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    Zuerst geht es um einen Verlust. Tom aus Montreal, gespielt von Xavier Dolan, der auch die Regie geführt und das Drehbuch nach dem Theaterstück von Michel Marc Bouchard geschrieben hat, reist zur Beerdigung seines Freundes aufs Land zum Bauernhof von dessen Mutter. Dass er in ein Gespinst von Verdrängung, Nicht-Wahrhabenwollen und Lügen zum Thema Homosexualität hineingeraten wird, kann er anfangs nicht wissen.

    Die Verarbeitung des Verlustes wird anders verlaufen als geplant. Er wollte lediglich zur Beerdigung kommen und dabei ein paar Worte sagen. Er gerät jedoch in die Fänge des Bruders seines Freundes, Francis, Pierre-Yves Cardinal, der den Hof bewirtschaft, Milchwirtschaft, und dort allein mit der Mutter, Lise Roy, lebt.

    Nachdem Dolan in früheren Filmen mehr oder weniger ausladend, richtiggehend in Schwulengefilden und deren Accessoirs und Decors und Behaviours, deren Atmosphäre gelustwandelt ist, nachdem er von der Montage her eine Art Godard-Revival-Festival abgehalten hat, so ist er jetzt näher an früheren Filmen von Fasssbinder, in kargem Setting ganz nah dran an den Figuren und den Prozessen, die sie auslösen, mitmachen und ausbaden. Als besonderen Farbtupfer und als Authentizitätseichmaß verwendet er zusehends ein richtiggehend ungeschliffenes Quebec-Französisch.

    Der Film selbst beeindruckt weniger durch einen Thrill oder aufregenden Handlungsfaden, eher durch einen Stillstand, durch ein Portrait von Francis, dessen Unfähigkeit im Umgang mit seinen sexuellen Bedürfnissen, und dessen wahnhafter Bemühung, Mutter dürfe unter keinen Umständen erfahren, was zwischen Tom und ihrem verstorbenen Sohn gewesen ist. Die Illusion, dass er eine Freundin namens Sara gehabt habe, muss vorgelogen und aufrecht erhalten werden. Zum Glück hat Tom eine Kollegin, die Sara heißt. Eines Tages taucht diese Sara, Evelyne Brochu, unvermittelt auf dem Hof auf, allerdings ist sie nicht präpariert auf ihre Rolle.

    Sicher bleibt der Film teils rätselhaft; aber was wissen wir schon über die Menschen, ihre Sehnsüchte und ihre Eigenschaft, sich abhängig zu machen, so wie Tom sich von Francis bald abhängig fühlt, ja er bleibt auf dem Hof, obwohl die ersten Begegnungen schmerzhaft und blutig verlaufen sind; Männerkämpfe und Homosexualität im herbstlichen Maisfeld mit den scharfkantigen Blättern.
    Es wirkt wie ein verhängnisvoller Magnetismus zwischen den beiden. Die Gefühlswelt ist keine rationale Welt.

    Regiewunderkind Dolan bestätigt hier bereits ein viertes Mal (was die Filme betrifft, die hier ins Kino gekommen sind) seine Wunderkindhaftigkeit nach I Killed my mother, Lawrence anyways und Herzensbrecher.

    Der französische Titel „Tom á la ferme“, Tom auf dem Bauernhof, ist direkter und offener, ehrlicher, als die deutsche, moralinische Übersetzung: sag nicht wer du bist!

    Die Familie Longchamp Podowski ist in der Ortschaft nicht gut angesehen. Es gab da einen Vorfall 9 Jahre zurück, einen hässlichen Vorfall. Der dürfte in Tom die Ängste schüren vor der möglicherweise irrwitzigen Eifersucht von Francis. Die Figur erinnert entfernt an den Juan in „Yerma“ von Federico Garcia Lorca.

    Interessant auch die Feststellung von Tom, dass es hier auf dem Hof der Langchamps echt, wahr „vraie“ sei. Kühe, fleischlich-blutige Auseinandersetzung mit einem anderen Mann, ein bis auf einen Ausbruch verständnisvolle, vielleicht manchmal still leidende und sich ihre Sache denkende Mutter, die Erde, der Mist. Dem wird Dolan über den Abspann einen nächtlichen Bilderbogen von Montreal gegenüberstellen und wo Tom dort landen wird. Die Kneipe, in der Francis Lokalverbot hat, heißt „les vraies affaires“, die wahren Angelegenheiten oder vielleicht auch: Affären? Von einer solchen handelt der Film. Das sind die wahren Angelegenheiten auch des Kinos.

    Im Kino jedenfalls scheint Dolan seine Art von vraies affaires gefunden zu haben; er inszeniert und schneidet so präzise, dass die Figuren glaubwürdig sind, beängstigend glaubwürdig in manchen Momenten besonders Francis, und dass er wieder 105 dichte, kompakte, fesselnde Kinominuten zusammengefügt hat, nach denen man erst mal Luft holen muss.

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    Den Sensationsgehalt seines dänischen Mystery-Horrorfilmes handelt Jonas Alexander Arnby mit wenig Kunstblut und ganz nebenbei ab, den Horror, der passiert, wenn Marie in dem kleinen, dänischen Fischerdorf an ihren dumpfen Mobbern als Werwolf Gerechtigkeit übt.

    Es geht Arnby nicht um Trash, nicht darum, sich in den Effekten einer Gruselstory mit möglichst viel Kunstblut zu suhlen. Ihm geht es darum, einen fast poetisch zu nennenden Blick in eine kleines, überschaubares, menschliches Biotop zu werfen, abseits der Komplikationen und Vertusch- und Betäubungsmechanismen einer hochzivilisierten Gesellschaft. Er konzentriert sich auf die Familie von Marie, deren Vater, Lars Mikkelsen, und deren pflegebdürftige Mutter im Rollstuhl, Sonia Richter.

    Handlung und Dialog sind wenig. Der spärliche Dialog ist pfleglich und dem Film zugeneigt sorgfältig. Wie in dem Film überhaupt alles stimmig scheint, die Musik, die Atmosphäre erzeugt statt sie zu interpretieren oder vorzukauen, die Kamera, die oft den Eindruck von verschwommenem Bewusstsein erweckt, die Schauspieler, deren pflegliche Auswahl und Inszenierung.

    Die Handlung fängt mit einer Untersuchung von Marie an, die an einer Stelle unterhalb der Brust einen merkwürdigen Hautausschlag hat. Sonst ist nichts Ungewöhnliches an der faszinierenden Sonia Suhl mit den blonden Haaren und dem gewissen Silberschein auf den Augen, dem klaren, aber verschlossenen Gesicht, einem Strauß an Geschenken für die Leinwand.

    Sie soll in der Fischfabrik arbeiten. Dort laufen in Windeseile die Blicke zwischen den vorwiegend männlich Mitarbeitern und der attraktiven Lehrtochter. Die Blicke sind nicht alle gutmeinend. Aus Blicken wird Mobbing, aus Mobbing wird Stalking und aus Stalking werden Tätlichkeiten. Sie aber wehrt sich nicht. Aber sie kann sich das auch nicht bieten lassen.

    Manche Menschen können andere Menschen (manche Männer können Frauen) offenbar schwer tolerieren, wenn sie sie sich nicht gefügig machen können. Es geht um Macht und Beherrschung und dagegen um Gerechtigkeit. Der Werwolf ist das Mittel, mit dem Marie sich wehren kann.

    Einzig Daniel, der anständig ist und sie liebt, der wird bei ihr sein, wenn sie bei der finalen nächtlichen Fahrt aufs Meer keinen ihrer Kollegen verschont. Die Liebe siegt.

    Malerisch allein das Bild des motorisierten Fischerbootes mit seinem Lichtlein, das nächtens ins Meer hinausstößt, ein Gemälde wie von einem großen Landschaftsmaler. Und so gibt es noch einige eingestreute, meisterhafte Landschaftsbilder zwischen den menschlichen Abgrundgeschichten. Diese Bilder wirken jeweils wie Balsam.

    Es spielt noch ein Arzt mit, auch keine rühmliche Rolle mit einem unrühmlichen Ende. Denn er ist nicht in der Lage, das wahre Problem von Marie zu analysieren. Die Schulmedizin halt. So wie der Arzt am Anfang Marie untersucht, so untersucht Arnby die menschlichen Abgründe, er jedoch nicht mit den stumpfen Mitteln der Schulmedizin, sondern mit denen eines ungewöhnlich stilbewussten, kreativen, in sich stimmigen, fast schmeichelhaften Kinos. Das Bild mit Marie und den Bunkertrümmern am Meer.

    Mutter stirbt auch eines wohl nicht ganz natürlichen Todes in der Badewanne. Nordlichtbeerdigung und Leichenmahl im Gemeindehaus sind starke Atmosphärenbilder. Kindlich naiv erscheint der Webteppich mit dem Hasen über Maries Bett. Das Glas, das sie zerbeißt, die rot unterlaufenen Fingernägel, die sie an sich sieht.

    Film als gemäldehafte, grandiose Bebilderung eines Blicks in einen verschlierten, menschlichen Abrund, dessen Diffusität von einem unbeirrbaren, nicht zum Verstummen zu bringenden Gerechtigkeitssinn, der sich mit Naturgewalt seinen Weg bahnt, gegegengewichtet wird. Hinter der Schönheit von Marie versteckt sich ein Werwolf. Es geht um Leben und Leben lassen. Und wer das nicht kann, der kommt darin um. Die Dumpfheit der unbelebten Figuren gegen das Leben. Das Leben wehrt sich gegen die Totheit von Routine und Geistlosigkeit. Rat des Vaters: Schön bist Du, Marie, lass Dir nichts gefallen.

    Ein Film, der durch seine Bildstärke, seine Musik und seinen verhaltenen Dialogeinsatz vielfältig fühl- und interpretierbar ist.

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    Ein 3-Sterne amerikanisch-indisch kulinarisches Gefühlskino mit Ansage auf europäischer Anrichte präsentiert, das den Zuschauer wie auf Luftkissen trägt und ihm mit sanfter Sicherheit die Akupunkturnadelstiche punktgenau in die Tränendrüsen stößt. Kein Wunder, wenn als Produzenten Steven Spielberg, Oprah Winfrey und Juliet Blake figurieren.

    Zur europäischen Komponente gehört nicht nur der Regisseur, Lasse Hallström, auch Helen Mirren als Titelfigur Madame Mallory, als verhärmte, auf spitzes Gesicht getrimmte Chefin des Feinschmeckerlokales „Le Saule Pleureur“ in einem kleinen Ort im Süden Frankreichs. Schnell und unkompliziert wird die Handlung des Filmes dorthin geführt.

    Der Beginn des Films ist in Indien. Wir erleben und erfahren den Hintergrund der Migrantenfamilie Kadam, die durch politische Unruhen alles verliert und nach England umzieht. Der Vater mit seinen Kindern, dem ältesten Sohn Hassan. Die Mutter ist gestorben.

    In England betreiben sie einen kleinen Imbiss, direkt unter der Anflugschneise des Flughafens. Wenn bei Regen ein Flugzeug in wenig Metern Höhe über ihren Stand fliegt, schüttet es das ganze Wasser aus, das sich auf dem Zeltdach gesammelt hat. Es ist kalt und regnerisch. Ungemütlich. Hier ist nicht gut sein.

    Vater Kadam, Om Puri, eine ungewöhnlich glaubwürdige Leinwandpersönlichkeit, entscheidet, mitsamt der Familie in einem Kleinbus nach Südfrankreich umzuziehen. Ohne jede Härte, aber trotzdem genau, werden ein paar Zollszenen gezeigt, die deutlich machen, wie schwierig das Unternehmen ist. Sie wollen in Frankreich einen indischen Imbiss eröffnen.

    Sie fahren mit Sack und Pack, Kind und Kegel nach Süden. Es folgt die entscheidende Szene, die der Papa als schicksalshaft interpretiert, dass sie nämlich dort bleiben sollen („Mama would say, breaks break for a reason“). Die Bremsen im Auto sind kaputt, in rasender Fahrt geht es die kurvige Straße abwärts. Eine Fahrt, die atemberaubend gut endet, inklusive Bekanntschaft mit einer hübschen Französin.

    Das Schicksal hat gesprochen. Hier lässt Familie Kadam sich nieder. Nun will es die Dramaturgie des Romans von Richard C. Morais genauso wie die Drehbuchbearbeitung von Steven Knight, dass Familie Kadam ein leer stehendes Restaurant findet, das 30 Meter gegenüber einem Sternelokal liegt, das von Madame Mallory betrieben wird. Die Spiele des kulturellen Unterschiedes können auf engstem Raum beginnen, auch die der kulinarischen Konkurrenz; die nicht immer fair ausgetragen werden, das geht von der Betriebsspionnage bis zur Brandstiftung; wird aber mit einer guten Dosis sensiblem Weichzeichner zum Dahinschmelzen schön erzählt.

    Angereichert wird dieser Erzähltraum mit zwei Liebesgeschichten. Hinzu kommt der Traum von den Michelin-Sternen. In so einem Film, sind solchen Träumen keine Grenzen gesetzt. So sind die Wege geebnet für einen Aufstieg in ungeahnte, emotionale und kulinarische Höhen. Denn Hassan ist ein Ausnahmekochtalent, er hat von Muttern gelernt. Sein Vater ist ein pragmatischer, wacher Zeitgenosse, der jeglicher Gewalt und der meisten Sturheit, außer derjenigen, die eigenen Ziele durchzusetzen, abhold ist.

    Om Puri spielt die unbeirrbare Vaterfigur, die Halt und Vertrauen in die Geschichte und in den Film gibt. Zu sehen war er in West is West.
    In Great Britain the vergetable has no soul, no life.
    Man kann also nicht sagen, der Film spart das Böse aus, allein, es wirkt nie beängstigend, nie bedrohlich.

    Der Film zeigt, wie Sujets, Requisiten zu Weiterträgern einer Geschichte werden können. Die bandagierten Hände von Hassan, der den Brand mit blossen Händen bekämpft, wie er Madam Mallory vorkochen will, muss er sie bitten, selbst die Eier zu zerschlagen und wie es später knifllig wird mit den französischen Köchin, der Schönheit, ihren Kopf sanft zu halten, um einen Kuss zu bewerkstelligen. Oder das aus dem Brand in Indien gerettete Kästchen mit dem entscheidenden Vermächtnis der Mutter. Wie solche Requisiten das Spiel der Beziehungen unter den Menschen beeinflussen und befördern (vergleiche dazu den uninspirierten und kopfigen Umgang in Dominik Grafs Die geliebten Schwestern)

    Und ist doch nicht nur eine Geschichte über das Kochen, sondern auch eine über kulturelle Vorurteile, auch über Geschmacksvorurteile. Wobei zu fragen wäre, wenn die so leicht zu bewältigen, zu versöhnen sind, warum haben wir dann Irak, Ukraine, Palästina, Syrien, Somalia, Sudan und und und?

    Ist es nur eine schöne Scheinwelt, die uns die Kino-Exklusiv-Confiseure Spielberg und Co. hier einfühlsam und sanft einhauchen wollen? Ein Traummodell zum Thema menschliche Konfliktlösung? Ein schöner Hoffnungsspuk? Gar eine Utopie zum Ablenken von den schier unlösbaren, unversöhnlichen Konflikten? Säuselnde Kompensation statt Bewältigungshilfe? Gewinnbringender Verkauf von unrealistischer Hoffnung?

    Der Terror, mit dem uns die Medien täglich aus der angeblich realen Welt konfrontieren, der kommt hier nur als witzige Bemerkung vor: wie Hassan in Paris Erfolg hat mit Kochen und es auf die Titelseiten kulinarischer Zeitschriften schafft, meint sein Vater zum Foto: er schaue aus wie ein Terrorist. Ganz kann das Thema also auch so ein Gefühlskino nicht ausblenden; vielleicht macht es das ja bewusst und geschickt, es hinter dem Hochglanzprodukt zu kaschieren.

    Lyrischer Kommentar von Helen Mirren zu einem Spaziergang mit Papa Kadam: wir haben Pilze gesucht und Blumen gefunden.

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    Nix wär echt besser als das; sorry, für Ausnutzung der Titelvorlage, denn es handelt sich bei diesem Film wieder um einen dieser „Die-ganz-Mühe-umsonst“-Filme, einer Literaturverfilmung, hier nach einem Roman von Nina Pourlak, wozu das Drehbuch von Peer Klehmet und Ute Wieland (auch Regie) einfach nicht gründlich genug durchdacht und durchgearbeitet ist; ein weiterer Beweis für die darniederliegende Drehbuchkultur in Deutschland.

    Der Verdacht entsteht, dass hierzulande unter Drehbuch für eine Literaturverfilmung verstanden wird, man blättere den Roman Seite für Seite, Kapitel für Kapitel durch, versuche filmbare Szenen herauszuziehen, übernehme so weit vorhanden Dialoge und wenn nicht, schustere man, genau das ist das Wort, welche zusammen, die weder mit dem Roman noch mit der Realität so richtig kompatibel sind. Das wichtigste einer Drehbucharbeit wird schlicht nicht geleistet, nämlich eine gründliche Analyse der Konfliktsituation der Hauptfigur und wie dieser Konflikt im Interesse von filmischer Spannungserzeugung in das Buch eingearbeitet werden kann. Womit den Schauspielern dankbares Rollenfutter und den Zuschauern verträglichere Sehfreude geboten werden könnte. (Ein typisches Beispiel für solch dilettantische Drehbuchkleisterei lieferte Der Geschmack von Apfelkernen).

    Francois Goeske in der Hauptrolle des Tom Rasmus ist sicherlich begabt und dem jungen Alter gemäß recht hübsch, aber er kann einem leid tun, diese Rolle, mit der der Film steht und fällt, spielen zu müssen. Denn seine Figur ist nicht auf das Hauptthema des Filmes, den Tod, durchforstet worden. Wobei nach und nach einige Informationen dazu zwar an den Tag kommen, aber sie wirken so spät nur noch wie Fußnoten, rein informativ (der Vollständigkeit halbe quasi) statt spannungserzeugend.

    Wenn der Zuschauer von Anfang an wüsste, dass Tom den Selbstmord seiner Mutter, obwohl der schon drei Jahre her ist, verkraften muss, dass er eine Affinität zum Thema Tod hat, dann würde das Angebot des Arbeitsamtes, eine Lehre als Bestattungsfachkraft einen ganz besonderen Reiz bekommen. So aber wirkt es wie eine Zufallslösung, die zwar insofern passt, als er sich in Gothicstyle-Schwarz kleidet. Das wiederum benutzt der Film, um anzuzeigen: hallo Publikum, hier wird’s makaber. Das wird es dann auch. Aber offenbar lediglich um des Makabren willen.

    So muss in einer vollkommen unrealistischen Szene im Bestattungsinstitut, weil die ukrainische Mitarbeiterin mitten im Ausstellungsraum Tee kochen will, die Urne eines Juweliers vom Regal auf die Anrichte fallen (ausklappbarer Sargteil) und die Asche vom Juewelier herausstieben. In einer schwach inszenierten Slapstickszene muss der Lehrling versuchen die Asche des Juweliers schnellstmöglich wegzuschaffen, weil der Chef zu früh zurückkehrt. Die Schlusspointe dieser Szene, die ist nicht schlecht: dass der Chef den Urnenunfall nicht bemerkt und nach einem kurzen Innehalten lediglich nach gedankenvoller Pause anmerkt, der Tee sei gut.

    Auch das Verhältnis von Tom zum Vater, der ein berühmter Ex-Fußballer gewesen sein soll vor 20 Jahren und der jetzt Alkoholiker und Trainer der Jugendmannschaft des Griebener Fußballverbandes ist, wird vom Drehbuch her nicht reflektiert und wie sich das auf Toms Berufswahl auswirkt.

    Statt seriöser Drehbucharbeit wurde fleißig an der Herstellung makabrer Situationen getüftelt anhand des Leitfadens des Romans, vermute ich, Romanausschlachtung mit der Intention des Herausschälens von Makabrität. Ha, ha, wir schlagen dem Tod ein Schnippchen. Solche Absichten mögen dem Film vielleicht im Fernsehen zu einer Beachtung helfen, fürs Kino ist er wie eine Totgeburt.

    Spät im Film gibt es ein paar wilde, bildnerische Eskapaden von Kamera, Inszenierung und Effekten. Das ist an der Stelle, wie Tom zum Selbstmordunfall seines Freundes Mike gerufen wird. Diese auffälligen kinematographischen Eskapaden schleudern den Film allerdings aus seiner bisher befahrenen Schiene und es ist nicht mehr auszumachen, was Traum ist, was Vision und was Erzählrealität. Dasselbe gilt für die Party der Jugendlichen im Leichenpräparationsraum des Bestattungsinstitutes. Die ist immerhin schön schwarzhumorig. Den ganzen Film auf dem Level einer solchen Grusel-Groteske durchgezogen könnte ihm beachtliche Erfolgschancen eröffnen. Das ist wohl der Unterschied zwischen dem Leben und der Kunst, in der Kunst kann das Groteske konzentriert werden, im Leben kommt es mal vor, mal nicht. Und wenn es im Film mal vorkommt und mal nicht, so fühlt der Zuschauer, der wissen will, auf was er sich einlässt, getäuscht.

    Statt eine tragende filmdramaturgische Struktur zu entwickeln, haben die Macher auf einen Bohei von Zusammenkünstelung eines Castes ihre Energie verschwendet; welcher bei schlecht geschriebenen Rollen sowieso egal ist. Mangels Inszenierungskunst der Regisseurin werden außerdem manche Szenen recht steif gespielt, wenn gleich am ersten Arbeitstag im Bestattungsbetrieb Tom auf drei trauernde Frauen trifft, bei der Beengtheit des Institutes eine unglaubwürdige Situation (insofern müsste sie filmerzählerisch dringend begründet werden; wird sie aber nicht), so scheint hier alles auf den Witz hin inszeniert zu sein, dass die eine sich vorstellt, sie sei die Frau des Verschiedenen, die zweite, sie sei die Tochter und die dritte, sie sei die Geliebte. So viel Aufwand für eine wenig ergiebige Szene mit einer dürren Pointe, die mit dem Thema Tod nicht lustiger wird.

    Einsames Licht in der Besetzung ist Nicolette Krebitz als Olga Petrowa in einer überzeugenden Angestellten-Knallcharge mit dem ukrainischen Akzent und strohblonder Perücke; sie hat jene Souveränität, die Voraussetzung ist für die Art makabrer Komödie, die offenbar die Absicht der Filmemacher war. Damit steht sie wie das einsame Männlein im Walde des inhomogenen Castes.

    Wotan Wilke Möhring scheint sich auf seine Rolle überhaupt nicht vorbereitet zu haben, noch scheint er sie analysiert zu haben, schon gar nicht im Hinblick auf das Thema Tod, sonst hätte er sie wohl absagen müssen, wenn er schauspielerisch etwas auf sich hielte. Denn die Figur, einerseits Alkoholiker, andererseits strammer Fußballtrainer, der nur nuancenlos brüllt ist ein Billiggrobian und sonst nichts. Er ist von der Bauchphysiognomie her schwabbelig und dick, entweder ist er so geworden (dann sollte es aber bittschön im Sinne des Makabren für den Film nutzbar gemacht werden) oder er hat sich ungeschickt eine Bauchrolle unters Shirt binden lassen, und wenn ja, wieso? Das ist die einzige Frage, die sich mir zu dieser Rolle stellt.

    Sein Highlight hat der junge Tom in der Szene, in der er am Unfallort erkennt, dass sein Freund Mike das Opfer ist. Wobei das den Zuschauer ziemlich gleichgültig lässt, weil das Buch es unterlassen hat, diese Freundschaft empirisch als einen Wert empathisch mitzuerleben (vermutlich vor lauter Präokkupation durch der Suche nach dem Makabren). Toms expressionistische Gesten und Mimik, die kommen schön, besonders in der Zeitlupe.

    Bleibt von den „Namen“ noch Hannelore Elsner, die hier angenehm zurückhaltend agiert, wenn auch mit einer Präsenz, die keinen Untertext zulässt, schon gar nicht zum Thema Tod. Sie scheint so nah wie möglich bei sich selber zu sein. Aber ihre Texte haben etwas Fremdes, wirken wie aufoktroyiert. Frau Elsner dürfte schätzungsweise besetzt worden sein, nicht etwa, weil sie für die Rolle prädestiniert wäre, sondern weil Regisseurin und die Produzenten davon ausgehen, dass sie mit einem Letter of Intent von ihr (ebenso wie von Möring und Krebitz) die Subventionen wie am Schnürchen zum Fließen bringen. Die kalkülfunktionablen Schnürchen spielten in diesem Falle Medienboard Berlin-Brandenburg und dieMitteldeutsche Medienförderung.

    Die Chefs dieser Filmförderer, Kirsten Niehuus, Elmar Giglinger (Geschäftsführung Medienboard Berlin-Brandenburg) und Manfred Schmidt, (Geschäftsführer Mitteldeutsche Medienförderung), die für ihre Posten sicher anständig bezahlt werden, sollten dafür gute Leistung erbringen und Mitarbeiter einstellen, die Ahnung vom Drehbuchlesen haben und die nicht halbfertige Drehbücher fördern, deren Verfilmung im Kino kaum Aussicht auf Chancen zum Überleben haben. Der dumme DFFF unter Monika Grütters, der auch mitgefördert hat, der schaut gar nicht erst hin, was er fördert.

    Ute Wieland besorgte die hemdsärmelige Regie. Sie knallte eine vermeintlich fetzige Musik drüber, die vermuten lässt, dass sie sich damit an ein junges Publikum ranschmeißen möchte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Rechnung aufgeht.
    Dialog: Lehrerin: ein Vollidiot hat die Luft rausgelassen und das Ventil weggeworfen.
    Tom: Willkommen in Grieben.
    Und schon sind die beiden praktisch ein Paar (Regie unter brutaler Negierung menschlicher Kompliziertheit und Mechanismen). Das ist weder satirisch, noch fernsehrealistisch inszeniert, nur unorganisch, unglaubwürdig hingeschleudert.

    Hölzerne Dialoge, immerhin in gewisser Weise zielführend.
    Das Drehbuch verwirrt mit Problemvielfalt und dröselt die auch nicht nachvollziehbar auf. Auf Tom stürmen ein: die Frau, die Jobsuche resp. der neue Job, die Fahrprüfung, die HIV-Infektion der Angestellten und dann ist da auch noch der alkoholisierte Vater und schließlich der Selbstmord seines Freundes. Die immer wieder dazwischen geschnittenen Kreiselfahrten in Grieben sind keine Erhellung.

    Leider nimmt auch der Rabe Igor im Bestattungsinstitut keine sinnvolle Funktion ein, außer dass die Filmemacherin uns erzählen will, sie finde das lustig.

    Lehrreich: Herzschrittmacher müssen vor der Kremation aus den Leichen herausgeholt werden.

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    Dokummenation im Modus von Schnell-Schnell-Kommentartext und Geschäftsmodell „von oben Filme“, die Alpen – unser Berge von oben , „Bayern von oben“, „Bavaria – Traumreise durch Bayern“. Inzwischen haben die das ganz gut drauf, die Leute, die sich auf solche Dinge spezialisieren, vor allem die Entwicklung von Kameras auf ruhigem Fluggerät wie Drohnen.

    Insofern haben die „von oben Film“ zum Vornherein einen gewissen Reiz. Sie erfüllen zwei Bedürfnisse, die sicher allgemeinmenschlich genannt werden können, den Reiz des Fliegens, des Sicherhebens über die Erdenschwere, der Leichtigkeit, der Schwerelosigeit und der andere, der mehr geistiger Natur ist, das ist die Befassung mit der eigenen Umgebung, der eigenen Region, dem eigenen Land oder auch anderen Ländern, die Extrapolation nach außen und oben.

    Hier sind wieder Fernsehsender beteiligt. Insofern sind wir als Zwangsgebührenzahler wieder Zwangsmitproduzenten ohne mitreden zu können, will heißen, wir müssen eruieren, ob wir für dieses Projekt Geld gegeben hätten. Für das Thema auf jeden Fall.

    Der Rhein ist von immenser Bedeutung für Europa, für Mitteleuropa mit seiner vielfältigen Geschichte und seiner enormen wirtschaftlichen und kulturellen Aktivität. Für eine 90-Minuten-Dokumentation muss zwingend ausgelesen werden. Umso wichtiger wäre eine klare, thematische Definition des Leitfadens des Interesses, denn nur Hausdächer und Flussläufe von oben reichen nicht. Und da fangen meine Einwände an, da kann ich nur Gründe anführen, warum ich als Zwangsgebührenentrichter den Redakteuren, den Treuhändern dieses Geldes, einen Verweis erteilen würde, ja ich erteile ihn: das Projekt ist dafür, dass es mit Gebührengeldern finanziert ist, zu wenig durchdacht.

    Es scheint so, als seien die einfach mal drauflosgeflogen mit enormem Spaß zwar, aber mit wenig Konzept. Aus dem Materialhaufen versuchten dann Peter Bardehle und Lena Leonhardt einen Film zusammenschneiden und zusammenzutexten. Sie sind also auch für die zum Teil dämlichen Texte verantwortlich. Die sind unter Niveau für einen öffentlichen Auftrag. Um darüber hinwegzutäuschen haben diese Filmemacher das Thema Rheingold von Wagner drübergestreut und was nicht hineinpasste wurde passend gemacht. Prokrustesdoku. Dazu eine Dünnfluss-Heißluft Musikimprovisation à la Wagner auf der Tonspur.

    Hinzu kommt die hysterische Kurzatmigkeit, der Verzicht auf das Verweilen. Klar fließt der Fluss, aber es gibt nicht einen Vorgang, der einprägsam ins Bild genommen worden wäre, beispielsweise der Tagebau der Kohle in Garzweiler, da hätte mit der gleichen Bildmaterialmenge der Vorgang des Abbaus nachvollziehbarer klar gemacht werden können. Flüchtige Montage und Beliebigkeit dominieren inhaltlich den Film. Von vielem ein bisschen und Wischi-Waschi-Kommentare dazu.

    Wenn der Rhein in die Ostsee mündet, dann sei er wie ein alter Mann, heißt es im Kommentar, sorry, das ist echt bescheuert, so etwas auf Gebührenzahlerkosten zu verzapfen und sich auch noch ordentlich dafür bezahlen zu lassen, für so einen unordentlichen Text. Bei der Mündung heißt es, der Fluss würde sich verzweigen, würde das machen, was er in den Bergen schon tut, wie bitte?, beschissene Schlussredaktion!, Pfusch am Film, nicht gut genug für Veröffentlichung, in den Bergen fließen Bäche zum Fluss zusammen und gegen das Meer hin verzweigt der Fluss sich, also zwei vollkommen gegensätzliche Vorgänge. Da hat sich auch Ben Becker, der einen Teil der Texte spricht, rein gar nichts gedacht dabei. Runtersprechen und kassieren. Hat sich zu leicht sein Teil am Gebührenhaufen geangelt. Ungenügend.

    Ich würde mich darüber nicht aufregen, wenn mir nicht vorher schon einige richtig schlecht formulierte Texte aufgefallen wären. Verdirbt einem die an sich schönen Aufnahmen von Helikoptern, die die Stechmücken im Auengebiet bekämpfen, die Lotsen zu einem Überseeschiff fliegen, von Fallschirmspringern mit glühendem Auspuff, von Tante Ju oder einer Verwandten in der Luft, vom Zeppelinflug, von Heißluftballons, von Fluss- und Auenlandschaften, von moderner Architektur, von herrlichen Lichtspielen auf ruhigem oder fließendem Wasser bis zur Gischt des Rheinfalls, von nächtlich erleuchteten Industriekomplexen, von AKWs und Fischtreppen, von der Rotfärbung des Rheins bei einer Chemiekatastrophe in Basel von 1986 (sonst hat die Stadt offenbar nichts zu bieten), Schlösser an der Lorely, Storchenpaare (der gallische Hahn habe den deutschen Adler geheiratet und daraus sei der Storch geworden, meint der Kommentar), die Maginot-Linie, Kirchen, Dome, Kathedralen und Schiffe, Schiffe, Schiffe, Kähne, Fähren.

    Und eine ganz klare, nicht erlaubte Werbung in Iffezheim, beim Schlussschwenk nach dem Rennen geht die Kamera und stellt noch scharf auf „LONGINES“ (Deal mit Kameramann?). Ein bisschen kommt mir der Film vor, wie der Fischer mit dem Schleppnetz: erst wird Material gesammelt, dann gesichtet und zusammengebastelt und dann muss ein Kommentar dazu, der mit dem Rheingold womöglich zu vermantschen ist, billig, billig und dann ein Analog-Wagner darüber gelegt werden, denn dagegen scheinen in Deutschland keine Argumente möglich.

    Angenehm ist, dass auf Statements von Zeitgenossen verzichtet worden ist.

    Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers.

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    Den Haag führt den entscheidenden Schlag gegen ein ganzes Hollywood-Genre, welches den gesetzlosen Arm des Gesetzes in höchsten Tönen besungen und bebildert hat.

    Der Oberbösewicht und Kriegsverrecher Stonebanks soll nach den Direktiven des CIA von dessen geestzlosem Arm, den Expendables unter Sylvester Stallone alias Barney Ross als Inhaber von Ross-Aviation, lebend vor den internationalen Strafgerichtshof gebracht werden. Wenn auch die USA diesem immer noch nicht beigetreten sind, so dringt das Bewusstsein davon offenbar doch ins Action-Genre ein und versetzt ihm gleichzeitig einen empfindlichen Schlag, so dass der vorliegende Film eher wie ein Abdankungskränzchen unter Veteranen wirkt, die einen alten Liebling zu Grabe tragen, wobei sie nochmal zeigen, was sie sich im Genre alles so angeeignet haben, die gewisse Selbstironie, den Glauben an das Team, stramme Pointen, die Kommandi, dass es los gehen soll, das Gespür, dass die anderen einen brauchen; denjenigen unter den Zuschauern, die Filmerlebnisse mit den alten Kämpen verbinden, dürfte ganz warm ums Herz werden.

    Sylvester Stallone, der noch eine gewisse physische Beweglichkeit aufweist, hat mit einem kleinen Stab von Ko-Autoren ganz rührend versucht, eine Geschichte des Nochmal-Ranmüssens zu schreiben. Er fängt mit einer ausgereift packenden Actionszene an, dem waghalsigen Kidnapping eines Gefangenen aus einem gepanzerten und hochgesicherten Gefangenenzug. Den Häftling braucht er für einen Auftrag in Somalia.

    Allerdings wurde ihm die Zielperson unter einem falschen Namen bekannt gegeben. Es handelt sich um den Ex-Expendable Stonebanks, der sich selbständig gemacht hat, der für Geld alles tut und der wegen Kriegsverbrechen vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag gesucht wird. Das wissen Stallone und seine Mitsenioren allerdings zu diesem Zeitpunkt noch nicht; die Mission misslingt. Sie können die Zielperson weder ausschalten noch gefangen nehmen.

    Ross’ Jagdinstinkt ist allerdings geweckt, jetzt möchte er Stonebanks erledigen; wobei ihm vom CIA auferlegt wird, ihn lebend dingfest zu machen. Stallone will es mit einer verjüngten Truppe versuchen, lange dauert das etwas betuliche Casting von Nachwuchs; so recht scheint den alten Stars nicht daran gelegen zu sein, andere neben sich aufblühen zu lassen, obwohl sie so tun als ob – paternalistische Verhinderungskultur; aber auch die wird thematisiert; denn es gibt genügend vermeintlich ernsthafte Dialogszenen, eher bieder würde ich sagen und ehrenwert als aufregend aber mit ein paar niedlichen Pointen.

    Die Erfahrung hat Stallone, dass er gut vorbaut für das große Finale, das große Actionfinale. Es findet statt irgendwo in einer Republik im Osten. Es sind unglaubliche Heldentaten, die er seine Supporter vollbringen, zu denen inzwischen auch die übriggebliebenen Expendables und noch andere gestoßen sind. Es ist als entkämen sie dem Kessel von Stalingrad.

    Nur das mit Den Haag, das klappt diesmal noch nicht. Dazu wird es vielleicht noch eines Expendables 4 bedürfen, um das Seniorenaction- und Reminiszenzengenre endgültig zu Grabe zu tragen.

    Dass es sich um eine Gedenk- und eine Erinnerungsveranstaltung handelt, auch das thematisiert der Film; das demonstrieren die verschiedenen „Tags“ der verstorbenen Mitglieder, die alle nebeneinander an einer Schnur im Flugzeug der Ross-Aviation baumeln und die im Abspann bei den Namensnennungen noch einmal aufgenommen werden als Sujet.

    Bye bye Action. Zwischen den vielen Dialog- und Gesprächsszenen gibt es im ersten Teil noch Hafenaction in Mogadischu mit einem gekaperten Containerkran und einem Container dran. Eine nette Hollywood-Senioren-Freizeit. Yeah, it is all under Control! Das ist die beruhigende Message, die der Film aussenden will

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    Es ist schwer, etwas gegen die Leuchtkraft einer 60-Watt-Birne zu sagen.
    Dieser Satz von Pfarrer Bradely beleuchtet nicht nur die drei Themen in diesem irischen, außerordentlich sorgfältig gemachten Reminiszenzfilm: ganz unsymoblisch die Elektrifizierung, symbolisch religiös, das Licht Gottes und drittens das Kino als ein Ort der Zivilisierung, der eine Birne braucht, um das Licht auf die Leinwand zu werfen. Der Satz kann aber durchaus auch selbstironisch als ein Kommentar von Pfarrer Bradley, gespielt von Martin Sheen, gesehen werden, sich selbst als nicht allzu großes Licht zu sehen, andererseits mit seiner engagierten Weisheit und einem Lebenspragmatismus („die Seele wird durch vieles genährt“) ausgestattet, gegen den kalten, verstockten irischen Norden in der Gegend von Tipperary und im Gemeindesprengel Boris O’Ken. Hier hält gerade die Nachkriegsmoderne der Elektrifizierung der 50er Jahre Einzug; parallel dazu entwickelt sich der ideologische Kampf zwischen Kirche, Politik und Kino.

    Pfarrer Bradley als enthusiastischer Schmalfilmer bildet zusammen mit dem aufgeschlossenen Lehrer Tim aus Dublin ein progressives Gespann, das gegen den reaktionären Politiker Brendan O’Sweeny und den Bischof ankämpft. Dabei setzen sie trickreich Argumente über den Ruhm Irlands ein, die sich konsequent gegen die Argumente der Reaktionäre kehren, den Hollywoodstar Rex Ingram führen sie an, der Irländer, der dummerweise aus protestantischen Verhältnissen kommt oder den Schutzheiligen Irlands, St. Patrick, er ein Einwanderer.

    Der Bischof ist Opportunist gegenug, die Geschäftstüchtigkeit der Amerikaner zu sehen und sie sich zu eigen zu machen. Er will eine neue, protzige Kirche bauen, mehr Le Corbusier als Michelangelo, wie ein Berater meint. Dazu braucht er Geld. Das wird Pater Bradley, der 20 Jahre in Amerika war, doch beschaffen können, das dürfte er doch dort gelernt haben. Bradley will es mithilfe der Eröffnung eines Kinos. Und wie ein Adlatus dem Bischof die Einnahmen einiger Kinos in der Gegend vorrechnet, ist auch der Bischof gewonnen, der vorher noch in einem von der Kanzel zu verlesenden Hirtenbriefen heftig gegen den zweifelhaften und bösartigen Einfluss des Fremden, des Hollywood-Kinos hat anwettern lassen. Jetzt setzt er dagegen seine Überlegung, man müsse den bösen Mächten dieser Welt immer einen Schritt voraus sein, so wie Hollywood. Ein überraschender Schwenk.

    Pfarrer Bradley, der durch seine Glaubwürdigkeit und seinen energischen, zielbewusste Schritt Vertrauen erweckende Martin Sheen, hat zwei Vergangenheiten. Eine fernere in Irland, wo er zur Zeit dieses Filmes von Thaddeus O. Sullivan nach einem Drehbuch von Antoine O. Flartharta nach dem Roman von Michael Doorley wieder wirkt und eine nicht ganz so ferne, offiziell auch präsente in Rom, da soll er „auf den Putz“ gehauen haben. Dorthin zieht es ihn zurück, weil er seine Arbeit über Johannes am Kreuz zu Ende schreiben will; dazwischen gibt es ein 20jähriges Intermezzo in Washington an der katholischen Fakultät. Wenn er ehrlich zu sich selbst wäre, müsst er allerdings zugeben, dass seine römische Vergangenheit nicht ganz so strahlend ist, wie er es gerne hätte. Der Mitbewerber um seine Wunschposition im Klerus, den er als Trottel abqualifiziert hat, war ihm schlicht überlegen und besser qualifiziert. Deshalb darf Bradely jetzt in Tipperary wöchentliche Scheinbeichten abnehmen und der alten Peggy regelmäßig die letzte Ölung erteilen, weil es ihr so gut tut. Eigentlich ist Bradely schon am Packen für die Rückkehr nach Rom, die aber kurzfristig abgeblasen wird.

    Der Film erzält in seinem Hauptteil, welch unkonventionelle, teilamüsante Stattdessenaktion Bradley mit dem neuen, aufgeschlossenen, filmbegeisterten Lehrer Tim unternimmt, um die Finanzierung für die neue Kirche auf die Beine zu stellen. Und wie dabei der ideologische Konflikt zwischen Kirche, Politik und Kino eskaliert.
    Auf die Idee mit dem Kino hat ihn Tim gebracht, denn mit der vom Bischof verordneten Tombola ist kein Geld zu machen.

    Die deutsche Synchro scheint mir fernsehpassabel.

    Martin Sheen, ein Darsteller mit 248 Credits bei IMDb, kurvt traumsicher wie auf beherrschten Kufen über Glatteis durch die Widersprüchlichkeiten seiner Rolle im oft winterlichen Irland. Der mütterliche Ehrgeiz, der ihm einredete, etwas Besonderes zu sein, die glanzlose Realität eine irischen Landpfarrers, der von einer hohen Position in Rom geträumt hat, der das Kino liebt und darin eine Verheissung zur Zivilisierung sieht (dem Bischof gegenüber preist er es an als einen Quell des Wissens, wobei er nicht unbedingt Imkereifilme oder vom Bischof favorisierte Dokumentarfilme über die Aran-Inseln von der Catholic Film Society meint) und der ein begeisterter Schmalfilmer ist (Rom oder Vorgänge zur Elektrifizierung), der sich ertappt bei der Lüge, er sei von Gott gerufen worden und der selbst eine Vergangenheit in Irland hat, die nur wenig erhellt wird. Der den gregorianischen Gesang mit einem Häuflein Unbegabter übt.

    Über den Bischof heißt es, er möge es, Kirchen zu bauen, er habe eine ausgesprochene Leidenschaft für Beton. Dieser Beton bekommt durch Pater Bradleys Wirken ein paar Risse.

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    Unterschätzen Sie keinen Autodidakten.
    Irland, grüne Insel, grüne Kulisse, sanft-grün, eine Augenweide, eine Augenentspannung und immer weht ein leichtes Lüftchen über die Flora. Das ist der ausgesuchte, bewusst und liebevoll ausgesuchte Hintergrund für die Außenaufnahmen zu diesem, wie es heißt, vermutlich letzten Film von Ken Loach, den er nach einem Drehbuch von Paul Laverty, dem wiederum ein Theaterstück von Donal O’Kelly als Vorlage diente, gedreht hat.

    Ein Stück, das in krassem Gegensatz zur harmonischen, friedlichen Landschaft und dessen irischem Grün einen historischen Konflikt erzählt, den zwischen Kirche und etablierten Herrschaften und aufkommenden kommunistischen Ideen, aber auch der Verbreitung von Bildung und Freizeitvergnügen, in welchem Loach allerdings ganz subtil, so wie zwischen den Zeilen zu lesen, die Auswüchse von Ideologie, von ideologischer Verbohrtheit und die Folgen des Endes von Gespräch und des Überganges zu roher Gewalt thematisiert, man mag an die Ukraine denken oder an die arabischen Revolutionen, an den Ausbruch des Bürgerkrieges in Syrien oder in Irak.

    Jimmy’s Hall, genauer die „Pearse-Connolly Hall“, war in den frühen 20ern des letzten Jahrhunderts im nordwestlichen Irland eine Institution, ein Tanzsaal, ein Treffpunkt für die Jugend, den ein paar Idealisten, allen voran Barry Word, gespielt vom höchst kontrollierten Schauspieler James Gralton, eingerichtet hatten.

    Hier konnten die Menschen der Umgebung irische Lieder singen, zeichnen, boxen oder Versen von Yeats lauschen, Musik machen oder tanzen. Das war den Granden und der Kirche suspekt. Sie setzten eine Kommunistenhatz in Gang.

    Jimmy konnte fliehen. Er wanderte nach Amerika aus. Dort erlebte er die Zeit der großen Depression – das schildert Loach souverän in einigen markanten Bildern aus jener Zeit – und zehn Jahre später, 1932, kehrte er zurück.

    Die Dorfjugend wollte, dass er den Laden wieder aufmacht. Seine frühere Freundin ist inzwischen mit einem anderen verheiratet und hat Kinder. Der alte Pfarrer, Father Sheridan, hockt immer noch auf seiner Pfründe und ist ideologisch nicht einen Schritt weitergekommen. Wie vor zehn Jahren versucht er die Wiedereröffnung des Saales zu sabotieren, an seiner Seite die politisch Herrschenden, die Besitzenden. Ein Gesprächsangebot nimmt der Pfarrer zwar an. Jimmys Vorschlag, er könne Einsitz ins Komitee nehmen und nah dabei sein, was wie beschlossen werde, den quittiert der Pfarrer mit dem Vorschlag, gerne, aber sie müssten den Laden dafür an die Kirche überschreiben. Demokratie im Sinne, dass der Partner einen Kniefall zu machen habe.

    Der Pfarrer bedient sich fieser Methoden, um das neu erblühte Leben zu denunzieren. Er stellt sich vor den Tanzsaal und notiert jeden Einzelnen. Am nächsten Sonntag stellt er diese Leute in der Kirche an den Pranger. Da alles nichts nützt und der Laden blüht, fangen die Ideologen an, tätlich zu werden. Es fängt mit gezielten Schüssen aus dem Dunkeln während einer Tanzveranstaltung an. Die Eskalation ist nicht zu vermeiden.

    Der politische Hintergrund im Film ist der Bürgerkrieg in Irland. Aber der Konflikt im Film ist übertragbar; das ist doch genau das, was fassungslos macht, wie konnte der Krimkonflikt eskalieren, wie konnte der Bürgerkrieg in Syrien eskalieren, wie konnte in Irak die Chance zum Aufbau einer bürgerlichen Zivilgesellschaft so vertan werden, dass der Staat bald schon in die Hände ideolgisch verbohrter Extremisten zu fallen droht. Wie konnte es in der Ukraine so weit kommen. Insofern vermag es dieses Meisterwerk von Ken Loach, einen über den Kinobesuch hinaus zu beschäftigen.

    Die Original-Fernsehbilder von einem Besuch von Kardinal Lauri in Irland, der eine Million Menschen mobilisierte, wirken im Zusammenhang mit diesem Film lächerlich (aber über diese Art der Verehrung scheint die Menschheit auch heute noch nicht erhaben zu sein), Ankunft am 20. Juni 1932. Wie Loach diese dokumentarische Sequenz in seinen Film einfügt und wie sie hier zur Wirkung kommt, auch so ein Detail beweist die große Meisterschaft von Loach.
    Wichtig ist die Mutterfigur des Autodidakten Gralton: sie hat ihm in der Jugend die richtigen Bücher zum Lesen gegeben. Kann auch als bildungspolitischer Hinweis interpretiert werden.
    Thema: Verteufelung von nicht genehmen Ansichten. Höchst aktuell.

    Link zu einer irischen Radiosendung von 1977 zu James Gralton.

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    Was wäre, wenn der Mensch 100% seines Gehirns nutzen könnte? Die Antwort darauf malt sich Luc Besson als Drehbuchautor und Regisseur in diesem Film aus.

    Ihn beschäftigt, dass nach aktueller, wissenschaftlicher Erkenntnis der Mensch nur etwa 10 Prozent seines Gehirnes aktiv einsetze. Bei den Affen, mit einem solchen fängt der Film an, der ist übrigens gut inszeniert und trinkt Wasser in einer Urlandschaft, sei es nur etwa 1 Prozent.

    Lucy, Scarlett Johannson, ist Bessons Versuchskaninchen. Je höher er die Prozente der Verfügbarkeit über das Gehirn bei ihr steigert, desto mehr schießen seine Spekulationen ins Kraut, in die Gegend reinen Fantasysepktakels vor. Aber vernünftigerweise nimmt er wissenschaftliche Analysen zum Ausgangspunkt für seine furiose Filmspielerei.

    Den vertrauenswürden Professor für den wissenschaftlichen Input im Film spielt Morgan Freeman als seriösen Forscher, der zum Thema Vorlesungen hält und dadurch rahmensetzende Infos in den Film einbringt.

    Die sinnliche Blondine Lucy gerät in das Feld dieser Spekulationen durch eine handfeste Ausdeinandersetzung, die Besson als soliden Storygrundpfahl an den Anfang rammt. Ein Pärchenkrach vor einem Hotel in Taipeh. Sie streitet sich mit dem abgerissenen Typen, den sie erst einige Tage kennt. Er hat einen Alu-Aktenkoffer am Handgelenk und soll ihn im Hotel einem Chinesen abliefern. Das sei ein Vorgang, der nur 5 Minuten dauere und würde mit 1000 Dollar belohnt. Aus einem Grund, den er nicht rausrücken will, bittet er Lucy, das an seiner Stelle zu tun.

    Plötzlich ist der Koffer an ihr Handegelenk gekettet und es bleibt ihr keine Wahl, so sehr sie sich dagegen wehrt. Im Koffer sind 4 Päckchen CPH4, einer brandgefährlichen, bewusstseinserweiternden Droge in kristallfunkelndem Blau. In den Bauch eingenäht sollen die Päckchen von vier Personen nach Europa geschmuggelt werden. Eine dieser Personen ist Lucy. Ihr Päckchen platzt im Bauch. So ist das Experiment für die Bewusstseinserweiterung freigeschaltet zu Bewusstseinshöhen, die ihr bald schon erlauben werden, mit Hilfe des französischen Cops Pierre del Rio, der asiatischen Drogenmafia zu zeigen, was so eine Bewusstseinserweiterung alles bewirken kann und wie selbst ein Drogenboss wie Amr Waked (der mit der filmstarken Fresse) ausgeschaltet werden kann.

    Das liest sich vielleicht nicht besonders originell und aufregend. Das ist auch nicht das, weswegen mir der Film ganz gut gefallen hat.

    Es ist einmal Lucy. Scarlett Johannson spielt sie verwegen, als ob sie mit jedem Schritt ihr Leben hinter sich lassen würde, als sei jeder Schritt der letzte, sie ist so direkt und gegenwärtig in ihren Gefühlen, versprüht weibliche Geliefert- und Ausgeliefertheit, aber auch weibliche Schlagkraft, in jeder Sekunde ein Blick- und Emotionsfang.

    Es kommt eine weitere europäische Komponente positiv ins Spiel: wie Besson die Transformationseffekte einsetzt und welche (die sind eine Folge zusehender Aktivierung von Gehirnregionen bei unserem Versuchskaninchen, die in Richtung Allwissenheit pendeln; reizvolle Gedankenspiele). Er bebildert sie künstlerisch fantasievoll, er lässt an Walter Ruttmann denken oder an Oskar Fischinger, faszinierende surrealistische Bilder über Gehirn- und Transformationsprozesse. Dagegen sind die Transformers, mit ihrem fünffachen Budget, 200 Millionen, fast schon Armenkinder, zumindest wirkt die dort massenhaft eingesetzte Transformationsillustrationsfantasie unpersönlicher, deutlicher computergeneriert.

    Lucy macht Besson in einem rasanten Ineinanderschnitt von Raubkatzen und Tigerfelljacke als Frau noch attraktiver, urhafter, genderhafter, aber wie ein déjà-vu, das Mittel, das hat er auch schon eingesetzt, kommt mir jedenfalls bekannt vor. Kleinigkeiten zur Erdung der Geschichte: das Gespräch mit dem chinesischen Drogenboss, das über einen Telefondolmetscher übersetzt wird. Sprechen Sie meine Sprache? Die Hilflosigkeit eines Menschen, die schnell in einem anderen Land eintreten kann.

    Die deutsche Synchro hört sich gut an.

    Dazu der 100% zum Geschehen pulsierende Sound von Eric Serra.

    Die Überlegenheit, Überheblichkeit des Wissenden. Lucy zum Professor, wer möchte nicht so allwissend sein. Das Thema Wissen und Beherrschung ist latent vorhanden, wenn auch Besson zwischendrin, wenn es sich grad ergibt, noch schnell eine Autoschredderverfolgungsjagd einbaut, das macht er aus dem Effeff.
    Der Mensch und seine Gier alles wissen zu wollen, alles beherrschen zu wollen, unsterblich werden zu wollen.
    Lucy hat sämtliche Arbeiten von Professor Norman gelesen: ich kenne Ihre Theorie, sie hat einige Lücken, aber Sie sind auf der richtigen Spur. Ein Schlag in die Magengrube des professoralen Überlegenheitsduktus. Dahinter ganz leise, die Frage nach dem Sinn des Lebens, die hier damit beantwortet wird, dass es keinen gebe, nur das Wissen, was man habe, weiterzugeben, kein höheres Ziel.

    Ein schönes Bild sind die Bewusstseinsfäden, die Wege der Kommunikation und des Wissens, die Lucy in der Nähe ihrer 100 % plötzlich überall sieht. Erinnert mich an eine Vorstellung, die ich gelegentlich habe, dass ja im Grunde genommen sämtliche Handy-Gespräche und auch die drahtlose Internetkommunikation etc. alles durch einen hindurch gehen, an einem vorbeigehen müsse, dass man Lucy sich vorstellen kann, wie die NSA, die alles abschöpfen und lesen kann. Alldurchdringung von Allem.

    Um den Kontakt zum Alltagsmenschen nicht zu verlieren gibt es immer wieder menschliche Hickhack-Szenen, die ein paar Vorurteile, Frau am Steuer, virulent werden lassen, wenn Lucy sich ans Steuer mit Rio setzt und er das gar nicht lustig und plausibel findet und sie dann die erwähnte Verfolgungsjagd startet und dabei noch zum Besten gibt, das sei das erste Mal dass sie fahre. Später gibt es noch eine Kussszene zwischen ihr und ihm, auch Superhirne brauchen Liebe.

    Warum mich der Film fasziniert? Weil er auf der Klaviatur eines Stückes Realität spielt, dass eben heute fast überall auf der Welt über den Computer ein riesiges Wissen der Menschheit sofort und jederzeit abrufbar ist. Wobei die Wirkungen beträchtlich anders sein dürften, als die Auswirkungen auf Lucy; da ist vieles abgehoben in den Fantasy-Bereich, aber der Film wirkt wiederum wie ein kühner Tanz auf dem Vulkan menschlicher Hybris.

    Allwissen, Allpräsenz: die Zeit, die hält die Dinge zusammen, bringt sie vorwärts. Lucy auf einem Bürostuhl, sie kann sich in alle Zeiten und Regionen hineinversetzen. Nun, das ist Fantasie, das tut das Kino, das kann der Mensch, wenn er träumt, das kann er bereits jetzt, wo er doch nur 10 Prozent seines Hirnes einsetzt.

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    Die Reise der Erkenntnis auf der Suche nach dem Glück. Was ist Glück? Gemeint ist das private Glück.

    Der Psychiater Hector, Simon Pegg, die Kamera streift in seinem Sprechzimmer prominent Bücher von Jung und Freud, ist durch die dauernde Konfrontation mit der Hoffnungslosigkeit seiner Patienten in eine Krise geraten (da es eine deutsch-kanadische Koproduktion ist, darf Veronika Ferres eine seiner Klientinnen mimen; sie tut es mit so überzeugend männerverschlingend bösem Blick und penetranter Angriffigkeit, dass man allein dadurch die Verzweiflung des Mannes bestens nachvollziehen kann).

    Ein Angsttraum, der leicht und locker am Anfang inseniert wird, bestätigt ihm seine Krise: er fliegt im Doppeldecker mit einem bebrillten und behelmten Hund (und Freund vermutlich) auf dem Sitz hinter ihm beschwingt über und durch die Wolken, er unterhält sich nach hinten mit dem Hund; er fliegt einen Looping. Aus Distanz sehen wir, dass dabei etwas aus dem Flugzeug fällt. Es muss der Hund sein. Mit einem nun erwartbaren Double-Take-Blick nach hinten stellt er das entsetzt fest. Doch da wird er schon von einem geheimen Mitfahrer angegriffen und gewürgt.

    Das Flugmotiv dürfte er seinem Hobby, dem Modellfliegen, entnommen haben. Hector wird showhaft vorgestellt als ein ganz Penibler, Korrekter, der mit seiner Freundin Clara, die befreiend schöne Rosamund Pike, in einem blitzsauberen, steril sauberen Haushalt wohnt und lebt. Die Vorstellung dieser Eigenschaften erfolgt überaus deutlich, fast lehrhaft deutlich, in kinematographischen Großbuchstaben gewissermaßen. Man bleibt als Zuschauer auf interessierter Distanz, denn es wird auch gar nicht um Empathie geworben, es wird wie in einem Seminar ein Fall wie im Reinraum vorgestellt.

    Die Cleanheit hat allerdings den Vorteil, dass man nicht mühsam aus einem Bildertrubel heraus die Message destillieren oder gar erraten muss. Alles ist gesetzt vom Regisseur Peter Chelsom, der mit Tinker Lindsay und Maria von Heland das Drehbuch nach einem Roman von Francois Lelord geschrieben hat. So pingelig wie die Zeichnungen, die in der ersten Phase des Filmes ein wichtiges Element sind.

    Der Entschluss, sich auf den Weg zu der Recherche zu machen, was Glück sei, der kommt überraschend und plötzlich. Gleich wird eine Seite auf dem Showblatt umgeblättert, schon ist er auf dem Weg zum Flughafen. Es gibt noch ein kleines Stimmungssignal für China. Im Moment, wo davon die Rede ist, setzt erstens die entsprechende Musik ein und in nächster Nähe fällt ein blechernes Küchentablett zu Boden und scheppert täuschend echt (ur- oder alt)chinesisch, wie ein Wegweiser auf der Autobahn. Von so kleinen Dingen, die der Trockenheit der reinen Lehre auf der Suche nach dem Glück die Würze erteilen, gibt es noch viele.

    Der theoretische Teil der Lektion ist Hectors Tagebuch, was ihm seine Freundin fürsorglich geschenkt hat. Hier kommen die Lehrsätze, was Glück sei (ob es auch ein Glück sei, dem Unglück aus dem Weg zu gehen) in sauberer Handschrift hinein. Bis zum nächsten Lehrsatz passieren wieder Dinge, die zu einem solchen kondensiert werden können. Die ereignen sich im Flugzeug, in China im Hotel, beim Feiern, in der Disco, mit einer verführerischen Chinesin, bei einer Bergtour nach Tibet und zack wird die nächste Station aufgeschlagen. Es folgt Afrika, dort gibt es eine Begegnung mit einem Guerillaführer, Jean Reno als Diego, durch Kidnapping, mit einem befreundeten Arzt (Glück ist, wenn man als das genommen wird, was man ist, folgert Hector aus dem Hinweis, dass dessen Liebe ein Afrikaner sei). Dann geht’s nach L.A. Dort wird das Thema von Hirnforscherseite aufgedröselt. Und es kommt neu die Bueddelkastenfreundin Agnes ins Spiel, die jetzt glücklich verheiratet ist. Die Genauigkeit der Erzählung kann sich allerdings, da sich abzeichnet, worauf die Erkenntnis zum Glück hinausläuft, auch als sich ziehende Langsamkeit bemerkbar machen.

    Und die Moral von der Geschichte? Über die Ehe geht doch nichts.
    Witzige Wortspielereien, allerdings schwer auf Deutsch vorstellbar: bei einer Patientin ist sprachlich bei der Suche nach Glück nie richtig zu unterscheiden, ob sie Happines oder pines, Penis meint; hier grenzt die psychische Erkrankung an Dadaismus.

    Ein persönlicher Bericht.
    Beispiele von Glücksmöglichkeiten: reich und wichtig zu sein, Zukunft, Polygamie, Unwissenheit (nicht die ganze Geschichte zu kennen), unter den tibetischen Fahnen im Wind sein, das Sweet Potato mit Stew oder auch Feiernkönnen.
    Titulierung: der Indianajones of Happiness.
    Während das Hängen an der Vergangenheit, also an Agnes, nicht zu den Glückskomponenten gehören dürfte.

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