Neda, Twitter und die Zweifel
Geschrieben von: Timo in Allgemein, Journalismus, Pressefreiheit, international, tags: Iran, PolitikFür uns sind sie lustige Gimmicks. Im Iran stellen sie momentan die einzig sichere Möglichkeit dar, Informationen auszutauschen: Twitter, Youtube und Konsorten. Angesichts der totalen Aussetzung von Pressefreiheit und des Verbots der freien Berichterstattung in Teheran, ist das zu begrüßen. Täglich werden es mehr, die mit ihren Handys filmen, die Truppenbewegungen auf Twitter dokumentieren oder einfach ihre Trauer über den Tod der Demonstrierenden kund tun.
Allerdings steigt mit der Vielzahl der Nutzer auch die Vielzahl der Manipulationsmöglichkeiten. Auf tagesschau.de zum Beispiel ist jeder Artikel, der Bilder von einer Videoplattform nutzt mit einem Hinweis versehen, dass
“die Bilder auf technischem und inhaltlichem Wege nach bestem Wissen und Gewissen”
geprüft würden. Die Angst davor, einer Manipulation aufzusitzen ist groß. Ich vermute, das ist auch der Grund, weshalb einige Newsportale die Nachricht von der vermeintlich getöteten Demonstrantin Neda Soltani erst mit erheblicher Verzögerung posteten. Auch das Fernsehen reagierte verhalten und dann auch nur mit deutlichen Hinweisen auf die Manipulierbarkeit solcher Bilder.
Es gibt momentan keinen Weg diese Nachrichten zu verifizieren. Den ausländischen Korrespondenten im Iran sind die Hände gebunden. Sie begeben sich in höchste Gefahr, wenn sie sich nur in der Nähe einer Demonstrantengruppe aufhalten. Davon berichtete Navid Kermani gestern, am 22. Juni 2009, in einem Tagesthemen-Interview der ARD.
Wir sind den Bildern ausgeliefert, die uns aus dem Iran erreichen. Was echt ist und was nicht, werden wir erst hinterher erfahren. Wenn überhaupt. Doch diese Bilder werden Einfluss auf uns nehmen, auf Journalisten und Blogger, so wie auf Leser und Zuschauer. Dabei gilt es, trotz aller Sympathie für die Protestierenden und Anteilnahme an den Leiden der Opfer, genau hinzuschauen. Hier kann Pressefreiheit auch heißen, frei zu sein, auch mal etwas nicht zu glauben.
Das wird spätestens dann wichtig werden, wenn die ersten Videos auftauchen, die die andere Seite bebildern. Provozierende Demonstranten? Eine verwackelte Hetzrede Moussawis? Werden wir hier bereitwilliger glauben, dass es sich um Fälschungen handelt? Die Antwort ist: vermutlich ja. Vom moralischen Standpunkt ist das in Ordnung, vom journalistischen mindestens problematisch. Augen auf und durch.
Meine Hoffnung ist, dass sich zumindest ein Massaker, wie das vor 20 Jahren in Peking auf dem Platz des himmlischen Friedens nicht wiederholt. Denn was immer auch geschieht, im Iran hat sich etwas bewegt. Es geht nicht mehr in den Status Quo zurück, der vor der Wahl bestanden hat. Entweder es gibt einen Wechsel oder das Regime steuert aktiv auf eine Militärdiktatur zu. De facto ist dieser Zustand schon erreicht. Bleibt abzuwarten, wie die Weltöffentlichkeit reagiert.
Das sind allerdings auch wir.

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passend dazu:
http://internationale-politik-kriege-konflikte.suite101.de/article.cfm/neda_twitter_facebookund_die_revolte_im_iran