Archiv für 1. Juli 2010

Film kann, vielleicht gerade wenn er spielerisch aufgefasst wird, durchaus zu Wahrnehmungsveränderungen beim Zuschauer führen. Während ich also nach dem Screening von „Accident“  in einem Münchner Strassen-Café beim Isartor sass mit Gedanken beschäftigt  über die sogenannte Verkettung unglücklicher Umstände, die zu Todesfällen führen können, und dass da gelegentlich durchaus Skepsis angebracht wäre, beobachtete ich einen unauffälligen Mann, der zweimal an mir vorüberging und mich aus meiner Träumrei aufschrecken und mich fragen liess, in welchem für mich bedrohlichen  Zusammenhange er sich wohl bewegen möge und dann fiel mir noch auf, dass die in „Accident“ eine ganz nette Anleihe beim Film „Das Leben der Anderen“ gemacht haben, was mich auf den Boden der Tatsachen zurückholte.

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Falls „Das letzte Schweigen“ noch das letzte Geheimnis übers Kino mit ins Grab nehmen wollte, dann wäre Kino: breite Leinwand (tote Punkte in Wohnzimmern oder auf Bettwäsche kommen so  besonders deutlich zur Geltung), immer wieder Flugaufnahmen über Kornfeld und Wald und Teich und das gross aufgesoundet, und vor allem, statt sich auf einen zentralen Konflikt zur Erzeugung und Beförderung von Kinospannung zu konzentrieren, statt sich für eine Hauptfigur zu entscheiden, lieber im Sinne des Boulevards diffus mal da mal dort erzählen und die Schauspieler, allesamt tv-proof, öfter betroffene und betretene Gesichter machen und ausgewählte Sätze wie folgende sagen lassen „Dieses Arschloch! Wir haben nicht mal eine Leiche. Mach das aus!“ oder „War das Ihre Idee, Sie Arschloch?“ oder „Herr Sommer, kümmern Sie sich endlich um das Quietschen der Schaukel. Das ist nervtötend“

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Was Herzog mit seinem Protagonisten mit dieser Visage verbinden dürfte, das ist bestimmt „the real thing“ zu wollen und nicht wie die anderen Jugendlichen im Rafting Camp die Grenzen ihrer Fähigkeiten auszuloten. Da aber Hollywood, das den Film produziert hat, eher auf der Seite der Rekordsucht und der Suche nach den Grenzen der Fähigkeiten und nicht nach dem Real Thing anzusiedeln ist, so entsteht hier der Eindruck einer eigentümlichen Asymetrie zwischen der filmischen Aussage Herzogs und jener des kommerziellen Genres innerhalb dessen er diese tätigt. Diese Asymmetrie zwischen Spannung und Sperrigkeit äussert sich in gelegentlichem Beinah-Stillstand der Handlung, zum Beispiel in dem Zweier-Bild mit Zwerg oder darin, dass die Kamera sich ablenken und beeindrucken lässt durch eine riesige Felswand, unter der das Rafting Camp liegt oder auch durch das Wildwasser (Symbole für das Real Thing) oder durch ein hässlich-gelbes Polizei-Absperrband was demonstrativ vor der Kamera die Sicht für Momente verstellt, wobei der Zuschauer Zeit genug hat darüber zu sinnieren, wie weit vielleicht gerade so ein Absperrband auch ein Real Thing sei. Oder die trotzige Behauptung des Protagonisten angesichts zweier Flamingos, er sehe eine Herde rennender Strausse.

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