Archiv für 25. März 2010

Schon oft habe ich mich, öffentlich oder nicht, über schlechte Drehbücher aufgeregt. Überdurchschnittlich oft, so mein subjektiver Eindruck, kommen gestelzte Dialoge voller Redundanz in deutschen Produktionen vor.

Ein Kollege, mit dem ich das mal bei einem gemütlichen Mittagessen diskutierte, wies darauf hin, dass es hierzulande oft Einzelkämpfer sind, die das Drehbuch zu einer Produktion verfassen, während in Hollywood entweder Teams schreiben oder die Bücher auf Herz und Nieren geprüft werden, bevor überhaupt daran gedacht werden kann, sie in Produktion gehen zu lassen.

Das leuchtet ein. Bei uns schreibt obendrein der Regisseur oft selbst, und niemand traut sich, ihm zu sagen, wenn eine Szene Mist ist – oder vermag dies überhaupt zu erkennen. Beim Dreh ist es dann bereits zu spät, und – das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen – herrscht am Set nicht selten ein eitles Kompetenzgerangel unter lauter Pfauen und Gecken, die sich in ihrem Arbeitsbereich von absolut niemandem in die Suppe spucken lassen wollen. Hat man eine bessere Idee, ist aber nur der kleine Assistent, hat man das Maul zu halten und von den Großen zu lernen, selbst, wenn man in einer Sache sogar Recht hätte.

Letzten Sonntag habe ich dem Tatort eine neuerliche Chance gegeben, nun bin ich immer noch damit beschäftigt, meine Zehennägel wieder zu entrollen. Es ist leider ein absoluter Graus, was hierzulande als drehfähiger Dialog durchgeht. Ich hätte diese Unsitte gern “Erklär-TV” genannt, doch viel besser ist die Wortwahl David Mamets, der in seinem mehr als lesenswerten Rundbrief an die Drehbuchautoren von The Unit diese ganzen unnötig detailreichen Dialogszenen schlicht und einfach, und dabei umso treffender als “Hörspiel” bezeichnet.

Recht hat der Mann: die meisten Dialoge in deutschen Produktionen kommen voll und ganz ohne das dazugehörige Bild aus. Das mag z.B. bei Soaps (*schauder*) volle Absicht sein, wenn man die noch neben der Hausarbeit verfolgen können soll. Aber wenn auch Vorzeigeprojekte wie Tatort, die ja nicht nur mit auch meinen Gebühren entstehen, sondern auch noch das Aushängeschild für die Fähigkeiten der deutschen Medienlandschaft im Ausland sein sollen, ebenfalls dermaßen idiotensicher inszeniert werden, dann stimmt doch etwas nicht mit unserer Medienlandschaft.

Ich habe eine Szene des letzten Tatorts innerhalb weniger Minuten dramatisch verbessert (in meinen Augen zumindest), indem ich nur die Dialoge ein wenig umgeschrieben und als Untertitel eingesetzt habe. Kaum vorstellbar, was qualitativ noch alles möglich wäre, wenn man das, ordentlich koordiniert und ohne persönliche Animositäten, vor dem Dreh gemacht hätte und dann auch noch eine Inszenierungsqualität gewählt hätte, die nicht dem Takt einer Kaffeefahrt entspricht!

Hier die genannte Szene aus dem Tatort “Kaltes Herz”, bitte beim Ansehen die Anmerkungen aktivieren bzw. aktiviert lassen:

Nun holpert die Angelegenheit ja auch mit meinen Änderungen noch gewaltig, zum Beispiel wollten der Autor den Beamten vom Jugendamt ja sicher bewusst die Beamtensprache in den Mund legen. Da bedarf es natürlich des entsprechenden Kolorits, doch reden Beamte meiner Erfahrung nach nur selten so wie ihre Schriftstücke. Ich kenne bei Beamten eher Depression oder Galgenhumor über die Altbackenheit des Apparatus und die Entfernung der Pension.

In der Szene steckt keine Emotion, und nur wenig “Drive”. Wer obigen Rundbrief von David Mamet gelesen hat und sonst keine Vorbildung in Sachen Dramaturgie hat, wird verstehen, was ich meine. Die Szene plätschert belanglos dahin, die vermittelten Informationen treiben die Handlung nicht gerade aggressiv voran.

Anstelle des hier bisher zu findenden Beispiels einer perfekten Dialogszene aus Pulp Fiction nun stattdessen, wie in den Kommentaren erbeten, ein Beispiel aus CSI Miami. Auch hier handelt es sich um eine Krimiserie fürs TV mit polizeilichen Ermittlern und so weiter, daher fällt der Vergleich mit Tatort wesentlich leichter und ist zugegebenermaßen fairer.

Ich denke, es ist eindeutig zu erkennen, dass CSI wesentlich flüssiger “läuft” als Tatort. Die Dialoge haben zwar bisweilen auch Hörspielcharakter, aber meiner Meinung nach weit nicht so aufdringlich, sondern wesentlich subtiler.

Ich denke, die Frage, ob es bei deutschen Produktionen noch Verbesserungspotential gibt, ist damit grundlegend beantwortet. Zumindest, was meine persönliche Meinung betrifft.

Danke an Klaus für den Hinweis auf den Rundbrief.

(Ich blogge zur Zeit fast gar nicht, weil ich mich nach meiner Fahrt nach Nürnberg gewaltig erkältet habe und seither mit einem Atemwegsinfekt ringe. Wenn die Husterei vorbei ist und ich gesund bin, werde ich frühlingshaft aufblühen. Das hoffe ich zumindest…)

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Der Inhalt lässt sich auf zwei Zeilen kondensieren: ein Bankangestellter muss mitansehen, wie ein Kunde, dem er eben die Kreditverlängerung verweigert hat, sich vor seinen Augen erschiesst; daraufhin beginnt der Banker ein Doppelleben.

Warum das kein bisschen spannend ist? Dazu mag ein Beispiel aus der Chemie beigezogen werden. Wer Wasser mit Kalium zur Reaktion bringt, der kann sein explosives Wunder erleben. Warum wir das spannend finden? Weil Wasser für uns lebenswichtig ist wegen gewisser Eigenschaften. Manche Eigenschaften aber kommen erst durch den Kontakt mit Kalium zur Geltung und bewirken eine zerstörerische Reaktion. Weil wir über diese Eigenschaften informiert sind, verfolgen wir solche Experimente jedesmal aufs Neue mit Spannung.

Im Film SCHWERKRAFT wird uns allerdings die Information über Eigenschaften der Hauptfigur, die diese aus der Bahn werfen könnten, vorenthalten. Sie wird während der Titel als absolut stereotype Banker-Karrieristen-Figur eingeführt: Dunkle Wohnräume, Couch, Fotos von einer Frau werden angeschaut, piekfeine Hemden und Anzüge im begehbaren Schrank, Hometraineraktivität, eine Frau kratzt sich, helle Küche, gestylt, ok, ein Polyp am Fenster passt nicht so ganz, Fahrt zur Arbeit im Mittelklassewagen, Gehupe, Geschrei wegen Parkplatz (Ellenbogenmentalität), Großraumbüro.

Nach unserer Lebenserfahrung, wir würden wahrscheinlich auf die Berichte über traumatisierte Lokführer zurückgreifen, würde der Typ durch das Erlebnis eines solchen Selbstmordes vermutlich der psychiatrischen Behandlung bedürfen, würde an einen Arbeitsplatz ohne Kundenverkehr versetzt.

Frederik aber, so heisst die Hauptfigur, fängt übergangslos ein Doppelleben an. Das ist dann in etwa so, wie wenn eine Kugel, die auf einem Gleis rollt, an der Stelle des Ereignisses auf ein anderes Gleis wechselt… Von Schmalspur auf Breitspur beispielsweise. Schwerkraft als ein physikalischer Vorgang. Schade nur, dass Schwerkraft an sich nicht dramatisch ist. (Wolfgang Staudte hatte einen Film mit dem Titel ROTATION gedreht, war sich aber der Probleme eines solchen Titels bewusst und hat den Begriff dramaturgisch wie inhaltlich und sinnbildlich fest im Film zementiert; da könnte der Herr Erlenwein vielleicht noch was lernen).

Frederik fängt also neben der Bank- noch eine Verbrecherkarriere an. Wie dies eingeführt und begründet wird, ist so an den Haaren herbeigezogen und knarzt dermassen im dramaturgischen wie auch im inszenatorischen Gebälk, dass man sich wundert, ob denn dem alten Hasen Jürgen Vogel diese eklatanten Schwächen des Drehbuches und damit auch die Begründung für seine Figur gar nicht aufgefallen sind. Denn laut Buch sind der Exknasti und Security-Man Vogel und der Bankkarrierist Frederik in der Schule Kumpels gewesen. Nach unserer Erfahrung paaren sich schon in der Schule Gleich und Gleich, Streber und Streber, Loser und Loser, Nichtsportler und Nichtsportler aber doch kaum künftiger Banker und künftiger Knasti. Unglaubwürdig.

Doch dieser Exknasti stellt sich nun ohne jeden Konflikt, und die verstehen sich auch gleich wieder, zur Verfügung, dem Banker eine Zusatzausbildung in Verbrecherei zu bieten. Uns bietet sich eher ein Einblick in ein etwas abgehobenes, leicht weltfremdes Filmstudentenhirn.

Aber um den Filmemacher muss einem nicht bange sein. Sein Produkt ist schon mit zwei wichtigen Filmpreisen und mit höchsten Jury-Elogen und auch Preis-Geld bedacht worden.

Die Jury des First Steps Award 2009 hat in SCHWERKRAFT ein „Schwergewicht“ gesehen „großes Kino, unterhaltsam und mit Tiefgang“. Ist uns alles nicht aufgefallen. Sie hat weiter „eine hochexplosive Mischung“, die sich in Frederik aufbaut, gesehen – eben doch gerade nicht! Eben nicht wie oben Wasser und Kalium, ferner „eine dichte Erzählung mit brillianten Dialogen“ – die Dialoge sind zwar geschliffen, aber es sind Kieselsteine und keine Diamanten. Die Jury, die das alles gesehen hat, bestand aus: Marco Kreuzpaintner, Bernd Lange, Klaudia Wick, Katja Riemann und Ludwig Trepte. Vielleicht haben die einen anderen Film gesehen.

Und die Vergabe des Max Ophüls Preises an SCHWERKRAFT wurde unter anderem damit begründet, dass eine Nähe zu den Coen Brothers gesehen wurde (Donnerwetter!), dass der Film von den irrationalen Abgründen im menschlichen Charakter erzähle – doch gerade nicht, er erzählt eben nicht, er behauptet nur, drum ist das so unspannend! Ferner diagnostizierte die Saarbrücker Jury noch “Schwarzen Humor” und eine “abgründige Charakterstudie”, außerdem ein „Casting bis in die kleinsten Rollen stimmig besetzt“ (richtig, kaum einer konnte den Namen Frederik verständlich artikulieren). Diese Jury bestand aus Iris Baumüller-Michel, Thomas Imbach, Marco Kreuzpaintner (der schon wieder!), Simon Verhoeven und Thomas Woschitz. Was die für einen Film gesehen haben mögen?

Die Jury-Zitate sind der Website des Filmes entnommen.

Wer jetzt in den Film geht aufgrund der Jurytexte und dann enttäuscht ist, der weiss, wo er sich beschweren muss.

Wer aber jetzt nicht in den Film geht, aufgrund dieses Textes hier, und dann von Kollegen erfährt, welches Weltwunder er eben verpasst habe, der soll sich bittschön an stefe wenden.

Natürlich ist es nicht nett, einen Film, dem man den Fleiß, den Schweiß und die Mühe ansieht, die in ihn investiert worden sind, als langweilig zu bezeichnen. Aber das wird er wohl ertragen und verdauen können, bei diesen großartigen Elogen von so berufenen Jury-Warten aus und dem schönen Preisgeld, noch dazu kommt diese Review aus einer Nische im Internet – was sind 300 Klicks täglich auf einer Website (laut www.bizinformation.org) gegen die Millionen, die bald in diesen sensationellen Film stürmen werden, der Schwerkraft gehorchen müssend.

Ach, du gute Einfalt!

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Falls Schomerus mehr als nur einen touristischen Souvernirladenfilm machen, sondern auch ein politisches Statement abgeben wollte, so würde dieses wohl lauten, während sich Juden und Muslime im Nahen Osten die Köpfe einschlagen, haben die Christen nichts besseres zu tun als sich mittels acht rivalisierender Fraktionen auf ein bombastisches Pilgerremmidemmi in der Grabeskirche zu verbeißen, so laut und so wenig christlich, dass Jesus vermutlich den Tempel sofort gräumt hätte.

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