Archiv für 11. August 2011

Befreiung aus dem schauspielerischen Untertanentum eines Hollywood-Industrieschauspielers verstanden als „die Sau raus lassen“. Ein eher beschränkter Freiheitsbegriff, der hier demonstriert wird. Aber ein ehrenwerter Versuch des Aufstandes und der Befreiung.

Auch ein bisschen ein Hollywood-Insider Promi- und Promo-Auftritt. Was fasziniert den Schauspieler Joaquin Phoenix, der das mitgeschrieben und die Hauptrolle gespielt hat, so an diesem in Fake-Doku-Manier präsentierten negativen Typen, den er hier spielt, diesem abgefuckten Mann, der tut als ob er Koks nehme. Was fasziniert ihn an der Darstellung des kaputten Schauspielers, der von Hollywood und vom Drehen die Nase voll hat und der jetzt eine Hip-Hop-Karriere hinlegen will. Irgendwie scheint Phoenix aus den Fängen Hollywoods nicht so richtig rauszukommen. Die Fänge Hollywoods, das sind die Träume aller dieser Darsteller, in die grossen Shows zu kommen, in die Schlagzeilen, auf die roten Teppiche, vor die Fotografenmeuten, zu den Interviews mit den bekanntesten Magazinen und Zeitungen, Einladungen in die berühmtesten Shows. Der Show-Master übrigens, der hat seinen Fake-Show-Auftritt in diesem Film wirklich cool hingelegt.

Der Scherz war nicht übel, wie Phoenix zu besagtem Showmaster sagte, er bereite sich gerade auf eine Hip-Hop-Geschichte vor und der Showmaster antwortete, das könne er sich nicht vorstellen, oder das würde man ihm nicht geben.

Ich verstehe nicht, was Phoenix an diesem kaputten Typen so fasziniert, der manchmal so undeutlich spricht, dass Untertitel nötig werden, soll wohl Persiflage sein. Vor allem, was will er uns damit erzählen. Denn die Voraussetzung für das Need im Movie ist denkbar schlecht. Er behauptet einfach er sei „fucked up“ mit dem Drehbetrieb. Frustriert zu sein ist nicht unbedingt die beste Motivation. Es sei zwar noch ein Film mit Gwyneth Paltrow im Kasten und für den solle er noch auf Promo-Tour gehen, wozu er jedenfalls keine Lust habe.

Der Film fängt an mit Kindheits-Homevideos aus Panama, wie der kleine Phoenix an einem Wassserfall die Felsen hochsteigt und nach langem Zögern runterspringt. Er dürfte zu dem Zeitpunkt, es war 1981, 7 Jahre alt gewesen sein.

Dann ist die Familie in die USA gezogen. Es gibt ein kurzes Homevideo von der Phoenix-Family, wie sie Strassenmusik machen und die Kids wie wild rumhopsen. Ganz am Ende des Filmes fliegt er mit dem Privatjet nach Panama zurück. Er watet im Fluss mit langer Hose und nacktem Oberkörper in Richtung Wasserfall. Eine sehr lange Einstellung, die den Eindruck einer Gedankenfülle erwecken soll, die so im Film kaum eruierbar war.

Schöne illustrierende Symbolhandlung: die Befreiung eines Vogels aus einer Garage. Phoenix hat die Nase voll vom Untertanentum eines Schauspielerstars, der genau auf Position zu gehen oder zu stehen hat, der einen fixen vorgelernten Text sagen muss. Er möchte eigenen Text bringen, den eigenen Film machen. Doch ist im Film leider kaum Inhalt zu finden, als dass er nach wie vor massiv in den Fängen der Hollywoodschen Scheinwelt gefangen ist, nur dass er sie anpisst, so wie sein Freund und Assistent sich einmal im Bett über ihn hockt und so tut, als scheisse er auf ihn. Vermutlich hat er nur gefurzt. Und dann spielt Phoenix wieder einen viel zu übertriebenen Ausbruch. Alles Scheiße finden ist eben nicht sehr viel. Das wäre vielleicht ein Anfang. Und der Hip-Hop, den er von sich gibt, ist auch nicht gerade berauschend, nicht berauschend für den schwarzen Studioboss, der schnell abwinkt. Er solle lieber was anderes machen.

Anfangs trägt Phoenix einen Pullover mit der Inschrift DEFIANT BULLDOGGS.
Er wolle keine fucking puppet mehr in Hollywood sein, kein Doll.
Aber was tut er stattdessen? Er treibt Kindereien mit seinem Partner, lässt Blondinen vor ihm und sich defilieren. Oder sein Partner ist nackt und sie machen Kinderspiele, der eine versucht den anderen zu hauen und zu foppen. Nichts gegen Kindereien. Mir ist es jedoch etwas überambitioniert, das schon als die Befreiung aus dem Hollywoodschen Untertanentum auszugeben.

Die Sau rauslassen mag zwar als Ventilfunktion taugen, aber zu einer Veränderung der Verhältnisse, zu einem Abbau des Untertanentums reicht es nie und nimmer, wenn es denn überhaupt ein erster Schritt dazu ist. Die Sau raus lassen ist ja für die Untertanen in vielen Kulturen sogar institutionalisiert, Raunächte und Fasching sind solche Beispiele. Der Fasching des Joaquin Phoenix. Diese Ventilbräuche dienen letztlich aber nur der Zementierung der vorhandenen Herrschaftsverhältnissel, gegen die Phoenix sich angeblich auflehnen möchte.

Sie blödeln also oft, hocken in Hotelzimmern rum. Es scheinen Menschen zu sein, denen viel zufliegt, die aber überhaupt nicht wissen, was sie wollen. Wahrscheinlich wollen sie mit diesem Negativ-Film Erfolg haben. Mehr als einen bescheidenen Festivalerfolg kann ich mir nicht vorstellen. Da gibt es auf Youtube viel geilere Fakes und Selbstbefreiungs- und Selbstdarstellungsfilmchens, wenn auch nicht unbedingt von Schauspielern. Hier humpelt, möchte man sagen, Hollywood Youtube hinterher.

Dramaturgisch besehen ist die Situation des beeing fucked-off ohne Spannkraft. Es gibt keinerlei Hindernisse, an denen er sich abarbeiten muss, er muss nicht vorsprechen, er ist schon berühmt und seiner Ansicht nach so berühmt, dass egal, was er macht, die Medien sich auf ihn stürzen. Drum lässt er jede Menge Promis, die immer nur die Selbt-Promo im Auge haben, mit Cameo-Auftritten erscheinen. Auch die machen das nicht alle so richtig gut, spannend ist bei einigen einzig, wie unwohl sie sich fühlen, in so einer Fake-Geschichte mitzumachen. Aber der Promo-Trieb ist stärker als das Ehrgefühl.

Bericht über ein unausgefülltes Leben mit viel Brancheninsidergewäsch. Zwischen Verscheißern und Kritik ist ein gravierender Unterschied.

Aus der Prämisse to feel beeing mediocre und something special sein zu wollen ist, wie der Film beweist, keine richtige Spannung zu erzeugen.

Geradezu rührend naiv wirkt der Versuch, politisch zu werden, wenn Phoenix ein Kinderbilderbuch durchblättert und Kriegsbilder mit Soldaten dazwischen schneidet. Der Film eher als ein Beweis für die Unfähigkeit eines Hollywoodstars sich zu befreien und ein politisches Statement abzugeben. Haben sie ja auch nie gelernt.

Immerhin scheint der Film die Sehnsucht nach einem nicht nur künstlerisch sondern auch politisch selbstbewussten Schauspieler- und Startum zu formulieren. Vielleicht wird er somit zu einem Stein des Anstoßes für eine Veränderung der Verhältnisse, die zur Zeit nur und krass vom Geld bestimmt werden.

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Die deutsche Übersetzung krankt – mal wieder. Der Originaltitel heisst „les émotifs anonymes“, was vielleicht besser übesetzt würde mit „die anonymen Fühligen“; bei den Romantikern denkt der Deutsche doch sehr an Novalis, an die Blaue Blume, an tiefe reine Gefühle oder Sehnsüchte; darum geht es hier aber nicht; es geht um Sensibilität, um die leichte Erregbarkeit und den schwierigen Umgang mit ihr.

Es geht zwar auch um Sehnsucht nach Liebe; es sind jedoch die beiden Protagonisten, die eher unter Hemmungen leiden, unter Störungen, ihre Gefühle mitteilen zu können, zu artikulieren.

Die erste der beiden Hauptfigurn, der wir begegnen, ist Angélique Delange. Sie kennt sich aus mit Pralinenherstellung und sucht eine neue Stelle. Gegen ihre Unsicherheiten geht sie in die Gruppe der „anonymen Emotifs“, die sich gruppenthearpiemässsig in Gesprächssitzungen in einer alten Villa über ihr Gefühlsleben austauschen und sich Mut zusprechen. Um Selbstvertrauen aufzubauen. Denn Bitterkeit ist kein Erfolgsrezept. Stärke entsteht durch Herz und Selbstvertrauen.

Die zweite Hauptperson ist Jean-René Van Den Hugde. Jean-René und nicht Jean-Pierre bitte, wie er mechanistisch zu ergänzen pflegt. Er ist Pralinenfabrikant. Sein Betrieb mit zwei etwas älteren Frauen und zwei jüngeren Männern ist am Rande der Pleite. Außerdem haben seine Pralinen keinen guten Ruf. Van den Hugde hat regelmässig Gespräche mit seinem Psychiater, der ihm Aufgaben stellt und ihm das Gefühl vermitteln will, in ihm brodle ein Vulkan.

Zwei Figuren mit Beziehungsschwierigkeiten und mit einem Näschen für Pralinen, die, so verlangt es das gute Geschichtenerzählen, früher oder später aufeinanderstoßen müssen.

Die Story ist so ausgelegt, dass die beiden sich nach Komplikationen finden werden. Denn Pralinen sollen ja süss sein, obwohl es auch eine Diskussion gibt, dass gerade das Bittere in der Schokolade eine Besonderheit sein könne. Van der Hugde hat an sich kein Problem mit den Frauen, wenn er nicht der Meinung wäre, sie terrorisierten ihn.

Angélique bewirbt sich bei der Manufaktur von Van der Hugde und die beiden Mitarbeiterinnen, die sie gleich reinlassen, wundern sich doch sehr, dass ihr Chef die junge Frau sofort engagiert, ohne sie weiter zu testen und ohne weitere Bewerberinnen anzuschauen. Tja, die Fühligkeit der Fühligen eben!

Vom Handlungsablauf her verläuft die Geschichte so, dass Angélique bei Van Den Hugde nicht in die Herstellung kommt, sondern in den Vertrieb, was gar nicht ihr Gebiet ist. Dadurch aber erfährt sie, dass ihr früherer Arbeitgeber Mercie gestorben ist, der mit von den besten Pralinen hergestellt hat. Dabei war sie es, die als geheimnisvoller „Eremit“, den niemand kannte, die Rezepturen bestimmt hat.

Da Van Den Hugde am Rande der Pleite steht und auch niemand mehr diese mindere Qualität bestellen möchte, schlägt sie vor, neue Rezepte auszuprobieren. Sie vollführt einen eher durchsichtigen Trick mit dem Laptop und dem Earphone und behauptet, sie habe eine Verbindung zum Eremiten und könne diesem die Rezepte entlocken. Nach diesen stellen die Mitarbeiter neue herrliche Pralinen her. Die werden auf eine Confiserie-Messe den ersten Preis gewinnen.

Das ist jedoch nur der Vorwand, um Angélique in der Firma zu belassen und die Annäherung zu ihrem Chef in Gang zu halten. Was alles höchst kompliziert geschieht. Die emotionale Hilflosigkeit der beiden wird dabei eher mehr als weniger deutlich ausgestellt, immer am Rande des Satirischen, des Kabarettistischen, es erreicht nicht ganz die Qualität des Tragikomischen.

Das Hotelzimmer bei der Messe treibt diese Annäherung weiter voran.

Bis dahin gab es folgende Aufgabenstellungen des Psychiaters für Van den Hugde: zuerst eine Berührung mit einer Frau zu versuchen. So drückt er Angélique einfach die Hand und dann kommt der Kuss und er kann nicht mehr loslassen. Beide sind von den Socken und selbst überrumpelt und können ihr Glück nicht fassen und glauben, das sei alles ein Irrtum.

Die nächste Aufgabe war, jemanden zum Essen einzuladen. Er lädt Angélique ein. Auch das geht schief. Er glaubt, es sei alles aus, er geht ständig aufs Clo, um Hemden zu wechseln und schliesslich um einfach abzuhauen; während sie ihre Glückformeln repetiert.

Dann die Messe in Rouanne und das Hotel mit dem einen Bett drin. Das endet mit ihrer spontanen Abreise, weil er plötzlich in den Park wegrennt. Bei der Messe gibt’s einen Auftritt von ihm in einer Bar, wo er ein Lied singt: otschi tschornje, noch bevor sie abreist.

Wie er nach der Rückkehr von der Messe seiner versammelten Mannschaft verkündet, dass sie abgereist sei und nicht mehr mitarbeiten werde, da klingelt das Telefon und er erhält die Mitteilung vom Pralinen-Sieg auf der Messe.

Man könnte den Film mit einem einfacheren, gut gemachten Petit-Four vergleichen, das vielleicht etwas schwerer ist als die allerfeinsten, etwas zu viel Kalorien, nicht mit allerhöchster Rafinesse hergestellt, aber zum Genuss in einer etwas altmodischen Konditorei à la 50er Jahre und mit Personal mit weißen Schürzchen alleweil bestens zu empfehlen.

Ein Film, der mit jedem Take klar macht, dass er anrührend sein will, dass er keine Abgründe aufreißen will, dass er seine Zuschauer weder foltern noch auf die Folter spannen möchte. Ein Film, der mit jedem Take zeigt, dass er verständnisvolles Mitleid mit seinen Figuren hat und dass er sie zu einem glücklichen Ende zusammenführen will.

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