Etwa 5 Minuten vor Schluss gabs dann eine Szene, die mich fesselte, weil ein richtiger Konflikt ausbrach. Das ist natürlich zuwenig, um den Eintritt ins Kino zu rechtfertigen. Aber der Reihe nach. Sandra Trostel ging das Risiko ein, über drei Jungs aus bravem Hamburger Reihenhausvorort, die eine Band gegründet hatten, eine Langzeitdoku zu drehen. Mit offenem Ausgang.
Die Doku fängt in dem Moment an, in dem die junge Band, drei Jungs, zwei davon noch stark pickelgesichtig und alle noch vorm Abitur, kurz davor standen, mit Tapete, einem kleinen Musiklabel, ihre erste CD aufzunehmen.
Vielleicht sollte man versuchen, sich in die Regisseurin hineinzudenken, was ihr vorgeschwebt sein mag und was sie so faszinierte an den Jungs. Offensichtlich war, dass Anton, ein eher exzentrischer Alphatyp, sicher was für den Film hergibt, er dürfte auch der Spiritus Rector der Band sein, die sich “1000 Robota“ nennt. Den Namen haben sie sich ohne tiefere Gründe gegeben, sie fanden 1000 eine schöne Zahl, tausend Besucher im Konzert wäre super, 1000 Platten zu verkaufen auch. Überhaupt, wer sich nicht traut, gross rauszukommen, der sollte lieber nicht gleich anfangen mit so einem Unternehmen; das mag sich die Regisseurin gedacht haben, denn wenn die gross rauskommen, dann wäre sie im Beiboot mit dabei; auch eine solche Spekulation wäre voll legitim. Und Robota haben sie sich genannt, weil sie sich nicht Roboter nennen wollten, wohl aber an Roboter dachten, auch das sind legitime künstlerische Freiheiten. Diese nehmen sich Tausende anderer Bands auch, also darin dürften sie sich von anderen Bands ihrer Altersgruppe nicht sehr unterscheiden.
Vielleicht war ja die Regisseurin zu Beginn des Projektes genau so naiv wie ihre Jungs, war selber nicht vertraut genug mit der Branche, um zu wissen, wie routiniert und hart das abläuft mit dem Pushen und Aufstieg einer Band, vielleicht hat sie sich da ein Märchen versprochen – und dann eine nicht gerade optimistisch stimmende Praxis gefunden. Insofern erzählt ihr Film dann doch ganz schön was über die Abgefucktheit des Musikbusiness. Es gibt aber keinen Text von der Regisseurin, dass sie damit gerechnet hätte. Sie liess sich quasi unvoreingenommen auf ihr Projekt ein, liess sich treiben, schaute immer mal wieder vorbei, sie hat die Richtschnur ihrer Beobachtung ganz der Entwicklung des Projektes überantwortet.
Insofern ist ihr Film eher der Zusammenschnitt einer Art fester Kamera, die quasi immer zu bestimmten Gelegenheiten im Fortgang dieser Band angeknipst wurde, so da vornehmlich sind: Aufnahmen von Fahrten zu Auftritten, jede Menge Ankünfte, Bezug von Jugendherbergs- und Hotelzimmern, Konzertclips, Interviews, Lektüre von Kritiken, Alkoholkonsum. Das präsentiert sich fast wie ein privates Poesiealbum einer Verehrerin. Anton quasselt unendlich viel. Die beiden anderen trauen sich weniger, üben sich aber auch in der Interviewtechnik.
Der Eindruck des Mangels einer klaren Idee der Suche nach Bildmaterial stellt sich schon im impressionistischen Zusammenschnitt bunt gemischter Bilder im Anspann des Filmes dar; dieser verhilft dem Zuschauer jedenfalls weder zu einer inhaltlichen noch zu einer formalen oder regional/zeitlichen Orientierung. Ausfransung statt Rahmen für eine Geschichte. Gut, könnte man jetzt darüber philosophieren, wie weit eine Dokumentation immer auch eine Geschichte zu erzählen hat. Aber ein klarer Focus kann das Hirn des Zuschauers doch schneller packen und aktivieren.
Die Handlung fängt mit der Besprechung wegen der LP und der Unterschrift unter den Vertrag an und wird mit Musikaufnahmen fortgesetzt. Es gibt Diskussionen, Auseinandersetzungen, Abwägungen hinsichtlich Marktchancen gegen künstlerische Ambitionen, der Produzent will ja auch Geld verdienen, wenn er einen Einsatz zeigt, aber für einen ernsthaften Konflikt scheinen die Jungs noch zu grün, denn das Need, eine LP rauszubringen, ist doch stärker als alles andere – die Grösse des Labels spielt keine Rolle.
Die Message der Songs von “1000 Robota“ ist einfach, sie könnte einer christlichen Jugendgruppe entstammen “Ich bange um mein Leben und ich bange um Euch.“ Auch das Kämpfen spielt eine Rolle. Melodisch sind die Songs nicht, eher so eine Art Rausschreien in eintöniger Intonation mit sehr gedehnten Silben. Der Erfolg ist mässig. Sie scheinen das Publikum zu spalten in Verehrer und Verspotter.
Der interessanteste Handlungsstrang scheint mir der Nebenstrang, der später in den eingangs von mir erwähnten Konflikt mündet. Aber das konnte die Regisseurin vermutlich auch mangels Lebenserfahrung nicht absehen, dass es sich gelohnt hätte, hier gezielt Material zu sammeln um diese Entwicklung später dokumentarisch sauber freilegen zu können, ein eventuell hochspannender Bericht aus der Praxis. Anton bekommt nämlich beim Tapete-Label einen kaufmännischen Ausbildungsplatz. Er agiert also fortan einerseits als Bürolist, ist aber auch Performer. Als Bürolist bekommt er Einsichten in die Brutalität und den Zynismus des Musikgeschäftes selbst bei so einem kleinen Label. Das konnte also nicht gut gehen, denn er war jetzt als Bürolist auf der Seite derjenigen, die den Bands jedweden Gig des Geldes wegen aufoktroyierten, andererseits auf der Seite der Künstler, die dann unter Scheissauftritten völlig neben dem Zielpublikum zum Beispiel im Kaff beim Feuerwehrabend zu leiden hatten. Und als ob das nicht Konfliktstoff genug wäre, kommen hinzu die Mobbereien der Kollegen am Arbeitsplatz, die natürlich neidisch sind und sich auch nicht die freie Schnauze eines Anton erlauben.
Dieser Konflikt kommt aber erst nach etwa 85 der 90 Filmminuten und dann vor allem im Interview mit Anton auf die Leinwand. Das wäre für mich der Moment, wo es anfängt spannend zu werden. Was macht Anton weiter? Er ist ausgestiegen, hat bei Tapete hingeschmissen. Anlass dazu war, dass er bei Stefan Raab hätte auftreten sollen, dass er anfänglich nach Diskussionen zugesagt hat, den dämlichen Argumenten man brauche solche Auftritte für die PR nachgebend, dann scheint in ihm aber der Konflikt zwischen Kunst und TV-Hurerei doch hochgekocht zu sein und er hat abgesagt, er hat sich für die Freiheit der Musik und gegen den hirnlosen Mechanismus des Geschäfts entschieden.
Im Abspann erfährt man, dass seine beiden Kollegen jetzt studieren, dass die Band aber weiter an neuen Songs arbeite und man sieht sie bei einem schlecht besuchten Gig in einem nicht besonders eleganten Lokal, aber Anton kann stolz verkünden, man wäre in diesem Augenblick bei Stefan Raab, wenn man nicht abgesagt hätte.
DIE KUNST DES ABSAGENS, das könnte der Titel sein für die Fortsetzung dieses Filmes, denn der Schlusspunkt von UTOPIA LTD., das wäre der Anfangskonflikt für einen möglicherweise unglaublich spannenden modernen Künstlerfilm/Musikerfilm.

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