Sympathische Sätze zeigen eine coole Einstellung der Kultsendung Zündfunk zum Medium:
    „Es muss sich nicht immer alles erschließen.“
    „Da ist leider immer dieser fucking Kühlschrank drauf.“
    „Wenn wir in Rusland versuchen, Entschuldigung, da ist ein Seitenumbruch, wenn wir in Russland versuchen..“

    BR-PR in eigener Sache, verständlich, dass hier die Frage nach dem Grundauftrag des öffentlichen-rechtlichen Rundfunks nicht gestellt wird.
    Ein etwas traniger Sänger schreibt, nachdem er gesungen hat, auf den Boden eines Pappbechers „Zündfunk“, reißt den Boden raus und macht einen Sehschlitz draus. Schnipselverschnitt. 40 Jahre Zündfunk.

    Sympathisch an diesem über 90-minütigen Stück Infotainment ist, dass es sich um eine Selbstreflektion der Institution Zündfunk handelt, dem im modernen Mediengewusel und im Internetzgezwitschere längst das Alleinstellungsmerkmal abhanden gekommen ist und dass diese Dokumentation von Jörg Adolph und Gereon Wetzel das auch ganz offen darstellt, dass sie dabei sind bei Redaktionssitzungen, bei selbstkritischen Diskussionen, Lifestyle oder politische Position, da sein, wo’s weh tut (Genua 2001 – auch schon eine Weile her), der Kampf um Hörer und Autoren, um den Markenkern. Dass sie uns nicht vorenthalten, dass die Macher jetzt viel mehr wuseln müssen, hinterm Netz herrennen müssen, um wenigsten sich die Aufmerksamkeit zu erhalten, die sie sich über Jahrzehnte erarbeitet haben.

    Thema Schleichwerbung, dass sie um das neue Album einer Band vorzustellen mit großem Aufwand und Übertragungswagen vorfahren, was selbstverständlich PR ist, während schon bei einem Buch minutiös und skrupulös darauf geachtet wird, keine Werbung zu machen. Die Selbsterkenntnis, man sei schlampig geworden, es fehle oft an der Übersicht.

    In die übliche, fernsehkurzatmige Szenenineinanderschneiderei ist ein Abriss der Kultinstitution Zündfunk eingefügt, den Zündfunk-Urgestein Roderich Fabian ins Mikro liest: von den 70ern, weil die öffentlich-rechtlichen den Aufbruch der Jugend verschlafen hatten, über Wackersdorf, als der Zündfunk der Opposition in Bayern eine Stimme verlieh bis zum Netzkongress im Volkstheater und zum Interview mit Pussy-Riot.

    Die Dokumentaristen begleiten den Zündfunk bei Exkursionen ins Land hinaus, zum ehemaligen Quelle-Gelände in Nürnberg oder zu einem Hörer, der ein Musikkenner ist. Dass die Journalisten beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk finanziell in einem hochprivilegierten Umfeld agieren im Vergleich zu vielen ihrer freien Kollegen, das hätte vielleicht auch noch angemerkt werden können.

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    Dieser Film von Hans-Ulrich-Krause (Drehbuch) und Marc-Andreas Bochert (Regie) und unter den redaktionellen Auspizien von Ulrike Lovett und Werner Reuß betreibt Bibel-Exegese, setzt seiner Geschichte, besser: seiner Predigt Hiob 40.8 hintan „willst du wirklich mein Recht zerbrechen, mich schuldig sprechen, damit du Recht behältst?“.

    Auf dieses Wort hin wurden offenbar der Fall konstruiert, dass eine prominente Sportlerin in die Schlagzeilen gerät, weil ihr Freund ein prominenter Neonazi ist. Krause und Bochert möchten in ihrer Predigt den Zuschauer davor warnen, die Sportlerin zu verurteilen, wie es in ihrem Film die Medien und die Massen mit einem Shitstorm tun, denn ihr Privatleben ist ihr Privatleben und sie selber versuche ja, ihren Freund vom Neonazismus wegzubringen. Wenn ich das richtig abgelesen habe, dürfte das die Moral von der Geschichte sein, die ihren Mahnfinger gegen Selbstgerechtigkeitsapostel erhebt. Wobei sie in der Tat ein verbreitetes Phänomen trifft, gleichzeitig aber selbst wohlfeiles, nicht gerade couragiertes, allgemeines Medienbashing betreibt.

    Allerdings ist es so eine Sache, das beweist der Film auch, wenn ein Drehbuch auf eine derart vorgefasste, aus der Bibel geholte Moral hin konstruiert wird. Da muss passsend gemacht werden, was nicht passt. Da werden Figuren im Hinblick auf die Moral erfunden und nicht nach dem Leben gebaut. Was sie ziemlich schief aussehen lassen kann vor dem Hintergrund von Lebenserfahrung. Weshalb der geneigte Zuschauer am Schluss sich fragt, ist an dieser Moral etwas faul, selbst wenn sie aus der Bibel stammt oder ist nicht viel mehr an der Geschichte, die auf diese Moral hin getrimmt wurde, etwas faul?

    Leistet der Film mit diesem Geschichts-Moral-Konstrukt einen sachdienlichen Beitrag zur Bekämpfung der Unmoraliät von Shitstorm und Medienhetze? Wohl kaum. Denn das hierzu bemühte Konstrukt hat ein grundsätzliches Glaubwürdigkeitsproblem. Das ist zuallererst die Figur der Sportlerin (Jennifer Ulrich als ewig smilende Karoline Benzko). Der Film unterlässt es, zu zeigen, wie groß und bedingungslos ihre Liebe zu Martin (Martin Laue als Neonazigröße) ist. Davon ist jedenfalls bei den Begegnungen nichts zu spüren, das mag am Buch, an der Inszenierung oder an der mangelnden Chemie der Schauspieler liegen. Die Glaubwürdigkeit dieser Liebe wäre jedoch das A und das O, um dem Fall – und damit auch der beabsichtigten Moral – Brisanz und Glaubwürdigkeit zu verschaffen, damit auch der Berechtigung der Verwendung öffentlich erzwungener Gebührengelder.

    So wie das hier von Hans-Ulrich Krause als Autor fabriziert wurde, ist es allerdings kaum glaubwürdig. Das wäre die Geschichte nur, wenn die Liebe von der Sportlerin zum Nazi eine absolute, blinde Liebe wäre. Die wird so jedoch nicht beschrieben und inszeniert. Deshalb wirkt das gute Mädchen leider politisch vollkommen blind und dumm (was bei Sportlern andererseits wiederum nicht verwundert, wenn man von Franz Beckenbauer hört, dass er in Katar keine Sklaverei gesehen habe). Dass sie nicht mitgekriegt haben will, dass ihr Freund eine bekannte Größe in der Neonazi-Szene ist, das lässt sie als ein ganz besonders naives Dummchen erscheinen. Mit Dummchen eine reelle Moral zu predigen, ist ein Ding, das zumindest auf recht laxen Beinen steht.

    Statt sich darauf zu konzentrieren, eine glaubwürdige Grundlage herzustellen, kapriziert sich der Film ellenlang auf Vorgeplänkel. In den ersten zehn Minuten erhält der Zuschauer lediglich die Info, dass die Protagonistin ihre Mannschaft in die Qualifikation für den Europacup in Amsterdam geschossen hat, und dass der Sponsor auf sie als Werbeträgerin setzt (das neue Gesicht zum Slogan „Fairness und Toleranz zum Erfolg“). Ferner, dass sie einen Freund hat, der spielt bis dahin so gut wie keine Rolle, außer dass er Martin heißt und dass er in die Disco, in welcher die Mannschaft den Erfolg feiern will, nicht eingelassen wird mit dem Argument „Nazis sind hier nicht erwünscht“. 10 Minuten für das bisschen Info, das ist Zwangsgebührengeldverschleuderei.

    Statt also eine glaubwürdige Basis für den Konflikt zu bauen, wird lieber die Info über den Sporterfolg gedehnt und gleich doppelt gebracht, nämlich zuhause auch nochmal erzählt. Das ist keine gute Erzählökonomie. Das wirkt wie Zeit und Sendeminuten schinden, weil man offenbar nichts Wichtigeres zu erzählen hat.

    Der Film geheimnisst den Nazi so lange wie möglich weg, schenkt den Zuschauern nicht reinen Wein ein, gewährt uns keinen Einblick ins Innere der Protagonisten. Die Produktion glaubt offenbar, wenn sie die Rolle mit einer Smile-Schauspielerin besetzt, alle diese Glaubwürdigkeitsprobleme gelöst zu haben. Nix da. Der Film plänkelt dahin. Wie dumm muss diese Frau sein, dass sie nicht merkt, was längst in allen Zeitungen zu lesen war, welch hohes Tier ihr Freund bei den Nazis ist.

    Immerhin. Jetzt gibt’s Gespräche mit dem Trainer. Es geht um das Image und den Werbefaktor und ob es nichts gebe, was diesen gefährden könne. Nein, Dummchen denkt nicht daran. Hat kein politisches Bewusstsein.

    Stattdessen hat Martin eine Wohnung für sie beide organisiert. Auch damit wird viel Zeit verplempert, die zum Konflikt, den der Film entwickeln will, gar nichts beiträgt. Auch mit dieser privaten Szene wird dem Zuschauer die Info, wie wichtig Martin in der Nazi-Szene sei, vorenthalten, noch zeigt sie, dass Protagonistin ihn wahnsinnig liebt.

    Es folgt die längst bekannte Info, zeitschinderisch, dass Protagonistin demnächst in der Nationalmannschaft spiele.

    Nach einer endlos langen Trödelhalbstunde fragt man sich genervt, wann kommt der Film endlich auf den Punkt, wann plappert er nicht mehr nur rum. Sportstarlet verbreitet in totaler Naivität, Martin sein dabei, auszusteigen. Nur ist dieser Fakt dem Zuschauer nicht zugänglich gemacht worden. Ein weiterer Punkt, der die abgrundtiefe Dummheit dieser Lächelprotagonistin bestätigt.

    Nach einer halben Stunde langweilig nacherfundener Realität und breitgetretener Ausgangssituation, in der man kaum etwas von Belang über die eh schon dünne Info aus den ersten zehn Minuten hinaus erfahren hat, hat der Pressefotograf das prominente Foto von Martin als Nazi-Rädelsführer gefunden. Und nach 31 Minuten fährt der Bus mit der Mannschaft endlich nach Amsterdam los, wo es dann, und das zieht sich wieder, zu dem lang und filmschwatzhaft vorbereiteten Eklat kommt, dem moralischen Exemplum, das der Film vorsätzlich statuieren möchte.

    Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers. Durch diesen Film wird kein Zwangsgebührenzahler toleranter, im Gegenteil.

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    Das Bonusmaterial dieser Sammlung von Cartoons von Ralph Ruthe bietet einen Einblick in die Werkstatt des Cartoonisten. Im Sketch „Das Telefonat“ versucht der Zeichner Ruthe mit Joscha am Telefon ausgehend von einem Pinguin einen Cartoon zu entwickeln und macht klar, wie mühsam diese Arbeit sein kann, wie widerhakenkonstruktiv und in „HNO-WG P.5 – Storyboardvergleich“ läuft parallel zum Cartoon, der als Nr. 7 bereits im Hauptprogramm zu sehen war, das Storyboard ab und gibt somit einen lehrreichen Blick hinter die Kulissen, der das Anschauen der Cartoons noch ergiebiger machen kann und einen vielleicht drauf bringt, warum solche Zeichnungen uns immer und immer wieder faszinieren.

    Die Cartoons sind einfach einerseits und so gesetzt anderseits in einer Art stupender Folgerichtigkeit, die allerdings nicht einer Real-Life-TV- noch einer TV-Realismus-Logik entsprechen. Genau die setzt der Zeichner außer Kraft oder nimmt sie beim Wort und zwar mit großem Genuss und nicht ganz ohne Hinterlist, befreit uns dadurch von Telefonwarteschlaufen, TV-Sendungen wie „Wer wird Millionär“, Shitstorms, Abhörskandalen, Putin-Antischwulen-Gesetzgebung, Flixbus, Großraumbüro und Wandertag (an dem man sich verlaufen kann), Greenpeace und Gummiboot, Weihnachtsmann und Angela Merkels Skiunfall, TV-Werbung und Blockbuster-Politik, TTIP, NSA und Tempora, GEZ, Fracking, Fairtrade und die WM in Brasilien, dem Kyotoprotokoll oder lässt einen Baumgartner sich im Triebwerk eines Flugzeuges verfangen.

    Das alles auf einen Nenner hinunterzureferieren geht gar nicht, man kann höchstens die Lust auf Schauen anstoßen mit der Wiedergabe des Inhaltsverzeichnisses dieser DVD: 1. Flossen (die beiden Fische Barry und Sting und ihr Allwelt eines 50 Liter-Aquariums), 2. Biber und Baum, 3. Nachrichten, 4. Die Geier, 5. Weihnachten, 6. Brohmsen und Schwarz, 7. Die HNO-WG, 8. Werbeparodien, 9. Shit happens Sketch Show und 10. Musik, das sind ganz fantasievoll oft mit Textspielereien illustrierte Songnummern.

    Alle Texte spricht Ralph Ruthe selbst. Ein vielseitiger Künstler und gänzlich subventionsunmündigkeitsfrei. So lassen sich spielend Angelhaken vom Kieferchirurgen wieder entfernen.

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    Die britische Krone hat die Vorführung dieses Filmes von Bertram Verhaag in England, dem Commonwealth und überhaupt außerhalb Europas verboten. Es besteht die Befürchtung, dass der oft belächelte Prinz Charles sein grünes Profil deutlich schärfen könnte. Das leistet der Film auch.

    Anlass für sein ökologisches Denken gaben vor über 30 Jahren regelmäßige Meldungen, dass landwirtschaftliche Pestizide über Nacht vom Markt genommen worden sind, weil bei Versuchen an Ratten schädliche Folgen sich einstellten. Kein Mensch hat Lust, Nahrungsmittel zu sich zu nehmen, von denen er weiß, dass sie dank Pestizidrückständen seine Gesundheit schädigen können.

    Wenn Charles der Ermöglicher und der Kopf seiner biologischen Landwirtschaft ist, so ist David Wilson der Realisator, ein Bauer, der anfänglich skeptisch war, aber den Job bei Charles nicht absagen konnte. Anfangs hat das Gespann Hilfe und Infos aus Deutschland geholt: Hartmut Vogtmann aus Kassel gilt als Wegbereiter für den Ökolandbau und half den Briten auf die Sprünge, wofür sie ihm heute noch dankbar sind.

    Aber sie experimentieren weiter unter dem Gesichtspunkt der Frage, wie der Natur was zurückgeben, damit die Harmonie gewahrt wird, um die Zerstörung des Planeten zu verhindern.

    Beim Pflügen testen sie, wie die Wirkung ist, ob sie die Krume nur wenige Zentimeter oder doch 15 Centimeter lockern. Für die tiefere Furche ist allein der Kraftstoffverbrauch für den Traktor ein Mehrfaches (48 Liter pro Hektar statt 16). Bei wenig Zentimetern können die Mikroben an der Oberfläche wirksam bleiben, den Unterschied riecht man an der Erde.

    Über 5 Jahre lang ist Bertram Verhaag immer wieder zum inzwischen von 311 auf 760 ha angewachsene Landgut von Charles gefahren. Er hat zwei Interviews mit dem Prinzen geführt, in denen dieser es an deutlicher Sprache über den Unsinn der aktuellen, perversen Landwirtschaftssubventionen, die die Nebenwirkungen nicht einkalkulieren, nicht mangeln lässt (das System müsste umgedreht werden) und sein prinzlicher Janker ist an einer Stelle sichtbar geflickt. Darauf kommt es nun wirklich nicht an.

    Die meisten Erläuterungen über die Viehhaltung und den Ackerbau bringt gut nachvollziehbar sein Chefbauer David Wilson. Weltberühmte Leute winden Charles ein Kränzchen, die Trägerin des alternativen Nobelpreises Vandana Shiva aus Indien oder die Halbschwester von US-Präsident Obama, die in Kenia bäuerliche Projekte initiiert.

    Die beiden Kameramänner Gerald Fritzen und Waldemar Hauschild haben das Gut wie ein Paradies fotografiert. Die mit Stroh auf dem Fußboden ausgelegtenLaufställe für die Kühe, die im Gegensatz zu den industriell gehaltenen Kühen, die gerade noch ein bis zwei Laktationen erleben, es immerhin auf 6 – 8 bringen, wenn auch der Ausstoß an Milch etwas geringer ist. Aber wenn die Kühe neugierig und temperamentvoll den Stall verlassen oder die Schafe sich über die Weiden bewegen, so erweckt das den Eindruck von glücklichen Tieren, so leichte Bewegungen, so unverkrampft.

    Auch die Bilder von den Weiden und Hecken und den Blumen und dem kleinen Getier sind mehr als werbewirksam. Es gibt Führungen durch das Gelände, vor allem Bauern interessieren sich, denn Charles ist der Meinung, dass sie die Resultate sehen müssen, um sie auch zu glauben.

    Die deutschen Voice-Over- Texte hören sich angenehm an, sie werden immer erst eingespielt, wenn die Originalstimme der Interviewpartner schon zu hören war, ökologisch schonende Nachsynchronisation.

    Die Kunstform des Heckenherstellens. Die Neugier der Rinder. You are entering a GMO free Zone. Charles ist glücklich, diese Farm zu haben. Vielfalt als ein Geschäft. Seltene braune und schwarze Schweine. Verhütungsdach.

    Sie bearbeiten die Felder mit schweren Maschinen. Es gibt radikalere Formen der biologischen Landwirtschaft. Man fährt da zwar mal hin. Aber viel erfahren wir nicht über Richard, der biodynamisch arbeitet .

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    Luzide, skandinavische Familienaufstellung in hochtechnisiertem, französischem, Skiparadies, was uns zeigt, wie diffizil der Zusammenhalt und wie kostbar eine Familie ist und wie schnell diese heikle Balance aus dem Gleichgewicht geraten kann.

    Thomas soll von seiner Arbeit ausspannen und fährt mit seiner Frau Ebba und den beiden Kindern Vera und Harry für eine Woche in den aus dem Boden gestampften Retortenressort hoch in den Alpen zum Skifahren.

    Diesen Ressort mit seiner gewaltigen Maschinerie nimmt Ruben Östlund (Play), der Autor und Regisseur dieses Filmes, als faszinierenden Rahmen für sein Filettieren der Kleinfamilie. Die Kolonnen von Pistenraupen, die Berieselungsanlagen, die Seilbahnen und Sessellifte, die Kanonen, mit denen dauernd Lawinen vorbeugend ausgelöst werden, und bei Nacht das dichtgedrängte Lichtermeer auf diesem urbar gemachten Felsvorsprung. Auch die Kompliziertheit des Skifahrens in dieser modernen Welt gibt Östlung ergiebige Rahmenbilder, allein in den Skianzug zu steigen, die Skier zu befestigen oder das Pinkeln in so einem Teil.

    Eingeführt wird die Familie als eine glückliche Vier-Personenfamilie bei einer Fotosession mit einem Tourismusfotografen, ziemlich dilettantisch seine Anleitungen, aber entzückend die Bilder. Ein besonderer Farbtupfer im Film, wie SciFi, ist die Drohne, die Sohn Harry vom Appartementzimmer aus nächtens durchs Bergtal fliegen lässt.

    Die Unebenheit in der Familie ist minim. Papa hat sich frei genommen. Pappa will nicht ans Handy. Er geht dann doch, aber nicht gehetzt und Mama nimmt es belustigt zur Kenntnis. Kein böses Blut. Der Fall, der die Krise und damit die Thematik im Film auslöst, ist eine Lawine, die bei einem Aufenthalt der Familie auf der Sonnenterrasse eines Restaurants immer näher kommt. Papa meint beruhigend, das sei eine kontrollierte Sprengung. Aber der Staub überrennt die Terrasse. Panik wird ausgelöst. Schäden sind nicht zu besichtigen.

    Die Schäden sind fragilerer Natur und tauchen erst im Nachhall auf. Ebba ist der Meinung, Thomas habe im Augenblick der Gefahr nach seinen Handschuhen und seinem Handy gegriffen und sei losgerannt, während Ebba den Mutterinstinkten folgte und sich um die Kinder kümmerte. Das stößt Ebba urplötzlich auf.

    Was ist der Mann. Allein und als Vater einer Familie? Das ist hier die Erörterung. Als Vorwurf von seiner Frau, er kümmere sich nur um seine Belange. Als Gesprächsthema mit einem Kumpel, der geschieden ist und mit einer 20jährigen Blondine urlaubt. In Gesprächen mit einer anderen Frau, die verheiratet ist und mit Selbstverständlichkeit ihre Abenteuer mit anderen Männern hat.

    Hier im Film wird Thomas eine Läuterung durchmachen. Die ist schauspielerisch etwas zwiespältig. Und – das ist vielleicht eine Folge davon, dass Ruben Östlung sich sein Thema doch nicht ganz präzise klar gemacht hat, dass das Ende sich zieht, weil er auch Ebba Gerechtigkeit widerfahren lassen und zeigen will, dass sie nicht nur das vorbildhafte Mutterinstinkttier sei.

    Auf Distanz betrachtet eine doch recht akademische Erörterung, aber prima eingebettet in ein bildergiebiges Bergressortpanorama. Auch ein Begriff, wie „der Meute trotzen“, der einmal in diesem industrialisierten Massenskibetrieb fällt, wirkt eher akademisch. Oft aber werden die Diskussionen mit kleinen Einfällen, die aus dem Leben sein könnten und die recht treffend sind, unterbrochen, die Drohne des Buben, die in einen Gast zu fliegen droht, weil Harry im Nebenzimmer die Diskussion für unerfreulich hält. Oder die Vision eines orgiastischen Männerbesäufnisses, nachts, halbnackt, im Schnee. Eine urige Figur ist der Mann vom Room-Service, der wie ein Waldschrat wirkt oder aus einem amerikanischen Gangsterfilm entstammen könnte.

    Die Mechanik einer alles planierenden, modernen Ski- und Pistenindustrie bildlich der Mechanik einer sich asubreitenden schlechten Stimmung in einer Familie entgegengesetzt.

    Dass er sich thematisch auf dünnem Eis bewegt, beweist der Regisseur, mit dem hinausgedehnten Schluss, in dem es ihm nur darum geht, zu zeigen, dasss die Frau auch nicht der edle Charakter ist, als die sie sich aufgeführt hat. Aber das war doch gar nicht das Thema. Das Thema war doch mehr, wie jemand, das war zufällig sie, die Balance in der Familie, die dadurch als eine höchst sensible aufgezeigt wird, durch die Interpretation des Verhaltens des Partners bei der Beinahkatastrophe fundamental ins Wanken bringen kann, ja das Zusammenbrechen riskiert und zwar mutwillig, wie es scheint. Wenn man hier aber weiter bohrt, kommt man schnell in Schwierigkeiten. Oder ist die Frau die, die allein durch das Beharren auf dem Vorwurf des Egoismus ihm gegenüber die schlechte Stimmung in die Familie bringt?

    So apart das Ineinanderschneiden von Familienkrise und alpinem Skizirkus und brillant gemacht ist, so dünn erweist sich die zugrundegelegte Behauptung für die Familie.

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    Auf langem Bildwege der Illusion des Glückes hinterherjagen und dann doch im Abspann ganz gerührt singen von der heilenden Wirkung der Berührung, der Wärme bis ins tief Innere und der Hoffnung.

    Ein japanisches Animé-Märchen in der großartigen Tradition einer Bildrolle erzählt von Isao Takahata aus dem berühmten Ghibli Studio, fern von billig durchschaubaren Computertricks, anschließend an die Zeichnertradition eben jener Bildrollen, von denen eine im Film sogar vorkommt und von unserer Prinzessin Kaguya durch einen langen Palastraum mit nonchalantem Schwung ellenlang aufgerollt wird.

    Von direkt berührender Präsenz sind die Stimmen der Figuren, bleibt zu hoffen, dass der Verleih der Versuchung einer deutschen Nachsynchronisation widersteht. Denn so großartig der Film ist, so meisterlich, so wunderbar, er dürfte hier nicht auf ein zu breites Interesse stoßen, dazu ist die Geschichte für uns doch etwas weit weg, vor allem die höfische, steife Atmosphäre in der Stadt.

    Ein einfacher Bambussammler entdeckt bei seiner Arbeit ein Wunder. Ein Stamm fängt plötzlich fluoreszierend an zu leuchten, ein Bambussproß stößt eilig aus der Erde; statt einer Blüte trägt er ein Kind. Der Bambussammler bringt es zu seiner Frau. Die kann den Säugling, ohne dass sie schwanger war, säugen. Noch ein Wunder. Das Kind wächst rasend schnell und sorglos mit anderen Kindern aus dem Dorf heran. Unbeschwerte Jugend.

    Es ist aber noch kein Ende mit den Wundern, die die Bambuspflanzen dem Bauern darbieten. Einmal geben sie Säcke voll Gold, dann feinste Tücher. Dem Bauern ist klar, dass das mit dem Kind zu tun hat. Dass es eine bessere Umgebung und Erziehung verdient, als er ihm hier auf dem Land bieten kann.

    Der Bauer geht jetzt oft beladen mit diesen Dingen in die Stadt. Er baut dort eine repräsentative Residenz. Eines Tages, das Mädchen kann nicht mal den eben abenteuerlich errungenen Fasaneneintopf genießen, zieht er mit seiner Frau und der schnell erwachsen gewordenen Tochter in die Stadt in ein adelig anmutendes Anwesen, in dem er selbst ständig den Kopf anschlägt, weil er die niedrigen Räumlichkeiten nicht gewohnt ist. Er engagiert eine Hofdame, die dem Töchterchen das Schreiben, die Kultur, die höfische Haltung beibringen soll.

    Pure Komik, wie das Töchterchen ankommt in der für sie gebauten Residenz und der Bambushauer und seine Frau versuchen, majestätisch wie Buddha Herrschaften zu spielen. Ab jetzt dominiert im Film das höfisch Steife, das Zeremoniell.

    Bald finden sich Freier von feinstem Adel ein. Sie versprechen der jungen Frau, die inzwischen, in einer mehrtägigen Zeremonie, bei der sie weggesperrt war, den Namen Kaguya erhalten hat, das Blaue vom Himmel. Sie nimmt sie beim Wort. Das wirkt wie ein ungebührlicher Schock bei Hofe und führt zu einem Intermezzo des Rückzuges von drei Jahren: Weben, Gärtnern, zufrieden sein, bis plötzlich der erste der Freier sich meldet, er habe den Juwelenzweig vom Berg Ituca gefunden. Entpuppt sich als Bluff. So geht es weiter mit den anderen, auch der Feuerrattenapelz, das Drachenjuwel, die Steinschüssel des Buddha oder die Muschel der Schwalben erweisen sich als unecht.

    Erst wie der Kaiser höchstpersönlich von der Schönheit hört und sich ihr physisch gewaltsam nähert, da wird Kaguya ihre Geschichte und ihre Herkunft bewusst. Das läutet den Endspurt des Filmes ein.

    Zeichnerische Wunder allein schon am Anfang, wie der Säugling sich auf dem Boden rollt und dreht und purzelt und parallel dazu wie Blüten und Sproßen sich entwickeln, ein unerhört sensibles, zeichnerische Echo.

    Was die Illusion der Liebe in den Menschen doch alles auszlösen vermag.
    Kalligraphie: die sieht bei ihrer sehr frech aus.
    Sie spielt schön Koto, das Zupfinstrument.

    Bemerkenswert bei den Zeichnungen ist, dass sie nicht versuchen das Bild kompakt zu füllen, sondern das zu zeichnen, was nötig und reizvoll ist; nichts aber wird nur der Vollständigkeit halber eingefügt.

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    Eine norwegische Rache- und Selbstjustizgeschichte, die nicht ohne Humor und mit einem speziellen Faible fürs Design (von Innenräumen wie Schneelandschaften oder nordischen Flughäfen) und Systematik zeigt, dass sie, der Autor Kim Fupz Aakeson und der Regisseur Hans Petter Moland, dem Genre nordisch Eigenes abzugewinnen vermögen.

    Die Nordlichter kann nichts aus der Ruhe bringen. Wenn zwei Ganoven auf einer Fahrt zu einem Tatort Zeit finden, so diskutieren sie ausgiebig den Unterschied von Klimaverhältnissen und deren Auswirkungen auf den Sozialstaat. Oder zwei brave Streifenpolizisten, die in ihrer entlegenen Gegend plötzlich mit jeder Menge Toten konfrontiert sind, entdecken ganz zart die Liebe zueinander.

    Auch ein Schneepflugfilm. Unser Protagonist Nils ist ein verlässlicher Schneepflugfahrer und vorbildlicher Bürger. Der Tod seines Sohnes, der am Flughafen beschäftigt war, trifft ihn zutiefst. Es kann nicht sein, dass er an einer Überdosis gestorben ist, wie die Pathologie feststellt, denn er war garantiert kein Junkie. Das lässt dem Vater keine Ruhe.

    Kurz nach der Szene in der Pathologie erscheint der Name des Sohnes auf eingeblendetem Schwarz mit Kreuz. Es wird im Film nicht bei dieser einzigen Verabschiedung einer Figur aus dem Film bleiben.

    Noch ist Nils ein Biedermann. Aber bald schon findet er den Kontakt, der zu den Übeltätern führt. Bei Nils muss in der ethischen Ecke im Gehirn eine Veränderung stattgefunden haben. Sein Rachfeldzug ist unerbittlich, obwohl Stellan Skarsgard, der Nils spielt, nun mit Dirty Harry grad gar nichts gemein hat, aber der Film will auf die verbale Anspielung nicht verzichten. So zuverlässig wie er seinen Schneepflug durch das winterliche Norwegen steuert (Fontänen von 30 – 35 Metern Weite in die Lanschaft blasend), erledigt er den ersten, dessen er habhaft wird, sobald er die nötige Information zur nächsten Person aus ihm herausgepresst hat.

    Nun, das erste Mal bedarf es vielleicht wie beim Anzapfen eines Bierfasses noch einiger Schläge. Nils aber wird sich von Mal zu Mal steigern. Auch für die Entsorgung der Leichen hat er ein praktische Idee: einwickeln in Hühnerdraht und sie, das ist ein beinah poetisches Bild, über einen Wasserfall entsorgen. Auf diese Weise kann die Leiche nicht an die Oberfläche treiben, die Fische aber können die Fleischteile abknabbern.

    Des rachesüchtigen Vaters Taten beunruhigen den lokalen Drogenhero, der Norwegen mit Albanern und Serben friedlich aufgeteilt hat. Dieses Gleichgewicht gerät ins Wanken, nachdem Greven, der Drogenboss, verunsichert ist, wer die Tode seiner Mitarbeiter auf dem Gewissen hat. Ein attraktives zusätzliches Spielmoment in diese ausladende Gangstergeschichte, die fast wie eine Elegie zelebriert wird mit nordischer Klarheit und reizvoll fotografiert ist, bringt die Sorge um Grevens Sohn, um den jener sich abwechselnd mit seiner Frau kümmert.

    Schnee zu Schnee.
    Bring mir einen von den Serben.
    Die Designsessel des nervösen Greven, die wie Gesichter aussehen.
    Gespräch über die Verbrechernamen. Der Mehlkönig.
    Stellenweise wieder erinnert es mehr an liebevolles Provinztheater.
    Ein Gespräch über die vorbildlichen Knastbedingungen in Skandinavien, geheizte Zimmer, anständige Behandlung, keine Vergewaltigung.
    Entzückend: wie Nils seiner Geisel, dem Buben Rune von Greven, ein Gutnachgschichtlein vorlesen soll. Er hat nur einen Prospekt über Schneepflüge.
    Ein Spaß für große, genreverspielte Buben.

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    Diesen Film von Israel Horovitz, den er nach seinem eigenen Theaterstück gedreht hat, könnte man einen Themenfilm nennen, der uns etwas erzählt über eine besondere Art spekulativer Mietverhältnisse in Paris: die Immobilienleibrente („système viager“).

    Der Deal besteht darin, dass der Käufer dem Verkäufer ein lebenslanges Wohnrecht und dazu noch eine monatliche Rente verspricht. Stirbt der Verkäufer kurz nach Vertragsabschluss, hat der Käufer den dicken Reibach gemacht, lebt aber die bereits 92jährige Dame noch 20 Jahre, so kann das ein unrentables und teures Geschäft werden.

    Dieser Sachverhalt ist nur der Vorwand, um die Leinwand zur Bühne für großartige, ungeschminkte, reine Schauspielerei werden zu lassen, denn auf technischen, ausstatterischen oder Kostüm- und Schnittschnickschnack verzichtet Horovitz klüglich. Es ist reine Schauspielerei von wunderbaren Mimen, die wir vor dem Hintergrund dieser französischen Mietvertragsspezialität genießen dürfen, zuvörderst in einer altmondän eingerichteten Pariser Wohnung.

    Dort lebt die große alte Dame der britischen Schauspielkunst Maggie Schmith als Mathilde. Sie spielt völlig ungeschminkt eine 92-jährige. Die Rolle hat sie 25 anderen vorgezogen, weil sie hier nicht sterben muss. Sie hat in diesem Haus das Wohnrecht bis an ihr Lebensende und erhält dazu von ihrem einstigen Lover 2400 Euro Rente im Monat. Der ehemalige Lover ist jüngst verstorben und nun möchte dessen Sohn, Kevin Klein als Mathias Gold, das Erbe antreten. Er wird aus Amerika kommend in Paris diese Lektion über die Immobilienleibrente lernen. Für ihn ist der Sachverhalt besonders bitter, da er blank ist.

    Im diesem Haus wohnt noch die Tochter Mathilde, Kristin Scott Thomas als Chloé, von ähnlichem Spielalter wie Kevin Klein. Anhand von Golds Absicht, das Haus samt dieser Erblast zu verkaufen bei gleichzeitig akutem Geldmangel, wird Licht gebracht in die geheimnisvolle Beziehung zwischen ihm und Chloé einerseits und Mathilde, Chloés Vater und Golds Vater andererseits. Eine sanfte Liebesgeschichte bahnt sich an.

    Für Verehrer und Liebhaber der Schauspielkunst.

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    Die Schweiz und die Monarchie, das sind sich ausschließende Begriffe. So darf man besonders neugierig sein, wenn ein, noch dazu experimentierfreudiger, Schweizer, sich für die Monarchie interessiert. Gar für eine katholische Monarchin, die dramaturgisch wenig ergiebige Mary, Königin von Schottland, während ihre Gegenspielerin Elisabeth, zumindest im Drama von Schiller „Maria Stuart“, den brutalen Staatsraisonkonflikt zu bewältigen hat. Mary jedoch scheint, so einer der Texte im Film, einem Schicksal ergeben zu sein, was von Anfang an schief laufen musste. Wie löst Thomas Imbach das? Von ihm war zuletzt die persönliche und witzige Zürich-Doku Day is Done zu sehen.

    Als Grundlage für das Drehbuch, das Imbach mit Andrea Staka geschrieben hat, beruft er sich auf die Novelle von Stefan Zweig. Für die Inszenierung schwelgt er vor allem in den Renaissance-Kostümen, die wie eine Galerie belebter Bilder mit den Dialogen als Bilduntertiteln vor dem Zuschauer ablaufen, dazwischen mixt er impressionistische Naturaufnahmen und Bodennebel.

    Für die Hauptrolle der Mary hat er die französische Schauspielerin Camille Rutherford besetzt, eine sogenannt schöne Frau mit weit aufgerissenen Augen über dem Stupsnäschen und makellosem Teint und entsprechendem Behaviour.

    Wer die Geschichte nicht kennt, tut sich möglicherweise nicht leicht mit den Texten, da sich Imbach nicht für eine dramatische Struktur, die aufgrund von Konflikten vorwärts getrieben wird, entschieden hat, sondern für eine lockere, mit großen Sprüngen versehene Chronologie nach der Biographie.

    Die unbeständige Kindheit der Königin, die immer schon im Fokus der Machtinteressen stand („Ich konnte kaum meine Händchen bewegen, da griff die Politik schon nach meiner ahnungslosen Seele“). Sie wurde als Kind nach Frankreich gebracht und Jahre später durch Heirat Königin von Frankreich, wobei sie gleichzeitig Königin von England und Schottland war; bis ihre Cousine, die sie im Film nie persönlich trifft, die sie aber liebt und verehrt, Königin von England wird.

    Mary ist umgeben von Hetzern, die dem Katholizismus zum Durchbruch verhelfen wollen; einen untauglichen Gatten lässt sie ins Jenseits befördern; aber sie gebiert einen würdigen Thronfolger; sie mag Krieg nicht („Es ist furchtbar, dass ich die Ursache dieses Krieges bin“). Sie hat keine machtpolitischen Ambitionen, sie will kein Blutvergießen. Eine Frau ohne Machtwillen, eine Frau ohne Widerhaken, die nur das Gute will; ob das dramaturgisch so ergiebig ist?

    Reizvoll sind die Begegnungen mit ihrer Cousine Elisabeth, die immer nur in Form eines Gemäldes vom Personal vertreten wird, oder Francois stellt das Schicksal der beiden mit körpergroßen Puppen dar.

    Ein Pinakothekenfilm. Ein Film für anspruchsvolle Kulturkonsumenten. Gerne mit heftiger Musik, auch Orgel, aufgemotzt. Kino als Durchschreiten einer Gemäldegalerie in weniger als Schritttempo wegen der Augenweide.

    „Es ist sehr lange nach Mitternacht,
    da sich Maria Stuart auf das Bett legt,
    alles was im Leben zu tun war,
    hat sie getan.
    Nur ein paar Stunden noch,
    hat die Seele jetzt Gastrecht in dem abgemüdeten Leib.“
    So fängt der Film an, zeigt, mit welchem Ton und Sprache wir rechnen müssen. Das ist die Nacht vor ihrer Hinrichtung. Dann springt der Film 44 Jahre zurück. Ein Mädchen wird geboren, eine künftige Königin, die schöne Frau, um die herum Thomas Imbach diesen Bilderbogen lust- und kunstvoll gestaltet hat.

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    Die geplante Tetralogie der Tribute-von-Panem-Filmreihe wird heute mit dem dritten Teil weitergeführt.

    Eine kurze Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse, Achtung Spoiler:

    In einer dystopischen Gesellschaft der Zukunft, es gibt keinen Grund anzunehmen, dass diese sich auf einem anderen Planeten befindet, besteht die ganze Welt aus Distrikten. Die Welt heißt “Panem”, aus dem Lateinischen “das Brot” im Akkusativ, warum auch immer. Die Distrikte von Panem beherbergen offenbar alle Einwohner des Planeten, sind elektrisch umzäunt und dürfen nicht verlassen werden. Jeder Distrikt ist auf einzelne Wirtschaftsgüter spezialisiert, also der eine auf Bergbau, der nächste auf Getreide, der dritte auf Fischerei, ein weiterer für Energie und so weiter. Distrikt 1 ist Hauptstadt, bekommt die allermeisten dieser Güter, und stellt dafür das Militär für Schutz und Ordnung ab (nicht direkt, diese Aufgabe übernimmt Distrikt 2). Dies alles erinnert streckenweise stark an das alte Rom.

    Natürlich hält Distrikt 1 sich für was besseres, hier leben die Menschen in Dekadenz und purem Luxus. Einmal im Jahr erinnert man an die versuchte Revolution der Distrikte gegen die Vorherrschaft von Distrikt 1 vor mittlerweile 75 Jahren, indem man sogenannte “Hungerspiele” durchführt. Dabei werden aus jedem Distrikt außer dem ersten ein Junge und ein Mädchen in jugendlichem Alter ausgelost, zwei “Tribute”, die bei grausamen Spielen in einer Naturarena bis auf den Tod gegeneinander kämpfen müssen. Wer zuletzt noch lebt, darf als Held in seinen Distrikt zurück oder in der Hauptstadt leben. All das wird Panem-weit live übertragen, die Einwohner der Distrikte werden von den dort abgestellten Sicherheitskräften quasi mit Waffengewalt dazu angehalten, zuzusehen, wie die Jugendlichen ihres eigenen Distrikts brutal getötet werden.

    Im ersten Teil der Tribute von Panem wird gezeigt, wie Wildfang Katniss Everdeen und der in sie verliebte Peeta Mellark aus dem armen Bergwerksdistrikt 12 für die 74. Hungerspiele ausgelost werden (Katniss meldet sich freiwillig, um ihrer eigentlich ausgelosten kleinen Schwester Primrose das Leben zu retten), dann zu den Spielen anreisen, in Luxus schwelgen und etwas trainieren dürfen, dann beginnen die Spiele. Es gibt einen Spielmacher, der die Regie bei diesen Spielen hat und sie auch beeinflussen kann, beispielsweise Tribute durch einen Waldbrand umlenken oder durch das Einsetzen gefährlicher Tiere und Pflanzen beschleunigt abtreten lassen kann. Es gibt den Präsidenten Snow, der Diktator von Panem, der sich gütig gibt, aber es faustdick hinter den Ohren hat, und viele weitere Figuren, die eine Rolle spielen, wie zum Beispiel die Mentoren der jeweiligen Tribute, die Modeschöpfer für deren Outfits für Gala wie Spiele, und den manipulativen TV-Moderator Caesar Flickerman.

    Katniss hat während der Spiele schnell einen Stein im Brett bei allen Zuschauern, da sie sich ehrenvoll verhält und nicht zum Kindermetzger degeneriert wie andere Tribute. Daher werden für sie die Regeln geändert, so dass auch Peeta die Spiele überleben darf.

    Im zweiten Teil wird klar, dass dieser Schachzug des mittlerweile ausgetauschten Spielmachers eher kontraproduktiv für Präsident Snow war, denn nun ist jedem wirklich klar geworden, dass die Spielregeln nicht naturgegeben sind, und damit, dass nicht alles, was im TV zu sehen ist, auch nicht zu ändern ist. Es kommt zu Aufständen gegen die Regierung. Diese werden blutig niedergeschlagen, doch das Symbol einer Brosche, die Katniss bereits im ersten Film trug, wird nun zum Symbol der Rebellion. Es bildet sich Widerstand im Untergrund.

    Daher entscheidet Präsident Snow, dass die 75. Spiele, ein sogenanntes “Jubel-Jubiläum” (alle 25 Jahre), aus den Siegern der letzten 25 Jahre zusammengesetzt werden, und nicht aus den Tributen der Distrikte. Das freut die sich in Sicherheit wähnenden ehemaligen Sieger überhaupt nicht, denn auch hier werden die meisten ihr Leben verlieren.

    Die 75. Spiele finden in einer tropischen Arena statt, ein Dschungel mit einem See in der Mitte, auch hier kommt es sofort zu Mord und Totschlag, und die Zuschauer in den Distrikten sind überhaupt nicht begeistert.

    Der Dreh- und Angelpunkt der ganzen Geschichte passiert, als Katniss auf spektakuläre Weise einen Blitzableiter mit dem Kraftfeld der (unsichtbaren) Kuppel, die über die Arena gespannt ist, verbindet und der Blitz die ganze Anlage, und mit ihr die Spiele, lahmlegt. Nun bricht die Rebellion los. Katniss, die das Gesicht der Rebellion ist, davon aber nicht wirklich etwas weiß, wird mit einigen Überlebenden der Spiele, von ihrem Mentor und dem aktuellen Spielmacher, der ein Doppelspiel spielte, in den abtrünnigen Distrikt 13 entführt.

    Der heute startende, dritte Film der Reihe, hat die unangenehme Position als Lückenbüßer, ganz ähnlich zu Das Imperium schlägt zurück. Katniss trifft im praktisch komplett unterirdisch (wegen Verwüstungen durch Distrikt 1) angelegtem Distrikt 13 auf ihre Familie und erfährt, dass ihr Heimatdistrikt 12 aus Rache in Schutt und Asche gelegt wurde. Es gibt kaum Überlebende, diese konnten sich durch den Elektrozaun in die Wälder flüchten.

    Es ist klar, dass es nun zum offenen Krieg zwischen den Distrikten und der Hauptstadt mit ihrem Despoten Snow kommen wird. Widerstand im Untergrund gibt es überall, doch die Truppen der Hauptstadt töten und vernichten, wo sie nur die kleinste Abweichung von den Forderungen sehen.

    Peeta wurde mit zwei anderen Überlebenden der Spiele in die Hauptstadt gebracht. Eine Befreiungsaktion steht an.

    An dieser Stelle mehr zu erzählen, würde den Genuss des Kinobesuchs schmälern.

    Mockingjay, so der Name des Films wie auch des symbolischen (nicht real existierenden) Vogels des Widerstandes (eingedeutscht als “Spotttölpel”), ist definitiv ein spannendes Kinoerlebnis für junge Menschen. Alte Hasen wie ich erkennen natürlich jede Menge Parallelen zu schon gesehenen Klassikern oder Flops. Doch Dystopien gibt es viele, und die Zahl der möglichen Handlungsverläufe bzw. dramaturgischen Mechanismen ist begrenzt. Also, darüber hinwegsehen.

    Optisch ist Mockingjay sehr gelungen, jedoch nicht gewaltig. Es gibt zwar ein paar Schlachtszenen und ähnliches zu sehen,  aber gerade der große Luftangriff wird nicht gezeigt. Wahrscheinlich heben sie sich diese Effekte für den letzten Teil auf.

    Auch wenn die Filmhandlung nicht allzuviel hergibt in diesem Teil der Tetralogie, kann der Film guten Gewissens empfohlen werden. Wie gesagt, eher für jüngeres Publikum, aber amüsieren werden sich auch die gesetzteren.

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