Archiv für 30. September 2010

So könnte es gewesen sein, aber so war es natürlich nicht. Papa Besson spaziert mit seinen Blagen am Louvre vorbei. Sie sehen die Glaspyramide davor. Fragt eines der Blagen, Papa, qu-est-que-c’est? Darauf fängt Papa Besson an zu flunkern, zu fabulieren und zu fantasieren was das Zeugs hält von ägyptischen Pyramiden und von Mumien und davon, dass es einen Professor gebe, der solche Mumien wieder auferwecken könne, aber nicht nur dies, er könne auch Dinosaurier-Eier, die über 100 Millionen Jahre alt seien, zum Ausbrüten bringen und Besson erfindet eine unerschrockene, taffe junge Frau Adèle (und engagiert dafür die imponierende Louise Bourgoin), die Forscherin ist und die unbedingt das medizinische Wissen einer der Mumien braucht, denn ihre Schwester ist beim Tennis-Spielen unglücklich gestürzt und …  Papa Besson kommt vom Hundertsten ins Tausendste und spinnt ein Märchengarn  bis er schließlich die junge Frau für ihre Verdienste auf eine bekannt luxuriöse Abschiedsreise schickt – und lässt uns mit offenem Mund zurück.

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Vermutlich einer weiterer dieser gar nicht seltenen deutschen Filme, bei denen selbst die Produzenten schon bei Drehbeginn hinter vorgehaltener Hand geflüstert haben dürften, „den Schmarren“ werde sich bestimmt niemand im Kino antun, denn besoffene Westler, die in Polen auf einer Hochzeit „ein belegtes Brot mit Schinken, ein belegtes Brot mit Ei“ grölen, reißen heutzutage niemanden vom Hocker und schon gar nicht ins Kino.

Man müsste also fragen, warum der Film dann trotzdem – überflüssigerweise – produziert worden ist. Die Antwort dürfte ganz simpel die sein, weil es nämlich die Förderstruktur gibt. Und diese „Struktur“, die tickt vielleicht in etwas so: deutsch-polnisch ist immer gut, da gibt es auch Geld aus Polen und ist politisch gut wegen Versöhnung. Dem Jessen sein bisheriger Erfolg war überschaubar, wir kennen ihn und der wird uns nicht gefährlich werden. Dann kennen die Förderer vielleicht die Produzenten. Und schließlich spielt ja Ulmen mit, und der hat noch kein Geschirr zerdeppert, der ist nett, der ist politisch und auch TV-korrekt. Und ein polnischer Star ist ebenfalls dabei. Die „Förderstruktur“, die denkt nämlich in ungefähr allen Kategorien nur in einer garantiert nicht, nämlich der Kategorie, was ein guter und spannender Kinofilm sei. Weil eine Struktur sowas möglicherweise per definitionem gar nicht kann.

Hier noch aus meinen Notizen zum Film: „… für ältere Semster, in denen noch Lagerfeuerromantik nachglüht … Klampfe … eisgekühlter Bommerlunder …  man sollte ein Bedürfnis zum Wiederaufleben solcher Stimmungen haben, die des unkritischen Pseuoaufbruches, dann ist man beim Jugendfreizeitregisseur Lars Jessen richtig. Wenn man dann auch noch den für Südländer schwer zu dechiffrierenden Fischköppehumor versteht, da wird man sich möglicherweise sogar kaputt lachen in dieser Komödie, die ihr Handwerk nur sehr klapprig bis gar nicht versteht, jedenfalls nicht so versteht, dass ihr Fördergelder zustehen dürften … Kino von einer Strahlkraft nicht über die Ebbegrenze hinaus … Dramaturgie von einer Dürftigkeit, die selbst fürs Fernsehen kümmerliches Niveau … Auf eine Charakterisierung der Hauptfigur, ein Frieder gespielt von Christian Ulmen, wird gänzlich verzichtet. Man setzt auf den Ulmen-Effekt; der kommt jedoch abgenutzt daher. … Am Set des endlos ausufernden Gegröles, Gejohles, Gebrülles auf der Hochzeit, da dürfte Jessen für ihn glaubwürdig das Gefühl beschlichen haben, ein mächtiger Kinoregisseur zu sein …“

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Der Film fängt ausgezeichnet an mit einem Schauspieler, Patrick Fabian, der den fake-dokumentarischen Charakter seiner Exorzisten-Pfarrer-Figur brilliant rüber bringt, indem er fürs Fernsehen einen letzten Exorzismus durchführen und seine Tricks offenlegen und damit Abschied von diesem zwielichtigen Handwerk nehmen will. Als dann die Chose ausser Kontrolle gerät, verliert er den pseudodokumentarischen Charakter seiner Figur, den Mitspielern ergeht es nicht anders, sie spielen jetzt nur noch überdrehte Hysterie statt glaubwürdigem Schock und machen damit den guten Anfang zunichte.

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Ein schönes Prekariats-Exploitation-Movie. Eine hingebungsvolle Sentimentalität mit einem bleichen Jungen mit dunkel geschminkten Augenrändern im Mittelpunkt. Eine engagierte Illustration zur aktuellen HartzIV-Debatte.

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