Archiv für Mai 2011

Wer Roland Reber, den Regisseur von Mein Traum oder Die Einsamkeit ist nie allein und Engel mit schmutzigen Flügeln einmal näher kennenlernen möchte, sollte heute um 16:05 Bayern 2 Radio einschalten. Denn Roland Reber ist zu Gast bei Norbert Joa, in der Sendung “Eins zu Eins – Der Talk” (mehr Infos hier).

Da Roland Rebers Filme gewaltig polarisieren, kann ich das Interview jedem Cineasten nur empfehlen, auch denen, die seine Arbeit ablehnen. Wer Bayern 2 nicht empfangen kann, kann auch den Livestream hören oder die Sendung später als Podcast herunterladen.

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Wer ist Hanna und warum soll ich mich für sie interessieren, das frage ich mich nach dem Film mehr noch als vorher.
Wobei ich mich vor dem Film schon fragte, wieso soll ich mich überhaupt für Hanna interessieren? Der Titel gibt dafür keinen Anhaltspunkt. Das dürfte jedoch eher ein Problem des Marketings sein.

Hanna ist jedenfalls die Hauptfigur dieses Filmes. Sie wird von ihrem Vater in nordischer Abgeschiedenheit und Wildnis härtest auf ein Leben als Überlebenskämpferin und Killerin in der zivilisierten Welt, die sie nicht kennt, vorbereitet. Ihr Vater heisst Erik, sonst ist nichts Besonderes an ihm. (Allein diese Absurdität: in der Wildnis für den Kampf in der Zivilisation ausgebildet werden, deutet darauf hin, dass man die Geschichte wohl nicht sehr ernst nehmen soll, so wenig wie einen Tennisspieler, der sich auf Sand für Rasenspiele präpariert, dass man den Reiz des Filmes wohl anderswo suchen muss, doch davon später mehr).

Diese Ausbildung für einen nicht näher definierten Überlebenskampf umfasst, dass sie verschiedene Sätze in verschiedenen Sprachen lernt, dass sie sich eine deutsche Biographie zulegt, die sie auswendig lernt und die behauptet, sie komme aus Leipzig (hoffen wir mal nicht der Filmförderung wegen).

Die Frage nach dem Wer ist, Who is, kann vielfältig gestellt werden. Die spannendste Variante wäre die nach dem Charakter, nach der Persönlichkeit, nach den Maximen der Weltbewältigung und des Handelns, die Frage nach den Zielen und den Visionen, die jemanden bestimmen, die Frage nach der Identität. Diese Frage wird hier so nicht gestellt.

Hier scheint es eher die Frage nach den Umständen der Zeugung zu sein. Und das wird erst nach längerer Laufzeit des Filmes deutlich. Ist somit kein Spannungsbringer noch ein Erheller.

Stattdessen werden Fäden von Hanna ins UN-Gebäude in New York gelegt. Hanna soll ins Fadenkreuz internationaler, weiter nicht definierter Interessen und des CIA geraten. Denn, das hat ihr ihr sie trainierender Vater eingebläut, wenn sie sich fit für den Kampf fühle, für die Initiation in die Welt, dann muss sie einen geheimen Hebel der ganz nah bei ihrer versteckten Behausung in der Wildnis vergraben ist, umlegen und dann wird sie sozusagen aus dem Planschbecken der Wildnis ins Schwimmbecken der Lebenspraxis geworfen, wobei so formuliert schon viel Interpretation dabei ist.

Diese Lebenspraxis sieht folgendermassen aus: Im UN-Gebäude in New York wird durch das Umlegen besagten Hebels eine gewisse Marissa alarmiert, die offenbar in einer Verbindung zu Hanna steht und ihrem vermeintlichen oder echten Vater Erik ans Leder will und dazu Hanna verfolgt.

Die Frage nach Hanna wird also erst mal über längere Zeit mit einer Verfolgungsjagd nach oft gesehenem Muster beantwortet: Marissa verfügt über ein geheimnisvolles Netz an Beziehungen und Agenten, um Hanna ständig auf den Fersen zu bleiben und sie andauernd in schier aussichtlose Situationen zu bringen. Aus denen Hanna natürlich immer wieder rauskommt. Dabei spielt das Gebrüder-Grimm-Haus in einem geschlossenen Vergnügungspark in Berlin, in dem Katharina Thalbach erst letzte Woche im Kino zu Joschka Fischer ausgesagt hat, eine wichtige Rolle und auch hier hoffen wir doch ums Himmels Willen nicht nur wegen Herrn Kulturstaatsminister Neumanns Filmförderung.

Im Rahmen dieser Verfolgungsjagd von Marokko über Hamburg bis Berlin gibt es eine Szene, die fasziniert, verwundert, irritiert einen Moment lang (vielleicht erfährt man jetzt etwas Persönliches über Hanna, die bisher nur als Kampf- und Selbtbefreiungsmaschine zu besichtigen war?); nachdem sie nämlich aus dem Hochsicherheitstrakt aus Marokko wie mit Zauberkräften fliehen und sich an eine englische Camper-Familie anschliessen konnte, da gibt es einerseits eine merkwürdig abstrakte Anbandelungsszene mit einem Spanier (Erotik scheint für Hanna zu bedeuten, die Anzahl Gesichtsmuskeln zu benennen, die beim Küssen aktiv sind), die wiederum ist überhaupt erst möglich, weil sie sich mit dem Töchterlein der Camper-Familie anfreundet: da spriesst ein kleines Pflänzchen an menschlicher Beziehung. Jedoch bevor man sich die Frage stellen kann, wer Hanna denn nun sei, geht die wilde Jagd nach bewährten Rezepten weiter über Hamburg nach Berlin.

Man könnte die Titelfrage des Filmes umformulieren: Wer sind die Macher dieses Filmes? Sind sie von der Art Schlaumeier, die sich erst erkundigen, wo man wie Förderung kriegt und sich dann den entsprechenden Film zusammenbasteln? (und falls einem der Film nicht sonderlich antörnt, könnte man sagen, ein nicht sonderlich antörnender Film als Produkt auch der Deutschen Filmförderung, ein Film also primär zur Beschaffung von Fördergeldern und nicht primär zum Ergötzen des Publikums). Zum Dank für das deutsche Geld dürfen dann ein paar deutsche Schauspieler auch ein paar Sätze sagen.

Ein Stück expressiven Stilwillens der Filmemacher zeigt sich in der schablonenhaften Stilisierung der britischen Camper-Familie, die an jene Sorte humoristischer Postkarten mit witzigen Situationstexten erinnern. Das gibt Wiedererkennungswerte. Lenkt kurzfristig angenehm ab von der immer drängender sich stellenden Frage, ob denn die Frage nach Hanna noch irgendwie relevant sei oder Substanzielles zu zeitigen imstande sein werde. Der Ansatz zum Stilwillen lässt sich auch positiv im Sound erkennen. Und mit der ungewöhnlichen, gelegentlich aufregenden Fotografie verstehen es die Macher, durchaus zu blenden (dies der anfangs angekündigte Reiz des Filmes).

Ein grosses Problem war in meinen Augen auch Hanna. Sie wurde besetzt mit einer zivilisatorisch gut sportlich Trainierten. Diese Bewegungen unterscheiden sich leider krass von den Bewegungen der Wildtiere in der freien Wildbahn oder eines Menschen, der so aufgewachsen ist, so naturverbunden, Bewegungen wie die Aborigines sie noch haben. Kommt hinzu die ungünstige Kleidung von Hanna, die die Körperlichkeit, die für die Figur elementar wichtig wäre, eher verdeckt und der Sache somit viel Reiz wegnimmt.

Ein weit gravierendes Problem sehe ich allerdings in der Moral der Geschichte. Oder der Substanz. Erik, bekleidet mit Fellen wie Waldmenschen im Film halt von der Kostümabteilung ausgestattet werden, liest Hanna am Lagerfeuer aus den Gebrüdern Grimm vor. Die Märchen haben immer eine Moral. Hanna aber weiss überhaupt nicht, wofür sie kämpft, noch hat sie eine Moral gelernt von Gut und Böse, sie hat nur das Kämpfen und Fliehen gelernt. Sie ist als eine Maschine gross gezogen worden. Was soll so eine Menschen-Maschine nun plötzlich mit Moral. Sie weiss nur, dass sie kämpfen muss und wie. Aber nie wozu, nie, was sie damit erreichen soll. Es gibt keinen Wert, um den sie kämpft. So ein Wert jedoch würde den Menschen definieren, die Frage nach ihm beantworten. Das tut der Film nicht, er erfüllt seinen Titel nicht.

Fazit: Mit den Mitteln blendend gestylter, modischer Filmsprache, supergesoundet und filmförderbewusst konstruierter und entsprechend schief gebauter Story – wird eine Nichtgeschichte, ein Nicht-Märchen ohne weiteren Nährwert erzählt: ein aufgeblähtes Nichts oder der Versuch einer postmodernen Formulierung von Nihilismus?

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Der Film könnte unter die Kategorie Kunstdoku subsumiert werden.

Dokumentiert wird die Fotoaktion des in New York lebenden aus Brasilien stammenden Künstlers Vik Muniz mit Arbeitern des „Jardim Gramacho“ bei Rio. Auf dieser inzwischen geschlossenen riesigen Müllhalde arbeiten Menschen als Recycler. Sie suchen wiederverwendbare Materialien aus dem angekippten Müll aus und verdienen sich damit ihren Lebensunterhalt.

Vik Muniz hat erst Portrait-Fotos von einigen dieser Arbeiter und Arbeiterinnen mit Namen wie Magna, Zumbi, Suelem, Irma, Isis gemacht. Diese hat er in einer grossen Fabrikhalle aus einigen Metern Höhe auf den Boden projiziert. Er hat die Fotografierten für einige Tage engagiert, damit sie die auf den Boden projizierten Fotos mit Müll aus der Halde auslegten. Die so entstandenen Müllbilder hat Muniz dann wieder von oben fotografiert und die Fotografien auf grosse Formate aufgezogen.

Als erster Versuch ist er daraufhin mit einem dieser Bilder zu einer Auktion nach London geflogen und das hat sofort umgerechnet 50’000 Dollar eingebracht, denn Muniz ist ein Name in der internationalen Kunstszene.

Dokumentiert wird auch die Vernissage der Bilder in etwas kleinerem Format im Museum of Modern Art in Rio. Jedem der Fotografierten brachte Muniz nachher persönlich den Abzug „seines“ Bildes.

Ein Spezialsujet war die Nachstellung des berühmten Gemäldes „Der Tod des Marat“ von Jacques-Louis David, selbstverständlich mit einer Badewann aus der Müllkippe genau so wie dem Buch und den anderen Utensilien.

Im Rahmen dieser Dokumentation erhält der Zuschauer auch Einblicke in die Leben einiger dieser Müllarbeiter, ihrer Organisation und deren Kopf Valter.

Leider ist die Kamera immer sehr, sehr wacklig, so dass man die Bilder nie in Ruhe anschauen kann; nicht gerade betrachterfreundlich für ein Kunstobjekt. Und wenn ein Bild doch mal etwas länger steht, dann wird es übermässig und vollkommen überflüssigerweise mit Sound aufgepeppt, zum Beispiel wenn ein Müllwagen seine Fuhre auf die Deponie kippt und die Müllarbeiter schon auf den noch runterrutschenden Abfall aufspringen.

Muniz will mit seinem Projekt folgendes erreichen: mixing art with social projects.

Im Abspann ist zu lesen, dass die Aktion 250’000 Dollar gebracht habe, welche für ein Aufbauprojekt und ein Übergangsprojekt für die Zeit nach der Auflösung der Deponie zur Verfügung gestellt wurden. Wieviel der Künstler selbst an dem Projekt verdient oder ob er es ganz idealistisch ohne Rechnungsstellung gemacht hat, darüber schweigt der Abspann.

Interessant fand ich die Diskussion, ob es nicht schlimm sei, die Müllrecycler für zwei Wochen aus dem für unsere Augen furchtbaren Lebensbereich Müllhalde rauzureissen, sie für zwei Wochen im Atelier bezahlt Kunstluft schnuppern zu lassen, sie in das Rampenlicht der internationalen Kunstwelt zu führen und nachher müssen sie wieder zurück zu ihrem Müll. Ob man ihnen das zumuten könne. Die Antwort von Muniz ist eindeutig: dadurch kommen sie auf andere Ideen und sie erhalten vielleicht Impulse, ihr Leben zu verändern. Diese Ideen können sie aber durchaus auch in Büchern aus der Müllkippe finden; gesprochen wurde über Nietzsche, Marat und Macchiavelli (der liesse sich besonders gut auch auf Rio anwenden, war zu hören). Sie haben aus gefundenen Büchern sogar eine Bibliothek zusammengestellt.

Valter, so hiess der Weise in der Gruppe, der Kopf, der die Müllarbeiter organisierte und der auf mitleidige Kommentare zum Müllrecycling immer meinte, 99 sei eben nicht 100. Nach dieser Handlungsmaxime haben übrigens die Müllarbeiter gar nicht so schlecht verdient im Vergleich zu anderen Menschen in der Armutswelt der Favelas.

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Volker Sattel hat seine Bilder gut unter Kontrolle.

Er hat sein Thema genau definiert und die Kamera gezielt darauf gerichtet: der Tanz des Menschen mit seiner Technik um das Goldene Kalb der vorgeblich preisgünstigen Gewinnung von Atomenergie.

Energie, die der Mensch braucht, um seinen Kaffee zu kochen, den Sonntagsbraten zu garen, nicht eiskalt duschen zu müssen noch zu frieren im Winter, um sich fortzubewegen und zu produzieren, um ins Internet zu gehen, um sich Luxus zu leisten; das sind Dinge, die im Film gar nicht vorkommen. Aber es sind die Motive, die hinter dem Aufwand stecken, den der Mensch betreibt, um an die Energie ranzukommen.

Sattel fotografiert nur diesen Aufwand, eingegrenzt auf den Bereich der Gewinnung von Atomenergie. Er reiht die Bilder in der Art ruhiger Sachfotografie aneinander. Atomanlagen, die nie fertig gestellt worden sind und vor sich hinrosten oder die, wie in Zwentendorf in Oesterreich jetzt für Schulungszwecke für das Atomgeschäft umfunktioniert worden sind. Meiler, die abgeschaltet und ausgeschlachtet worden sind. Ein Schneller Brüter, der gar nicht erst in Betrieb genommen worden ist und und in dessen Kühlturmmantel jetzt ein Kettenkarussell seine vergnügten Runden in die Höhe schraubt. Das Atomkraftwerk der Ex-DDR in Stendal, das längst abgeschaltet ist und sich auf das Ausschlachten und Zurückbauen von anderen ausrangierten Meilern spezialisert hat. Forschungsreaktoren, die versuchen alle möglichen Fehlerquellen im Umgang mit der Gewinnung von Atomkraft zu eruieren, im Hinblick darauf, dass die menschlichen Fehler, die in der Bedienung der Anlagen immer wieder vorkommen, keine verheerenden Folgen zeitigen. Dazwischen Eindrücke aus einer Siedlung beim Forschungsreaktor Garching bei München, Strassenschilder mit den Namen von Atomphysikern.

Die Reihe dieser Objektfotografien wird aufgelockert mit Bildern von Führungen und Reparaturarbeiten, aus Schaltzentralen, aus einer Übungszentrale mit Mannschaftsbesprechung, Aufnahmen eines Festaktes in einem Atomkraftwerk mit eleganter Gesellschaft, schönen Reden und einem klassischen Orchester. Es gibt Details von eisernen Krallen an der Einfahrt eines Werkes. Man sieht Arbeiter, die in Mondkostümen stecken, um Reparaturarbeiten auszuführen und wie gründlich diese Kleidung nachher gewaschen wird. Und zur Abwechslung: idyllische Landschaftsbilder mit eingebetteten Atommeilern, Zwischenlager und Endlager. Man erfährt dass  die Kosten einer Atomruine, die nie in Betrieb gegangen ist, 9 Milliarden DM betrugen und dass es Simulatoren zur Simulation von Unglücken gibt.

Volker Sattel verzichtet weitgehend auf die Unsitte oberflächlicher Interviews; es gibt nur einige sparsame Kommentare von Technikern, Ingenieuren oder Ruinenwärtern.

Die Bilder sind angenehm konsumierbar hintereinander geschnitten. Die Aussage des Filmes ist propagandistisch eindeutig: schaut her, was die Menschen für einen Aufwand betreiben und welch hohes Risiko sie eingehen, um die angeblich billige Atomenergie zu gewinnen.

Dokumentarfilm als Propagandaplakat, das sich als Sachfotografie ausgibt; als Aussage für einen ganzen Dokumentarfilm ist das doch eher dünn und inzwischen ist die Haltung praktisch gesellschaftlicher Konsens geworden bis in die Spitzen der CSU; ein Film, der kritisch sein wollte und von der Entwicklung der Verhältnisse überrollt zum Konsens-Film geworden ist. Der Cineast geht mit nicht mehr als Wandkalenderbildern im Kopf nach Hause; so kann man denn den Entscheid des Münchner Dokumentarfilmfestivals, diesen Film als Eröffnungsfilm zu zeigen, nur so interpretieren, dass es ein Zeichen setzen wollte gegen die Atomkraft, was ja lobenswert ist; leider setzte es damit noch kein Zeichen für den nicht nur schönen sondern auch anspruchsvollen Dokumentarfilm.

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Ob das im Kino funktionieren wird, zwei Protagonisten, Olli Dittrich und Katja Riemann, in je fünf verschiedenen Rollen als Protagonisten von sich berührenden Liebesgeschichten? Ich habe meine Zweifel.

Der Titel verspricht grosse theoretische Fundierung, grossen theoretischen Überbau. Darin ist im Film nicht viel zu merken in den wohl eher erfundenen denn nach der Realität kreierten Charakteren, so da sind, Olli Dittrich als Taxifahrer, libanesischer Imbissbudenbetreiber, der die Dame vom Gesundheitsamt bezirzt, Guru, Werbefuzzi, der Nürnberger Würstchen gegen Hambuger promoten soll, Fahrschüler und Katja Riemann als esoterische Gattin des Werbefuzzis, als spanische Gattin des Fahrlehrers und Mutter der Schauspielerin, die einen Samenspender sucht und den Fahrschüler findet, als Beamtin vom Gesundheitsamt und als Galeriebesitzerin, die ein Verhältnis mit ihrem Schwager hat, wenn ich das richtig zusammenaddiert habe.

Das sind alles nett erfundene Paarungen, so wie sich ein Werbetreibender vielleicht seine Kundschaft vorstellt und mit denen sich nette Sketche, wo es irgendwann dann immer mal um die Liebe geht, inszenieren lassen.

Ob das kinointelligent genug ist?

Die Schnitte zwischen den Szenen sind hart. Es gibt keine eleganten, sinnlichen Übergänge, die einen Sog entwickeln könnten, es gibt keine Überhänger, die eine Szene nachwirken und die nächste vorbereiten könnten.

Je nach Geschmack gefällt einem, das ist das Problem solcher Angebots-Filme, der eine oder andere Darsteller in der einen oder anderen Rolle besser oder weniger gut. Das dürfte der Grund sein, warum sich das Prinzip der Doppel-Fünffach-Rollen-Besetzung bis jetzt nicht durchsetzen konnte im Kino.

Die beiden Darsteller haben sehr verschiedene Herangehensweisen an ihre Rollen – das wirkt sich aus. Olli Dittrich hat für jede Rolle eine eigene Motorik, einen eigenen Bewegungsablauf, ja sogar die Perzeption der Figuren spielt er verschieden: das macht aus jeder Rolle, nebst den sprachlichen und natürlich den wirklich gut gelösten Maskenproblemen für jede Figur einen sehr prägnanten Typen, der sich deutlich von den anderen abhebt, wenn auch sehr grobstrichig. Während Katja Riemann immer am Rande des Chargierens ist, sehr viel mit Mimik versucht, nebst natürlich auch den Perücken und durchaus auch mal Gesten. Diese Figuren unterscheiden sich für mich nicht so prägnant. Aber vielleicht ist das Geschmackssache.

Es sind lauter nette kleine Geschichten, eher fürs Fernsehen geeignet, ihnen fehlt der grosse Erzählatem des Kinos, ihnen fehlt die genau Analyse der Konflikte; mir kommt das vor wie ein Musterbogen mit möglichen Menschentypen in diversen Situationen aneinandergereiht. Ein Regisseur, Maskenbildner, Darsteller wollen sich empfehlen.

Dieser auf Fernsehintelligenz ausgerichtete Film kommt mir vor wie eine Art Ausbau und Weiterentwicklung der jahrelang berühmten Langnese-Kino-Werbung, vielleicht könnte man vermuten: inspired by Langnese-Werbung.

Es gibt viele liebenswürdige Kleinigkeiten zum Lachen. Den Running Gag mit dem Föhn, den der Fahrleher immer gefährlich nah an die Badewannenkante legt, in der Hoffnung, er würde mal ins Badewasser seiner Frau fallen. Die Esoterikerin, die am Schluss wirklich in die Luft entschwebt nachdem sie vorher im Supermarkt umständlich 96 Kartons mit Milch eingekauft hatte, um anschliessend im weissen Nass zu baden. Am Anrührendsten ist Bustani, der Libanese, der ist so treuherzig auf die unerotisch vertrocknete Mitarbeiterin vom Hygieneamt steht – so ganz zu verstehen ist das nicht.

Der Film fängt an mit einer Szene, wie der halbwüchsige Sohn vom Werbefuzzi mit einer Schrotflinte eine Taube vom Himmel schiesst. Die Spanierin steckt sie in die Tasche und serviert sie später ihrem Mann. Ja, es fehlt dem Film der Lauf, es sind alles, schöne kleine, gut inszenierte Sachen und Sächelchen und wenn auch die Fäden der Geschichte gelegentlich zusammenlaufen, so fehlt eben der Faden der Geschichte, vielleicht auch der alles entwaffnende herzliche Humor.

Das Liebesthema kommt mal vor und dann wieder nicht. Einmal ist die Wohnung des Werbefuzzis voller Tauben, ein schön surreales Bild. Das sind Gags, aber sie helfen der Geschichte wenig. Der Fahrschüler fährt dem Fahrlehrer bei der Prüfung den Wagen kaputt und am Abend erfährt der Fahrlehrer, dass das sein Schwiegersohn wird, mei wie nett.

Aber 90 Minuten Langnese-Werbung, wenn auch mit etwas mehr Geschichte, so klischeehaft wie erfunden, wird kein Hauptprogramm.

Insgesamt fehlts am Kinoschwung, am Kinorhythmus, der einen 90 Minuten fesselt. Oft wirken Szenen etwas bemüht, wegen der Abgrenzung der verschiedenen Figuren und wenn ein Darsteller in verschiedenen Rollen gleich mehrfach im Bild ist, was hintereinander gedreht worden ist, dann geht einer auch mal durch den eigenen Ellenbogen hindurch.

Was wollte Alexander Otto Jahreiss uns erzählen? Dass er einfach Lust hatte, mal wieder Kino zu machen? Und dass ihn dabei kleine Tüfteleien mehr interessieren und mehr begeistern, als das, weswegen der Zuschauer meist ins Kino geht, die Geschichte nämlich?

In einer Szene erklärt der Fahrschüler im Imbiss der Schauspielerin denTitel des Filmes; das steht in diesem Niveau von Theorie einsam da im Film und die Figur des Fahrschülers ist auch keineswegs so intellektuell eingeführt worden, wie sie sich hier gibt.

Man könnte sich zum Schluss die in Fernsehspielen aus Mangel an Konfliktanalyse gerne und inflationär gestellte Frage, die ein Neuankömmling in einer Szene oft stellt, damit dem Zuschauer nochmal erklärt werden kann, worum es geht und die auch hier im Film leider vorkommt, stellen: „was ist denn hier los?“

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Pepe Danquart richtet dem janusköpfigen Joschka/HerrFischer ein biedermeierliches DokuPopArt-Mausoleum ein.

Der Titel zeigt es an, denn wir wissen bei den beiden Personen Joschka und Herr Fischer handelt es sich um ein und dieselbe Person: diese eine Person wird hier als zwei Personen vorgestellt, als Januskopf quasi. Vom cineastischen Standpunkt aus stellt sich gleich die Frage, ob das als Film trägt, eine Person in der einen Variante sich betrachtend als in der anderen Variante gewesen seiend. So wie Danquart das inszeniert, ergibt das zwar Kommentar aber keine Interaktion, somit noch keine Garantie für Kinospannung. Was der Zeitgenosse allerdings nur schwer ausblenden kann, wie er auf diesen Film reagieren würde, wenn er keinen Bezug zu den Ereignissen hätte, ob er den Film dann auch interessant oder gar für vollkommen belanglos halten würde. Der Zeitgenosse jedoch kann sich dieser Installation um die Person Fischer nicht entziehen.

Danquart hat fleissig Bildmaterial über den grünen Politiker Joschka Fischer gesichtet und sichten lassen, ausserdem lässt er in eigens als solche ausgewiesenen “Side-Stories“ eine ganze Reihe prominenter Zeitgenossen zu Wort kommen von Katharina Thalbach bis Daniel Cohn-Bendit. Erfahrungsgemäss, und das ist hier nicht anders, sind solche Statements oft nicht allzu ergiebig. Füllmaterial für Mausoleumsrundgangspausen. In solchen Momenten der Geschwätzigkeit sehnt man sich nach dem wohltuend nüchternen WER WENN NICHT WIR von Andreas Veiel zurück. Erfahrungsgemäss sind in solchen Filmen die Archivaufnahmen das spannendste, besonders in diesem Film, der unsere jüngere und jüngste Geschichte behandelt, in der Joschka Fischer ein ungewöhnlich mitbestimmender Faktor war.

Das Gesicht oder den Kopf von Fischer, den Danquart also Joschka nennt, den präsentiert er uns in einer Halle in einer Art moderner musealer Installation. Auf verschiedenen sich im Raum befindlichen Glasflächen laufen in etwa 3-minütigen Endlos-Schleifen Szenen aus dem bewegten politischen Leben nebst raren Privataufnahmen von Joschka Fischer ab. Zum Beispiel ist mehrfach zu sehen, wie Joschka beim Einzug der Grünen in den Bundestag dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl einen grünen Tannenzweig überreicht. Doku-Pop-Art fällt mir dazu ein, sogar Portraits von Andy Warhol. Dies als Hinweis, in welcher Richtung diese Dokumentation zu schubladisieren wäre. Ikonenbildung als moderner Dokupop und das sogar vorm Hintergrund der entsprechenden Musik; oder: eines Zeitgenossen Gang durch sein eigenes Museum. Oder auch die andere Schlagseite: eine Art Superillu zwecks Legendenbildung. Ein bisschen biedermeierhaft kommt diese Filmkunst daher – das Erscheinungsbild des Herrn Fischer löst in mir diese Suggestion aus. Mit dem merkwürdigen Geruch eines Mausoleums behaftet. Herr Fischer auf dem Wege, einbalsamiert zu werden.

Der JOSCHKA ist derjenige, der einst Steine auf Polizisten geworfen hatte, der dann der erste grüne Minister in der Bundesrepublik überhaupt wurde, der zur Vereidigung als Minister in Hessen mit Turnschuhen angetreten war, der im Bundestag den Bundestagspräsidenten ein Arschloch genannt hatte, der dann in der rot-grünen Bundesregierung Vizekanzler und Aussenminister wurde. Dieser Joschka war, das erinnern uns die Bilder, ein bis zum Anschlag kämpferischer, unkonventioneller, gewitzter Typ, ein ungewöhnlich faszinierender und oft auch polarisierender Politmensch, immer im Einsatz mit dem unbändigen Willen zur Macht, die Stimme nicht schonend, ein Faszinosum und Anziehungspunkt weit über die Partei hinaus. Er war aber auch einer der ersten Deutschen, die nach dem zweiten Weltkrieg anlässlich des Jugoslawien-Einsatzes in Deutschland den Satz salonfähig machte, dass man in manchen Fällen das Völkerrecht brechen müsse, um es durchzusetzen. Darauf kommt er in seiner Betrachtung ausdrücklich zu sprechen. Krieg als traurige Errungenschaft. Leider war er auch einer der entscheidenden Bundesminister, der den inzwischen über zehn Jahre andauernden, quälenden Afghanistan-Einsatz mitbeschlossen hat. Dieser Fakt, der bis heute fortwirkt, und den nach wie vor keiner rational erklären kann, wird im Film ausgeblendet, das interpretiere ich so, dass hier Monument-Buildung und nicht Geschichtserforschung betrieben werden soll. Hier verschont Herr Fischer sich und die Zuschauer vor einer der gravierendsten und bis heute wirksamen (problematischen) Folgen seines politischen Handelns.

Der HERR FISCHER nun ist ein grauhaariger, netter älterer Herr mit Brille im freundlich gesättigten Gesicht, mit weissem Unterhemd unterm krawattenlosen hellblauen Hemd und dezentem Jackett, die Hände immer schön artig gefaltet oder verschränkt vor der Brust, nie unter der Gürtellinie, nie in den Hosentaschen versenkt, vielleicht hat ihm das Herr Danquart gesagt damit die Pfötchen mit der verspielten Fantasiegestik nicht aus dem Frame springen, einer merkwürdig verkniffenen Gestik, die zu lesen und zu interpretieren dem geschulten Psychologen vermutlich seitenlange Abhandlungen entlocken könnte.

Der Herr Fischer wird nun von Herrn Danquart durch das Museum seiner eigenen Historie geführt, genauer gesagt vor die Glasflächen mit den Clips aus den Endlos-Schleifen postiert und Herr Fischer darf plaudern dazu, darf den verschmitzten Opa und Schnurrenerzähler geben. Er erweckt den Eindruck eines wohlsituierten, wohlernährten Privatiers, der aber in jeder Sekunde darauf bedacht ist, sich gut darzustellen. Inklusive Ansätzen von Selbstkritik und das ist wirklich köstlich, wenn er von seinen ersten Stunden und Tagen als Minister in Wiesbaden erzählt, er, der ehemalige Strassenkämpfer und Taxifahrer, wenn man die Bilder sieht nach dem Sensationsgier-Pressetross, der Joschka nach der Wahl zu seinem kleinen Büro begleitet und dann sitzt er vor diesem Pult mit den Aktenbergen und der Herr Fischer erzählt, dass er wirklich keine Ahnung hatte, was damit anzustellen sei, und dass er anfänglich ungefähr alles falsch gemacht habe, was man irgend falsch machen konnte. Später wird er aber erwähnen, dass er gelernt habe, dass es immer um Zuständigkeiten gehe, dass das Hin- und Herschieben von Zuständigkeiten nichts bringe.

Mein Eindruck von diesem Herrn Fischer ist aber auch der, dass er als Privatier nicht allzuviel mit sich anfangen kann, dass ihn politische Visionen schon gar nicht mehr umtreiben, er orientiert sich mit seinem heutigen Leben an seinem früheren Leben, sagt er, muss aber zugeben, dass ihm jenes (aus der musealen Distanz verklärt erscheinende) Spontileben von damals heute nicht mehr so recht gelingen will, das sei eine Illusion mit 60; mir scheint das weniger das Alter zu sein, als die Last der eigenen Geschichte und vor allem die des Geldverdienens; oder wie mir fast noch eher scheint, der Mangel an politischer Vision, für die sich einzusetzen für ihn heute noch lohnt. Denn wenn wie bei Fischer die politische Vision einzig die der Machterlangung war, was er ja angepeilt und geschafft hatte, er erklärt das an einer Stelle auch: zu den etwas kindischen Aufnahmen im Zeitraffer von Frankfurt und wie er da über seine Zeit als Taxifahrer reflektiert und erzählt, die habe aus ihm den Realo gemacht, was dann sein Erfolgsprinzip wurde; was bleibt ihm noch, wenn er die Macht hinter sich hat und keine erlangbare Macht mehr vor sich sieht, das mit Europa hat nicht geklappt, wie er sagt und aktuelle Versuche, ihn in den Medien als grünen Kanzlerkandidaten zu lancieren, stossen nicht gerade auf ein ermutigendes Echo, was bleibt so einem Mann noch, der aufgrund seiner Geschichte in die Etage des Wohlstandes übergesiedelt ist?

Das ist die Frage, die mich nach dem Film am meisten beschäftigt, besonders aufgrund Fischers abschätziger Bemerkungen über die Partei, ohne welche er niemals seine politische Karriere hätte machen können, die ihm natürlich auch viel zu verdanken hat, aber ohne welche er den Zustand seines jetzigen Wohlstandes und der Geldeinnahmen durch seine Bekanntheit auch vermutlich nie hätte erreichen können; ging es ihm letztlich auch nur darum, sich ein schönes Plätzchen zu suchen; denn wenn er noch politische Visionen hätte, dann hätte er auch die Chance, die ihm diese Doku bietet, doch bestimmt dafür genutzt. Hat er aber nicht. Also doch: Biedermeier, janusköpfig.

Dieser Tage war im Zusammenhang mit dem 100.sten Geburtstag von Max Frisch des Öfteren der Begriff „Citoyen“ zu lesen, also die des engagierten Bürgers, wie ich ihn interpretiere. Von einem solchen Citoyen ist bei Fischer nun beim besten Willen nichts zu spüren. Eher schon denkt man an Brecht: „nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm“. Aber wie wenig Fischer hier Vorbild einer neuen Elite sein möchte oder kann, zeigt sich auch darin, dass das Thema Geldverdienen ausgespart wird. Eine offene Elite könnte doch auch hier einen offeneren Umgang zeigen; warum sagt er nicht, wie verrückt das ist, dass er heute für einen einzigen Vortrag Zehntausende von Euro verdient. Das ist doch die Frucht seiner politischen Laufbahn, wieso muss er die verstecken.

Insgesamt ist für mich der Eindruck der Person Fischer aus dieser Dokumentation doch recht ernüchternd.

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Dieser Film macht sich selbst mit einem krassen inszenatorischen Fehlentscheid den Garaus.

Die Idee ist nicht schlecht und gar nicht so neu oder unbekannt: ein Mensch hält sich eine Puppe als Alter Ego. Dieses sagt ihm die Dinge, die er nicht hören will oder sich nicht traut zu sagen. Die Puppe, in diesem Fall ein Biber, setzt somit eine Dynamik innerhalb einer Figur, die vielleicht durch ein Problem gelähmt oder handlungsunfähig oder erstarrt ist, in Gang, kann Auswege aus einer Sackgasse weisen. Das kann mitunter superkomisch werden. Es ist das Erfolgsrezept der Bauchredner. Sicher, hier ging es nicht darum, einen Bauchredner darzustellen. Aber …

Der Unternehmer Walter Black, gespielt von Mel Gibson, leidet an Depressionen und findet einen Stoffbiber, den er wie ein Handpuppe trägt und der von dem Moment an statt seiner spricht. Er selbst hat keine Stimme oder keine Worte mehr. Er verstummt und der Biber spricht. Soweit die Theorie. Aber …

In der Praxis dieses Filmes sieht das so aus, dass Gibson den Biber ganz deutlich sichtbar und auch mit seiner eigenen Stimme spricht. Das muss man erst auseinanderdividieren. Aha, jetzt spricht der Biber und nicht Mel Gibson, obwohl Mel Gibson ganz deutlich spricht. Er spricht, obwohl er nicht spricht. Denn Black selbst spricht nicht mehr. Der ganze Witz, der ganze Mechanismus des Alter Ego wird so ausser Funktion gesetzt, ihm wird die Wirkung und damit der Reiz genommen.

Das ist in etwa so, wie wenn ein Bauchredner (bei dem ist das Prinzip der Puppe als Alter Ego durch den sprecherisch-technischen Trick dargestellt) so spricht, wie er immer spricht: das hiesse: die Illusion und der Reiz seiner Darstellung verfliegt, bevor sie zu Ende ist.
Nicht anders wäre es wenn Kinder mit Puppen spielten und sie keinen Unterschied in der Stimme der Puppe und iher eigenen machen würden.

Da der Zuschauer das als Kind schon intuitiv richtig gemacht hat, so dürfte er, wovor die Produzenten womöglich Angst gehabt haben, überhaupt kein Problem damit haben, wenn Gibson zum Beispiel beim Drehen in den Phasen, wo der Biber spricht, den Mund einfach gehalten hätte und die Biber-Texte im Nachhinein als separate Tonaufnahme und hoffentlich mit verstellter Stimme oder mit einem leichten Akzent oder was auch immer so einen Biber, der noch dazu einen beweglichen Unterkiefer hat, interessant gestalten könnte, gesprochen hätte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein einziger Zuschauer ein Problem damit hätte, dem Film zu folgen, und zwar eventuell mit Vergnügen, statt wie hier mit der Qual, sich immer wieder fragen zu müssen, halt, wer spricht denn jetzt, ist es der Biber oder ist es Black. Die Filmemacher haben sich damit ein überflüssiges, gravierendes Kommunikations- respektive Darstellungsproblem geschaffen.

Man könnte über diesen Fehlentscheid der Produktion spekulieren, wer dafür die Verantwortung trägt, wer darauf bestanden hat, dass Gibson als Black den Biber sichtbar spricht, wie das begründet worden sein mag. Vielleicht damit, dass Black vom Moment an, wo er den Biber hat, nicht mehr als Black, sondern nur noch als Biber spricht, dass er quasi nur noch Biber sei. Dann fehlt aber für die Interaktion zwischen Ego und Alter Ego der eine Partner. Das macht die Sache nicht erhellender. Es verwirrt noch mehr. Wozu braucht er den Biber, wenn er doch selber spricht. Respektive wozu braucht der Biber noch Mel Gibson, wenn er eine vollkommen andere Rolle ist.

Das wäre hier das einzig Spannende für mich, zu erfahren ob und wie das hinter den Kulissen diskutiert worden ist und warum sich die schlechtest mögliche Lösung, meiner Meinung nach, zum Nachteil des Projektes durchgesetzt hatte.

Das Konstrukt der übrigen Geschichte scheint mir zudem ziemlich verkurvt und soll dann mit Rührseligkeit smart gemacht werden. Die Sache mit dem Biber, der die übrige Familie anfänglich freundlich gegenübersteht, verselbständigt sich nämlich. Das geht soweit, dass die Familie auszieht und Gibson mit dem Biber alleine bleibt. Da erst gewinnt die Puppe Eigenleben. Das wiederum erträgt Gibson nicht. Er erträgt also genau das nicht, was die Grundlage für das Funktionieren des Spieles mit der Puppe ausmacht. Und weil Black/Gibson sein Alter Ego nicht erträgt, will er es mit der Motorsäge zerstören. Er vergisst dabei, dass die Figur an seinem Arm ist. Fazit: Biber weg, Arm weg. Dagegen hilft nun gar kein Storyline-Mittel mehr, auch keine vollkommen verquaste Nebengeschichte mit dem Sohn, der sich als Ghostwriter verdingt (was ja in reizvoller Wechselwirkung zur Bibergeschichte gesetzt werden könnte, was aber hier nicht geleistet wird), damit in eine verkorkste Liebesgeschichte mit einer derben, dominanten Blondine namens Nora hineingerät, die zu erzählen schon in einem separaten Spielfilm kaum glaubwürdig zu bewältigen wäre und der sich dann obendrein mit dem Vater moralingetränkt versöhnen wird. (Vielleicht kommen Autoren, die den Hauptkonflikt ihres Stoffes nicht gründlich genug untersuchen auf so verquere Filmfüllideen).

Was übrigens das ganze Biberspiel noch uninspirierter macht, ist der Vorgang, dass Walter jedem, der das erste Mal mit dem Biber konfrontiert wird, einen Zettel in die Hand drückt, der die Funktion des Bibers erklärt. Erklärkino. Ein sichereres Mittel zur Abtötung von Spannung ward im Kino selten gesehn.

Und noch ein Indiz zur Stützung der Behauptung der inszenatorischen Fehlentscheidungen zur Handhabung des Bibers: bei einem Radiointerview, das Black mit dem Biber, der inzwischen zum Medienenstar geworden ist, gibt, hängt Black sich weg vom Mikro und hält den Biber davor, damit man ihn nicht sehen könne und damit alle glauben der Biber spreche; irgendwer scheint mir hier irgendwas nicht so ganz kapiert zu haben. Und lustig ist es schon gar nicht. So dumm reagiert kein Kind.

Man könnte, wenn man was Positives suchte, vielleicht sagen: der ganze Film ist ein brutale Kritik an Spielzeugfabrikanten, denn um einen solchen handelt es sich bei Walter Black, zu zeigen, wie ein solcher Fabrikant selber offenbar null Ahnung vom Funktionieren von Kinderspielzeug am Beispiel einer Handpuppe hat. Er selbst verklärt den Biber an einer Stelle als ein Wunder, ein „miracle“; vielleicht ist das die andere Aussage des Filmes, Amerika, seine Film- und seine Spielzeugindustrie bräuchten dringend ein Wunder; denn im Film, das ist das Wunderbare, läuft durch die Inthronisation des Bibers auch die bedrohte Spielzeugfabrik plötzlich wieder wie am Schnürchen. Ein Film also für Wundergläubige – leider jedoch keine Wundertüte.

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Ein beseligender Musikfilm.

Wie so viele andere träumen sie davon, als Musiker Karriere, Weltkarriere zu machen. Dadurch unterscheiden sie sich nicht von vielen anderen Musikgruppen. Sie unterscheiden sich allerdings von den meisten dadurch, dass sie in Kinshasa und auf der Strasse leben oder teils in einem Wohnzentrum für Körperbehinderte, dass die meisten von ihnen schon älter sind und Kinderlähmung hatten und dadurch an den Rollstuhl gebunden sind. Man könnte sagen, eine hammerharte Ausgangsposition für eine Dokumentation, die ihr Teil dazu beitragen wird, dass der unmögliche Traum wahr wird. Der Zuschauer darf diesen Aufstieg über mehrere Jahre und ohne jede Chance auf Mitleidsgetue miterleben.

Was mich allerdings mehr noch als alles andere beeindruckt hat, dass sie diesen Traum gar nicht karrieristisch verfolgten. Sie sind nicht mit Demobändern zu den Plattenstudios oder Agenten gewetzt, sie haben sich nicht in die Hände von abzockgeilen Karriere- und Image-Beratern oder wer sonst noch seinen Reibach mit den Träumen anderer machen will, begeben. Sie haben erst mal gar nichts unternommen, sie haben sich nur die Freude an der Musik durch keine Widrigkeit nehmen lassen. Resilience. Sie haben in Ricky einen genialen Bandleader, der für die erstklassige musikalische Qualität und Modernheit der Gruppe bürgt. Sonst hätten die Zufälle, zum Beispiel dass das Dokuteam auf sie aufmerksam geworden ist und die kleinen Schubse, für die sie dann verantwortlich waren, ja nichts genützt. Das hat ihnen jedoch die kleine Tür zum Vorspielen und Produzieren einer Platte geöffnet.

Sie besingen ihre Situation, wie sie auf Kartons schlafen, wie ihr Leben auf Kartons stattfindet („Auf Kartons tobe ich mich aus“) oder sie wollen politischen Input geben „Schwarzer Mann, wache auf“ oder ihn zur Arbeit auffordern „Salamo, salamo“. Sie proben im Zoo, weil es hier ruhig ist; für Filmer ist diese verrottete Ansammlung von rostigen Käfigen mit immer noch Raubvögeln und Affen drinnen eine sensationelle Location.

Durch Zufall sind die beiden französischen Filmemacher Renaud Barret und Florent de la Tullaye, auf die Band Staff Benda Bilili gestossen. Die Filmer waren schon mit dem Kongo vertraut. Sie hatten früher ein geregeltes Leben als Betreiber einer kleinen internationalen Werbeagentur respektive als Fotojournalist in Paris. Das hatte ihnen nicht mehr gefallen und sie haben sich vor einiger Zeit schon im Kongo niedergelassen und dort angefangen Filme zu machen. Sie haben sich auch eine der Landessprachen angeeignet. Sie hatten Benda Bilili dann über Jahre begleitet, waren aber auch nicht unbeteiligt daran, dass endlich in einem Studio Aufnahmen gemacht werden konnten. (Die Geschichte um den Film herum ist auch ziemlich bemerkenswert bis zum Triumph in Cannes).

Dadurch dass die beiden mit kleinem Aufnahmegerät ausgerüstet waren und die Sprache konnten und sich auskannten, hatten sie einen ganz ungenierten Zugang zu den Leuten. Auch zu den Strassenkindern, die sich um die Musikgruppe wie um eine Gruppe von Vätern schart. Die hatte man beobachten können, wie sie ihre Kartons, auf denen sie schlafen, verteidigen, oder wie sie um Geld spielen. Oder wie sie ihre Lebensphilosophie vom Überlebenskampf, dass man immer wach sein müsse, erzhählen, wie sie träumen, rauszukommen aus diesem Leben, gar nach Europa.

Die Filmemacher konnten auch einen Fussballmatch von Körperbehinderten beoachten, wie die behände vor allem auf den Händen und mit relativ unbeweglichen Füssen sich fortbewegen. Die Musiker haben auch Familien. Die müssen sie ernähren. Irgendwann musste das Projekt erst mal abgebrochen werden. Das Wohnzentrum für Behinderte war abgebrannt. Viele hatten alles verloren. Mussten andere Jobs annehmen. Einer hat in einem kleinen Standl Cigaretten verkauft.

Eines Tages hatten sie einen Jungen gefunden, der mit einem selbstgebastelten Instrument, das nur aus einem Holzbogen, einer alten Konservenbüchse (da sieht man im Laufe des Filmes mehrere von dieser Anfertigungen und verschieden „angezogen“) und der einzigen Saite die herrlichsten Töne entlockt. Den mussten sie dann auch wieder suchen, wie sie nach einem Unterbruch von fast einem Jahr wieder filmen wollten und endlich ins Studio.

Roger heisst der Junge, der nach dem Jahr sehr gewachsen ist. Einmal ist man auch bei ihm zuhause, als bereits bekannt ist, dass sie nach Frankreich fliegen werden an die Eurockéennes in Belfort. Er ist der Star zuhause. Es gibt ein Gespräch darüber, dass er nie zur Schule wollte, dass er immer nach Europa wollte und dass er gesagt hat, das schaffe er nur über die Musik. Aber auch von ihm ist nicht bekannt, dass er sich je karrieristisch an ein Studio gewandt hätte. Allerdings spielt er nach dem Konzert in Belfort und auf der anschliessenden Tournee immer mehr den Star. Das besprechen auch die Alten, dass aus ihm noch was werden würde, dass er ein Haus und Matratzen kaufen würde.

Die erste Gage: nach dem grossen Konzert in Kinshasa bekommt jeder 80 Dollar und die drei mittanzenden Strassenkids zusammen 10 Dollar. Schon da dürfte die Musik mehr gebracht haben als eine Nähmaschine, eine Hoffnung, die im Film auch angesprochen wird.

Das ist auf jeden Fall der Filmtipp der Woche!

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Etwa 5 Minuten vor Schluss gabs dann eine Szene, die mich fesselte, weil ein richtiger Konflikt ausbrach. Das ist natürlich zuwenig, um den Eintritt ins Kino zu rechtfertigen. Aber der Reihe nach. Sandra Trostel ging das Risiko ein, über drei Jungs aus bravem Hamburger Reihenhausvorort, die eine Band gegründet hatten, eine Langzeitdoku zu drehen. Mit offenem Ausgang.

Die Doku fängt in dem Moment an, in dem die junge Band, drei Jungs, zwei davon noch stark pickelgesichtig und alle noch vorm Abitur, kurz davor standen, mit Tapete, einem kleinen Musiklabel, ihre erste CD aufzunehmen.

Vielleicht sollte man versuchen, sich in die Regisseurin hineinzudenken, was ihr vorgeschwebt sein mag und was sie so faszinierte an den Jungs. Offensichtlich war, dass Anton, ein eher exzentrischer Alphatyp, sicher was für den Film hergibt, er dürfte auch der Spiritus Rector der Band sein, die sich “1000 Robota“ nennt. Den Namen haben sie sich ohne tiefere Gründe gegeben, sie fanden 1000 eine schöne Zahl, tausend Besucher im Konzert wäre super, 1000 Platten zu verkaufen auch. Überhaupt, wer sich nicht traut, gross rauszukommen, der sollte lieber nicht gleich anfangen mit so einem Unternehmen; das mag sich die Regisseurin gedacht haben, denn wenn die gross rauskommen, dann wäre sie im Beiboot mit dabei; auch eine solche Spekulation wäre voll legitim. Und Robota haben sie sich genannt, weil sie sich nicht Roboter nennen wollten, wohl aber an Roboter dachten, auch das sind legitime künstlerische Freiheiten. Diese nehmen sich Tausende anderer Bands auch, also darin dürften sie sich von anderen Bands ihrer Altersgruppe nicht sehr unterscheiden.

Vielleicht war ja die Regisseurin zu Beginn des Projektes genau so naiv wie ihre Jungs, war selber nicht vertraut genug mit der Branche, um zu wissen, wie routiniert und hart das abläuft mit dem Pushen und Aufstieg einer Band, vielleicht hat sie sich da ein Märchen versprochen – und dann eine nicht gerade optimistisch stimmende Praxis gefunden. Insofern erzählt ihr Film dann doch ganz schön was über die Abgefucktheit des Musikbusiness. Es gibt aber keinen Text von der Regisseurin, dass sie damit gerechnet hätte. Sie liess sich quasi unvoreingenommen auf ihr Projekt ein, liess sich treiben, schaute immer mal wieder vorbei, sie hat die Richtschnur ihrer Beobachtung ganz der Entwicklung des Projektes überantwortet.

Insofern ist ihr Film eher der Zusammenschnitt einer Art fester Kamera, die quasi immer zu bestimmten Gelegenheiten im Fortgang dieser Band angeknipst wurde, so da vornehmlich sind: Aufnahmen von Fahrten zu Auftritten, jede Menge Ankünfte, Bezug von Jugendherbergs- und Hotelzimmern, Konzertclips, Interviews, Lektüre von Kritiken, Alkoholkonsum. Das präsentiert sich fast wie ein privates Poesiealbum einer Verehrerin. Anton quasselt unendlich viel. Die beiden anderen trauen sich weniger, üben sich aber auch in der Interviewtechnik.

Der Eindruck des Mangels einer klaren Idee der Suche nach Bildmaterial stellt sich schon im impressionistischen Zusammenschnitt bunt gemischter Bilder im Anspann des Filmes dar; dieser verhilft dem Zuschauer jedenfalls weder zu einer inhaltlichen noch zu einer formalen oder regional/zeitlichen Orientierung. Ausfransung statt Rahmen für eine Geschichte. Gut, könnte man jetzt darüber philosophieren, wie weit eine Dokumentation immer auch eine Geschichte zu erzählen hat. Aber ein klarer Focus kann das Hirn des Zuschauers doch schneller packen und aktivieren.

Die Handlung fängt mit der Besprechung wegen der LP und der Unterschrift unter den Vertrag an und wird mit Musikaufnahmen fortgesetzt. Es gibt Diskussionen, Auseinandersetzungen, Abwägungen hinsichtlich Marktchancen gegen künstlerische Ambitionen, der Produzent will ja auch Geld verdienen, wenn er einen Einsatz zeigt, aber für einen ernsthaften Konflikt scheinen die Jungs noch zu grün, denn das Need, eine LP rauszubringen, ist doch stärker als alles andere – die Grösse des Labels spielt keine Rolle.

Die Message der Songs von “1000 Robota“ ist einfach, sie könnte einer christlichen Jugendgruppe entstammen “Ich bange um mein Leben und ich bange um Euch.“ Auch das Kämpfen spielt eine Rolle. Melodisch sind die Songs nicht, eher so eine Art Rausschreien in eintöniger Intonation mit sehr gedehnten Silben. Der Erfolg ist mässig. Sie scheinen das Publikum zu spalten in Verehrer und Verspotter.

Der interessanteste Handlungsstrang scheint mir der Nebenstrang, der später in den eingangs von mir erwähnten Konflikt mündet. Aber das konnte die Regisseurin vermutlich auch mangels Lebenserfahrung nicht absehen, dass es sich gelohnt hätte, hier gezielt Material zu sammeln um diese Entwicklung später dokumentarisch sauber freilegen zu können, ein eventuell hochspannender Bericht aus der Praxis. Anton bekommt nämlich beim Tapete-Label einen kaufmännischen Ausbildungsplatz. Er agiert also fortan einerseits als Bürolist, ist aber auch Performer. Als Bürolist bekommt er Einsichten in die Brutalität und den Zynismus des Musikgeschäftes selbst bei so einem kleinen Label. Das konnte also nicht gut gehen, denn er war jetzt als Bürolist auf der Seite derjenigen, die den Bands jedweden Gig des Geldes wegen aufoktroyierten, andererseits auf der Seite der Künstler, die dann unter Scheissauftritten völlig neben dem Zielpublikum zum Beispiel im Kaff beim Feuerwehrabend zu leiden hatten. Und als ob das nicht Konfliktstoff genug wäre, kommen hinzu die Mobbereien der Kollegen am Arbeitsplatz, die natürlich neidisch sind und sich auch nicht die freie Schnauze eines Anton erlauben.

Dieser Konflikt kommt aber erst nach etwa 85 der 90 Filmminuten und dann vor allem im Interview mit Anton auf die Leinwand. Das wäre für mich der Moment, wo es anfängt spannend zu werden. Was macht Anton weiter? Er ist ausgestiegen, hat bei Tapete hingeschmissen. Anlass dazu war, dass er bei Stefan Raab hätte auftreten sollen, dass er anfänglich nach Diskussionen zugesagt hat, den dämlichen Argumenten man brauche solche Auftritte für die PR nachgebend, dann scheint in ihm aber der Konflikt zwischen Kunst und TV-Hurerei doch hochgekocht zu sein und er hat abgesagt, er hat sich für die Freiheit der Musik und gegen den hirnlosen Mechanismus des Geschäfts entschieden.

Im Abspann erfährt man, dass seine beiden Kollegen jetzt studieren, dass die Band aber weiter an neuen Songs arbeite und man sieht sie bei einem schlecht besuchten Gig in einem nicht besonders eleganten Lokal, aber Anton kann stolz verkünden, man wäre in diesem Augenblick bei Stefan Raab, wenn man nicht abgesagt hätte.

DIE KUNST DES ABSAGENS, das könnte der Titel sein für die Fortsetzung dieses Filmes, denn der Schlusspunkt von UTOPIA LTD., das wäre der Anfangskonflikt für einen möglicherweise unglaublich spannenden modernen Künstlerfilm/Musikerfilm.

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Die erste Frage bei einem Doku könnte immer die sein, wozu, warum wurde dieser Film gemacht. Hier macht es einem der Abspann leicht, eine mögliche Lösung zu finden, es wird nämlich ein Kinderhilfswerk, das Senna ins Leben gerufen hat, gross gewürdigt. Allerdings steht nicht, dass der Erlös aus dem Film diesem Hilfswerk, das sich für Kinder in Brasilien einsetzt, zugute komme. Die Nennung dürfte jedoch der Grund oder die Bedingung gewesen sein, dass die Familie von Ayrton Senna zu diesem Film bisher unveröffentlichtes Material beigesteuert hat. Doku ein bisschen für einen guten Zweck also.

So präsentiert sich der Film denn auch als ein schönes Portrait des berühmten Rennfahrers Ayrton Senn, so ansprechend und leicht geniessbar wie eine Karte von UNICEF.

Über heutige Medienstars gibt es TV-Material in Hülle und Fülle. Das Problem für den Macher eines solchen Filmes dürfte eher die Qual der Auswahl aus all den Rennberichten, Reportagen und Interviews sein, denn es liessen sich bestimmt hundert und mehr verschiedene Filme mit durchaus unterschiedlichen Aussagen über die Person des Interesses zusammenschneiden.

Hier entsteht ein Bild von Ayrton Senna als eines Mannes der hochkonzentriert und zielbewusst ans Werk ging, aber eher wie ein Traumwandler, sozusagen nur die Sache im Kopf, das Ziel und nicht die Rivalität mit den anderen, weniger das Ellenbögeln, wie sein Hauptrivale Prost es aus dem Effeff beherrschte oder wie es einem Schumacher später zugeschrieben wurde; er selbst sah sich als ein wilder Stier, der auf sein Ziel losraste, den nicht Links und Rechts interessierte.

Ein durchgängig dramatisches Thema in diesem Film bildet die Dauerrivalität zu Alain Prost. Gerade ihm gegenüber, der sozusagen vor keinem Bodycheck zurückschreckte, vor keiner Mauschelei mit den Funktionären, hebt sich die Träumer-Eigenschaft eines Ayrton Senna besonders deutlich ab. Sachbezogenheit gegen Politbezogenheit. Der eine will auf der Ideallinie ins Ziel mit reinem Beherrschen der Technik und schneller Reaktion, der andere schreckt vor Tricks nicht zurück und beobachtet nebst dem Ziel vor allem den Rivalen und bandelt mit dem Funktionärstum an. Die reine Kunst gegen die Kunst der Verunreinigung von Resultaten durch Funktionäre. Ein Konflikt der sich durch Sport, Kunst, Politik zieht wie der Wetterwechsel durchs Klima. Mozart und Salieri.

Ein Beispiel für Prosts Mauschelei war ein Rennen, bei dem dieser bei der Rennleitung erreichte, dass Senna unverdientermassen die ungünstigere Startpositon auf der schlechteren Fahrbahnseite gegeben wurde und Prost von der günstigeren aus losrasen durfte; daraufhin zog Senna zu eng an Prost vorbei, beide landeten im Kiesbett, aber dadurch wurde Senna Weltmeister, ein unglücklicher Weltmeister.

Senna hatte es nun mal nicht mit den Funktionären; es gibt Bilder aus Fahrer-Besprechungen, in denen er nur noch den Kopf schütteln konnte über die Dämlichkeit dieser offenbar nötigen Gattung; aber er argumentierte auch heftig für die Interessen der Fahrer.

Kein Wunder, dass das schönste Rennen seines Lebens für Senna  eines in jungen Jahren war, ein Go-Cart-Rennen in Europa, da war man unbeschwert, frönte dem reinen Renngenuss, da funkten nicht die Geld- und Machtinteressen, die rennsportpolitischen Interessen, der Opportunismus von Machterhalt und der Machterweiterung hinein, denen Senna vollkommen abhold war.

Er war mehr Rennphilosoph als Trickser: Nahaufnahmen, die im Lauf der Rennsaisons zusammenkamen, erzeugen ein vielfältiges Bild von dem eher sensiblen, verträumten aber absolut zielbewussten Senna, im Sieg, in der Niederlage, bei der Beobachtung von Unfällen, verantwortungsbewusst und sorgenschwer gegen die letzten Rennen hin oder geplagt von der nie fairen Rivalität mit Prost. Und dann die Tränen und die Ausrufe beim Sieg in Brasilien, wie er sich darnach vor lauter Verspannung kaum mehr bewegen konnte und keiner ihn berühren durfte.

Um ein Zückerchen zu bieten nebst all dem bekannten Material – irgendwann kann man die ganze Starts aus TV-Archiven auf der Leinwand nicht mehr sehen – gab die Familie von Senna den Filmemachern dem guten Zweck zuliebe private Homevideos: Ayrton Senna mit Boot und Familie auf dem Meer oder auch zuhause, ein ruhiger Familienmensch.

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