen aus dem heutigen Paris, wobei aber nur architektonische Bestandteile gezeigt werden, die heute noch Zeugen aus dem Paris der Belle Epoque sind. Ein richtig schöner Reiseführer über jener Zeit, die noch im heutigen Paris zu besichtigen ist. Die Impressionen fangen am Morgen an und gehen über den ganzen Tag hinweg bis zum Abend, bis zur Nacht. Dazu wird eine passende Jazzmusik aufgelegt.

Die ersten Auftritte von Gil mit seiner Braut und den Brauteltern sind von einer umwerfenden inszenatorischen Leichtigkeit. Dieses gehobene Milieu, das ist die Welt von Woody Allen, da kennt er sich aus. Es gibt schnelle Wortabtäusche und einige Pointen, die ich mir aber nicht merken konnte, die auch eine gewisse Distanz zum Milieu, immerhin eine beobachtende Distanz erkennen lassen. Es geht um die Rede von James Joyce und Sauerkraut und dass man Versailles besichtigen möchte. Man kommt am Denker von Rodin vorbei, man hat einen weiblichen Tourist-Guide und man schaut die Seerosen, die meditativen, von Monet im Musée de l’Orangerie an. Bildungstouristen in Paris.

Auch Samll talk durchaus mit Esprit zu schreiben und zu inszenieren, eben den der bestimmten Gesellschaftsklasse, das beherrscht Woody Allen aus dem Effeff. Gils Freundin heisst Carol, deren Eltern John und Helen. Carol ist bildhübsch und ein schieres Wunder auf der Leinwand, so leicht.

Woody Allen beschwört die Geister der Belle Epoque von Paris, lässt sie oszillieren wie auf einer Seifenblase, die am Ende des Filmes einfach platzt. Ein Amerikaner in Paris.

Woody Allen macht einen grandiosen Trip in Nostalgie. Gil würde gern einen solchen Laden aufmachen. Nostalgia Shop. Woody Allen wird zum europäischen Hofmaler.
Amerikanische Sehnsucht nach europäischer Kultur kongenial verfilmt.

Party in der Belle Epoque in einem Raum mit ausgestopften Tieren.
Das Maxim mit Can-Can Nummern darf auch nicht fehlen. Wenn das nicht mal ein Tropfen zuviel ist.
Die Goldene Zeit.
Welches ist die Goldene Zeit. Auch die Frage wird gestellt. Ob man nicht die eigene Zeit auch als eine Goldene Zeit wahrnehmen könne, ob es sich also bei der Schwärmerei für die Belle Epoque nicht um eine reine Schwärmerei handelt, das quasi als Absicherung.

Woody Allen als Kulturpublikumsseelenschmeichler.

Gil ist ein Schauspieler, der ein bisschen einen Klotz darstellt, vermutlich eine gezielte Besetzung, nicht der smarte Kulturmensch. Er redet immer, wie wenn er eine unsichtbare Kugel im Munde hätte. Der Repräsentant eines weniger kultivierten Amerikas. Wäre noch zu vertiefen der Gedanke.

Im Amerika ist der Film ein überraschend grosser Erfolg geworden. Die Magie der fernen Kultur des fernen Europa? Ob die Europäer das auch so sehen? Immerhin, spannend wäre eine Fortsetzung: unsere heutige Zeit, die vor lauter Jammern über Währungen und Schulden und Rettungsschirme und Angst um Besitzverlust und davor, mit dem Rest der Welt teilen zu müssen, vollkommen übersieht, was wir an Kunst und Schönheit geschaffen und zur Verfügung haben. Das „Belle“ an unserer Epoque zu sehen.

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Dieser Schwanengesang ist ein traurig-schöner Gesang insofern, als der Protagonist, der seine Figur wunderbar natürlich und normal spielt, federleicht wie ein Ball springt, und weder die Betroffenheit durch das Bastard-Schicksal noch das Heldische der Figur heraushebt. Er erzählt seine Story den Schwänen; das hat er von seiner Mutter gelernt. Einer heißt Agnes, so fängt der Film an und so hört er auch auf.

Der Schwanengesang ist die Rahmenhandlung, nicht so sehr Gesang. Die Geschichte ist die eines Bastards. Seine Mutter ist eine Schlampe, die es mit allen treibt, auch mit dem Pfarrer.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Mutter mit dem Sohn nach Irland zieht. Der Junge heisst Austin, Occi wird er gerufen, und kann kein Irisch. Das führt dazu, dass die Schulkameraden in ihm ihr Opfer für Grausamkeiten sehen. Das Schlüsselerlebnis ist, wie sie ihn in einem roten Fass über die Dünen runterrollen lassen, was mit einem Trauma für ihn endet.

Ab jetzt muss er zum Psychiater, denn ähnliche Situationen könnten das Erlebnis neu beleben, lösen in seinem Kopf ein rollendes Donnern mit folgender unkontrollierter Gewalttätigkeit aus.

In schneller Abfolge werden solche Erlebnisse aneinandergereiht. Es wird nicht tiefsinning analysiert. Es wird mit grosser Frische und Begeisterung, die gelegentlich an jene der Filmpioniere erinnert, erzählt und im grausamsten Moment wird einfach Schwarz eingeblendet. Wenn Occi beispielsweise in der Irrenanstalt blindwütig und wie eine Rakete losgeht und auf die Vergewaltiger seiner angebeten Mary eindrischt und dann mit einem Feuerlöscher kampfunfähig gemacht werden soll, im Moment wo der niederdonnert auf ihn, wird die Brutalität nicht grausam zu Ende ausgebreitet, genau da kommt einfach Schwarz.

Auch die psychiatrische Unterbringung, die schildert Conor McDermottroe nicht weniger begeistert als es in „Einer flog übers Kuckucksnest“ gemacht worden ist.

Taugliches europäisches Kino. Kino als ein Mittel, Erlebnisse persönlich und engagiert zu erzählen. Die befreiendste Sequenz ist diejenige, wo Occi mit dem Fischer zur See fährt und bei einem Zwischenstopp mit dem Kollegen auf die verlassene Insel geht, wie sie begeistert und hoffnungsvoll losrennen, Energie, Männlichkeit, Temperament, Freude, Sinn und Sinnlichkeit spürend und ausdrückend; wie die beiden dann wie richtige Freude nackt im Gras liegen und Occi zum Himmel hinaufträumt, das ist vielleicht der schönste Moment in seinem Leben, da fehlen ihm nur noch Mary und seine Mutter.

See und Insel sind immer gut für Kino. Und wenn von einem Strauch noch das Federchen grüsst, was im Münchner Filmfesttrailer (von 2010) so sanft landet, dann ist für einen Moment auch richtiges Kinoglück, auch wenn das Kino nicht gleichzeitig noch als Reflexion übers Kino eingesetzt wird.

Es geht dann zurück zum Fischkutter. Die Nacht bricht herein. Der Freund hat gesehen, dass Occi Tabletten nehmen muss, beschimpft ihn als Bastard, es kommt zum Kampf. Die alten Mechanismen. Occi drückt seinen Freund über Bord (weil die Kräfte und die Wut wieder mit ihm durchgegangen sind). Der Ausflug ins Glück war kurz.

Zum Schluss zu kommen ist allerdings nicht nur für Anfänger im Film schwierig. Hier entsteht der Eindruck, der Autor und Macher könne sich nur schwer von seinem Stoff trennen, er müsse alle Figuren noch mal erscheinen lassen, nochmal rückblenden, und auch den Kriminalfall nicht vergessen lassen, also muss der Polizist nochmal auftreten und die Frage nach dem Vater von Occhi soll auch noch gelöst werden und dass Mary geheilt wurde und verlobt ist muss auch noch erzählt werden, kurz, das wirkt dann eher fernsehkonform, das wird auch nicht mehr mit der Begeisterung getan, wie der übrige Teil, das kommt mir gleichzeitig zelebriert als auch abgehandelt vor. Schade für den sonst in seinem Fortlauf immer mehr gewinnenden Streifen.

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Hier soll dem Publikum etwas geboten werden. Erstklassige Konfektionsware von erstklassigen Herstellern mit erstklassigen Zutaten. Mit so einem Film will man weder nach Cannes noch nach Venedig. Mit so einem Film möchte man das Publikum ins Kino locken. Und es zum Lachen bringen. Allerdings nicht auf Teufel komm raus, sondern wie es der Verlauf der Dinge ergibt und wie er es hergibt, wenn auch streng kalkuliert, aber eben an den Massstäben die zur Sache gehören.

Ein bisschen Moral wird auch mitgelierfert, aber höchst subtil dosiert: die Liebe soll bittschön dort verweilen, wo sie hinfällt, womöglich gleich beim ersten „soul mate“ für immer und ewig, so wie es bei Cal und Emily, gespielt von Steve Carrell und Julianne Moore, der Fall war, der Fall schien, bis Emily nach 25 Jahren Ehe plötzlich statt einer Gerichtes aus einer Menükarte die Scheidung wünscht. Ein Hammer.

Aber ohne diesen Hammer, wenn es die Ausflüge aus der ewigen Liebe und die Sucherei nicht gäbe, gäbe es nichts zu erzählen, gäbe es keine Überraschungen, die hier keinesfalls verraten werden sollen, gäbe es keine Pointen weil sonst ja die Menschen nicht fortlaufend in die Irre meinen und in die Irre laufen täten.

Eine Komödie nicht der sensiblen Töne, eher der robusteren Art, bei der auch beinah rituelle Ohrfeigen immer wieder für einen Lacher im Saal gut sind, weil sie eine Art Mechnanik der Hilflosigkeit im Umgang mit dem ever aktuellen Thema Liebe ausdrücken. Und weil eine Ohrfeige vielleicht immer auch erzählt, hey, Mann, wach auf, schau, was Du hast, schau, was Du tust, schau was Du bist. Das erzählt dem rausgeschiedenen Ehemann ein selbsternannter Weltverbesserer und Trainer, ein Weiberer der Sonderart.

Die Liebe fängt schon früh an ihr Ziel auszumachen. Der 13 jährige Sohn des Hauses, der hat sich längst in die 17 jährige Jessica, die gelegentlich zum Hüten kommt, verguckt.

Das einzige was fehlt, ist die Grosselterngeneration. Die haben die Kalkulierer dieses Filmes wohl nicht im Visier gehabt, obwohl die vielleicht eine noch tiefere Komik bis Tragikomik zum Thema hätten beisteuern können, aber als Zielpublikum wurden so wohl für irrelevant gehalten.

Der Film fängt neckisch an, zeigt dass er auf der Anbandelebene spielt. Spiele mit Schuhen unter Tischen, Füsse, die sich nach anderen Füssen und Knöchelchen strecken. Nur unser Protagonistenpaar, die sitzen sinnierend hinter ihren Menükarten, haben die Beine dicht aneinander gepresst und die Schuhspitzen weisen nach hinten direkt auf die Stelle unter dem Po.

Eine schöne Pointe: Cal muss in der Firma, in der er arbeitet aufs Clo gegangen sein und vernehmlich gestöhnt haben. Kommt ein Kollege an seinen Arbeitstisch will ihn aumuntern, indem er von seinen guten Zahlen schwärmt und ihm gratuliert. Cal glaubt, die wissen alle, was los ist mit ihm, ob ihm das jemand erzählt habe; nein man habe ihn nur stöhnen gehört, ob er denn Krebs habe? Ernste, schwierige Frage. Nein, divorce. Allgemeine Erleichterung im Großraumbüro.

Der Name des Bürochefs von Cal, David Lindhagen, der wird allein musikalisch möchte man sagen, zum Running Gag, weil Emily angeblich mit ihm einen Seitensprung hatte. David Lindhagen. So möchte man am liebsten den Film betiteln. Dieser Name erzählt einfach alles über eheliche Treue und Seitensprünge. Auf so einen Namen muss man erst mal kommen. Und auch innerhalb vom Personal, das gut industriell besetzt wurde, spricht sich der Name rum und wird bald zum geflügelten Wort. David Lindhagen.

Natürlich gibt es Ansätze zu ernsthaften Diskussionen über Midlife-Crisis oder wie man zu sich selbst finden könne, aber die Autoren waren klug genug, von solchem nur geringe Prisen reinzustreuen, die Themen mehr zur Gedankenanregung ansprechend denn sie Magenbeschwerden verursachend auszuwalzen.

Aber wie es sich für ein schickes Produkt gehört, das man durchaus auch in Hochglanzmagazinen anpreisen könnte, nicht jeder Film eignet sich dazu, gibt es auch kleine Lektionen in Styling für den chronisch beturnschuhten Cal.

Der Film könnte am Reissbrettt designt worden sein, aber eben kundenfreundlich, mit einer breiten Palette von alltäglichen Nebenthemen, die geschickt eingestreut oder eingebaut werden. Midlifecrisis mit 44, Styling, Literatur.

Es gibt eine komische Elternbesprechung mit der Literaturlehrerin; denn der Junge von Cal und Emily, der hat zur hohen Literatur parktisch nur ein Wort übrig: ASSHOLE.

Auch Witzchen gehören zu so einem Film wie die Petersilie zum Salat; Witzchen also der leichteren Art, die ich immer gleich vergesse, die aber davor bewahren, die Sache auf die allzu schwere Schulter zu nehmen, obowohl das Thema ja nicht leicht ist, die ewige, die einzige Liebe.

Vor lauter Bemühung um Kundenfreundlichkeit ihres Produktes gibt es durchaus auch Stellen, bevor man sich mal Leere zutraute, die wirken wie routiniert runtergehackte TV-Comedy; da amerikanisch aber immer noch passabel.

Ein kleine Raffinesse oder Finesse der Kamera ist mir noch aufgefallen. Sie liebt es, Trennwände ins Bild zu schieben, oder sich hinter solche zu verziehen, um auf diese Weise eine Figur aus dem Bild zu schummeln, eine Figur von der anderen zu trennen, einmal ist es sogar ein kleiner LKW, der wie eine Schiebewand ins Bild gerückt wird. Ein Spiel, das durchaus Sympathie für die Haltung der Macher erweckt, dass sie für sowas Subtiles zu haben sind. Denn Trennung und Liebe sind doch untrennbar miteinander verbunden.

Dass es hier vor allem um die Beziehungsmechanik geht, macht es möglich oder lässt es zu, dass die Schauspieler auch nicht extra figurindividuell spielen, sondern dieses oft mit Grimassen und nervösen Gesten begleitete amerikanische Acting betreiben, was aber nicht weiter stört, das es ja um ein Thema geht, das noch dazu gut gebürstet daher kommt.

Auch die Bestzung, vom reinen Konfektionssschauspieler wie dem Jacob bis zur ziemlich schrägen weiblichen Besetzung der Jessica mit Rossgebiss im nymphenhaften Alter von 17, mit den etwas linkischen Bewegungen und die auch gerne so tut, als habe sie eine Sprechhemmung und dann noch diese geschwollenen Lippen.

Ein reelles Produkt mit guten Unterhaltungsqualitäten.

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