Liebe Leser, kurz vor Eintreten der Datenschutz-Grundverordnung DSVGO am 25.5.2018 werden wir eine schöpferische Pause einlegen, um die Webseite in Ruhe an die neuen Anforderungen anzupassen. Da dies komplex ist (man beachte das „übersichtlich aufbereitete“ Regelwerk in 99 Kapiteln), wird das ca. zwei Wochen dauern. Vor der Umstellung schaffen wir das nicht mehr, da ich verreist bin. Bleibt uns treu und schaut immer wieder vorbei! Wir planen, zum 24.5. offline zu gehen und zum 15.6. wieder da zu sein.

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    Viel Kunst, einmal hohe französische Literaturverfilmungskunst, einmal große Stimmkunst, dann Stimm(und Wort)kunst in brisant politischem Kontext, ferner die Kunst der Patchworkfamilie sowie die Kunst des großen Kinobildes und dann die Ballung von Kunst im Museum. Außerdem eine trübe Recherche auf den Philippinen und im Marvel-Universum ist dieses Mal die Kunst ganz umensunscht. Im Internet gibt’s eine dokumentarische Trouvaille, die Kunst des Umgangs mit Nazipropagandafilmen. Im Fernsehen war detektivische Kunst gefragt bei der Recherche nach dem Mann, der dem Opa die Identität kopiert hatte.

    Kino
    NACH EINER WAHREN GESCHICHTE
    Die schwere Geburt von Literatur aus dem Grenzbereich der Schizophrenie.

    MARIA BY CALLAS
    Auferstehung der Callas allein durch clevere Montage von Archivmaterial.

    NAMRUD – TROUBLEMAKER
    Ein Sänger, der die Welt beschreibt, stößt schnell auf Widerspruch.

    WOHNE LIEBER UNGEWÖHNLICH
    Wenn die Patchworkkids übernehmen.

    HAGAZUSSA – DER HEXENFLUCH
    Die Bilder sind klassisch, großes, episches Kino – die Story kann nicht mithalten.

    SCHATZKAMMER BERLIN – DIE STIFTUNG PREUSSISCHER KULTURBESITZ
    Werbung für die weltweit einmalige Museumsanhäufung in Berlin.

    THE CLEANERS
    Trübe im Trüben gefischt – und doch auf Sensationsmaterial nicht verzichtet.

    DEADPOOL 2
    Witzigsein auf Kommando hat noch nie funktioniert.

    INTERNET
    DAS LEBEN GEHT WEITER
    So hieß der letzte Propagandafilm des Dritten Reiches; so heißt die Dokumentation von 2002 darüber, die geschickt Moderation, Archivfootage und Reenactment zur Erträglichmachung dieser Absurdität einsetzt.

    TV
    DER MANN, DER ZWEIMAL STARB
    Mehr als skurril, dahinterzukommen, dass der eigene Opa gleich zweimal und an ganz verschiedenen Orten gestorben ist.

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    Für den Kulturbeflissenen

    erweist sich diese Dokumentation von Dag Freyer als wahre Fundgrube, eröffnet einen Einblick in die immensen Sammlungen und Schätze der Stiftung Preussischer Kulturbesitz (und bei Wikipedia), die eine Ansammlung unterschiedlichster Museen mit Spezialisten auf allen Gebieten ist.

    In diesen Museen wird nicht nur ausgestellt und konserviert, hier wird auch geforscht. Und nicht nur hier. Da kommt es zu einem Ausflug nach China zur Betrachtung von buddhistischen Höhlenschätzen. Oder es gibt einen Ausflug nach Kamerun und zu einem immer noch existierendes Königreiche Bamun. Der Thron des Sultans aber steht in Berlin im Museum; keine Raubkunst, ein Geschenk an Kaiser Wilhelm. Hm, Kolonialismus.

    Der Kommentar im Film versucht die Kunstwelt mit Lebensfragen in Verbindung zu bringen und so attraktiv und zugänglich zu machen. Die Museen werden gerne mit Besuchern gezeigt. Es gibt Performances von Personen, die Museumsstücke wie Monstranzen vor sich hertragen, auch in der Öffentlichkeit.

    Die Dokumentation von Dag Freyer gibt punktuell Einblicke in die vielfältigen Aktivitäten der Museen, Kooperationen, Thema Restitution, zB des Throns von Bamum, die Involvierung in Rettung von Kulturschätzen und Wiederaufbauthema in Syrien (Aleppo-Zimmer in Berlin). Die Ausbildung von Flüchtlingen zu Museumsführern.

    Die Dokumentation betont den Zweck des Museums als nicht verstaubtem, reinem Ausstellungsort, sondern als Impulsgeber auch für die Zukunftsgestaltung der Gesellschaft, als Bildungsort und Ort der Wissensschöpfung.

    Einzelne Objekt werden detailliert vorgestellt: die Büste der Nofretete, der Berliner Goldhut, das älteste erforschte Schlachtfeld, erste Schriftstücke, Münzen, Humboldtnotizen, die Höhle der hängenden Tauben, Holbein-Teppiche und Beuys.

    Den Film im Kino zu genießen dürfte für den Cinéasten eher unersprießlich sein, wenn jemand nicht gezieltes Interesse an diesem einmaligen Museumskomplex hat. Er ist aber auch zu groß, um als eine spannende Geschichte in 90 Minuten verpackt zu werden, wie es neulich dem Canaletto-Film gelungen ist. Wobei bei diesem das Glück ist, dass das Werk von Canaletto mit der spannenden Biographie seines Mäzens und dem britischen Königshaus verbunden ist.

    Hier bei Dag Freyer ist Kino als PR-Aktion und Werbeveranstaltung zu verstehen, als Präsentation einer Kultureinrichtung – jedoch nicht mit dem systematischen Röntgenblick eines Frederick Wiseman – sondern als Schaufensterveranstaltung nach dem Slogan eines Rekommandeurs „Kommen Sie, schauen Sie, staunen Sie“. Der Film bemüht sich, Berührungsängste zu nehmen.

    Die gefährlichste Weltanschauung ist die Anschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben (Alexander von Humboldt).

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    Jowan Safadi

    ist polyglott, Sänger, Songschreiber, sieht aus wie ein 68er Intellektueller, gehört einer staatlich diskriminierten Minderheit an mit Einschränkungen „in zahlreichen alltäglichen Aspekten wie der politischen Mitwirkung, dem Eigentumsrecht und dem Wohnrecht“, so das Zitat aus dem Vorspann zu diesem Dokumentarfilm von Fernando Romero-Fosthuber nach dem Konzept von Jürgen Karasek und Ari Y. Richter.

    Safadi ist ein aufmerksamer Beobachter seines Umfeldes. Er versucht in seinen Songsg, die Wahrheit zu beschreiben. Aber er weiß, dass wo die Lüge herrscht, die Wahrheit nicht gut angesehen ist. Das hat er selbst zu spüren bekommen mit Vernehmungen, die er nicht verstand, mit Gefängnis. Trotzdem hält er seit zehn Jahren in diesem Land aus. Was wären die Alternativen? Die Ukraine? Dort kann sein Bruder Rock machen wie er will und Frauen gibt es auch die Fülle.

    Jowan Safadi hat ein hellwachen, pfiffig-beschlagenen Sohn, Don, der spricht Englisch, hat einen Hund, ist ein Boxtalent und will Tierarzt werden.

    Als 1948 der Staat Israel gegründet wurde, schafften es etwa 150.000 der 750.000 ansässigen Palästinenser im Land zu bleiben.
    Ihre Nachkommen besitzen die israelische Staatsbürgerschaft und sprechen sowohl Arabisch als auch Hebräisch, aber das Gesetz diskriminiert sie in zahlreichen alltäglichen Aspekten wie der politischen Mitwirkung, dem Eigentumsrecht und dem Wohnrecht.
    Diese Palästinenser sind in der arabischen Welt als „Palästinenser von „48“ oder auch als „48er Palästinenser“ bekannt
    “, so der Text im Anspann.

    Jowan ist ein solch israelischer Araber. Er befindet sich in einer grotesken Lebenssituation. Er hat die Wahl zwischen beschissenen Alternativen: Unter Besetzern und religiösem Fanatismus leben oder im Gefängnis wie im Gaza-Streifen.

    Allerdings hat er noch das Privileg, an Festivals eingeladen zu werden, auch an israelischen. Das hat er bis jetzt abgelehnt aus der Befürchtung, dass sein Auftritt nur für rassistische Propaganda missbraucht wird.

    Im Laufe des Filmes, der dabei ist bei vielen Gesprächen zwischen Vater und Sohn, bei Besuchen bei den Eltern von Jowan, beim Boxunterricht von Don, öfter am Strand auch beim Videodreh für einen Song, im Studio, bei Gängen in die Stadt oder übers Land – gegendmäßig alles traumhaft und paradiesisch, entwickelt Safadi eine neue Idee, bei der er selbst über den eigenen Schatten springt und sich – und damit sein Gedankengut seinem Zielpublikum zugänglich zu machen – weiterentwickelt, ein Song, der mit der provokativen Zeile anfängt, dass die Homophoben alle schwul seien.

    Der Film von Romero-Fosthuber schafft es, in einer verbissenen Gemengelage von Hass und Ressentiment und Vorurteil und Blut und Blut, von permanenter Unversöhnlichkeit, von Völkerrechtsbruch und Stigmatisierung einen Ton reinzubringen, der eine neue Melodie anschlägt. Gerade durch Jowans lockere Art und den Wahrheitsblick, mit dem er sonst allzuleicht Ressentiment- und Vourteilssaiten anschlägt. Sonst bleiben ja nur „fucking Liebeslieder“.

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    Alpenländisches Drama um eine einsame Frau zu Zeiten, als noch die Pest wütete. Ausgiebige Schilderung oder Nacherfindung mitelalterlicher oder frühmittelalterlicher Existenzen, langsamen, landschaftlich abgelegenen Seins. Oder: lebendiges Freilandmuseum mit Urlautdialekt (vor allem anfänglich) und mit Perchten, die von Hexen reden. Es lastet eine Schwere auf diesen Schicksalen. Die Sicht auf die Menschheit als Gewürm. Gegenentwurf gegen die Moderne, Postmoderne und IT-Moderne.

    Alrun (Aleksandra Cwen) lebt allein auf einer Alp mit einem Säugling. Sie wird misstrauisch beäugt von den besser gekleideten Dorfbewohnern. Kinder treiben ihr Spiel mit ihr. Die scheinheilige Swinda (Tanja Petrovsky) tut so, als ob sie ihre Freundin werden wolle, bringt ihr symbolbeladen einen Apfel und bietet sie auf einer friedlichen Bergwiese einem Fettsack von Typen an. Sie macht Bemerkungen darüber, wie diese Bergbewohner stinken.

    Die Vorgeschichte im ersten Kapitel erzählt in einem strengen Winter, wie Alrun als kleines Mädchen allein mit ihrer Mutter Martha (Claudia Martini) in der Einsamkeit haust, wie sie diese nach einem Zusammenbruch pflegt.

    Der Film ist eine Arbeit der DFFB in Berlin, von Lukas Feigelfeld. Er zeigt damit vor allem, was sie an diesen teuren Filmschulen inzwischen gewiss lernen, wie Kinobilder von großem Atem und entsprechender Bildspannung in breitem Format herzustellen sind, wie sie episches Sichzeitlassen lernen.

    Sie lernen, Versatzstücke aus der Asservatenkammer des Horrorgenres wohldosiert einzusetzen in einem Film, der Themen wie Einsamkeit, Isolation, Aussonderung, Sehnsucht nach Liebe bebildert.

    Sie lernen eine ganze Soundmaschinerie unter die Bilder zu legen, die diesen ab und an allerdings mehr Bedeutung aufhalsen, als sie hergeben. Sie lernen perfekt mit Unterwasseraufnahmen umzugehen und eine Riesenshow an Rotchromatographie aus einer Unterwassermonatsblutung und dem Ertränken eines Säuglings zu machen.

    So eindrücklich die Bilder sind, es scheint, dass es vor allem um den Beweis geht, Gelerntes umzusetzen, der Schule zu beweisen, dass sie eine Daseinsberechtigung habe.

    Allein – das ist nach wie vor das Grundübel der deutschen Filmkultur – sie kann nicht oder weigert sich, zu erzählen, zu verraten, was sie erzählen will, zu vermitteln, was das dringende Bedürfnis des Filmemachers ist, dass er diesen Film unbedingt machen muss, außer, um von der Schule ein gutes Abgangszeugnis zu erhalten.

    Faszination durch Einsamkeit und Außenseitertum und durch klassische Kinobilder allein, scheint mir da zu wenig. Es fehlt das Besondere, die persönliche Haltung des Filmemachers zu seinem Thema. Man könnte andersrum fragen: warum wird es diesem Film wie so vielen deutschen Filmen ergehen: dass er sang- und klanglos im Kino untergeht und über die Branche hinaus kaum jemanden interessieren dürfte? Wohl doch, weil er nichts erzählt, was einen heutigen Menschen bewegen könnte, weil er keinen erhellenden Blick, keinen erfrischenden Blick zu seinen (im Kino doch ewig gleichen!) Themen bringt. Das schmerzt umso mehr, je meisterlicher die Bilder sind, wie hier eben.

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    Vor der Vorführung des Filmes werfe ich gerne einen Blick in das Presseheft und mach mir Gedanken, was das wohl werden wir in den nächsten anderthalb Stunden.

    Zu diesem Film von Gabriel Julien-Laferrière nach dem Drehbuch von Francois Desagnat, Camille Moreau, Romain Protat und Olivier Treiner gibt es ein Presseheft von dieser aussterbenden Sorte, richtig schön gedruckt und mit vielen farbigen Abbildungen.

    Die Fotos gaben Anlass zur Erwartung, dass es sich hierbei um einen dieser locker aus dem Ärmel geschüttelten französischen Komödien handelt, die ein soziales Thema mit ungebremst gebündelter Energie quicklebendig auf die Leinwand bringen, ohne jeden Anspruch auf Ewigkeitswert oder Perfektion sondern auf Verbreiten von Kinofreude durch Nonchalence. So kommt es hier auch.

    Die Fotos sind immer prallvoll mit Menschen; es werden keine einzelnen Helden herausgestellt. Das Thema ist die moderne Patchworkfamilie und das Kino darf es auf die Spitze treiben.

    Der kleine Bastian (Teilo Azais) bringt es auf den Punkt, wie das Liebesleben der Eltern abläuft, er hat es schon mehrfach mit seiner Mutter Sophie (Julie Gayet) erlebt: sie verliebt sich, sie heiratet, sie bekommt ein Kind und nach einem Jahr ist die Liebe dahin, die Trennung folgt und der Zyklus beginnt von Neuem. Und Bastian hat ein Geschwisterchen mehr.

    Da die Väter nach der Trennung von Sophie weitermachen mit Heiraten und Kinderzeugen, entsteht eine Patchworkfamilie mit mindestens 7 Geschwistern und Halbgeschwistern und jeder Menge Väter, Mütter und Omas.

    Allein durch die Aufrechterhaltung des Familienbetriebes ist für Turbulenz gesorgt. Wer bringt wen zur Schule, welches Kind ist wann bei welchem Elternteil, wann muss sich die Oma (die sich womöglich mit dem Vorspielen von Demenz davor drückt!) um welches der Kinder kümmern.

    Bastien reicht es, denn es ergeben sich auch Dispute unter den Eltern, weil alle viel Wichtigeres in aller Welt zu tun haben, als sich um die Kinder zu kümmern. Er trommelt seine Geschwister und Halbgeschwister zusammen und heckt einen dramturgisch geschickten Plan aus: die Umkehrung der Erdrotation.

    Die Kinder requirieren die großzügige Altbauwohnung einer Oma und ziehen dort ein. Sie machen das so geschickt, dass vorerst unentedeckt bleibt, dass sie gar nicht mehr zuhause sind, denn alle Elternteile glauben, die Kinder seien gerade beim jeweils anderen Elternteil.

    Wie sie auffliegen, zitieren sie alle Elternteile in die Wohnung und handeln mit ihnen den Plan aus, dass ab jetzt diese Wohnung für die Kinder der stabile Wohnort sei. Die Kinder erstellen einen Fahrplan für die Eltern, wer sich wann um wen zu kümmern habe (das „Shuffle“-System“). Nachher gibt es allseits Manöverbesprechungen.

    Etwa nach einer temporeichen Kinostunde ist es soweit. Dann gerät die Story etwas in Schleudern, fängt sich aber wieder auf mit den Themen des Elternabends und dem beabsichtigten Wohnungsverkauf (Käufervergrämungsaktion durch die Kinder inbegriffen), weil Hugo (Lucien Jean-Baptiste) sich den Traum vom eigenen Restaurant in London verwirklichen will. Damit wäre das schöne Patchworkmodell beendet.

    Und noch die holpernd (nicht vom Erzählduktus, sondern vom Verhalten der Beteiligten her) in Gang kommende Liebesgeschichte zwischen Bastian und Marie (Caterina Murino), die flott auf den Höhepunkt bei einem Konzert hin gebürstet wird mit der fröhlichen Message, dass wir alle im Paradies landen werden. Ganz nebenbei bekommen Airbnb, der Organhandel und auch die Kontaktpflege zu den Kindern über Internet und Großbildschirm (der ist super für Pornos!) ihr Fett ab.

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    Facebookmüllabfuhr?

    Welche Bilder dürfen in den sozialen Netzwerken im Internet gezeigt werden? Sind Bilder von abgeschlagenen Köpfen, wie sie in der christlich-abendländischen Ikonographie (zB das abgeschlagene Haupt von Johannes dem Täufer) selbstverständlich sind, gezeigt werden, beispielsweise ein Opfer des IS mit dem abgehauenen Kopf auf dem Bauch?

    Wobei ein vorgeblicher Internet-Zensor aus den Philippinen detailliert erklärt, dass auf diesem Bild der Schneiderand unscharf sei, also dass das Schneidegerät eher stumpf gewesen sein müsse, womit sich die Prozedur des Köpfens bis zu zehn Minuten hinziehen könne.

    Guilty Pleasures nennt man solche Bilder im Kino (der Begriff kommt im Film auch vor von einer ehemaligen Müllsammlerin verwendet, aber in anderem Zusammenhang, dazu später) und werden eher in schummrigen Kellerkinos vorgeführt. Im Internet sollen sie entfernt werden.

    Diesem Zensurthema widmet sich der Film von Hans Block und Moritz Riesenwieck unter Drehbuchmitwirkung von Georg Tschurtschenthaler. Es ist ein heikles und in der neuen Kulturtechnik von Internet und sozialen Netzwerken noch keineswegs bewältigtes oder standardisiertes oder kanonisiertes Thema.

    Die Netzwerke wie Facebook, Google, Youtube stehen unter Beschuss und Rechtfertigungszwang. Archivfootage aus Hearings vorm amerikanischen Kongress in 2006 und 2017 belegt das. Der Facebookvertreter behauptet, seine Firma hätte Tausende von Mitarbeitern, die mit dem Entfernen von unerwünschten Inhalten beschäftigt seien.

    Wer das wo, wie und unter welchen Bedingungen tue, das aufzudecken, behauptet dieser Film nun konspirativ-reißerisch.

    In Manila sei er fündig geworden. Ehemalige Mitarbeiter erzählen in einem leerstehenden Bürogebäude von diesem Job, der manche in den Selbstmord treibe. Sie erzählen in die Kamera oder werden nur mit Texten zitiert. Sie erzählen von Verschwiegenheitsklauseln, wie viele Bilder sie pro Tag durchschauen müssen, vom „guilty pleasure“ (den Begriff benutzt hier ein Mädchen, das vorher im Müll gewühlt hat – hat sie den Begriff vielleicht auf dem Müllberg gefunden?), in einem Pornoshop Dinge kennengelernt und angeschaut zu haben, die bei Facebook nichts zu suchen hätten.

    Der Running-Beweis-Gag des Filmes lautet „Delete – delete – ignore – delete – ignore…“ . Graphische Spielereien mit den Lichtern einer hell erleuchteten Stadt, die gen Himmel steigen, sollen Plausibilität suggerieren.

    In der Machart handelt es sich um Sensationsjournalismus, der sein Geschäft mit dem Grauen macht, indem er sich darüber entsetzt, dieses aber gleichzeitg abbildet. Zum Beispiel der unglaubliche Zufall über das Bild eines toten Kindes, Kriegsopfer, das in einem Wasser liegt. Der Kopf wird auch im Film erkennbar gezeigt. Gleichzeitig behauptet der Film aber, so etwas gehöre sich nicht.

    Dann zeigt der Film den Fotografen, wie er den Kopf aus dem Bild wegkratzt. Zudem hat dieser vorgebliche Doku in Manila just den Mitarbeiter ausfindig gemacht, der das Bild aus dem Internet aus Gründen des Anstandes entfernt habe. Ein ziemlicher Zufall bei der großen Anzahl Bilder, die die zensieren müssen und bei den vorgeblich Tausenden von Mitarbeitern.

    Das größte Glaubwürdigkeitsproblem schafft sich der Film dadurch, dass er nicht einmal, wie es der berühmte Dokumentarist Moore wohl gemacht hätte, erst versucht bei dieser geheimen Institution in Manila anzuklopfen, dass er nicht versucht, bei Facebook zu recherchieren, wo denn die Tausenden von Mitarbeitern, die unerwünschten Content entfernen, sitzen, dass er nicht wenigstens die abweisenden Antworten von Facebook oder an der Pforte des ominösen Gebäudes als Beweis für seine Recherchebemühungen bringt. Oder genauso wenig eine allfällige Reaktion von Facebook auf diese Recherche.

    Es wirkt so, als gäbe es in diesem Zensurbetrieb nichts Schriftliches, keine Arbeitsverträge, keine Verschwiegenheitsklauseln, nichts, was belegen könnte, dass die vorgeblich ehemaligen Mitarbeiter dort einmal wirklich gearbeitet hätten.

    Stattdessen gibt es privates Footage von diesen Leuten, das zum Thema ohne Belang ist und nach Klastschspaltenjouranlismus aussieht. Wobei mir letztlich nicht klar ist, was die Filmemacher mit dem Film bezwecken. Wollten sie sich einen Jux machen?

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    Hier köchelt die hohe französische Filmkultur wohlig und meisterlich im eigenen Saft. Sie können es einfach, die Franzosen, ob Liebe oder – wie hier – die zwingende Bebilderung der künstlerisch-schöpferischen Prozesses mit den zwei Seelen in der Brust am Beispiel der Erfolgsautorin Delphine Dayrieux (Emmanuelle Seigner) und ihres Doubles Elle (Eva Green).

    Großartige Darstellerinnen, die den Zuschauer unwiderstehlich verführen, mit ihnen diesen Gang in die Abgründe des Künstlertums und seines Erfolges an der smarten Hand von Roman Polanski, der mit Olivier Assayas auch das Drehbuch nach dem Roman von Delphine de Vigan geschrieben hat, mitzutun und sich von diesem Prozess, der bis an die Grenzen der Persönlichkeitsspaltung geht, faszinieren zu lassen.

    Die Story fängt mit einer Signierstunde der Autorin Delphine Dayrieux an, die deutlich macht, welche Bedeutung ihr Werk – und damit die Autorin selbst – für die Leserinnen und Leser hat. Wobei interessant ist, dass die meisten Menschen eine Widmung für einen anderen Menschen verlangen. Die Macht des Autors. Die Beziehung zwischen Sprachschöpfer und Geschichtenerzähler/in und dem Publikum, dem Kunden. Zuletzt meldet sich Elle.

    Ab hier wendet sich der Film dem Schaffensprozess zu. Denn Elle dringt immer weiter in das Leben von Delphine ein. Während der Mann von Delphine, Francoix (Vincent Perez), ein Fernsehmoderator, häufig durch Abwesenheit wegen Moderatortouren glänzt. Und noch eine und noch eine.

    Das Leben von Delphine spielt zwischen ihrer Pariser Stadtwohnung und einem einfachen Ziegelhaus auf dem Lande. Merkwürdigerweise wohnt Elle in der Stadt in einem Haus auf der anderen Straßenseite, einige Etagen höher, mit Sichtkontakt.

    Äußerlich ähneln sich die beiden. Wobei schon in der Perfekton der Haarfärbung ein merklicher Unterschied zwischen dem makellosen Kastanienbraun von Elle und dem von nachwachsend grauem Haar durchzogenen Kastanienbraun von Delphine zu konstatieren ist.

    So liegen sich diese zwei Ichs der Autorin in vielem in den Haaren, unterscheiden sich, ringen miteinander, kommen nicht voneinander los.

    Delphine ist die Perzeptiv-Fühlige, die zu Verunsichernde, die Zweiflerische, die Empfindsame, die für Unfälle anfällig ist bis hin zum Sturz in den Straßengraben. Aber sie ist auch die Unerschrockene, die selbst mit Gipsbein sich in den Keller traut, um Mausfallen aufzustellen.

    Während Elle stets lächelt, maskenhaft, im Auto sitzt selbstverständlich sie am Steuer, sie übernimmt das Kommando über das Organisatorische, schützt nach Außen eine Schreibblocke von Delphine vor.

    Andererseits ist Delphine skrupellos genug, Elle als Schürfgrube für Geschichten zu benutzen, das, was Elle erzählt, umgehend in die Geschichte einer wahren Begebenheit einzubauen. So bleibt denn offen, wie weit die ursprünglich wahre Geschichte wirklich existiert oder wie weit sie allein durch Einbildung Wahrheit gewinnt, so dass sie plausibel erzählt werden kann.

    Das selbstbewusste Ich gegen das labile Ich, das eitle Ich gegen das kreatürliche Ich, das leidende gegen das herrschend/herrische, das Ich, das über Leichen geht (die Todesfälle um Elle herum) und das Ich, das von seinen Menschen verlassen wird (die Kinder studieren, der Mann ist berufsmäßig unterwegs), das wehrlos sich gibt. Das Ich, das die Mitmenschen mit ihren Geschichten ausbeutet und das Ich, das ein schlechtes Gewissen bekommt dabei (der Traum vom Eklat mit den geheimen Tagebüchern); das Problem künstlerischer Selbstzerfeischung, Selbstzerstörung, Selbstausbeutung.

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    Perfekte Rolle.

    Das ist die Callas, die berühmte Sängerin, Weltstimme, umjubelt in den Opernhäusern der Welt, von einer ehrgeizigen Mutter früh in die Sängerinnen-Karriere gedrängt, fleissig, zuverlässig, schnell lernend.

    Sie war einer der größten Stars der 50er und 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts und hat das Startum perfekt gepflegt. Das zeigen Archivaufnahmen: Pelz und Perlen, Blumen, Meuten von Photographen, Flugzeuge und Limousinen und immer stark geschminkt, vor allem die Augen, die stets souverän und gerecht groß in alle Richtungen gerollt werden.

    Tom Volf hat diesen Film ausschließlich aus Archivmaterial montiert, keine dummen, überflüssigen Statements sind drin, keine Fachleute, Laien, Nachbarn geben ihren Senf dazu. Keine Statements von Heutigen. Callas und Maria sprechen aus dem Archiv zu uns.

    Durchgehend kommt ein längeres Interview mit dem Journalisten David Frost vor. Es ist in Schwarz-Weiß gedreht und zeigt ein intelligente, selbstbewusste Frau, während der Journalist qualmt. Zeiten waren das.

    Volf hat den Film nicht nur biographisch geordnet, er hat ihn auch thematisch auf einer Äußerung der Callas aufgebaut. Das sind die zwei Personen, die sie ist, einerseits die Privatperson Maria (die zwar immer auch in der Callas drin sei) und die berühmte öffentliche Größe, die Callas, für die sie ihr Leben hergegeben hat, ihre Karriere, die aber andere frauliche Wünsche nach Häuslichkeit und Kindern verhindert hat. Das ging einfach nicht.

    Im Laufe des Filmes schält sich nach Schicksalsschlägen und Enttäuschungen immer mehr die Maria heraus, die sitzt leger in Hippie-Kleidung am Pool, Frisur und Schminke nicht mehr so dick und perfekt; sie sagt auch, sie hätte nicht mehr jeden Tag geübt.

    Der Film ist auch ein hochspannendes Dokument über Startum, wie es möglicherweise noch heute vorbildlich für das Promitum ist. So wie die PR-Agenturen für Filmpremieren den Roten Teppich organisieren und inszenieren, spricht doch dafür, dass sie eigentlich von solch vergangenem Startum träumen. Als es noch Stars gab.

    Über ihr Seelbenleben geben Briefe Aufschluss, besonders aus Krisenzeiten, wie Onassis, mit dem sie jahrelang befreundet war, über Nacht Jacqueline Kennedy geheiratet hat, oder darüber dass sie wieder singen möchte.

    Eva Mattes liest die Briefe auf Deutsch und es ist erstaunlich, wie sie sich in die Callas einfühlt, so dass man fast den Eindruck bekommt, die Callas würde auch Deutsch sprechen.

    Auch in der Karriere ließ die Callas die eigensinnige Maria stürmisch durchdringen: es gibt ein Interview, wie sich die Met von ihr getrennt hat, da zieht sie vom Leder über die verstaubten Inszenierungen dort, regt sich richtiggehend auf, dass sie vor der ersten Aufführung nicht mal die Kulisse gesehen habe und dass sie in jeder weiteren Vorstellung jedes Mal andere Gesangspartner hatte und dass sie sich mehr Neuinszenierungen wünsche und überhaupt, dass sie keine Routine mag. Dagegen lobt sie Dallas, wohin sie stattdessen ausweicht.

    Ein Film der sich gerade in der Konsequenz des unserer Ansicht nach veralteten Startums im Kopf festsetzt, sodass die Bilder wie Überblendungen noch heftig in den Nachfolgefilm hineingewirkt haben, (eine amerikanische Coming-of-Age-Komödie der seichten Art).

    Sowieso für Callas-Fans: viele Arien werden über das vielfältige Bildmaterial gelegt, das aus Interviews, Super-8-Filmen unterschiedlichster Provenienz und News und auch den Dreharbeiten mit Pasolini besteht. Und doch ein altmodisches Frauenbild: am liebsten Familie und Mutter und dann würde sie die ganze Karriere nicht brauchen – sie hat wegen Onassis für einige Jahre das Singen ruhen lassen.

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    Lassen Sie mich spekulieren. Vom Film Deadpool, der noch keine Nummer (1) hatte, waren Kenner und Liebhaber des Marvel-Universums, sowohl der Comic-Bücher als auch der Filme, dermaßen angetan und sie haben so geschwärmt davon, dass es einem leid tat, den Film – aus welchen Gründen auch immer – verpasst zu haben.

    Aber! Niemand konnte einem sagen, was und wieso der Film so gut gewesen sein soll, ich konnte mir keinen Reim machen. Wenigstens Nummer 2 sollte da zum Must See werden, um auf den Erfolg von 1 aus meiner eher randständigen Position zur Marvel-Welt hochrechnen zu können.

    Der Erfolg von 1 muss darin gelegen haben, dass sich die Autoren und Zeichner (resp. Computeranimateure) mal die Beine vertreten wollten von der Fließbandproduktion der Superheldenfilme mit ihrem Narrativ zur Heiligung dieser Helden, die eins übers andere Mal das Universum retten müssen – und wo stefe schon glücklich ist, wenn er einigermaßen die Story zusammenklamüsern kann.

    Zu viel Ernsthaftigkeit kann ermüden. Da tut etwas Superhelden-Dada auf der Metaebene ganz gut, Blödelei und Verballhornung. Das kommt auch für den Konsumenten überraschend, wenn das strenge Figurregime unangekündigt durchbrochen wird, wenn die Helden aussteigen aus der Story, aus der Show und von „Spoiler Alarm“ sprechen oder vom Franchise, das sie seit 12 Jahren durchziehen. Wenn sie sich lustig machen über sich und ihre Ernsthaftigkeit, wenn ihnen alltägliche Malheurs passieren und sie witzeln können.

    Wenn ein Held vom „Juggernaut“, einem Riesen wie eine Radkappe von einem Auto, mir nichts dir nichts entzwei gerissen wird und dem oberen Körperteil Babybeine nachwachsen – natürlich hat er was dazwischen, das muss gezeigt und besprochen werden.

    Diese kompensatorische Humor- und Frotzellage hat was Erfrischendes und ist ein Mittel gegen die Verbiesterung, wenn sie sozusagen organisch passiert, weil sie sein muss.

    Der Erfolg hat dem Deadpool (1) recht gegeben. Und was machen die geldfixierten Produzenten? Sie wollen in todernster Sequelpolitik Nummer zwei nachschieben. Da ist es jetzt aus mit der Spontaneität. Da ist nichts mehr mit Lustig. Solche Dinge sind weder wiederhol- noch planbar. Jetzt heißt es: Aussteigen aus dem tierischen Superheldenernst auf Kommando und als Programm, Aussteigen um des Aussteigens Willen, Lustigsein um des Lustigseins Willen, Veräppeln um des Veräppelns Willen. Das ist etwa so witzig und unerhaltsam wie Fasching in Bayern, jetzt wollen wir mal die Sau rauslassen.

    Forciertes Pleiten-, Pech- und Pannenszenario inklusive Fallschirmallotria. Und dann noch die Familienideologe: to belong to someone.

    Die Regie führte David Leitch (John Wick) nach dem Buch von Rhett Reese, Paul Wernick, Ryan Reynolds nach dem Marvel Comics von Rob Liefeld und Fabian Nicieza.

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