Ja, das gibt’s noch. Auf dem morgendlichen Rundflug durch meine subversiven Informationsquellen fiel mir vor ein paar Minuten die Kinnlade auf den Schreibtisch. Erster Grund: Familienministerin und enfant terriblé der Internetzensur Ursula von der Leyen soll in einem Interview mit dem MDR-Jugendsender Sputnik vom 9. Juli 2009 behauptet haben, Indien ahnde Kinderpornographie nicht. Und das war nicht das erste Mal. Oha. Doch damit nicht genug.

Denn es kommt noch dicker: In einem Wortwechsel auf abgeordnetenwatch.de zwischen dem aktuell  Parteilosen (und in diesem Zusammenhang nicht unumstrittenen) Abgebordneten Jörg Tauss und seinem Gesprächspartner Matthias Kienle erfuhr ich, dass bis auf ein paar Internetleitmedien nahezu kein Vertreter der „alten Medien“, wie Print, Radio oder Fernsehen dieses Thema in angemessener Form aufgegriffen hat.

Beim Durchblättern meiner Altpapierberge bleibt mir nur ein verzweifeltes Nicken. Und wieder musste erst jemand laut werden, in diesem Fall der Erste Sekretät der indischen Botschaft in Berlin, Ashutosh Agrawal. Dieser wendete sich in einem offenen Brief an die Bloggernation und bezeichnete die Äußerungen von der Leyens als „völlig unbegründet und irreführend“. Daraufhin ruderte das Familienministerium zurück. Man habe fälschlicherweise eine drei Jahre alte Studie zitiert. Eine persönliche Stellungnahme von der Leyens sucht man auf den Internetseiten ihres Ministeriums vergeblich.

Ärgerlich bloß, dass sich diese Art des Umgangs mit Informationen durch die gesamte Historie der von Leyenschen Argumentation bezüglich der Sperrung von Internetseiten zieht. So war bereits mehrfach auf „unseriöse Argumentation“ sowie  „Lügen und Widersprüche“ hingewiesen worden. Umso ärgerlicher, dass diese scharfe Brüskierung eines internationalen Partners den Leitmedien dieses Landes nicht mehr als eine Randnotiz wert ist.

Auch wenn ich nicht mit Herrn Tauss konform gehe, für all das sei „die zunehmende Verkommenheit des deutschen Journalismus“ verantwortlich, frage ich mich doch, warum dieses Schmankerl einer Vorlage zur Politikerschmähung der sommerlöchrigen Berichterstattung entgehen konnte? Weltverschwörung? Mangelnde Aktualität? Michael-Jackson-Suffizienz?

Schlussendlich werden wir es nicht klären. Ich fürchte nur, es hat am Rande auch mit der schärfsten Waffe der Frau von der Leyen zu tun, die schon der Bush-Schorsch vortrefflich zu nutzen wusste: „Wenn ihr nicht für uns seid, seid ihr gegen uns!“ Der (nicht ganz so) stille Vorwurf, wer die Sperrung von Internetseiten nicht unterstütze, stehe automatisch auf einer Stufe mit Kinderschändern. Gegen diese unsachliche Führung einer politischen Debatte, die längst nicht mehr das Wohl der Kinder und Opfer im Fokus hat, gilt es sich weiterhin zu wehren.

Eine Antwort zu “Von der Leyen-Faux Pas wird totgeschwiegen”
  1. […] Reischl, Julian. […]

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