Meisterwerk in historischem Gewande, das uns Heutige unverblümt fragt, ob wir any better seien.
Archiv für Oktober 2009Hangtime ist im Basketball der Moment des Stillstandes in der Luft, wenn der Spieler den Ball in den Korb einwerfen will, „der Moment, wenn Du in der Luft hängst“. Dieser Bruchteil einer Sekunde des Stillstandes entscheidet über den Erfolg des Einwurfes. Ein Film also über einen entscheidenden Stillstand. Film kann mit der Zeit spielen. Ein elementares Spezifikum des Films, Zeit dehnen, raffen, stehen lassen. Das müsste einer, der einen Film über die Hangtime macht, vielleicht wissen. Fussballfilme sind schon schwierig. Aber Basketballfilme scheinen ein Ding der Unmöglichkeit. Zwei Brüder, einer schon gross, der andere noch lockiger Bub, spielen Einwurf. Wer verliert, der muss zuhause den Abwasch machen. Aha, in dem Film geht es um den Abwasch. Zuhause angekommen erwarten zwei Polizisten die Jungs schon vor der Haustür. Die Eltern sind eben bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Der Lockenkopf darf jetzt einen wohlpräparierten Weinanfall mimen, denn er hat die Tragweite der Mitteilung sofort verstanden. Der ältere Bruder steht bedröppelt daneben, für ihn hat das Drehbuch keine Reaktion vorgesehen. Aha, in dem Film geht es um den Tod der Eltern. Schnitt. Zehn Jahre später. Die beiden Brüder scheinen sich gut arrangiert haben mit der Waisenkindsituation. Der Ältere spielt den Erzieher und Förderer des Basketballtalentes seines jüngeren Bruders. Alles in Butter. Aha, das Problem mit dem Tod der Eltern hat sich wunderbar gelöst. Der ältere Bruder möchte aus dem Jüngeren einen Profi machen. Aber der Jüngere möchte sich für eine amerikanische Universität bewerben und sein Studium dort als Basketballer verdienen. Aha, in dem Film geht es um Studium oder Basketballkarriere. Ist das ein Zwiespalt? Auch ohne weitere Probleme oder Hindernisse bahnt sich ein Liebesverhältnis zwischen dem jüngeren Bruder und dem Weibchen aus dem Internetladen an. Aha, in dem Film geht es um die erste Liebe. Und so weiter mit dem bunten Themenanreissen und wieder aus den Augen verlieren. Zum Beispiel eine Geschichte mit einem abgezwackten Finger anlässlich des Knackens eines Zigarettenautomaten und dem Versuch, daraus einen Versicherungsfall zu machen, um mit der Prämie, ach wie romantisch, eine CD aufzunehmen. Hangtime im Hirn des Zuschauers. Um was geht es in diesem Film überhaupt? Wenn gegen Ende der Hero in einem Gespräch findet, „für mich ist das alles ganz schön kompliziert“, so glaubt man den Drehbuchautor zu hören, der mit sich selbst nicht ganz einig war, was er nun erzählen wollte und warum der Moment der Hangtime für ihn so wichtig war, denn kinematographisch nutzt er ihn überhaupt nicht. Es gibt ein paar nachgeschobene rationale Erklärungen. Dass nämlich der ältere Bruder wegen dem Todesfall der Eltern seine eigene Basketballkarriere aufgegeben hat, die Schule auch, und dass er das wieder gut machen wollte mit dem Promoten seines jüngeren Bruders. Das wäre vielleicht ein interessante Geschichte geworden, gleich nach dem Todesfall der Eltern einzusetzen, diesen zerstörerischen Prozess zu verfolgen, den Verlust der Träume; Taxifahrer statt Basketballspieler. Nichts davon. Im übrigen scheint sich der Film mit Lautstärke, schnellen Schnitten und einer überflüssigen Hip-Hop-Gruppe an die jüngeren Zuschauer ranschmeissen zu wollen. Dass die sich das bieten lassen, scheint eher unwahrscheinlich, da sind sie von Youtube, was Lebendigkeit betrifft, bedeutend verwöhnter. Misscast agiert pathetisch grossäugig hilflos bis hotzenplotzisch auf nicht tragfähiger Drehbuchbasis in Westfalen; sollte sich so besser nicht noch einmal beim Fördergeldabschöpfen erwischen lassen. Fazit: Ein zu einer grossen Tüte Popcorn und einem 1,5-Liter-Becher-Brause gewiss Freitag abends in Begleitung von Kumpels oder dem Gspusi wohl zu vertragende bunte Mischung. Der Film schaukelt wie eine Nussschale auf der Dünung moderner Paarbeziehungen über der Tiefenströmung heutiger männliche Identitäts-Verunsicherung. Zwei Qualitäten. Etwa ein halbes Dutzend ineinander arrangierte, stark vereinfachend, beinah strichmännchenhaft knapp skizzierte Liebesgeschichten, ein Mikrokosmos aus den verschiedenartigsten Männlichkeitsbehauptungen zwischen Nudelreklame aus den 50ern und der Herren-Duft-Reklame von heute und ihren Lieben und deren Hindernissen. Dass sie alle zu einem guten Ende finden darf ruhig verraten werden, es sind Minikomödien. Schön daran, was für einen deutschen Film leider schon eine ungewöhnliche Qualität ist, dass vielen Szenen Beobachtungen aus dem Alltag zugrunde liegen. Somit kann der Zuschauer auch problemlos andocken. Viele nette Witzchen, zum Beispiel über den Namen Günther, versuchen das Niveau leicht zugänglich zu halten. Die zweite Qualität betrifft das Schauspielerische. Sie wird bestimmt und dominiert von Til Schweiger und dessen internationalen Erfahrungen, seinen Folgerungen daraus. Er erinnert an einen Zombie, eine Männercharge wie aus einem Vietnamkriegsfilm, Rolle “starke Type”. Mann oh Mann. Die Show ist der Mann. Er spielt einen Musikproduzenten, der aus Geldgründen Kitsch-Schlager produziert und, nachdem er kurz vor Ende des Films eine Schwangere vom Rad runtergefahren hat, eine fast christliche Bekehrung erlebt (in diesem Rahmen gesehen ist das doch recht amerikanisch!), das Geschäft hinschmeisst, ein Gutmensch wird (als solcher wirkt er dann recht fad) und aus Berlin, wo er sich immer als Bayer aufgespielt hat, Münchner Kennzeichen und FC-Bayern-Aufkleber, in sein tatsächliches Heimatdorf, ein Kaff in Westhessen, zurückkehrt. Das ist nicht negativ gesehen. Im Gegenteil. Er scheint seine Kollegen zu einer ähnlichen Art Typen-Schauspielerei zu animieren, was diese mit Wonne tun, auch das eine im deutschen Film rare Qualität. Der Effekt ist der, dass das Gemenge aus Typen, gerade diese Zombiehaftigkeit Schweigers und seiner Epigonen, eine im Grunde genommen skurrile Zwergenwelt abgibt, trotz oder gerade wegen dem teils dröhnenden, PS-protzenden und gewichthebenden Macho-Getue. Der Eindruck wird noch verstärkt durch vermutete Klauseln im Vertrag von Schweiger, dass sein Kopf immer eine Idee grösser und deutlicher als die Gesichter seiner Mitspieler zu fotografieren sei. Schrittmacher für Startum à l’Américaine. Die Kombination der hier festgestellten Qualitäten ergibt einen durchaus ansehbaren skurrilen Bilderbogen, wobei noch ungeklärt ist, wie weit diese Skurrilität freiwillig oder nicht ist; ob der junge Simon Verhoeven, der Regisseur, schon mit so viel Psychowasser gewaschen, schon so durchtrieben im Spiel mit den nicht unbedingt bewussten Qualitäten seiner Schauspieler ist. Zu denken gibt einem allenfalls die Erkenntnis, dass Til Schweiger in seiner Altersklasse wohl der derzeitig starhafteste deutsche Filmstar sein dürfte, was das Filmland dann doch wieder als ziemliches Zombie- und Zwergenland erscheinen lässt.
01
10
2009
Trailer: Star Wars UncutGeschrieben von: Julian in Allgemein, Fan Fiction, Teaser & TrailerDas überaus coole Fan-Projekt Star Wars Uncut funktioniert ganz einfach: Fans der Macht drehen den Film einfach nach, und zwar nicht an zentraler Stelle, sondern quasi Open Source, in 15-Sekunden-Szenen. Der fertige Film wird also 472 Regisseure haben. Nun gibt es einen Trailer:
Star Wars: Uncut Trailer from Casey Pugh on Vimeo. Softies aus Gründwald bei München spielen Rocker in Berlin; die uprising Filmstars sind Zunder für leicht entflammbare Teenieherzen. Es ist im Moment gesellschaftlicher Konsens, Filme über Terroristen zu machen. Das kommt gut an bei den Redaktionen. Erst recht, wenn Iris Berben Judith Hofmann, die Ex-Terroristin, gibt. Hier ist immerhin der Plot auf einen Satz zusammenzufassen, aber das wars dann auch schon. Frau Hofmann, besagte Iris Berben, ist nach Banküberfällen und einem Mord abgetaucht, hat im Elsass ein neues Leben aufgebaut, hat einen Winzer geheiratet, ist Aktivistin in einer Umweltschutzvereinigung (glaubwürdig?), aktuell gerade gegen Genmais. Ihre terroristische Vergangenheit holt sie ein in Form einer ihrer Töchter, die sie beim Untertauchen zurücklassen musste. Diese wird gespielt von Katharina Schüttler, Alice heisst sie im Film, eisern-verschlossenes Gesicht, gut geformt, sehr deutsch, bei den Gängen immer die Arme am Körper angelehnt, wer weiss, wer ihr das gesagt hat. Diese Tochter resp. diese von Frau Hofmann im neuen Leben verschwiegene Vergangenheit, platzt also bei Winzers rein. Jetzt müsste nur noch eine Geschichte daraus gemacht werden. Zu früh wollen wir das düstere Geheimnis nicht ans Licht bringen. Das geht folgendermaßen. Wir stellen Frau Berben mit ihren Umweltschützern vor. Heile Heilerwelt. Dann stellen wir Alice vor, die Tochter, wie sie einen Typen auf einem Autobahnparkplatz bumst, einen netten Jungen, die daraufhin sein Zeugs rausschmeisst, während er pinkeln geht, und ihn zurücklässt. Sie ist also eine Gestörte. Das haben wir kapiert. Erst müssen diverse Szenen erfunden werden, Frühstücks- und Essenszenen, bei denen die Dramatis Personae zusammenkommen. Das Problem ist allerdings, dass dann mit viel Spass und Gejuchze auch mal Sekt geöffnet werden muss, irgendwelche Füllgespräche erfunden werden, kostbare vertane Kinozeit, bis endlich ein Gespräch Mutter-Tochter zustande kommt. Dazwischen erscheinen ohne jede dramaturgische Begründung die Großeltern des Winzers, Franzosen… Es folgen typischen Auslegeordnungen bürgerlicher Szenen deutscher Filmemacher und Filmemacherinnen, so, wie sie sich die Deutschen (und hier auch die Franzosen) so etwas eben vorstellen. Der Film fängt an, eine Drehbuchwerkstatt haben wir auch besucht, mit dem Voice-Over-Text einer Frauenstimme, die über das Wasser, das den Fluss runterfliesst, räsoniert und den Weg umgekehrt gehen möchte. Zu guter Letzt kotzt Frau Berben am Fluss ihren Mageninhalt (oder ihre Vergangenheit) aus: frisch gereinigt muss sie nun entscheiden, in welche Richtung sie gehen wird. Der Fluß fliesst abwärts… |

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