Liebe Leser,

    diese Seite wird voraussichtlich in den kommenden Wochen zu einem neuen Dienstleister umziehen. Dieser muss jedoch erst noch gefunden werden. Sollte filmjournalisten.de also in Bälde einmal ein paar Tage offline sein, bitte nicht verzagen – wir kommen wieder!

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    Dieser Film von Claudia Sainte-Luce kann eine positive Festival-Resonanz zu seinen Gunsten anführen, vom Toronto International Film Festival (International Critics’ Avard Discovery), Festival del Film Locarno (Preis der Jugendjury), Mar del Plata Filmfestival (bester iberoamerikanischer Film), Baja Interantional Film Festival (Bester mexiaknischer Film).

    Er vermag durchaus zu berühren, sowohl durch seine menschliche Grundkonstellation als auch durch seine Machart. Eine einsame, junge Frau, Claudia, die offenbar kein Ziel im Leben hat und in einem Supermarkt Wurst oder Epilationsmittel den Kunden anpreist und probieren lässt, lernt bei einem Spitalaufenthalt Martha kennen und findet bei ihr Familienanschluss. Diese Familie ist eine wundersame Mischung aus Mutter, drei gerade so ausgewachsenen Töchtern und dem Nachzügler Armando, einem Buben als einzigem Mann im Haus, der auch für die Wäsche der Frauen zuständig ist.

    Die Filmemacherin verhält sich wie ein Mitglied der Familie selbst, die immer dabei ist, die selbstverständlich wie ein Teil der Familie akzeptiert wird und von ganz nah die Szenen dreht, die Claudia allmählich in die Familie integrieren, die aber auch die Krankheit der Mutter, die vom AIDS-Virus infiziert ist, nicht verschweigt.

    Claudia wächst der Familie und die Familie Claudia ans Herz und dem süß gecasteten Jungen mit seinem gefährlichen Katzenfisch, den er geschenkt bekommen hat und in einem kleinen Aquarium hält. Das kommt alles wie selbstverständlich, wie privat, ganz persönlich rüber. Intimstes wird ohne Hemmung ausgelplaudert. Kein Wunder, basiert der Film doch auf persönlichen Erlebnissen der Regisseurin, damit haben schon viele Filmemacher auf sich aufmerksam gemacht, allerdings gibt sie laut Presseheft zu verstehen, dass es sich um geschönte Erinnerung handle, und das ist vielleicht der Punkt, warum ich dann doch plötzlich mich von dem Film distanziere, weil mir das zu süßlich wirkt, zu geschönt, zu dick aufgetragen auch der Titel des Filmes, der wie auf fetter Rabattwerbung dick auf das Goldfischaquarium drauf gepeppt ist und mehrfach gezeigt wird und dass die goldene, mechanische Katze im Abspann noch das Winken anfängt, da frag ich mich dann doch, was will die Regisseurin uns erzählen, ein Leben wie sie es gerne hätte, gerne gehabt hätte?

    Der Vorteil des Persönlichen in so einem Film ist die Glaubwürdigkeit einzelner Szenen, wenn Armando und Claudia Pfirische aus einer Konservendose essen und einen Wettbewerb veranstalten, wer schneller eine Hälfte runtergeschlungen hat und dabei noch das Wort „Armando“ ausspricht. Oder wenn das ganze Frauenhaus sich entscheidet, im gelben VW-Käfer eine Fahrt ans Meer zu machen, wie die pralle Wendy sich ins Auto reindrückt, das ist schon sehr komisch.

    Dagegen wirkt für mich das Ende, nach dem Tode von Martha als angestrengtes Gebastele ohne cineastischen oder narrativen Mehrwert, wie ihre Asche in den Straßen von Mexiko verstreut wird, wie die einzelnen Figuren vor die Kamera gestellt werden und darüber die Ratschläge, die die Verstorbene ihnen gibt, gesprochen werden, da soll offenbar etwas rund gemacht werden, was so nicht zu runden ist. In einem Cinema-Non-Vérité. Das wirkt auf mich sentimental. Kann mich die Sentimentalität einer mexikanischen Regisseurin interessieren, soll sie micht interessieren? Vielleicht ist es das Dilemma der Filmemacherin, dass sie selber das Substrat für die Figur Claudia abgibt, sie andererseits als Beobachterin Martha und ihre Kinder im Fokus hat und so nicht ganz klar wird, was genau sie uns erzählen will, darüber hinaus, dass diese Zeit für sie eine emotionale und wichtige Zeit gewesen sei.

    So interessant diese Claudia ist, so schön sie sie uns am Anfang vorstellt, ihre Insichgekehrtheit, wie sie von Süßigkeiten, die in Violett alle raussucht, wie einsam ihr vollgestopftes Zimmer aussieht. Theoretisch ist klar, dass sie sich ändert. Aber das erzählt uns die Regisseurin meiner Meinung nach nicht so nachvollziehbar, dass es für mich eine spannende Geschichte wird. So bleibt der Eindruck von Anrührung und Gefühl. Auch dass der kleine, schnuckelige Armando die Frage stellt, warum muss immer so etwas passieren; er mag das gesagt haben, das wäre ein wunderbarer Satz für eine Hauptfigur, deren Konflikt auch analysiert und drehbuchtechnisch zum Festzurren der Handlung genutzt worden wäre. So steht er etwas ungerahmt da.

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    Ein Bariton als Stopfmaterial im Sommerloch.

    Werbesendung der Kulturabteilung des öffentlich-rechtlichen Zwangsfunkes für einen Sänger, mit dem der BR als Artist in Residence arbeitet, der offenbar zum Star aufgebaut werden soll und den der Sender für spannend genug hält, ihn ins spätabendliche Sommerloch zu stopfen.

    Ein Sänger, von dem ich nie etwas gehört habe, der offenbar eine wichtige Position im internationalen Klassikzirkus einnimmt. Diese Dokumentation von Eckhart Querner (Redaktion Sabine Scharnagl und Ulrich Gambke) kann ihn jedenfalls nicht genug loben („einer der besten Sänger unserer Zeit“), kann nicht genug hervorheben, was für ein toller Sänger er sei, wie begeistert das New Yorker Publikum reagiere.

    Mich turnt die Stimme nicht an, obwohl festzustellen ist, dass er ein sehr präziser Sänger ist und gerade auch in der Textartikulation sicher beste Noten verdient („extramusikalische Intelligenz, wie er Text rüberbringt“). Aber diese Zwangsgebührengelder-Dokumentation ist nun nicht gerade dazu angetan, sich für diesen Sänger weiter zu interessieren, einen glauben zu machen, man habe hier jemanden entdeckt oder verpasst.

    Mich wundert das Zitat von Dietrich Fischer-Dieskau nicht, dass er nicht an dessen Talent glaube. Der Sänger heißt Christian Gerhaher, erwähnt dieses Zitat höchstpersönlich und stammt aus Niederbayern; sein Dauerpianist ist ein Jugendfreund von ihm. Dessen Vater war Musiklehrer und hat den Sänger entdeckt, der Medizin studierte. So hat er denn die Anatomie mit dem Gesang vertauscht.

    Etwas von einem Anatomen haftet diesem Liedsänger durchaus an. Totes Liedgut auseinandernehmen, mit der Pinzette vortragen (Selbstzitat: “ein nörgerliger Pedant, der sich im Kleinen verliert“). Seine Agentur versucht mühsam, ihn an der Oper unterzubringen – das dürfte mehr Geld einbringen. Zu dem Thema macht der Sänger seine Skrupel geltend, denn auf der Bühne würden Sänger in die Maske hineinsingen, was sich auf den Liedgesang nicht gut auswirke; der Hang zum röhrenden Opernsound.

    Die Anatomie einer „Karriere“ wird hier vorgestellt mit dem anödenden Mix aus Stimmungsbildern aus New York („Lieblingsstadt des Sängers“, „er mag die englische Sprache so gern“), dem Hauptbahnhof Zürich, Zugfahrten, Bahnschaffner, der pfeift, zwei Niederbayern in New York („Weltelite-Duo“), St. Englmar im bayerischen Wald, Statements, wie toll er wieder gesungen habe, Schmuddeltassen aus Schmuddelkaffees, der großbürgerlichen Kindheit in wunderbarem altem Haus, Kindheitsstories, Impresssionen aus Luzern und der Anatomie in München, dem Gäuboden und Straubing, Babyfotos, den üblichen Statements, die hier schier überquellen vor bemühtem Lob von der Agentin, von Professoren und Wissenschaftlern, von Dirigenten und seinem Pianisten. Auf diese Ödnis werden ab und an und immer wieder Fotos aus des Sängers Privatalbum draufgepappt.

    Der Film wirkt wie eine provinzielle Promotions-Veranstaltung im Sinne der Agentur, die durch Opernausschnitte, wo er recht zappelig spielt, wenn es sich nicht gerade um den statischen Wolfram handelt, ihn für die Oper attraktiv machen soll.
    Es ist nichts an diesem Nicht-Star, was darnach schreit über die beschränkten und schrumpfenden Klassik-Kreise hinaus bekannt gemacht zu werden. Deshalb der Eindruck von Bemühung. Er selbst beschreibt sich als nörgelig und detailversessen. Nee, mein Zwangsgebührengeld will ich nicht in so etwas Unergiebig-Bemühtes investiert wissen; alibihalber parliert er ein paar Mal musiktheoretisch über Schumann, Britten, Brahms, Hindemith – aber wer sich da nicht auskennt, steht so klug da als wie zuvor.

    Nach den Bestenlistenbescheisserein des ZDF wird man dem BR-Selbstlob dieses Sängers in dieser Dokumentation als einem „der größten Sänger unserer Zeit“, einem „Ausnahmekünstler, der überall gefragt“ sei, zu Recht mit äußerster Skepsis begegnen.

    Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers.

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    Die harte Münze des poetischen Animé mit einem tieftraurigen, zauberhaft schönen, schmerzlichen Blick auf die Träume der Menschheit vom Fliegen und dessen komplementären Abgründe, angereichert mit einem nahrhaften Einschlag Teutonentum. Das letzte Meisterwerk von Hayao Miyazaki, nicht ganz so federleicht und francophil wie Der Mohnblumenberg, bei dem er allerdings nur am Drehbuch mitgeschrieben hat. Stefes Review anlässlich des Filmestes München.

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    Das Radfahren ist wegen nicht enden wollender Doping-Affären mordsmäßig in Verruf gekommen. Mindestens retrospektiv kann dieser Film die Düsternis etwas aufhellen mit dem dokumentarisch/fiktionalen Portrait des Schweizer Ausnahmeradrennfahrers Hugo Koblet, der „Pedaleur de Charme“ genannt wurde, ein Hinweis auf seine Persönlichkeit, seinen Charakter, der ihm einerseits einen gigantischen Aufstieg in der Radfahrerwelt in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts ermöglicht hat, der ihm andererseits aber zum Verhängnis geworden und mit ein Grund gewesen sein dürfte für seinen frühen Unfalltod 1964. Wobei seine Mitstreiter und Begleiter von damals, heute alles Männer im Greisenalter, noch diskutieren, ob es ein gezielter, selbst inszenierter Unfalltod war oder nicht.

    Der Film ist mehr als nur ein Beitrag zur Schweizer Radrenngeschichte oder ein Radfahrerfilm im Allgemeinen. Er ist ein universelles Drama über einen faszinierenden Mann, der eine unglaubliche Freiheit und Energie kannte, gleichzeitig aber auch diese Begabung und gigantische Kraft für das Radfahren hatte. Ein gutmütiger Mann, der nie Nein sagen konnte, sei es, eine Tour-Etappe doch zu fahren, obwohl er gesundheitlich angeschlagen war oder später, wenn Leute von ihm einen Gefallen, gerne auch Geld wollten, so haben sie es bekommen, ob sie aus seiner Familie stammten oder andere Bekannte waren.

    Dieses mangelnde Geld- und Geschäftsbewusstsein, die Kehrseite seines freien, generösen, charmanten Charakters, hat ihn denn auch ruiniert, hat die Ehe mit einem berühmten Fotomodel in Brüche gehen lassen, seine Tankstelle, die er in der Schweiz betrieben hat, in die Pleite. So dass er vor dem Scherbenhaufen seiner Existenz dastand mit über einer halben Million Franken Schulden.

    Regisseur Daniel von Aarburg, der mit David Keller und Martin Witz auch das Drehbuch geschrieben hat, bleibt im Wesentlichen beim Charakter von Hugo Koblet. Wie er als netter Junge für die elterliche Bäckerei Brote und Kuchen ausfährt mit dem Rad. Wie er dabei sein Talent fürs Radfahren entdeckt. Wie ihm seine Mutter viel bedeutet. Wie sie vielleicht mitentscheidend für sein Freiheitsgefühl ist. Wie er noch gegen den Willen der Mutter ein erstes Radrennen fährt und gewinnt und selbstverständlich Siegesstrauß und Siegesprämie der Mutter gibt, uneitel ohne jede Pose, richtig anrührend ist das. Erst mit dreißig ist er von zuhause ausgezogen.

    Daniel von Aarburg geht nach dem Einstieg mit einer flotten Bild-Jazz-Improvisation aus der Schlussszene chronologisch vor. Er beschreibt, wie Koblet von den Funktionären entdeckt wird, von den Kollegen, wie er schnell auffällt und allen davon fährt. Wie er sich unterscheidet von den Kollegen, die ebenfalls professionelle Ambitionen haben, von anderen Radgrößen, die auf Disziplin, Training und allenfalls auf medizinische Hilfsmittel schwören, während Koblet sich primär wohl fühlen muss, auch mal zu spät zum Training kommt, es nicht so genau nimmt, aber wenn er eine Tour unter den Rädern hat, dann hält ihn nichts mehr, kein Berg kann ihn noch am Gewinn des Giro D’ Italia oder der Tour de France hindern.

    Andererseits ist ihm seine Schönheit wichtig: ohne sich frisch gemacht zu haben, ohne sich frisiert zu haben, hätte er er sich nie aufs Siegespodest begeben. Er ist super gut aussehend und von gewinnendem Charme. Mit Manuel Löwensberg, der Koblet in den nachgestellten Spielsszenen darstellt, ist der Produktion eine ideale Besetzung gelungen, die den Vergleich mit den historischen Aufnahmen nicht scheuen muss.

    Wobei der Film eine Fülle historischer Originalaufnahmen von Radrennen aus dem letzten Jahrhundert zu bieten hat, auch die Umzüge, der Menschenpulk um die Sieger herum. Dass die dumpfen Radfunktionäre dagegen aus dem Mustopf kommen, passt ganz gut, sagt Koblet doch an einer Stelle, die hätten alle keine Ahnung und hätten ihm zehn Jahre des Lebens geraubt. Aber selbst solchen Deppen hat er später noch Gratisbenzin ausgeschenkt, so ist er halt, der Pédaleur de Charme. Er kann nicht böse sein. Eine faszinierende Figur. Interessant auch, dass seine Familie ihn anfangs für zu zart und zu fein für das Radfahren hielt. Er war kein Karrierst. Verbissen wirkte er nie.

    Explodiert wie ein Bombe sei er als praktisch unbekannter Teilnehmer beim Giro d’Italia 1950. Und das ohne Dope oder Spritzen. Zu so einem Leben gehören Frauengeschichten. Mit der österreichischen Schauspielerin Waltraud Haas gibt es ein längeres Verhältnis und dann mit dem Fotomodell, das er auch geheiratet hat.

    Eine Szene wie aus einem Horrorfilm: weil Koblet sich nicht ganz fit fühlt und nicht fahren will, verpasst ihm der Arzt, zigarettenrauchend, sic!, die verhängnisvolle Doping-Spritze, die Koblets Herz weiten und das zu frühe Ende seiner Karriere einleiten wird, richtig schauderlich.

    Menschliche Gutmütigkeit gegen die Rohheit der Straßen und die Hinterhältigkeit des Dopes und des Radrenngeschäftes.
    Daniel von Aarburg hat mit diesem Film ein anrührendes Portrait eines ungewöhnlichen Menschen mit einem tragischen Schicksal, das über den überbordend sympathischen Wesenszügen des Protagonisten sich zusammenbraute, zusammengestellt.

    Nach Tour du Faso in kurzer Zeit bereits der zweite beachtenswerte Radrennfahrerfilm.

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    Die Alten sind die Neuen; die Methusalems beherrschen die Welt, breiten sich in ihr aus, vergnügen sich auf Kosten der jungen Generation und liefern sich mit dieser, brave, fleißige, strebende, angepasste Studenten, Nachbarschaftstreitigkeiten. Dafür haben sie am Filmfest München auch noch den Förderpreis Neues Deutsches Kino erhalten. Die Ansage ist klar und logisch: die Alten müssen gefördert werden. Stefes Review anlässlich des Münchner Filmfestes.

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    Angriff ist die beste Verteidigung, wird sich Viktor Giacobbo, der mit Domenico Blass auch das Drehbuch geschrieben hat, gedacht haben und wenn die Deutschen schon die Kavallerie gegen die Schweiz und ihr Bankgeheimnis in Gang setzen wollen, so wird jetzt der Spieß umgedreht und auf liebenswürdige, TV-kabarettistische Weise – der Film selbst untertitelt sich mit: „eine dokumentarische Konversation zur Beilegung eines nachbarschaftlichen Konfliktes“ -, die Möglichkeit erwogen, dass die Schweiz sich Deutschland als 27. Kanton einverleibt.

    Anlass für den Film waren diverse aktuelle Streitpunkte zwischen der Schweiz und Deutschland: der Steuerstreit, das Bankgeheimnis und die Einflugrouten zum Flughafen Kloten über den Südschwarzwald.

    Ein tieferes Motiv dürften aber durchaus auch diffuse Ängste speziell der Deutschschweizer vor Überfremdung sein, die Zuwandererquote aus Deutschland ist exorbitant, aber auch generell diffuse, mentale Ängste allein schon beginnend bei der Sprache, der Landessprache, die ein alemannisches Idiom ist abweichend von der deutschen Schrift- und oft auch Umgangssprache. Diese Gründe werden aber im Film nicht behandelt.

    Aus diesen Ängsten heraus hat sich Giacobbo wohl für eine fast zärtliche Annäherung an den unfassbar großen Nachbarn, den großen Kanton, entschieden, versucht mit einer Umkehrung der Größenordnungen den eklatanten Unterschied auf den Begriff zu bringen; mit der kleinen Kategorie, die große Kategorie zu ermessen, sie einzukantonen, sie in die eigene Denkweise einzupassen. Was sicher eine nette Spielerei ist, irgendwie aber auch etwas klebrig wirkt, also man traut sich eben nicht so richtig auf Augenhöhe, man schiebt sozusagen jedem Satz noch ein kommentierendes Grinsen hinterher. War ich nicht lustig?

    Trotzdem: eine reizvolle Überlegung, die Anlass bietet für 84 Minuten humoristisch erörternde Unterhaltung, in der viele bekannte Figuren aus beiden Ländern ihre mehr oder minder ernst gemeinten Statements zu dieser Unschärferelation abgeben. Bundeskanzlerin Frau Merkel wird gezeigt, wie sie mit dem Rücken zum Publikum vor einer Schulklasse an einer Wandtafel mit den Umrissen von Europa Berlin lokalisieren soll, kein leichtes Unterfangen. Von deutscher Seite sind dabei Gregor Gysi, Joschka Fischer, der Ex-Außenminister, der sich am Beschlagensten zeigt, was die Schweiz-Kenntnis begtifft, Cem Özedmir, Gerhard Polt, Frank Steinmeier, Elke Heidenreich, die erstaunt darüber ist, dass die Schweiz die Wiege der Demokratie sei, das war doch Griechenland! Gerhard Polt kann vom Teerbelag einer stillgelegten Tankstelle in München-Mitte die Spuren der Geschichte ablesen: dass hier – oder ein paar Meter daneben – im 14. Jahrhundert der Kaiser Ludwig der Bayer Städte im Bereich der heutigen Schweiz in die Reichsfreiheit entlassen habe.

    Es gibt Rückblicke auf die Geschichte von der Schlacht bei Marignano bis zur Zeit, als Rottweil über 100 Jahre lang zur Schweiz gehörte, einen Blick auf die Enklave Büsingen.

    Giacobbo selbst versucht sich in parodierenden Auftritten von Hitler bis Gaddafi.

    Nach etwa einer Stunde Film wird es kurz ernsthafter, da geht um die grundsätzlichen Differenzen in der Auffassung von Demokratie, dass die Schweiz sich das über Jahrhunderte entwickelt hat, beginnend mit der Befreiung vom Hause Habsburg. Solche Aktionen wären in Deutschland schwer vorstellbar gewesen; hier ist nach wie vor eine Angst der Politik vor dem Volk zu konstatieren. Fischer räsonniert über die Konsensgrundlage der politischen Konfrontation in Deutschland, das sei doch ein essentieller Unterschied zur Schweiz.

    Für die Schweiz wäre positiv, dass sie mit diesem 27. Kanton endlich Zugang zum Meer hätte (und die Deutschen zum Tessin). Andererseits gäbe es für einen Tessiner Politiker ein großes Problem, denn die Swiss Miniature, die sich in seiner Nachbarschaft befindet, müsste über sein Grundstück hinaus erweitert werden.

    Es sind einige Sketche in den Film eingebaut. Zwei Darsteller sollen Boat-People auf dem Bodensee spielen, aber die sind ohne Boot gekommen „wir sind vom anderen Ufer“, sagen sie und schwimmen hilfesuchend in Neopren-Anzügen; der Moderator hat keine gute Meinung von diesen deutschen Akteuren. Ein anderer Darsteller spielt einen Nachfahren des Hauses Habsburg, das die Schweizer vor Jahrhunderten vertrieben hatten. Sein Rollenaufgabe: am Miststock rumgabeln.

    Der Moderator hat ausgiebig in TV-Archiven wühlen lassen und den Film mit vielen Ausschnitten sowohl aus Show als auch aus der Geschichte gespickt. Kunterbunt.

    Es ist vielleicht etwas spät, dass dieser Film hier in die Kinos kommt, den Ankauf des Gripen, dieses Kampfflugzeugs, den haben die Schweizer inzwischen in einer ihrer vielen Volksabstimmungen verworfen, das Bankgeheimnis ist gefallen und auch das Minarett-Thema ist nach der Abstimmung aus dem Rampenlicht verschwunden.

    Dieser Film will keinem weh tun und schon gar nicht den Deutschen. Er will letztlich herzig und nett bleibt. Und das tut er auch.

    Ein Film, den man vermutlich am besten zusammen mit Leuten besucht, die einen Bezug zur Schweiz haben, um gemeinsam zu lachen oder Kommentare abzugeben.

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    Viel Umtriebigkeit zeigt Harald Bergmann mit diesem vielseitig geförderten Film, der seine Carte Blanche zur Produktion dem berühmten Namen Nabokov verdanken dürfte, um den sich der irgendwie nicht vorhandene Faden im Film dreht, die im Film selbst thematisierte Intrige (oder Intrigue?) im Hinblick auf die Herstellung von Literatur oder Film; was sich möglicherweise als kardinales Missverständnis entpuppt.

    Nabokov habe, so wird behauptet, und es mag durchaus stimmen, zu seinem literarischen Prinzip das Fehlen der Intrige, also des Spannungsbogens, erklärt. Das, um dem Verlaufen der Zeit, der Angst vor dem Entschwinden der Zeit, ein Schnippchen zu schlagen, wenn ich das richtig verstanden habe. Wobei die Angst vor der Zeit mehr aus der Angst heraus erwachse, nicht zu wissen, was vor der Geburt gewesen sei. Dieses Argument illustriert der Filmmacher nun mit ausgiebigen „historischen“ Aufnahmen einer Familie, die ein Kind erwartet, die leere Wiege, das Stück Stuck, was später neben dem Säugling in die Wiege fällt, und jede Menge recht sportiver Kinderwagen werden von Kamerafrau Elfi Mikesch sachfotografiegerecht ins Bild gerückt. Der Säugling dazu, versteht sich. Museum für feinere Kinderwagen.

    Das zweite grundlegende Missverständnis in diesem Film dürfte eine oberflächliche Interpretation von Godard und seiner Technik der Montage sein: sie wird gesehen als etwas Beliebiges, denn ich frage mich, warum mich Filme von Godard faszinieren, ja und gerade durch die Montage, aber eben auch durch ein Thema, dem er folgt und warum mich dieser Film von Harald Bergmann nicht gleichermaßen zu fesseln vermochte.

    Obowohl doch die hier versammelten kinematographischen Gewerke durchaus professionell zu nennen wären und Mozart als Musik kommt in einem Film mit kulturell-philosophisch-literatischer Ambition immer gut. Der Grund scheint mir der, dass Bergmann die Intrigen-Abwesenheitsthese von Nabokov missversteht als Abwesenheit eines Themas, welches nachvollziehbar, geistig nachvollziehbar ausgebreitet wird, wozu auch ein Film ein durchaus geeignetes Medium sein kann. Bergmann scheint unter geistigem Spannungsbogen Intrigue im Sinne eines Krimis zu verstehen und will in der Absicht einer genuinen Hommage an Nabokov auf diese verzichten.

    So weiß man denn gar nicht, was Bergmann uns hier so kunstvoll ausgebreitet und vertont erzählen will.

    Anekdotisches über Nabokov, der im Alter ein Schmetterlingssammler geworden sei; hierzu gibt es sogar einen Blick in die von ihm hinterlassene Sammlung. Anekdotisches qua Bühnenbild: das Hotel Montreux-Palace am Genfersee, wo Nabokov gewohnte hat oder Villen. Philosopheme zum Thema Zeit in Populär-Parlando aufgetischt. Und vor allem immer und immer wieder Wiederholungen von Sujets: vom blauen Jaguar-Cabrio, was schnell und auch nachts über Serpentinen von Alpenpässen braust oder sich im Nebel verfährt. Dazu mit angenehm-dunkler Stimme vorgetragene Nabokov-Zitate, Poesie schön gelesen kommt auch immer gut im Genre, das sein Geschäft mit berühmter Literatur machen will. Philosopheme als Schwall wahrgenommen und die geistige Linie verschwommen, wenn überhaupt anwesend und nicht auf der Dauerflucht vor der Intrigue. Ferner die Selbstreflexion des Filmemachers in Dialogen vor dem Schneidetisch. Dann noch Exkurse bis zu Augustin; tja, Kirchenväter kommen auch gut. Und wozu das Phantombild von Mozart, das ein kriminalistischer Profiler-Zeichner nach den Knochen entwickelt hat?

    Geschmackvoll verpackter Pseudophilosophengroove. Sekundäres Philosopheme-Wiederkäuen (KulturKuhMechanismus); Rumschaufelei mit lauter wichtigen geistigen Wörtern.

    Vom dramaturgischen Prinzip und dessen Selbstreflexion her beißt sich der Film wie es scheint wie die Katze in den Schwanz. Er gibt sich als Puzzle, aber die einzelnen Teile dürften kaum ein Bild ergeben. Dieser Film scheint an dieser Eitelkeit, ein Puzzle sein zu wollen bei gleichzeitigem Verzicht auf die Intrigue, zu scheitern und sich zu versenden, denn sein einziges Zielpublikum dürften all jene Funktionäre sein, die Gelder für so ein kulturelles Projekt im Dunstkreis einer Berühmtheit zur Verfügung stellen können und die keinesfalls zugeben dürfen, so ein verquastes Buch nicht verstanden zu haben, was mit der Unaufhaltsamkeit unerschütterlichen Kinematographenfleißes über die Leinwand gewalzt werden soll.
    Es steht nicht zu erwarten, dass dieser Film auch nur den Hauch einer geistigen Regung oder Diskussion auslösen dürfte, dass er im Geistesleben, so überhaupt noch vorhanden, virulent werden dürfte.

    Zornige Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers für diesen geistigen Batz!

    Den haben gefördert:
    Medienboard Berlin Brandenburg, Kirsten Niehuus, Elmar Giglinger (Geschäftsführung),
    BKM, Monika Grütters,
    Film- und Medienstiftung NRW, CEO Petra Müller,
    Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, Vorsitzender des Aufsichtsrates, Dr. Horst-Michael Pelikahn, Staatsrat der Kulturbehörder der Freien und Hansestadt Hamburg, ZDF, 3sat , Intendant Thomas Bellut,
    DFFF, Monika Grütters,
    und Schweizer Förderungen und das Schweizer Fernsehen.

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    Ein Franchise-Produkt in 3D und Überlänge, das wird sich beim Eintrittspreis bemerkbar machen. Kino ist Geschäft; hier geht es um Big-Budget. Doch fürs Geld muss auch was geboten werden. Müssen wilde Bildfolgen und Sujets erfunden und entwickelt werden, die den Zuschauer bei der Stange halten und ihm ungewöhnliche Erlebnisse mit Rückendeckung seines Alltages verschaffen. Das wissen die Produzenten, das weiß der Drehbuchautor Ehren Kruger, der sich auf minimste, einfachste Dialoge beschränkt und das weiß auch Regisseur Michael Bay.

    Besonders anfangs fasziniert der schnelle und wilde Wechsel von Sujets, auch von extraordinären Kamerapositionen oder Reihenfolge der Bilder, erst schwebt eine Libelle über einem idyllischen See und im nächsten Moment taucht eine Transformer-Figur auf, ein Ungetüm wie aus einem mittelalterlichen Ritterpanzer, aber raffinierter gestaltet und die Figur scheint wenn nicht von kreatürlicher möglicherweise von künstlicher Intelligenz zu sein; der Filmemacher hat sie durch die Bildreihenfolge in eine Assoziationskette mit einer Libelle gesetzt. Wobei das Motiv später in Form von Minikameradrohnen nochmal virulent wird. Im Klein-Zierlichen steckt das Groß-Gewaltige, im Groß-Gewaltigen steckt das Kleinzierliche; soviel zu einem der möglichen Faszinosa durch so einen Film.

    Eine der Hauptauseinandersetzungen im Film ist die zwischen den von Menschen geschaffenen, künstlichen Transformern und den Invasoren-Tansformern aus dem Weltall. Die Wissenschaft behauptet, das Gen entschlüsselt zu haben, nur geht ihr der Grundstoffe für die Produktion, das Transformium, allmählich aus; zu dessen Gewinnung bedarf es „echter“ Transformer.

    Den Konflikt zum Laufen bringt Protagonist Mark Wahlberg als Robotertüftler Cade Yaeger, der in der Wüste von Texas und immer am Rande der Pleite aus einem Kinonachlass einen alten, lottrigen LKW kauft, bezahlen tut sein Partner.

    Der LKW zeigt uns als erstes, was eine Transformation ist, denn kaum hat Yaeger ihn repariert, verwandelt er sich in eben jenen von Wissenschaft und Regierung gesuchten, berühmten, „echten“ Optimus Prime. Dass Yaeger ihn gerettet hat, wird dieser ihm nicht vergessen. Andererseits gerät Yaeger durch diese unfreiwillige Rettung in den beunruhigenden, gefährlichen Fokus menschlicher Machtpolitik und deren Instrument, den künstlichen Transformern. Yaegers Motiv in nächster Zeit wird sein, seine Familie davor zu retten, vor allem seine Tochter, die doch erst 17 ist und plötzlich einen 20jährigen Freund auffährt. Der wird bei den folgenden Verfolgungen ganz nützlich sein; andererseits regt sich Papa Yaeger herrlich auf darüber, dass sein Töchterchen zur jungen Frau geworden ist, die schon einen Freund hat.

    Die Transformation ist mehr als ein Running Gag in diesem Film, zu welchen Autos und dann wiederum Transformern die sich verwandeln, Rennautos aller Couleur, alller Designs. In der Wüste stößt Prime auf eine Rotte von früheren Kumpels. Die erinnern in ihren folkloristisch anmutenden Transformer-Designs an traditionelle Faschings-Kostüme oder auch an Seeräuber, Freibeuter und die Transformationen selbst geben immer Anlass zu den surrealsten Bildveränderungen. Zauberhaft.

    Zauberhaft auch sind ganze Schwärme von Minidrohnen, undbewaffnet!, mit Kameras ausgerüstet; kann ganz schön nervig sein; der Zuschauer erlebt wie die Aufnahmen dieser Drohen simultan auf Riesenleinwände in den Headquarters von Regierung und Forschung übertragen werden, dort wo die Jungs an den Joy-Sticks spielen; Überwachung total; das Motiv der Regierung ist die Sicherheit der Nation. An einer Stelle hechtet Wahlberg nach so einer Drohne und erhascht sie wirklich und setzt sie außer Gefecht – erzählt uns doch unterhaltsam, dass Drohnen vielleicht doch bekämpfbar sind.

    Das Schema der Konflikte kommt einem franchisehaft bekannt vor. In dieser neuen Folge des Produktes wird am Schluss allerdings noch eine halbe Stunde lang reiner Kaastrophenfilm vornehmlich in HongKong angehängt. Dieser Anhang wirkt, als habe sich der Regisseur in einem Rauschzustand befunden, was man noch alles an Katstrophen erfinden können, wie ein Transformer wie mit einem Transportnetz für Helikopter und hier samt hübscher, püppchengesichtshafter Frau, Tessa der Tochter von Yaeger, vom Erdboden gehievt wird. Oder wie das Raumschiff der Transformer (früher war eine bildliche Genese der Form kurz eingefügt worden, scheint sich aus einer Art Urvogel, wie einem Strauß oder einem Emu entwickelt zu haben) Gegenstände vom Erdboden wie magnetisch anzieht, um sie dann aus großer Höhe fallen zu lassen, und immer noch größere Gegenstände bis hin zum Autobus, der seine Fracht entleert oder bis zum Meerschiff. Haben wir schon in einem Naturfilm gesehen, wie Vögel Nüsse knacken.

    Dieser Katastrophenanhang wird mit schmerzhafter Lautstärke vertont, so dass die Kinosessel beben und diese zu Massagesessel sich transformieren. Was transformiert sich beim Zuschauer dabei? Wohl kaum etwas, denn die Familie ist ein hoher Wert und Dankbarkeit auch und kann in der Not viel zusammenhalten. Der Versuch, die Sicherheit des Staates zu garantierten kann zu gefährlichen Experimenten führen und eine beachtliche Schadenstrecke hinterlassen. Protect the Nation. Protect the Family. Es ist auch von einer neuen Ära die Rede von einem Wechsel in der Geschichte. Was ist da neu, außer dass die Menschen sich bekriegen wie eh und je? So kann Geschichte zur Mode werden und die Mode wird vielleicht zu Geschichte.

    Niedlich ist Yaegers Roboterhund, auch der ein Seelenkräusler fürs Publikum. Weniger niedlich der Aufmarsch von Polizei und Geheimdienst auf Yaegers Land- und Arbeitssitz, weil sie den Optimus Prime (zurecht) bei ihm vermuten. Kleine Weisheit dazwischen gestreut: jede Spezies glaubt, sie sei der Mittelpunkt des Universums – definiert sich so nicht auch Individualität?

    Effektvoll: wenn Optimus sich aus dem Lotter-Lkw in einen stattlichen, rot-silbernen Truck bei rasender Fahrt verwandelt, rasanter als die Entwicklung eines Schmetterlings aus dem Kokon. Und wie er sich in den Optimus zurückverwandelt, tauchen die roten Metallteile des Truckchassis als Teile seiner Rüstung wieder auf.

    Dann wieder Familiy-Geschichte, während der wildesten Verfolgungsjagd will Yaeger Genaueres über den Freund seiner Tochter wissen.
    Kino als furioses Spiel und Montage von Bildern, von den Produzenten ebenso furios eingesetzt als Gelddruckmaschine.
    Dagegen bezaubernder, poetischer Lichterregen, der in Zeitlupe niedergeht nach heftigen Explosionen, an solchen Licht- und Lichtreflexspielen hätte Renoir seine helle Freude gehabt.
    Nach einem Kampf sieht einer der Transformer aus, wie eine der verbrannten Mumien aus Pompeji.
    Zwischendrin pfadfinderhaft lauschige Lagefeuerszene (Hollywood weiß besser als alle anderen, dass der Zuschauer zuhause abgeholt werden muss).
    Manche Transformer scheinen sich nach meinem Gehör mit dem japanischen „Sensei“ anzusprechen, reizvoll, companeros! Die Forschung steht vor einem Quantensprung (sonst bekommt der Zuschauer nicht das Gefühl, dass er Wichtigem beiwohnz).

    Der Glaube an die Technologie: you cannot stop technology.
    I broke the code. We can make you now. We dont need you any more.
    Nation: Human Freedom is at stake; innocent people die. Schöner Staatsslang.
    So today you stand with us or you stand against me (Amerikas Freund/Freind-Apodiktik).
    Titanenkämpfe.
    In der letzten halbe Stunde wird es mittelalterlich-zäh. Wenn auch auf dem neuesten Stand der Technik.
    Und: in einer Stadt kann nach so einem Titanenkampf noch so alles in Schutt und Asche liegen: die Flagge Amerikas, die hängt intakt an der Stange.

    Mark Wahlberg scheint ein umgänglicher, leicht handhabbarer Schauspieler zu sein und tut schön verlässlich das, was die Regie von ihm verlangt. Auch solche Verlässlichkeit kann ein Sicherheitsgefühl transmittieren.

    Man könnte auch sagen: alles halb so wild, wenn’ s nicht so laut und so lang wär.

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    Verschiedene Spannungselemente heizen diesem Thriller massiv ein.
    Was die Gier aus den Menschen und aus ihnen in Massen machen kann, das zeigt uns hier eindrücklich an einem einfach und klar exponierten Fall Takashi Miike, für den Tamio Hayashi das Drehbuch nach dem Roman von Kazuhiro Kiuchi geschrieben hat.

    Der hübscheste, unschuldig wirkende, jüngste Bengel von allen, Kiyomaru, hat alles ausgelöst. Er hat kleine Mädchen umgebracht. Dummerweise war eines davon die Enkelin eines der reichsten Männer Japans. Der hetzt nun die Menschheit auf den Mörder mit abstrusen Forderungen und mit der Aussicht auf noch abstrusere Kopfgeldsummen, die er dafür bietet: nicht Millionen, sondern Milliarden. Solche unvorstellbar hohen Beträge können die Menschen die Besinnung und die kulturell-zivilisierte Contenance verlieren lassen.

    Um der Angelegenheit noch mehr einzuheizen, sie noch gefährlicher zu machen, lässt das Drehbuch die Polizei Kiyomaru, Tatsuya Fuiwara, in der Provinz ergreifen, weit weg von Tokio, wohin er jedoch zu rechtmäßiger Verurteilung gebracht werden muss. Ein hochriskanter Menschentransport steht bevor.

    Die Geschichte wird in den Medien so aufgebläht, dass sich Menschenmassen dem Transport in den Weg stellen, dass Menschenmassen den Mörder umbringen wollen, um das Geld zu kassieren. Die Hysterie steigert sich noch mehr nach ersten blutigen Kämpfen um Kiyomaru, nachdem bekannt geworden ist, dass diejenigen, die es gewagt hatten, auf Kiyomaru zu schießen, vom Milliardär bereits fürstlich entlohnt worden seien.

    Außerdem kämpft die Polizei gegen einen Verräter in ihren eigenen Reihen, ein Strang der Geschichte, der erst sehr spät aufgelöst werden wird. Sie versucht jedenfalls alles Menschenmögliche zu tun, um den Delinquenten sicher nach Tokio zu bringen. Eine Wagenkolonne aus Gefangenentransportfahrzeugen und begleitenden, irrlichternden Polizei-PKWs dürfte schätzungsweise ein Kilometer lang sein und braucht die ganze Autobahn. So kann, denken sich die Verantwortlichen, dem kostbaren, teuren, wertvollen Gefangenen nichts passieren. Bis ein mit Nitroglyzerin beladener Tanklastwagen von vorne und ohne zu bremsen in den Konvoi hineinfährt und somit den äußeren Sicherungsring um das kostbare Gefahrengut wie nichts sprengt. Ab hier bröselt auch der innere Sicherungsring aus etwa einem halben Dutzend Beamten, die die Preziose von Verbrecher wie einen Augapfel hüten.

    Der Mörder selbst verhält sich umgekehrt proportional zu seiner Prominenz. Eher wie ein gutmütiger Junge, halb belustigt, beobachtet er vorerst das ganze Trara, das seinetwegen veranstaltet wird. Einer hat jetzt die rettende Idee mit dem Shinkansen. Aber hier wird es eng, denn so ein Zug bietet, das haben schon viele Filme gezeigt (zuletzt Snowpiercer), genügend Elemente für Thrillerspannung, die Miike auch reichlich einsetzt. Doch das Zerbröseln des Sicherungsringes um Kiyomaru geht weiter, bis er zum finalen Countdown fast schutzlos dasteht.

    Der Film dürfte deshalb so spannend sein, weil einerseits die Exposition ohne Federlesens knapp und klar ist, weil die Dosierung der Spannungselemente meisterhaft ist, gerade auch mit ruhigen Momenten inneren Monologes oder ganz unaufgeregter Gespräche und Lagebesprechungen, die aber zur Konsolidierung des Spannungsfadens unerlässlich sind und auch mit Gefühlen fährt Miike hart am Wind, schreckt vor emotionalen Ausbrüchen nicht zurück, setzt sie aber so wohldosiert ein, dass der Glaubwürdigkeit des Plots kein Abbruch getan wird.

    Visuell und emotional in die Magengegend zielend sind die diversen Massensszenen von Polizei einerseits und den Massen der Menschen andererseits, die alle ihr Teil von der Milliarde sich erhoffen. Die Glaubwürdigkeit wird noch gesteigert dadurch, dass eben nicht alle Menschen so sind. Es gibt an einer diffizilen Stelle fürs Weiterkommen eine hilfsbereite Taxlerin, die ist Menschenfreundin und hat gerade sonst nichts zu tun. Sie weiß, wen sie bei sich hat, ist aber an Kopfgeldjagd nicht interessiert. Die Tatsache, dass die Bewachungsmannschaft bald weiß, dass jemand unter ihr mit einem GPS-Sender ausgerüstet ist, der in die Welt hinaus verrät, wo der Transport und damit die Chance auf die Milliarde sich gerade befindet, strapaziert die Vertrauensgrundlage des kleinen Teams aufs Äußerste. Denn, wer den Gefangenen liefert, der kann auf die Milliarde hoffen.

    In unseren finanziell übertriebenen Kasino-Zeiten ist so eine Milliardenbelohnung durchaus denkbar. Diese Glaubwürdigkeit ist es, die das Genre hier in schwindlige Thrillerhöhen treibt.

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    Die Stärke dieses Filmes fußt auf der spannungsreichen Figurenkonstellation aus dem Originalroman von Andreas Steinhöfel mit dem aufregenden Gegensatz von tiefenbegabtem Autodidakten Rico und karrieristischem, anpasserischem Alleswisser Oskar, der einen akuten, gesellschaftlichen Konflikt spiegelt: überall werden Querdenker gesucht, wenn einer es aber ist, wird er abgelehnt; gilt in besonderem Maße für das hochgeförderte Filmpfründenland. Der Rest ist bemühte, deutsche Subventionsfilmerei mit Anspruch auf gute Noten und Mangel an Querdenkerei, was leider keine Kinobegeisterung schaffen kann. Stefes Review anlässlich des Filmfestes München.

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