Das grösste Thema des Kinos ist die Liebe, und falls dem nicht so sein sollte, dann ist sie zumindest eines der grossen Themen des Kinos. Liebe will gelernt sein. Die sie hier zu lernen haben, das sind die Beginners. Das Ziel dieser Liebe ist: to be real. Das dürfte heissen, dass die Liebe etwas Persönliches ist.

So ist der Film. Der kommt wie der persönliche Film von Oliver. Er ist der Sohn von Hal. Hal hat 1955 geheiratet. Oliver kam in den frühen Sechzigern als einziges Kind zur Welt. Sein Vater hatte schon vor der Heirat seiner Mutter gesagt, dass er schwul sei. Er war Museumsdirektor. Wie seine Frau gestorben ist, da war Hal schon über 70. Da fing er ein geoutetes Schwulenleben an, hatte einen jungen Freund, Andy, der in ihm den Vaterersatz fand und ihn liebte. Hal war ab da „real“. Machte bei der Schwulenbewegung mit, bei Feten, wurde bald krebskrank; aber auch seinem Tod sah er wach und ohne zu jammern, immer im Gefühl, „real“ zu sein, entgegen. Er machte sich nicht viel draus.

Der Film fängt nach dem Tod von Hal an. Oliver räumt die Wohnng auf. Es sind Erinnerungsfetzen, es gibt eine Szene vor dem Haus, wo Oliver etwas auf einen Riesenberg von Müllsäcken wirft. Das erinnert an den Film von Thomas Haemmerli „7 Mulden und eine Leiche“, der mit dem Ausräumen der Wohnung seiner Mutter Erinnerungsarbeit verbindet.

Das erste und wichtigste Erbstück ist ein Hund, eine Promenadenmischung. In dem findet Oliver nach dem Tod des Vaters eine Art Gesprächspartner. Wenn er ihn anschaut, schreibt er ihm Texte zu, die im Film als Untertitel erscheinen.

Oliver selbst hatte zwar schon Verhältnisse gehabt, Liebesverhältnisse, aber nichts von Dauer. Der Film zeigt nun, wie er parallel zur Erinerungsarbeit selber sich auf den Weg macht, „real“ zu werden. Ob das wirklich so gelingt wie bei seinem Vater ist eine andere Frage.

Zu diesem „Real“-Sein (also immer in der englischen Bedeutung) gehört aber nicht nur die Suche nach Beziehung, sondern auch das Malen. Er malt in seinem Atelier sonderbare Zeichnungen, Köpfe, Texte. Auch fängt er an mit Graffity-Sprayen ohne Angst vor Entdeckung, ein sonderbares Outing, wenn man so will. Er macht nie einen richtig glücklichen Eindruck. Hat ihn das demonstrativ vorglebte späte Glück des Vaters eingeengt, entmutigt? Oder ist er eher von Natur aus nicht zum Glück disponiert; man könnte jetzt philosophieren, wie weit ein Mensch seines Glückes Schmied sei.

Zu den privaten Erinnerungsstücken gehören auch Bilder des Besuches einer Vernissage mit der Mutter. Oliver war vielleicht 8, und wie die Mutter einer Dame, die tiefsinnig-komplizierte Kunstwerks-Exegese betreibt, richtig faxenhaft blöd über die Schultern schaut, wird es dem Buben zu peinlich und sie verlassen die Veranstaltung, wobei die Mutter noch vorschützt, der Bub habe eine komplizierte Erkrankung, hoffentlich meint sie nicht die Fantasie damit. Oder die Mutter spielt mit dem Buben, sie macht mit der Hand eine Schiessgeste und der Bub fällt auf der Stelle tot um, aber das muss nochmal geübt werden.

Seine Suche nach Beziehung beschreitet wunderliche Wege. Er geht an eine Kostümfete verkleidet sich als Psychiater mit Bart und Perücke, setzt sich neben ein Sofa (Dr. Freud lässt grüssen) und berät Frauen, die sich bereitwillig hinlegen. Kann aber nicht viel helfen. Bis Anna kommt, die eine spielt, die nicht sprechen darf (resp. wegen Kehlkopfentzüngung gar nicht kann), ein reizvoller Einfall. Sie muss ihren Text, ihre Fragen immer auf einen Notizblock schreiben und hält diesen dem kostümierten Seelendoktor hin. Sie sagt ihm auch gleich, dass er unglücklich sei. Sie ist Schauspielerin, wohnt in New York.

Anna logiert im Hotel und es entwickelt in langsamen Lernschritten eine Beziehung, sie schlafen dann wohl auch miteinander, aber das ist nebensächlich. Die Entwicklung dieser Beziehung wird immer wieder unterbrochen durch Reminiszenzen an den Vater, resp. es werden Szenen aus seinem Leben eingespielt, vom Glück mit Andy, von den politischen Aktivitäten, von Feten und dann vom langen Sterben und dem Schlauch im Mund, der ihn stört.

Übrigens wird auch das mit der Musik sehr geschickt gehalten, gelegentlich ein paraphrasierndes Trompetensolo oder mal was Zeitgenössisches.

Was filmisch gut gelöst ist, dasss Oliver also nicht in den Kisten klaubt und Dinge hervorzieht. Man sieht ihn nur in der Wohnung und mit dem Hund sprechen und die Erinnerungen steigen praktisch aus den Kisten heraus. Sie sind ihm Leitfaden beim nicht unkomplizierten Verhältnis mit Anna, das ein unentschiedenes Hin und Her ist.

Der Film zeigt einen Oliver, der nie an seinen Vater heranreichen dürfte. Vielleicht weil ein nicht schwuler Mann auch nie diesen Freiheitsgenuss so demonstrativ ausleben kann wie ein einmal geouteter Schwuler? Komisch auch,  dass  Oliver nie einen Kontakt zu Andy, dem Geliebten des Vaters hatte. Das wird auch thematisiert. Wie Oliver  nach New York reist, muss er den Hund irgendwo unterbringen. Dafür ist Andy richtig. Dieser macht Oliver allerdings den Vorwurf, er würde den Kontakt zu ihm, dem Partner seines Vaters,  meiden, wohl weil er schwul sei.  Nach einigem Zögern und man nimmt es dem Schauspieler ab, dass es ihn Mühe kostet, geht er auf den grossen Andy zu, legt sich an seine Brust und wird von ihm gedrückt. Aber was in seinem Gesicht vorgeht, das sehen wir nicht.

Schon der Vater von Oliver hatte zu seinem Vater ein Nicht-Verhältnis.
Wenn man genauer hinschaute, könnte einem auch klar werden, dass Oliver durch die Besetzung mit dem Schauspieler Evan Mc Gregor einen Typen darstellt, der abgrundtief vatergestört scheint, der den Eindruck erweckt, er müsse immer Teile oder Ecken der Realität ausblenden (könne also entsprechend wenig „real“ sein), weil dort jederzeit der Vater auftauchen könnte.

Ein Film, der sich unspektuakulär mit dem Thema Liebe (und Tod und Leben) befasst, der das Thema vor allem in seiner Komplexität (auch: Liebe und Macht!) zu erfasssen sucht; Liebe auch als Konkurrenz-Verhalten, denn Christopher Plummer strahlt als geouteter Schwuler und Vater ein solches Glück und eine solche Souveränität aus, da wird der Sohn, noch dazu mit einer Hetero-Liebe, nicht so schnell aufschliessen können.

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