Hier empfehlen sich vielleicht zwei Betrachtungsweisen: eine filmgeschichtsinhärente (die zum Beispiel bei Spielberg fündig werden dürfte) und eine im Abgleich zum Leben eines allfälligen heutigen Kinonormalkunden.

— Vorsicht: massive Spoiler! —

Auf jeden Fall ein Leckerbissen für den Kinofreund allein von der Machart und der Erzählweise her. In der kleinen Ortschaft mit etwa 12’000 Einwohnern mitten in Amerika gibt’s einen Industriebetrieb, der hat eine grosse Tafel am Eingang. Die erinnert die Arbeiter an die Sicherheitsstandards; in grossen Zahlen wird die Anzahl Tage angegeben, die seit dem letzten tödlichen Arbeitsunfall verstrichen sind. Es sind 784 Tage.

Ein Arbeiter macht sich an der Tafel zu schaffen. Er ersetzt die dreistellige Zahl mit einer simplen 1. Es ist die Frau von Sheriff Lamb, die gestorben ist, die Mutter von Joe Lamb. Joe hat Freunde, die miteinander Shock-Movies machen, Zombie-Movies.

Joe, dessen Mutter bei einem Arbeitsunfall gestorben ist, ist derjenige, der für Maske und Special Effects zuständig ist. Er hat zuhause eine Bastelwerkstätte, in der er die Dinge, zum Beispiel Eisenbahnwagen, wenn ein Unglück simuliert werden soll, detailgetreu herstellt und anmalt.

Der dicke Junge, der „director“, heißt Charles und interessiert sich hauptsächlich für den Production-Value, und das was diesem dienlich ist. Das ist ein Augenzwinkern mit Brancheninterna. Charles spricht sowieso wie ein Erwachsener über Film und benimmt sich am Set auch so. Er ist der Regisseur, der ewig stöhnt, er brauche ein gutes Drehbuch, das sei das A und das O. Er ist ein dicker Junge. Protoyptisch filmdicker Junge.

Es sind jetzt vier Monate seit dem Todesfall von Joes Mutter. Drehen tun die Buben in Super 8. Bei diesem Dreh werden Dinge passieren, die sie sich in ihren kühnsten Drehbuchideen nicht hätten träumen lassen. Die Jungs haben noch die blonde Alice dabei, denn im Film spielt die Liebe eine wichtige Rolle. Aber sie brauchen auch jemanden, der Auto fahren kann und da sie etwas älter ist, bietet sie sich dafür an. Denn der Drehort ist ein fernab von der Ortschaft gelegener verlassener Bahnhof an einer noch benutzten Bahnstrecke.

Alice hat aber keinen Führerschein und möchte deshalb nicht, dass Joe mitkommt; er schwört aber, dass er seinem Vater, dem Sheriff Lamb nichts verraten will. Alice lebt mit ihrem Vater, einem fertigen Mann, der auch in der Fabrik arbeitet und später im Film wird zur Sprache kommen, dass er seine Schicht mit der Mutter von Joe getauscht hat, bei der sie den tödlichen Unfall hatte. Es gibt noch ein Halskettchen mit einem Medallion dran, in dem sich ein Foto von Joe und seiner strahlenden Mutter befindet.

Sie drehen also die Szene, eine kleine Sache, die auch mit viel Liebe inszeniert wird, während der Junge und das Mädchen den Dialog üben mit dem Script in der Hand, soll ein anderer Junge hinter ihnen zu einem Telefonapparat an der Wand gehen und so tun, als ob er anrufe: zu köstlich, wie er dann einfach den Mund auf und zu macht und wie ihm irgendwann nichts mehr einfällt und er nur noch den beiden Darstellern zuschaut. Amüsante Details. Oder wie Joe Alice schminkt, immer im Zwiespalt, dieses Gesicht persönlich neugierig und spannend zu finden und eine Berührung zu viel zu machen und andererseits der sachliche Vorgang des Auftragens der Schminke mit einem Schwamm.

Bald wird jedoch für solche Details keine Zeit mehr sein, denn in der Ferne hört man den Zug kommen und sie wollen die Szene drehen, während der Zug durchfährt. Charles meint, sie sollen ruhig laut sprechen, so laut sie können, damit sie sich verstehen.

Der Zug braust vorbei. Plötzlich sieht einer vom Drehteam ein Auto, was sich quer zu den Gleisen stellt, ja auf den heranfahrend Zug losfährt. Es gibt eine Explosion. Und soviele Zugwaggons wie jetzt über eine längere Sequenz ineinander und übereinander und durch die Luft fliegen, so viele Waggons kann ein Zug doch gar nicht haben.. Ein cineastisches Katastrophenwunderwerk, was jetzt abgeht. Aber irgendwie auch spielzeugmodelleisenbahnniedlich.

Die Kinder versuchen zu fliehen. Die Kamera ist auf den Boden gefallen und wird Dinge filmen, die später noch wichtig werden.

Nach einer Katastrophenewigkeit kehrt Stille ein. Die Kinder sind die einzigen am Unglücksort. Denn dieser Bahnhof liegt, auch das ist sehr deutlich eingeführt worden, weit ausserhalb des Städtchens. Im Unglücksauto, das offenbar gezielt auf den Zug zugefahren ist, entdecken sie Professor Woodward, der an der Schule Masthematik unterrichtet hat. Und im Trümmerfeld finden sie Unmengen von weissen Rubbercubes, wie sie sie nennen, Würfel aus Kunststoff mit gewürfelter Oberfläche.

Prof. Woodward verlangt von den Kindern, niemandem zu erzählen, dass sie ihn hier gesehen haben, sonst würden alle ihre Eltern sterben. Was dann nicht ganz logisch ist, aber gut für die Erzählung; die Kinder sammeln ihre Filmsachen ein, wie man das nach einer solchen Katastrophe ganz normal tut und fahren mit dem Auto zurück. Inzwischen sind die Rettungsmannschaften im Anmarsch. Die Kinder sind nicht entdeckt worden. Warum sie jetzt weg müssen, wird später klar werden. Das wäre dramaturgisch doof, wenn sie jetzt sofort zu Zeugen würden und nicht ihren Kram weitermachen könnten, als sei nichts geschehen. Sie bringen den Film zum Entwickeln in einen Fotoladen. Der hagere langhaarige Verkäufer bietet ihnen auch gleich Pot an. Eine sehr schräge Figur.

Die Armee hat inzwischen mit den Aufräumarbeiten begonnen. Man sieht wie sie diese weissen Quader alle schön säuberlich in Holzkisten verpacken.. Schnell macht auch ein Gerücht die Runde, dass es sich bei dem Transport um höchst geheimes militärische Gut gehandelt habe.

Nach dem Unglück passieren in der Ortschaft lauter phänomenale Dinge, elektrische Phänomene. Es gibt Stromunterbrüche, Dinge fliegen durch die Luft. Man sieht den weißen Quader von Joe sich selbsttätig bewegen. Joe bekommt das nicht mit. Es scheint ein Unglück freigelassen worden zu sein mit dem Zugsunglück. Spätestens mit dem Sichten des entwickelten Filmmaterials nach etwa drei Tagen kommen die Kids dahinter, dass es sich um ein Monster handeln muss. Das hat die weiterlaufende Kamera festgehalten.

Da die Armee des Monsters nicht Herr wird, muss sie Sündenböcke suchen; Detective Lamb wird eingesperrt. Die Armee stiftet Feuer auf Weidland um die Stadt herum, um einen Grund für eine sofortige Evakuaierung zu haben. Die Kids haben das mitgekriegt. Alice ist verschwunden.

Beim Professor hatteen sie eine Landkarte gefunden, auf der alle Stationen und die genau Strecke des Zuges eingetragen war. Der Professor wird später vom Militär gefoltert, bedroht, befragt; die Kids finden raus, dass der Prof die Welt vor diesem Monster beschützen wollte.

Die Kids wollen Alice zurückhaben und fragen den schrägen Typen vom Fotoladen, ober er sie fahre, denn er hat ein Auto. Erst fahren sie zur Schule zurück. Die liegt verlassen da. Sie finden Archivmaterial aus den 50ern. Einen Film über eine wissenschaftliche Besprechung und Prof. Woodward scheint dabei gewesen zu sein. die Bilder erinnern an geheime Atomforscherlabors der Amis im Zweiten Weltkrieg. Der Professor war wohl an diesem Forschungsprojekt beteiligt. Das Projekt muss aus dem Ruder gelaufen sein. Er wollte das bremsen, das absehbare Unglück stoppen. Mr. Lamb kann sich befreien und weiter tätig werden.

Zwischenzeitlich kam mir der Film gelegentlich liebevoll überdehnt vor. Aber dann haben sie wieder viel Action und massive Musik reingepowert bis an die Grenze möglicher Bedeutungshaftigkeit von Tonschwällen.

Zwischendrin bricht bei den beiden Jungs Joe und Charles die Eifersucht um Alice aus. Die Musik tendiert zur eher unangenehmen Form einer Marschmusik.

Der Film in der Schule, den sie sehen, stammt von April 1963.
He wanted to try to kill it. The Monster.

Ein Effekt, der fast immer da ist, das sind diese blauen quer zum Bild laufenden Strahlen.

Im späteren Fortgang ruckelt die Erzählung gelegentlich. Jedenfalls weiß Joe, wo sie suchen müssen um Alice zu finden. Das führt sie in eine Art Wunderland, zwar nicht das von Alice, obwohl sie Alice dort finden werden. Sie müssen erst auf den Friedhof. Da gibt es ein kleines, flaches Gebäude wie eine Remise mit mehreren Garagentüren. Eine verschlossene Tür neben der anderen. Bei der Dritten versuchen sie es mit Gewalt. Vor ihnen tut sich ein riesiger Krater auf. In den steigen sie hinab, denn Joe ist überzeugt, da unten ist Alice zu finden. Wie er zu diesem Wissen kam, das hat sich mir allerdings nicht erschlossen.

Jetzt mutiert der Film zu einem Jugendkrimi.. Eindringen in ein unbekanntes Höhlensystem. Vom Grund des Kraters aus führen Quergänge in eine Art Tinguely-Maschineriehaftes Elektrizitätswerk. Überall baumeln Menschen, die an den Füssen aufgehängt sind. Alice liegt zu Füssen des Monsters, das sich hier bewegt und das zu beschreiben mich graust. Sie ist schmutzig und dreckig. Joe muss sie schlagen bis sie zu sich kommt. Aber sie lebt. Und schon in der nächsten Einstellung ist ihr Gesicht wieder ganz sauber.

Die Kids können noch mehr Menschen vor dem Ungetüm retten. Eine Frau mit riesigen Lockenwicklern im Haar und einen Polizisten. Doch das Monster holt sich diese beiden zurück, die in der Geschichte keine andere Bedeutung haben, außer als Opfer fürs Monster ausersehen zu sein.

Dann beginnt der Endkampf mit dem Monster und Joe weiß wie es ansprechen, damit es ihn loslässt.

In der Stadt folgt nun ein Wirbel apokalyptischer Bilder. Ein Wasserturm saugt plötzlich alles Metallische an bis aus diesem Turm ein grossartiges Kunstwerk wird, das fast menschliche Umrisse hat, uendlich überhöht und schau, schau, schau, da kommt das Monster und erklimmt den Turm. Steigt ein. Jetzt hält Joe das Medaillon von seiner Mutter in Richtung Turm. Es wird angezogen. Ein unglaubliches Bild. Der Turm zieht das Medaillon an. Jetzt ist er samt Magnetismus startklar und erhebt sich in den Himmel. Mehr gibt’s da nicht mehr zu erzählen. Jetzt können die Titel kommen. Die kommen rechts. Links aber wird noch das Super-8 Filmchen unserer Nachwuchsfilmer gezeigt. Und irgendwie war das dann doch viel charmanter und lustiger und spontaner als die ganze riesig aufwändig gemachte und inszenierte Geschichte, auch wenn sie vom Feinsten war.

Eine Antwort zu “Super 8”
  1. sistatwista sagt:

    Super 8 ist – bei allem kriminalistisch-actionreichen Spaß – AUCH ein Film über die Sehnsucht. Zum einen über die Sehnsucht nach Liebe. Nach Freundschaft. Nach dem Gefühl, angenommen zu werden und angekommen zu sein. Zum anderen aber auch über die Sehnsucht nach den guten alten Zeiten.
    Nicht umsonst spielt der Streifen Ende der 70er – sinnbildlich am „Vorabend“ des digitalen Zeitalters. Walkmen sind noch eine aufregende Neu-Erfindung. Die Kids drehen mit viel Fantasie einen Film auf alter Super8-Kamera – Handy, Webcam und MP3-Player gibt’s noch nicht.
    Dass der Streifen zugleich eine Hommage an „DEN“ Jugend-Film der 80er ist (Goonies), bestärkt natürlich die nostalgische Sentimentalität. Das Schwelgen im Gestrigen macht Spaß – wird aber am Ende auch mit positivem Ausblick aufgelöst. Nur wer loslässt, wer sich nicht nur an Erinnerungen klammert, kann neu aufbrechen, neu anfangen. Entsprechend lässt der kleine Held der Handlug auch das geliebte Medaillon der verstorbenen Mutter fliegen, um es mit dem Monster-Alien in neue Welten davon fliegen zu lassen. Nur, wer seine Angst vor dem Neuen / Fremden überwindet, kann jemals irgendwo ankommen…

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