Archiv für 18. Januar 2010

Ich hatte heute das Vergnügen, die zweite PV-Runde von Sherlock Holmes besuchen zu dürfen und den Film dabei in der deutschen Fassung sehen zu können. Ich bin hin- und hergerissen. Doch dazu muss ich weiter ausholen (leichte Spoiler):

Wie es der Zufall will, habe ich vor einigen Jahren im irischen Sligo in einem Buchladen die Wordsworth Classics für mich entdeckt, ultrabillige Drucke klassischer Literatur. Ich holte mir den (fast) gesamten Sherlock Holmes, wie er auch im Strand Magazine abgedruckt worden war. Wieder zuhause, las ich ein gutes Dreivierteljahr nur Sherlock Holmes. Ich tauchte ein in das London der Jahre 1887 und folgende.

Sherlock Holmes (Sidney Paget, 1904)Der Meisterdetektiv, dessen Wesen und Methodik sich über Wochen und Monate vor meinem inneren Auge entspannte, ist nicht die Person, die ich heute im Kino gesehen habe.

Sherlock Holmes von Arthur Conan Doyle ist ein gemütlicher bewegungsarmer, tendenziell genußorientierter Denker, der lieber vom Ohrenbackensessel aus Fälle nur mit Hilfe der Indizien löst, als vor die Tür zu gehen (was er natürlich schon tut, aber eher gezwungenermaßen. Dies gibt sich im Lauf der Erzählungen). Er interessiert sich praktisch gar nicht für Frauen. Liebe, Sex, Heirat und Kinder sind absolut nicht seine Welt.

Dr. Watson ist sein Freund und heimlicher Beschützer, sozusagen der Schutzengel des zerberchlichen Unikums. Watson hat den Krieg gesehen und Watson weiß als einer von sehr wenigen Figuren die Genialität des Sherlock Holmes überhaupt zu erahnen und zu schätzen. (Holmes selbst empfindet sich übrigens seinem älteren Bruder Mycroft als geistig stark unterlegen.) Er bringt seine Fähigkeiten gewinnbringend ein, indem er – aus seiner Sicht verhältnismäßig leichte – Rätsel löst, die seiner Umgebung aus nicht nachvollziehbaren Gründen jedoch unlösbar erscheinen.

Sherlock Holmes von Guy Ritchie ist ein Lover und ein Fighter, sein Buddy Dr. Watson steht ihm stets zur Seite und darf ebenfalls markige Sprüche zur rechten Zeit abfeuern. Holmes‘ geistige Fähigkeiten werden im Film jedoch reduziert auf etwas überdurchschnittliches Faktenwissen, nicht unähnlich der für die Spielshow Wer wird Millionär erforderlichen Inselkenntnisse, doch fehlt mir das gehobene Verständnis der tieferen Zusammenhänge der Welt dieser Rolle in diesem Film.

Robert Downey jr. und Jude Law spielen ein großartiges Team von schlagfertigen wie -kräftigen Detektiven, doch sind dies nicht Sherlock Holmes und Dr. Watson. Käme der Film unter Vier Fäuste für eine Meerschaumpfeife in die Kinos, hätte ich keinerlei Probeme, dem Film ein 1a-Zeugnis auszustellen.

Doch hier setzten sich ein paar Autoren zusammen, zogen sich eine Geschichte aus der Nase, wie sie ebenso in der Beweismittelkette von CSI nach dem Motto „Bloß nicht denken, nur die Beweise sprechen lassen“ funktionieren könnte und die so gar nichts mit Arthur Conan Doyle zu tun hat, und schrieben Sherlock Holmes darüber. Die meisten Figuren (bis auf den Antagonisten, Lord Blackwood) wurden nach den Romanfiguren benannt, doch das ist auch schon alles. Irene Adler zum Beispiel ist in Wirklichkeit (also in der Vorlage) keine Meisterdiebin wie im Film, sondern eine Kundin, die selbst auch nicht auf den Kopf gefallen ist und so sogar Holmes‘ Aufmerksamkeit kurzzeitig erregt.

Ich verstehe natürlich, dass das heutige Mainstreampublikum mehr Action braucht als Pfeife rauchende Männer, die in einem Kaminzimmer diskutieren, wie dieses oder jenes Verbrechen denn nun begangen worden sein könnte. Aber wieso dann ausgerechnet das ultimative Vorbild jedes Kriminalers, der je gelebt, namentlich für eine Action-Detektivromanze herhalten muss, ist mir schleierhaft.

Eine komplette Generation von Menschen wird nun heranwachsen mit der Überzeugung, dass Sherlock Holmes ein krasser Fighter war, der heftige Verschwörungen mit coolen Sprüchen in ationlastigen Szenarien auf die letzte Millisekunde aufdeckt und dabei natürlich auch noch die Chicks klarmacht. Wenn auch nur einer dieser Menschen wegen des Films eines der Bücher in die Hand nimmt, wird er, ganz subjektiv, völlig neue Dimensionen der Langeweile für sich entdecken können.

Doch genau darin liegt der Reiz des „echten“ Sherlock Holmes: Dass man trotz telegrafiertem Hilferuf eben nicht mehr noch am selben Tag auf das Landgut des Absenders fahren kann, weil eben keine Züge mehr gehen, und stattdessen ins Theater. Dass die Dinge ein wenig langsamer laufen im 19. Jahrhundert als heute. Dass man dramaturgisch mit den damaligen Gegebenheiten zu arbeiten hatte und als Autor eben – Spoiler – keine Weltungergangsmaschine, den Taser oder die Funktechnologie aus dem Hut zaubern konnte.

Sherlock Holmes wurde schon öfter verfilmt, und nie wurde meines Wissens ernsthaft an den Fundamenten der Charaktere gerüttelt. Diesmal schon. Diesmal wurde ein guter Name dazu verwendet, mehr Kohle mit einem völlig artfremden Produkt zu machen, und das auf Kosten der Integrität des Kernthemas, eben des besagten ehernen, ehrenwerten, verdienten Fundaments, auf Kosten von Weltliteratur. Dieser Sherlock Holmes ist wie eine Neuauflage von Columbo, in der der werte Inspektor nebenher noch als Quarterback spielt. Es passt einfach nicht zusammen.

Wer eine Sherlock Holmes-Adaption sehen will, die den Mainstreamgeschmack trifft, aber dennoch die Position des Originals in der Weltliteratur wertschätzt, dem sei Without a Clue, zu deutsch Genie und Schnauze, schwer ans Herz gelegt:

… und natürlich Columbo. Dieser Cartoon hier passt aber auch ganz gut zur Diskrepanz zwischen Literatur und Ritchie-Film. (Leichte Anpassungen des Textes folgen noch, denn ich bin noch nicht ganz glücklich mit meiner Wortwahl)

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Hier die Liste aller Gewinner der Golden Globes 2010.

Wie erwartet, stach Avatar die Mitnominierten im Bereich Drama (offenbar so großzügig wie möglich interpretiert) aus, aber auch in der Regie, was ich für ungerechtfertigt halte. Allein Tarantinos Spiel mit den Sprachen in Inglourious Basterds war meiner Meinung nach einen Filmpreis wert. Mag Camerons Avatar alle finanziellen Superlative sprengen, wirkliches Regiekönnen sehe ich in der Runderneuerung von Pocahontas, die hauptsächlich im Computer stattfand, wo Schauspieler nicht widersprechen und um 17 Uhr einfach abgeschaltet werden können, nicht.

Offen und ehrlich fand ich, dass The Hangover im Bereich Comedy doch glatt (500) Days of Summer (der für meine Begriffe viel eher ein Drama als Avatar oder Inglourious Basterds ist) abgehängt hat. The Hangover ist meines Erachtens der neue There’s Something about Mary und einer der lustigsten Filme der letzten Jahre.

Robert Downey jr. muss ja ordentlich liefern in Sherlock Holmes (ich hab die PV noch vor mir, Kollege Wortvogel durfte die englische PV angucken, ich muss mit der deutschen Synchro vorliebnehmen), wenn er Matt Damon (jaja) für The Informant! ausstechen konnte und Michael Stuhlbarg, der in A Serious Man wirklich brillierte.

Meryl Streep, so denke ich, hatte es eher leicht mit ihrer Performance in Julie & Julia, denn die echte Julia Child, die auf YouTube leicht gefunden werden kann, war offenbar tatsächlich so überdreht wie in der Kinoversion dargestellt. So etwas übertriebenes nachzustellen, ist sicher nicht so schwer wie subtilere Charakterzüge auf die Leinwand zu bringen.

Schön, dass Das weiße Band ebenfalls gewonnen hat – ich hab ihn leider immer noch nicht gesehen. Jaja, Bildungslücke, aber ich will Texte auch verkaufen können und in diesem Fall hatte ich halt keinen Abnehmer.

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