Nachdem ich monatelang die komplette, absolut geniale John Rebus-Reihe von Ian Rankin gelesen hatte, um im letzten Buch nur 3 Kapitel vor dem großen, sich über die letzten Bände aufbauenden Showdown im Radio bei einer absolut inkompetenten Buchbesprechung zu hören, wie es ausgeht, empfand ich plötzlich eine innere Leere, als ich einmal ohne Taschenbuch in der U-Bahn saß.

Ich hielt es nur zwei Stationen aus, sprang ins Pep, um mir im Hugendubel Lesestoff zu holen. Da ich als freier Journalist natülrich traditions- und standesgemäß unter extremer Geldknappheit zu leiden gezwungen bin, zog der %-Tisch meine besondere Aufmerksamkeit auf sich. Da ich schon so schön im Fluss des Englisch-Lesens war, habe ich mich letztlich für The Messenger von Daniel Silva entschieden.

Nun weiß ich auch, warum es runtergesetzt war:

Der Thriller (Teil x einer Reihe um einen Agenten) ist dermaßen dumm, dass es beim Lesen richtig weh tut. Das Problem ist jedoch nicht der Schreibstil von Herrn Silva, nein, im hinteren Teil, wo mehrere Geheimdienstpläne zur Ausführung kommen, fesselt der Autor seine Leser sehr wohl, sondern der Inhalt störte mich. Was der Autor nämlich als Grundstimmung etabliert, ist dermaßen plump, verblendet und klischeehaft, dass ich es einfach mal hier rausschreien muss. Hier bitte:

Gabriel Allon, ein jüdischer Mossad-Agent ist vielfach talentiert und arbeitet unter einem Pseudonym als einer der besten Gemälderestauratoren der Welt. Er soll israelischer Geheimdienstchef werden, hat aber noch eine persönliche Rechnung für den Tod seines Sohnes und der Verstümmelung seiner Frau bei einem Anschlag offen. Bei der Recherche für seine Racheaktion verhindert er im Vatikan einen Mordanschlag auf den Papst, mit dem er natürlich schon lange per Du ist, und wird in Folge auf die Saudis angesetzt, die diesen Anschlag, aber auch 9/11 finanziert haben. Bei der Suche nach einer Möglichkeit, einen Agenten in die Reihen der natürlich allesamt radikal islamistischen Terror-Saudis zu bekommen, findet er eine rachelüsternde Amerikanerin, deren Partner Passagier in einem der 9/11-Flugzeuge war, sowie ein noch unbekanntes Gemälde (!) von van Gogh zur Köderung der Saudis. Dabei hilft ihm der CIA sowie der US-Präsident persönlich (mit dem der Agent natürlich ebenfalls per Du ist), und so macht sich der Mossad auf, die bösen Moslems ein für allemal plattzumachen.

Dies ist nur die Ausgangssituation. Das Buch quillt über vor ätzendem Hass gegenüber allem auch nur ansatzweise Arabischen – So zum Beispiel nur wenig unterschwellig in folgender Formulierung, den Wohnsitz des fiktiven Regierungschef Israels betreffend:

They sat down in a pair of comfortable chairs facing the balustrade. A full moon was reflected in the calm surface of the Sea of Galilee, and beyond the lake, black and shapeless, loomed the Golan Heights. Shamron [der Regierungschef] liked it best on his terrace because it faced eastward, toward his enemies.“ (S. 436 / Kap. 40)

Dass Ausdrücke wie „to loom“, „black“ und „shapeless“ ohnehin schon stark negativ behaftet sind, ist als Stilmittel der Belletristik natürlich erlaubt. Doch als Autor „den Feind“ in „seinen Feind“ umzubiegen, ist meines Erachtens schon hart an der Grenze zur Demagogie.

So geht es aber im ganzen Buch: Die Kernaussage ist, dass das Volk der Juden friedliebende Opfertypen sind, die gezwungen sind, sich ihrer Haut zu wehren, dass alle Moslems (Männer wie Frauen, jung wie alt) gnadenlose Dschihadisten sind, die die ach so freiheitsliebende, gerechte und grundgute westliche Welt aus obskurer religiöser Verblendung mit allen Mitteln zu vernichten trachten, dass alle westlichen Regierungen, die friedliche Beziehungen mit islamischen Ländern, insbesondere Saudi-Arabien zu führen versuchen, politisch, finanziell und ideologisch unterwandert werden (im Buch ist von einer Saudi-Rente die Rede, die die Saudis allen westlichen Entscheidern, die positiv für Saudi-Interessen gehandelt haben, nach deren Dienstzeit in Form von Posten und anderen gut bezahlten Positionen ohne weitere Arbeit zukommen lassen). Durch eine Rede der Hauptperson vor dem US-Senat, versucht der Autor plump durch die Blume, die Leser „aufzuwecken“ gegenüber der Gefahr, die von der islamischen Welt ausgeht.

Ich muss sagen, ich bin fix und fertig. In den ersten Kapiteln habe ich mich noch gefragt, ob wir Leser gerade in eine Art dramaturischen Hinterhalt geführt werden wie in „Die Welle“, der uns dann gegen Ende des Buches mit einer Erkenntnis überrascht, doch bleibt jegliche Reflexion über das Gesagte im gesamten Buch aus. Es gibt keine zweite Meinung, keine zweite Ebene, keine andere Sichtweise. Es hagelt nur negative Eindrücke über Moslems im Allgemeinen, jedoch nur unzureichend basierend auf Silvas (sicherlich nicht ganz unberechtiger Kritik) an den Wahhabiten.

Dabei hätte der Autor dieses Buch ja gerne so schreiben können, wenn er klarstellt, dass es sich eben nur um einen extremen Konflikt zwischen extremen Figuren handelt – kann ja wunderbar spannend sein. Doch gerade dass in hunderten von Nebensätzen der Rest der islamischen Welt mit unter Generalverdacht gestellt wird, disqualifiziert das Werk nachhaltig.

Der an sich durchaus spannende Thriller ist dermaßen übersättigt mit auffälligen antiislamischen Botschaften, dass ich mich frage, wer sowas bitte liest, ohne Brechreiz zu bekommen. Wahrscheinlich nur erzkonservative Bible-Belt-Amerikaner, die so all ihre Vorurteile bestätigt sehen, Bush wählen und dann den lokalen Gemüsehändler aus dem Ort jagen. Die primitiven Figuren leben und handeln in einer schwarz-weißen Welt, wo es noch Gut und Böse gibt. Armselig.

Ich kann nur bei allen Moslems, die ich kenne oder die das hier lesen, für meinen „westlichen Landsmann“ um Entschuldigung bitten und unterstreichen, dass es auch genug Nicht-Moslems gibt, die nicht alle Moslems für blutrünstige Dschihadisten halten. Ich denke sogar, dass es unter dem Strich die deutliche Mehrheit ist, die den Behauptungen solcher Wortverdreher keinen Glauben schenken.

Natürlich bin auch ich ein absoluter Gegner religiösen Extremismus in allen Ausprägungen, ebenso verdamme ich Terrorismus, Krieg und Anschläge in aller Form. Auch ist mir die Geschichte und das Leid der Juden natürlich bekannt, ebenso die Konflikte rund um den Staat Israel – was aber nicht jede militärische oder politische Aktion rechtfertigt.

Aber dass ein offenbar gebildeter Mensch wie Daniel Silva nicht genug Mengenlehre drauf hat, um selbst darauf zu kommen, dass nicht jeder Moslem ein Terrorist und nicht jeder Terrorist ein Moslem ist, finde ich sehr, sehr erschütternd. Und dass dann so jemand auch noch ein Beststellerautor wird mit so einem Schund, ist erschreckend.

3 Antworten zu “Daniel Silva: The Messenger”
  1. Letztendlich kann ich dem Kommentar nur zustimmen. Mir ist durchaus bewußt, dass es zu einer Auseinandersetzung immer zwei dazugehören. Aber in der Schreibweise von Herrn Daniel Silva gibt es nur einen Bösen der alles und immer zerstören will & einen friedlichen der nur „leben“ will. Wer heute schaut wie man „Friedfertigkeit“ definiert, oder den Selbstschutz definiert (man nehme nur die zwei Angriffe auf die Schulen in Gazza), der kann nur mit dem Kopf schütteln. Als Propaganda für den Staat Israel taugt dieser Buch allemal. Für alles andere aber nicht. Man muss sich immer diee Frage stellen, wie schlimm muss die Erniedrigung/ Erpressung/ Gewalt sein, dass man anschließend bereit ist sein Leben zu opfern? Wenn man einem jegliche Lebensgrundlage wegnimmt, dem bleibt vielleicht nicht anderes als zu kämpfen, sei es mit unwirksamen Raketenangiffen oder mit bloßen Steinen. Bin mir absolut sicher, dass mindetstens 60% der Bewohner Israels kein Krieg mehr wollen und diese Aktionen missbilligen. Ich habe irgendwann die Hoffnung, dass die zwei Völker sich zwar nicht lieben werden, aber aneinder akzeptieren. Aber eines ist sicher, dieses Buch taugt weder als Erkenntnis noch als Erklärungshilfe

  2. Dummer Kommentar eines eifersüchtigen und offensichtlich ziemlich erfolglosen Journalisten. Vielleicht sollten Sie sich einmal mit dem Begriff der künstlerischen Freiheit auseinandersetzen und über den Unterschied von Realität und Phantasie nachdenken. Da Sie diesen Schritt aber kaum schaffen werden, bleibt Herr Silva ein erfolgreicher Autor und Sie weiter ein unbedeutener Schreiberling!)

  3. Ja, wenn man Erfolg allein am Geld bemisst, bin und bleibe ich ein unbedeutender Schreiberling. Zum Glück ist Geld verhältnismäßig unwichtig, wenn es um das Bemessen menschlicher Qualitäten geht.

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