Liebe Leser,

    diese Seite wird voraussichtlich in den kommenden Wochen zu einem neuen Dienstleister umziehen. Dieser muss jedoch erst noch gefunden werden. Sollte filmjournalisten.de also in Bälde einmal ein paar Tage offline sein, bitte nicht verzagen – wir kommen wieder!

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    Am liebsten würde ich jetzt über die Faszination durch die Mode, über die Modeschöpfer, die Haute Couture, das Prête-à-Porter, die Individualität und die Individualität des Reichtums philosophieren. Ob die Haute-Couture wirklich dem Reichtum ein Gesicht gibt? Ob Mode Reichtum individuell macht? Ist Mode eine Angelegenheit für Kolonialisten und Kapitalisten? Was ist das Geheimnis des erfolgreichen, berühmten Modeschöpfers? Gibt es das Diktat der Mode überhaupt? Was verspricht sich der Konsument davon, dass er mit der Mode geht? Das sind jetzt nicht unbedingt die Fragen, die dieser Film stellt, denen er nachgeht.

    Hier wird die Frage gestellt, ob Mode eine ernsthafte Kunst sei oder eher nicht, wie Yves Saint Laurent an einer Stelle meint und was er damit meint, ihn nehme der Kampf für die Einkleidung von Frauen voll in Anspruch, so dass er für politische Statements oder Aktionen keinen Kopf habe.

    Dieser Film, die Lebens- und Liebesgeschichte des weltberühmten Modeschöpfers Yves Saint Laurent nach dem französisch klar und klug durchdachten Buch von Maire-Pierre Huster, Jacques Fieschi und Jalil Lespert und auch in der Regie von diesem, macht selbst ein eklatante Veränderung durch gemäß dem Objekt seines Interesses. Anfangs transportiert er mit leichtem Charme die reine Unschuld des Modegenies mit seiner schwarzrandigen Brille und den großen Augen unvoreingenommen versonnenen Blickes eines wissenden Zwanzigjährigen, der nur die Mode im Kopf hat, der nur zeichnen möchte, der mit allem darüber hinaus überfordert scheint, der mit 20 schon bei Dior Zeichner ist und mit 21 nach dem Tod von Dior die Verantwortung für dessen Kollektion übernimmt. Erfolgreich. Der weiß, dass er Männer liebt, der bald schon seinen Freund fürs Leben findet – Guillaume Gallienne als Pierre Bergé -, der als manisch-depressiv in der Psychiatrie landet, wie er in den Algerienkrieg ziehen soll. Die emotionale Achterbahn bis dahin, noch ist der Film ganz jung, ist mit voluminöser, traditioneller Filmmusik umfangen und die ersten Tränen im Publikum dürften längst geflossen sein.

    Mit Gründung des eigenen Labels nach Rauswurf bei Dior wegen der Algeriengeschichte steigt der Film auf Jazzmusik um, Erfolge, Parties, das Schwulenleben wird über die Zweierbeziehung hinaus ausgeweitet, Enttäuschung, mäßiger Erfolg mit dem Label, Krise. Diese führt zur Kreation der aufsehenerregenden Pit-Mondrian-Kollektion, die den weltweiten Durchbruch bedeutet, was hier rauschhaft inszeniert ist und einen Easy-Rider-Motorrad-Urlaub der beiden in Marokko zur Folge hatte. Der steigende Erfolg wird parallel ertränkt in Partys und Drogen, in einem märchenhaften Domizil in Marokko.

    Aber die Arbeit geht weiter. Immer weiter. Das Leben mit Pierre Bergé geht auch weiter; sie sammeln Kunstschätze. Aber es gibt Verliebtheiten, Seitensprünge, Affären, Park, Dark-Room. Cruising. Denn der Künstler braucht immer wieder neue Inspiration. Mit zusehender Kaputtheit von Laurent wechselt die Musik zu tragischen Opernarien, die von Hoffnung singen. Immer mehr wird Laurent zur menschlichen Ruine. Nur mit Mühe scheint es, kann er noch den Applaus bei der Präsentation der Kollektion entgegennehmen.

    Mit Pierre Niney als Yves Saint Laurent und Guillaume Gallienne als Pierre Bergé, beide von der Comédie Francaise, wie es in den Titeln heißt, hat der Film zwei großartige Protagonisten, die ihn vorm Abdriften in die Sentimentalität bewahren, die Rührung aber nicht verhindern – Comédy Francaise verstehen sie durchaus als Qualitätsmerkmal und Verpflichtung.

    Die deutsche Synchronisation lässt Respekt vor dem Film erkennen und erreicht eine angemessene Individualität, ohne den Hautgout von Routine. Darin wird noch deutlicher sichtbar, wie leicht und wundervoll durchbuchstabiert dieser Film von französisch-geistiger Klarheit ist, ohne die bittere Substanz auszusparen.

    Signifikantes Jugenderlebnis: die Mutter, die ihn nicht beschützt hat, wie er in der Schule von Oran von Klassenkameraden wegen Schwulität blau geprügelt wurde.
    Signifikante Geste: der Antippen des Brillengestells an der Brücke zwischen den beiden Gläsern, die kommt hier allerdings etwas mechanisch rüber.

    Inspirationsmangel wegen der Sache mit Victoria, weil sie Sex Pierre hat; so begibt sich Yves das erste Mal unter die Brücken, wo die Männer sich treffen. Ohrfeige für Yves. Er leidet unterm Mangel an physischer Kraft. Er gehört zu den Nervösen, die ihr Werk machen müssen.

    Er liebt Jacques Bascher, aber der Mann seines Lebens ist Pierre Bergé.
    In diesen schlimmen, ruinierten Zeiten war YSL nur noch zweimal im Jahr glücklich: wenn die neue Kollektion präsentiert wurde. Die Arbeit hat ihn am Leben erhalten, nicht die Liebe.

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    Schocktherapie gegen die Angewöhnung des Nicht-Vergessens.
    Neuer Farbtupfer in der Flut der Holocaustexploitation- und Holocaust-Nichtvergessenmachenwollen-Filme.
    Die schlimmsten Befürchtungen werden anfangs wahr, eine Riesenlatte an Filmförderern im Anspann, dann Winterlandschaft, dröge, holocaustbleigrau und blau. Ein einsamer Junge geht durch die Landschaft. Polen, Winter 1942/43. So sieht es die Holocaust-Filmindustrie gerne und die Förderer auch.

    Dann Zeitsprung 6 Monate zurück. Dem Warschauer Ghetto entronnene Flüchtlinge machen Sommercamp, so wirkt es. Die Landschaft wird schöner. Die Kamera entdeckt den Reiz des polnischen Waldes, es könnte aber genau so gut der deutsche sein. Fantastisch so ein Sommerurlaub in der Natur.

    Unsere Hauptfigur, der 8-jährige Srulik, verarztet eine Wunde mit dem eigenen Urin, er weiß, dass die Desinfektion damit wirksam ist. Er verliert durch einen Angriff seine Freunde. Jetzt liegt er, dieser Junge mit den abstehenden Ohren, den großen Augen, den breiten Lippen und viel zu gut ernährt für ein Kriegskind, das sich allein in den Wäldern durchschlagen muss und das aus dem Ghetto kommt, im Laub, auf dem Laubboden, die Kamera entfernt sich in die Höhe. Blätter regnen auf die traumhaft schöne Idylle.

    Im Kopf des geneigten Zuschauers läuft der Film ab, vielleicht will hier einer die ganze Holocaust-Exploitation-Filmindustrie auf die Schippe nehmen. Vielleicht hat der Regisseur Pepe Danquart beim Dreh mit Joschka Fischer, dem er einen hochlobenden, allerdings nicht entsprechend hochgelobten, Verehrungsfilm gewidmet hat, in einer Drehpause sich über das deutsche Kino unterhalten und die beiden werden gelästert haben und einer hat vielleicht gesagt, für jeden Holocaust-Schmarren kriegst du Geld, aber für gscheites Kino nicht. Zu später Stunde werden die beiden Herren eine Wette abgeschlossen haben, dass der Pepe, wenn er auch einen solchen Film macht, vom Joschka eine Flasche Wein kriegt, und wetten, dass so ein Thema alle Förderer blind mitmachen. Und so muss es denn gekommen sein.

    Weiter geht es mit unserem Jungen, der jetzt allein ist, der gute Menschen findet und schlechte. Aber männliche Juden sind nun mal physiologisch als Juden identifizierbar – die Immigration aus muslimischen Ländern gab es zu der Zeit noch nicht -, umso mehr versucht er, nachdem er bei einer guten Frau, die die Partisanen unterstützt, sich in die christliche Lehre hat einführen zu lassen, das Christentum einzuüben. Bald schon kann er bei der Frau nicht mehr bleiben und muss weiter. Mal ist die Bleibe länger, mal kürzer. Mal kann er bei Bauern arbeiten, mal wird er weggejagt.

    Schon die Flucht aus dem Ghetto auf einem Pferdekarren war abenteuerlich. Der Soldat, der mit der Spitze des Gewehres in die Waren stieß, unter denen der Junge verborgen lag (eine ähnliche Szene gab es letzte Woche in „Bekas“). Weiter geht also das Holocaust-Disneyland des Jungen durch die in Pointillismus-Manier dargestellte Natur, Seen, Wälder, Felder und alte Gutshöfe. Die Musik wirkt gelegentlich beschwingt walzerhaft. So dass einen die deutsche Nachsynchronisation plötzlich nicht mehr ganz so auf den Wecker geht.

    Es gibt eine idyllische Geschichte mit einem Wolfshund. Und zwischendrin kurze Stream-of-Consciousness-Rückblenden zum Ghetto. Einmal wandert der Junge in einem langen Hemd mit einem Stab in der Hand wie Christopherus durch eine Wasserlandschaft. Auf einem Gutshof wird ihm die Hand zerquetscht: das ist allerdings merkwürdig inszeniert, dass er ausgerechnet bei diesem Rad, was von Pferden gedreht wird, seine Zwischenverpflegung hingelegt hat. Im Spital soll er operiert werden. Der Arzt sieht bei der Entblößung des Körpers etwas, was nicht da ist, und weigert sich. So muss dem Jungen tags drauf der rechte Arm abgenommen werden.

    Aber der Junge kämpft sich weiter durch schmerzhaft schöne Natur und böse und gute Menschen. Und hofft jetzt sehnlichst, dass die Russen kommen. Dann ist der Krieg aus. Er wird von einem Funktionär des jüdischen Waisenhauses in Warschau ausfindig gemacht und abgeholt. Nach einiger Zeit bricht plötzlich das den ganzen Film über verdrängte Jiddisch aus ihm heraus. Das wirkt enorm, wie ein Vulkan, der solange nicht ausbrechen konnte. Und ein eisiger Wind weht nach all der süßen Holocaust-Exploitation plötzlich im Kino, wenn der Original-Srulik real dokumentarisch im Film auftaucht, wie er mit Kindern und Enkeln in Israel am Strand zugange ist. Es hat ihn wirklich gegeben. Und er ist einarmig. Seine Geschichte wurde als Roman von Uri Orlev weltbekannt und daraus hat Heinrich Hadding das Drehbuch für diesen Film geschrieben. Da weht plötzlich ins Holocaust-Fantasy-Spektakel ein eisiger Hauch Realität herein. Und wir sind kurz herausgerissen worden aus unserer pflichtbewussten Gewohnheit des Nicht-Vergessen-Wollens.

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    Historisches Kinderausbeutungsdrama, was von Xavier Koller nach einem Buch von Fritjof Hohagen und Klaus Richter nach dem Roman von Lisa Tetzner und Kurt Held zwischen krudem Swisskitsch und Vorstadtkrokodile-Kinderabenteuerfilm holzhackig präsentiert wird.

    Wie kann so ein Produkt zustande kommen, mit dem vermutlich niemand recht zufrieden sein kann? Es gab vor nicht allzu langer Zeit in der Schweiz den Film „Der Verdingbub“, der hat dort die Gemüter bewegt und die Menschen ins Kino gelockt. Er hatte ein Ausbeutungsthema behandelt, was in der Schweiz bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts akut war: Kinder wurden zu fremden Familien gegeben, weil ihre eigenen arm waren oder nicht existiereten und sie wurden oft brutal ausgebeutet und schlecht behandelt. Durch diesen nationalen Erfolg angespornt dürften Produzenten, die Zugang zu Fernseh- und Redaktionsgeldern haben, sich auf die Suche nach einem ähnlichen Stoff gemacht haben. Und siehe da, es gibt ihn: Teens aus armen, südschweizerischen Bergdörfern, die rank und schlank und beweglich und bei guter Gesundheit waren, wurden von Menschenhändlern an Kaminfeger im reichen, industrialisierten Norditalien, in Mailand, verkauft, um als Hilfskräfte der Kaminkehrer in die Kamine hochzusteigen und den Russ runterzukratzen, als verlängerte, lebendige Kaminkehrerbesen.

    Um sich gegen die miese Behandlung zu wehren, schließt sich eine Gruppe der Jungs aus dem Tessin zusammen. Sie nennen sich „die schwarzen Brüder“. Wie sie hören, dass die Schweizer Polizei ein Kopfgeld von Tausend Franken auf den Menschenhändler, der sie von zuhause weggelockt hatte, ausgeschrieben hat, reift in ihnen der Entschluss, den Händler zu fangen und ihn auszuliefern.

    Bei Xavier Koller reifte wohl der Entschluss, die letzte halbe Stunde des Filmes, die diese Aktion zeigt, als ganz normalen, etwas hölzernen Kinderabenteuerfilm zu inszenieren. So geht der vorgeblich ernste Gehalt der Geschichte flöten, umso mehr als das Besetzungstohuwabohu offenbar vor allem darauf geschaut hat, nur ja keine Jungs zu besetzen, denen man die Frische des Berglers abnehmen würde, die Knackigkeit, Drahtigkeit, Gelenkigkeit. Glaubwürdigkeitsproblem durch die Besetzung.

    Brave Stadtjungs dürfen historische Abenteuerkindergeschichte nachspielen. Aber nicht nur deshalb verliert der Stoff an Glaubwürdigkeit. Die Sprachregie ist eine einzige Katastrophe. Die meisten Figuren sprechen ein steriles Synchron- und Fernsehhochdeutsch, irgendwo scheint Schweizer Akzent drin zu sein und dann wiederum scheint es, als ob gebrochenes Deutsch mit undefinierbarem Akzent bevorzugt wird.

    Hinzu kommt eine krude Schauspielerei, vor allem die Erwachsenen brüllen andauernd. Historienfilm heißt Grobheit vorzeigen. Hier geht schlicht nichts zusammen. Das ist vielleicht der Kompromiss, der das Produkt verunzierende, unattraktiv machende Kompromiss durch die Zusammenarbeit verschiedener Länder und Produzenten und Geldgeber. Jeder will auf Nummer sicher gehen mit seinen Besetzungs- und Ausgestaltungsvorschlägen. So kommt am Schluss ein schwer verdaulicher Klumpen heraus.

    Dadurch, aber auch durch den Mangel an Drehbuchkunst, wird die ehrenvolle Intention, ein interessantes Thema ans Licht zu bringen, den Bach ab geschickt. Jeder Geldgeber scheint etwas durchgedrückt zu haben. Jeder Geldempfänger hat pflichtschuldigst Professionalität, auch wenn es darum ging zu zeigen, dass man Texte auch brüllen kann, vorgegaukelt. Gemeinsam haben sie das Projekt ruiniert. Wahrscheinlich, weil keiner sich etwas getraut hat und weil Funktionäre zu viel dreingeredet haben. Mussten sie unbedingt ihren Mangel an Qualifikation beweisen? Vermutlich ist das Koproduktionsmodell so komplex, dass auch keiner Schuld ist an dem bescheidenen Output mit viel zu vielen Mängeln in Relation von Geld und Aufwand zum Resultat. Gute Absicht plus gute Absicht plus gute Absicht ergeben ein minderwertiges Resultat.

    Der Film scheint für alle Beteiligten lediglich unter dem Motto des Geldverdienens gesehen worden zu sein, nicht anders hat der Menschenhändler auch gedacht. Zudem bescheidene Inszenierung des Chors, speziell der schwarzen Brüder, wenn die in der Gruppe agieren und reagieren müssen, wie schlecht eingeübtes Theater.

    So scheint die erste Stunde fast mit Bedacht auf alles, was Spannung erzeugen könnte, zu verzichten. Es wäre halt zusätzlich Arbeit. Wie bei einem Zelt. Es schnell hinzustellen, das geht. Dann aber die Seile an die Pflöcke, die erst den Halt verleihen, festzuzurren, vorher die Pflöcke richtig in den Boden zu rammen, das artet in harte Arbeit aus. Die ist hier beim Drehbuch garantiert nicht geleistet worden. Ah, und doch ein jugendmoralisch einwandfreies Werk: nie zu vergessen, „dass man alles erreichen kann, wenn man Freunde hat“. Hier hatte offenbar niemand Freunde.

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    Morgen Samstag, 12. April ab 6 Uhr früh, werden der BR und arte 24 Stunden lang nur einen Programmpunkt haben: eine Dokumentation über das Leben in Jerusalem. Allerdings handelt es sich nicht, wie vielleicht der Eindruck entsteht, um eine Live-Übertragung, sondern um eine zeitverschobene, bearbeitete Dokumentation von Volker Heise, der mit riesigem logistischen Aufwand das vorbereitet und dann mit 70 Filmteams vor etwa einem Jahr aufgenommen hat.

    Verbindlich darüber berichten kann natürlich nur, wer das wirklich angeschaut hat. Das wäre vielleicht eine schöne Herausforderungen für einen ambitionierten Nachwuchskritiker. Der die Wirkung beschreiben kann, wenn einer 24 Stunden am Stück am Fernsehen bleibt und das ganze Leben aus Jerusalem mitbekommen möchte.

    Von den Einblicken, die vorher schon in ausgewählte Segmente möglich waren, kann immerhin geschlossen werden, dass Volker Heise versucht hat, einen möglichst ausgewogenen, vielschichtigen Einblick in das Leben dieses hochkomplexen Gebildes Jerusalem im Apartheid-Staat Israel zu geben.

    Interessant wäre sicher, einen Einblick in die Entscheidungsprozeduren auf dem Weg zu dieser Dokumentation und deren Postproduktion zu erhalten; was ist genommen worden, was aus welchen Gründen nicht.

    Was aber gesagt werden kann: die Teile sind spannend und abwechslungsreich zu schauen. Es sind Halbstundensegmente, denen jeweils ein Trailer und eine kurze historische Erläuterung mit Grafik vorangestellt sind; die Position zwischen der Realität, der gelebten, die hier zu sehen ist, und der mangelnden völkerrechtlichen Anerkennung; die brutale Benachteiligung, Ausgrenzung und Diskriminierung der Palästinenser. Früh sind vor allem sie auf. Sie erledigen in Jerusalem überwiegend einfachere Tätigkeiten: Müllabfuhr, Bäckerei, Hotelpersonal. Ein wichtiges Element in dieser Stadt sind die religiösen Aktivitäten, wird doch der Tempelberg gleich von drei Weltreligionen in Anspruch genommen und benutzt und geteilt; die alle mit intoleranter Beharrlichkeit an ihrem Anspruch darauf festhalten.

    Es gibt auch skurrile Einsprengsel: der wie in einer religiösen Wolke der Verzückung schwebende, russisch-orthodoxe Pilger oder die Dudelsack-Musik der christlich-aramäischen Pfadfinder syrischer Abstammung, ein Relikt der britischen Mandatszeit. Oder die Hausbesetzer, die die ehemalige Villa von Golda Meir besetzen wollen, dann aber feststellen, dass bereits eine Familie illegal drin wohnt und die Respekt davor haben.

    Für Müßiggänger sicher eine lohnende Zeit, einen Tag zu verbringen. Und über den Nahostkonflikt nachzudenken, dass wir aber auch viel zu wenig wahrnehmen, dass sich hier die meisten eingerichtet haben, die Palästinenser in ihrer Erniedrigung und despektierlichen Behandlung, die Israelis in ihrer Einigelung. Selbst das Stadtbild von Jerusalem, das immer wieder aus unterschiedlichen Perspektiven eingeblendet wird, zeigt, wie hier alles verfahren, festgefahren ineinander festgekeilt ist mit den brutalen Trennmauern dazwischen, mit den Schneisen für die Autostraßen der Siedler, mit engen Durchlässen und Gassen, wie hier alles wild ineinander verbaut ist; von Luxuswohnungen für Diplomaten und gutdotierte Touristen, mit Ruinendörfern, die nach der Flucht der Palästinenser seit Jahrzehnten am Verfallen sind; mit beinah Totalüberwachung, mit den bienenfleißigen Aktivitäten der Religionen und ihrer Pilger.

    Mit der Altstadt als Brennpunkt und dem Tempelberg als Sprengsatz. Mit dem Holocaust-Museum und der Angestellten, die neulich ein Papier in der Hand gehabt hat, was Hitler persönlich unterschrieben hat und das sie nur mit Gummihandschuhen berührt hat.
    Der AFP-Korrespondent beim Frühstückskaffee oder im Büro vorm Computer oder die Diplomatengattin mit der Luxusmaklerin auf Wohnungssuche.
    Der palästinensische Experimentierkoch, der Falafel mit Shrimps kombiniert; der Friseur und die Hochzeitsfrisur. Der Kriegs-Fotograf, der bei einer Demo bei der Klagemauer auf aufregende Bilder wartet und die berittene Polizei.

    Auf der Website des Projektes www.24hjerusalem.tv gibt es ein Videotagebuch. Nebst paralleler Internetaktivität. Auf die 24 Stunden summiere sich die Zahl der Protagonisten auf 90.

    Bemerkenswert der Kommentar des AFP-Korrespondenten zu den Politikern, egal wo auf der Welt sie sich befinden, dass sie die üblichen Sprüche zum Nah-Ost-Konflikt vom Stapel ließen.
    Ob so ein Doku-Projekt etwas zu verändern vermag, etwas im Bewusstsein unserer westlichen Welt und damit an allfällig positivem Einfluss auf den unlösbar erscheinenden Konflikt?

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    So eine turbulente Story von überbordender Spielfreude und Fantasie und Spielphilosophie braucht eine Menge Autoren: Dan Hageman, Kevin Hageman, Phil Lord, Christopher Miller und für die Regie mit den Legosteinen und wozu die alles fähig sind, zeichnen Phil Lord und Christopher Miller.

    Das Negative vorweg: leider in 3D. Das trübt die Lichtfreude auch hier und wird zur physischen Tortur. Der Film würde bestens und noch fröhlicher funktionieren in 2D – aber das liebe Geld, was nehmen wir für das ganz unspielerische Gewinnmaximierungsstreben der Produzenten eines unbestreitbar unterhaltsamen Produktes doch nicht alles in Kauf.

    Ein Legostein ist auf der Spielzeugebene betrachtet, was auf der philosophischen Ebene die Monade oder vielleicht ein Atom ist: ein elementarer Baustein für unendlich viele Phantasiewelten, in jedem Einzelnen sind die Möglichkeiten für alle Vielfältigkeiten schon enthalten, die man bauen kann und die man natürlich auch wieder einreißen muss, um neue bauen zu können, um Stillstand und Erstarrung zu vermeiden.

    Die Hauptfigur in diesem Film ist einer dieser elementarsten Spielklötze, eine menschliche Figur namens Emmet, so wie ein Mensch ein elementarer Baustein unserer Gesellschaft ist. Die Masse besteht aus solchen Figürchen, die je nach Betrachtungsweise eben nur Massenware oder, wie es sich hier herausstellen wird, etwas ganz Besonderes sein können. Hintergrundinterpretation: das Spielen und seine Kreativität macht das Besondere.

    In der Legowelt in unserem Film entsteht nun folgender Widerspruch: Lord Businessman möchte, wie später der Vater des Buben, die aufgebaute Legowelt für die Ewigkeit haltbar, starr machen, festkleben, sie gewissermassen dem lebendigen Wandel und der Spielfreude der Fantasie entreißen. Und nur ein Legostein, der etwas ganz Besonderes ist, der kann den Lord Business von dieser legoverbrecherischen Absicht abhalten.

    Anfangs feiert die Masse der Legomännchen, die werktätige Bevölkerung also, mit einem Song, der findet „hier ist alles super“, das Atmen, das Lächeln, den Frühsport, das Duschen, das sich Waschen, das Frühstücken, den Weg zur Arbeit, die Arbeit. Massen von Legomännchen machen das in entzückenden Miniaturwelten. Millionen von Menschen oder Legomenschen leben so ihr Leben in der Masse und arbeiten und bauen auf und die Arbeit wird am Ende wieder zunichte gemacht und sie finden alles super.

    Aber der Kaffee ist verdammt teuer, erst kostet er 37 Dollar und ein paar Minuten später schon 42. So wird einem der 3D-überteuerte Eintritt doch gleich schmackhaft gemacht.

    Unser Biedermann, unser Jedermann, unser Emmet wird jetzt plötzlich für diesen Besonderen gehalten und damit mit Erlöserqualitäten und -erwartungen konfrontiert. Das setzt gewaltige Befreiungs- und Verfolgungsaktionen in Gang, Turbulenzen über Turbulenzen und jede Menge Referenzen an und Durchquerung von anderen Spieluniversen, eine Spielzeugweltreise.

    Wenn Emmet mit der wilden Wildstyle Lucy auf der Flucht ist, so wird ganz schnell aus Legoteilen, die überall zu finden sind, ein Zaubermotorrad zusammengebaut oder wenn’s noch gefährlicher wird ein U-Boot. Man landet in der Wild-West-Stadt und will doch den Präsidenten Lord Business im Hochsicherheitshochhaus unschädlich machen, der am Tako-Dienstag das ganze Universum verkleben will.

    In einer Hochhausstadt, die auch eine Spielstadt sein könnte. So wie sie am Ende die Spielstadt des Vaters im Keller seines Hauses ist, der dem Buben das Spielen und Berühren der Steine verbieten will. Aber selbst wenn ein Kind spielt, so hat es immer ein jüngeres Geschwister, was alles wieder zusammenhaut. Das hält die Legowelt am Laufen.

    Die hier praktizierte Legophilosophie geht von einer Atomisierung der Fantasie vor dem Aufbau neuer Gebilde und Fortbewegungsmittel und Häuser und Fantasiewelten aus. Genialer Trickumgang mit einem genialen Spielzeug; was durch seine einfache Elementarhaftigkeit jegliche Kompliziertheit in sich enthält, man muss nur genügend Klötze haben.

    Eine wunderschöne Szene: wie ruchbar wird, dass Emmet nicht der Auserwählte ist und die drei, er, Lucy und noch der Blinde, der Seher als dritter, Emmets Gehirn erkunden, da finden sie nichts als Leere, gähnende, weltraumgroße Leere und Ebene und wie Emmet sich das bewusst macht und merkt, dass das der Platz für die Fantasie ist, dass sein Kopf nicht zugestellt ist, so entsteht plötzlich ein monsterhaftes Fantasiegebilde.

    Dann gibt’s einen Ausflug nach Wolkenkuckucksheim. Dorf dürften die Zuschauer viele Bekannte aus anderen Geschichten antreffen, dort dürften sie viel aus ihrem eigenen Wolkenkuckucksheim wiedererkennen. Auch Abraham Lincoln macht eine kurze Bemerkung, dass gegen das, was sie hier vorhätten, nämlich den Präsidenten Lord Business am Verkabbeln der Spielklötze zu hindern, dass dagegen die Abschaffung der Sklaverei ein Klacks gewesen sei. Harte Bandagen für die Freiheit des Spiels.

    Auch lernen wir, wozu eine bescheuerte Konstruktion von Doppelcouch mit eingebautem Trinkgefäßhalter doch alles gut sein kann – wenn man denn die nötige Fantasie aufbringt. Den Rollatorkampf haben wir allerdings woanders auch schon gesehen.

    Einen eigenen ethischen Stellenwert bekommt der Begriff der Meisterschaft. Die Rede ist von den Meisterbauern, das sind die genialen Spieler, die Architekten der Legowelt, sie sind die gelobten Figuren in diesem Film.
    Auch der Zuschauer sollte das Meisterbauertum anstreben, ein Fantasiebauer – oder ist er doch nur eines der Legomännchen, die jetzt bittschön zu Millionen finden sollen, alles sei super, auch dieser Film hier?

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    Verraten möchte man den Saboteur des titelgebenden Aktes in diesem Undercover-Thriller nach einem Drehbuch von Skip Woods und David Ayer und in der Regie von David Ayer natürlich nicht, falls doch jemand diesen Film ernstlich anzuschauen im Sinn hat.

    Andererseits gibt es weder viel zu erzählen noch viel zu verraten in dieser deutlich unterbelichteten, verschrumpelten Geschichte, bei der sich zwei, eigentlich drei, ungleiche, sich nicht gewachsene Topoi ständig holpernd in die Quere kommen.

    Es ist einerseits die persönliche Rachegeschichte der Anti-Drug-War-Legende John “Breacher“ Wharton (Arnold Schwarzenegger). Dieser schaut sich in der ersten Szene mit staatstragender Sorgengestik auf einem Laptop eine schlecht gespielte Folterszene an. Es handelt sich um seine von einem Drogenkartell gefangen genommene Frau, werden wir bald schon erfahren. Das kann nicht hingenommen werden. Need for Action.

    Zweitens fällt bei einer Razzia Breacher und seinen Undercover-Agenten eine Million Dollar in die Hände. Um die Eruierung des Verbleibs dieses Geldes, das bald schon verschwunden ist, dreht sich ein anderer Handlungsstrang, um es mal neutral zu formulieren. Um es drastisch zu formulieren: wegen diesem verschwundenen Geld kommt es zu systematischen, äußerst brutalen Anschlägen auf einzelne Mitglieder der Truppe, die alle tödlich enden; Anlass für grausige Bilder aus der Pathologie; aber kaum aufregender als Fernsehroutine.

    Drittens geht es um das Zelebrieren des Familiengefühls in Breachers Undercover-Truppe. Das zeigt sich an ein paar kurzen, pseudoernsthaften Gesprächen über dieses Thema, denn nach dem Millionenfund, der verschwunden ist, wurden die Truppe vorerst vom Dienst freigestellt, befindet sich in einer Sinnkrise.

    Stoff also für mindestens drei Filme wird hier in einen reingewurstet, aber keine der Handlungslinien wird so richtig ernsthaft verfolgt, weder vom Buch noch von Inszenierung oder Darstellung her; die Macher möchten halt so ein bisschen Action oder was. Die Darstellung ist, und auch das hat mit dem grobschlächtigen Buch zu tun, vor allem grobschlächtig. Es wird extrem häufig Fuck gesagt; wäre immerhin auch hierzulande gut verständlich.

    Es gibt zwar den Versuch, durch Namensgebung der Truppe Individualität zuzuschreiben (Breacher, Monster, Grinder, Neck, Sugar, Pyro, Tripod, Smoke – diese Namen sind das einzig Originelle an diesem Film), aber wenn den Figuren vom Buch her kein Konflikt oder keine Charaktereigenschaft gegeben wird, so helfen die Namen nicht, dem Zuschauer eine Beziehung zu den Figuren herzustellen und irgendwie sich in das Geschehen und die Schicksale involvieren zu lassen. Was bleibt, ist lediglich eine Geschichte, deren Prägnanz sich in der häufigen Verwendung des Wortes Fuck erschöpft und illustrierend dazu viel Schießerei.

    Herrn Schwarzeneggers Darstellung leidet unter einem wie es mir scheint teilerstarrten Gesicht, Mimik und Gesichtsmotorik scheinen eingeschränkt, wirken plakativ leer. Die altersbedingten Bewegungseinschränkungen der Extremitäten werden hier allerdings besser kaschiert als in seinen zwei vorherigen Alters-Filmen, die es zu uns ins Kino geschafft hatten (“Escape Plan” und “The Last Stand”).

    Ganz dick aufgetragen und ausgewalzt wird der kleine Gag der zwei Cops, die Breacher beschützen sollen. Einer der beiden muss dringend pinkeln …, ach nee, das lassen wir jetzt. Hat ja weder Charme, noch Pfiff, noch Abgründigkeit, noch Herzlichkeit noch Humor noch irgend was Erfrischendes; Ansatz zum Themenfilm: vom Wasserlassen bei einem Personenschutzauftrag.

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    Streng szenengetaktetes, zügiges Biopic über die New Yorker Schriftstellerin und Pullitzer-Preisträgerin Elizabeth Bishop.
    Vorlage für das Drehbuch von Matthew Chapman und Julie Sayres ist der Roman von Carmen L. Oliveira und das Drehbuch von Carolina Kotscho. Die Regie führt der Brasilianer Bruno Barreto. Die Produktion ist eine brasilianische, wenn auch überwiegend auf Englisch gesprochen und im Hauptteil in Rio spielend.

    Elizabeth Bishop, die in New York lebt, erhofft sich von einer spontanen Reise nach Brasilien Abwechslung und Inspiration. Sie wird dort abgeholt von ihrer Studienfreundin Mary, die mit der Architektin Lota ein Leben in schöner Zweisamkeit führt. Brasilien ist recht tolerant, scheint es.

    Der Beginn des Filmes ist in den frühen 50ern angesiedelt. Zwischen Mary und Elisabeth hatte es platonisch schon gefunkt während dem Studium. Lota, die Frau, die die Hosen an hat, das Geld verdient, den Bungalow baut, verliebt sich sofort in die unnahbar und passiv wirkende Dichterin, deren Werk sie selbstverständlich kennt. Es wird peinlich für Elizabeth, wie beim Willkommensessen ihre Verse rezitiert werden, auch von Carlo, einem Mann, der in dem Frauenhaushalt gern gesehener Gast ist. Er wird später politische Ambitionen haben, was wiederum der Architektin nützt, die die Idee zu dem inzwischen berühmten Flamengo Park mit irrsinnshohen Laternen hat, die ein Licht wie der Mond verbreiten sollen. Sie wird den Park auch realisieren. Bis es soweit ist, rotiert das Beziehungskarussell der drei Damen. Lota hat Mary kalt gestellt aber mit der Adoption eines armen Mädchens schadlos gehalten. Sie darf weiter im großzügigen Bungalow der Architektin wohnen. Für Elizabeth, die inzwischen den Pullitzer-Preis gewonnen hat, hat sie einen eigenen, kleinen Dichterpavillon mit einem wunderschönen, nierenförmigen Arbeitstisch und Ausblick über den kleinen Park und auf den Bungalow entworfen. Wenn Elizabeth Bedarf nach Eifersucht hat, kann sie von dort aus mit dem Feldstecher die Vorgänge vorm Hauseingang beobachten.

    Elizabeth hat einen Hang zum Alkohol. Zum Drama entwickelt sich die Geschichte einige Jahre später, wie sie für ein paar Monate das Angebot einer Gastprofessur an der New York University Hals über Kopf annimmt. Die scheinbar so starke Lota verliert durch diesen Verlust ihren Halt, landet in der Psychiatrie, die immer noch eifersüchtige Mary spielt ein unrühmliches Spiel. Inzwischen liegt Elizabeth in New York mit einer neuen Liebe im Bett.

    So kursorisch, wie ich das hier zu rekapitulieren versuche, so kursorisch hat Bruno Barreto das inszeniert, zügig, ohne sich bei Details und Finessen aufzuhalten. Was zur Folge hat, dass die Spielbreite der Schauspieler sich auf ein relativ schmales Band reduziert, immer situationsgerecht, kaum Facetten möglich innerhalb einer engen Gefühlsbandbreite und noch weniger eine Entwicklung außer der zum Alkohol hin oder zum psychischen Zusammenbruch.

    Gerade durch dieses zügige, erzählerische Voranpreschen scheint der Stoff mit der Zeit eher zäh. Weil keine Überraschungen mehr zu erwarten sind, außer den Wendungen im Plot, aber nicht in den Figuren; wobei mir die Darstellung der Dichterin durch Miranda Otto sich allzu sehr auf die Passivität und die Upper-Class-Blasiertheit zu beschränken scheint; wodurch kaum Raum bleibt für die geistige Aktivität der Dichterin, ihre Durchdringung der Umwelt und den Pep, der zum Schreiben nötig ist.

    Die Schilderung bleibt äußerlich, feines Leben in Brasilien, Gesellschaft und Dienerschaft; einmal kurz die Armut der schwangeren Mutter, die eines ihrer sieben Kinder verkauft. Sonst Pool und Palmen und Strand und feine Interieurs, grüner Rasen, Sonne. Und die entsprechenden Kleidungen, immer fein angezogen, nie leger, teils auch recht amerikanisch steif die Dichterin. Sie ist nie locker. Sie wirkt, wie in einem fremden Körper, in einem fremden Ich. Als Begründung werden Verluste angeführt. Eher ein Film wie mit Dispersionsfarbe aufgetragen, ein plakatives Wandgemälde auf einer Außenmauer, als solches imposant, großflächig, langgezogen. Unzimperliche Charakterzeichnungen.
    Sumambeia heißt das exklusives Reduit im Dschungel.

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    Ausgehend von einem bevorstehenden Gelübde der Novizin Ida in einem Nonnenkloster in den 60ern des letzten Jahrhunderts wirft Pawel Pawlikowski, der mit Rebecca Lenkiwicz auch das Drehbuch geschrieben hat, ein stechend scharfes Schlaglicht auf einige geschichtliche Signifikanten Polens zwischen Zweitem Weltkrieg und heute anhand einer übersichtlichen Menschenkonstellation und asketisch erzählt.

    Das fast quadratische Leinwandformat, das er gewählt hat, bestärkt den Eindruck von einem Film, der entfernt an das Memoryspiel erinnert. Jede Szene steht für eine Karte. Anfangs des Filmes liegen sie alle mit der Rückseite nach oben. Der Film deckt nun eine Karte nach der anderen auf in der Hoffnung, dass auch der Zuschauer Memory-Arbeitet leistet, nicht vergisst, was auf den vorhergehenden Karten gewesen ist. Memory-Training sowohl im cineastischen Sinne als auch im historischen, nicht zu vergessen, was passiert ist, diese Gedächtnisarbeit ist aber weder sentimental verschwurbelt noch im üblichen Weltkriegsdekor ertränkt.

    Nach kurzen 80 Minuten ergibt sich ein Zusammenhang zwischen einigen Figuren, der Schockierendes aus der Geschichte prägnant ans Tageslicht geholt hat, was aber wiederum verdaulich gemacht wird durch die Musik der Beat-Generation, die vor Polen nicht halt machte und die bei Gelegenheit immer wieder aus Wiedergabegeräten oder von einer Band mit Saxophonisten produziert wird.

    Der Saxophonist ist das Link zu unserer kleinen, überschaubaren Geschichte. Ihn nimmt Wanda im Auto mit, wie sie mit ihrer Schwester Ida unterwegs ist, um etwas über ihre im Krieg getöteten Eltern zu erfahren (in Polanskis erstem Langfilm „Das Messer im Wasser“ kommt die entscheidende Personenkonstellation auch durch Mitnahme eines Trampers im Auto zustande).

    Die Recherchefahrt der beiden Schwester wiederum wurde durch den Nonnenorden in Gang gesetzt, bei dem Ida in Kürze ihre Gelübde ablegen will. Die Schwester Oberin wusste von einer Verwandten von Ida und hat den Vorschlag gemacht, sie möchte diese doch vor dem Gelübde noch besuchen, um vielleicht mehr über ihre Familie zu erfahren.

    Ida erfährt über ihre Schwester, dass sie Jüdin ist. Das setzt aber nicht gleich einen Glaubenskonflikt bei ihr in Gang. Ungerührt davon suchen sie und Wanda nach dem Grab ihrer Eltern. Sie werden auch deren Mörder begegnen. Sie kennen ihn. Von früher. Diese Begegnungen laufen in diesem Sinne schier gespenstisch ab, als eben die Gespenster nicht gespielt werden. Wir erhalten die Info. Wir sehen, wie der Mörder selbst die Gebeine der Getöteten ausgräbt. Wie die beiden ungleichen Schwestern sie auf dem Familiengrab wieder beisetzen.

    Ungleich sind die Schwestern durch ihre Biographie, durch ihren Lebenswandel. Ida, die ihr Gelübde ablegen will, Wanda, die eine Richterin und stramme Parteisoldaten nach dem Krieg war, die Todesurteile unterschrieben hat wie andere Leute Fliegen töten und die auch ein Nuttenleben führt. Außerdem trinkt sie und fährt das Auto einmal in den Straßengraben.

    Im Hotel, in dem sie logieren, spielt auch die Band. Hier begegnet Ida dem attraktiven Saxophonisten wieder. Pawlikowski spielt aber den Konflikt zwischen Liebe und Glaube nicht voll aus. Er signalisiert ihn mit seinen Spiel- oder Szenenkarten. Die Nutte und die Heilige.
    Erstaunlich ist der sachliche Umgang zwischen den beiden Schwestern und dem Mörder ihrer Eltern: sein Angebot: „Verzichten Sie auf das Haus und ich zeige Ihnen, wo sie begraben liegen“, unter Radikalverzicht auf jede Emotion. Das will einem die Emotion schier zusammenschnüren.

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    Die Überraschungen des Holocaust in der dritten Generation und die Folgen davon, dass Oma ihren Bruder kurz nach dem Krieg am Bahnhof von Lodsch nicht wie verabredet getroffen hat.
    Die Filmemacherin Yael Reuveny dokumentiert in diesem Film ihre Suche nach dem Verwandtschaftszweig des Bruders ihrer Großmutter, der mit ihr nach dem Krieg am Bahnhof von Lodsch verabredet war. Sie hatten sich jedoch verpasst und dadurch für immer aus den Augen verloren hatten.

    Die erste Überraschung ist, dass Yael, die als Enkelin des Holocaustüberlebenden Micha Schwarz in Israel aufgewachsen ist und in Deutschland mit der Suche nach diesem Bruder der Oma begonnen hat, sich in Deutschland wohlfühlt, auch wenn sie nicht so leicht deutsch lernt, ganz zum Missfallen ihrer Mutter, die zwar in Israel ein Bibliothek aus Vilnius zu ordnen versucht, aber nichts von Deutschland wissen will, die die Position der Unversöhnlichkeit vertritt.

    Über den Bruder wird bekannt, dass er früher Feiv’ke, nach dem Krieg Peter geheißen hat, eine weitere Überraschung. Was Yael im Laufe der fünf Jahre, die sie für diesen Film und die Suche brauchte, über diesen Bruder ihrer Großmutter herausfindet, das gleicht einem Krimi einerseits, einem Eintauchen in das Milieu von Familien, die sich in ehemaligen KZ-Baracken heimisch eingerichtet haben, andererseits, denn dieser Bruder hat den Rest seines Lebens unweit des KZs verbracht hat, in welchem er bis zum Kriegsende ein Gefangener gewesen ist.

    Weniger überraschend ist, dass diese KZ-Zeit in der Familie ein Tabuthema gewesen ist, was sich auf die Kinder und anfänglich auf die Kindeskinder übertragen hat. Die Filmemacherin ist an manchen Stellen ob ihrer Arbeit und der Zusammenhänge, in die sie sich verstrickt sieht, sichtlich gerührt; wie sich der Holocaust in der Dritten Generation sonderbar zurückmeldet, dafür ist auch ihr neu gefundener Verwandter Stephan ein fast schräg zu nennendes Beispiel, was er in seiner Jugendlichkeit und mit seinem familienhistorischen Background sich einfallen lässt, es ist nicht ganz klar, ob das ein pubertärer Spleen oder Ersatz- oder Übersprungshandlung ist, diese Faszination durch das Religiöse einerseits, durch Tattoos im Ellenbogen oder am Unterarm, sei es der Blutgruppe (wie bei den SSlern) oder der Häftlingsnummern (wie bei den Kzlern) andererseits.

    Schnee von Gestern ist vielleicht nicht der punktgenaue Titel, wobei klar ist, dass dieser Schnee höchst lebendig ist und seine verwunderlichen Kapriolen schlägt als späte Folge des Holocausts, was auch klar macht, dass der nie und nimmer vergessen werden darf einerseits und dass er vielleicht in dieser dritten Generation noch für weitere, wundersame, filmische Entdeckungen gut sein könnte; frischer Wind in die Industrie der Holocaustaufarbeitungsfilme, die zuletzt allzu gerne in eher unerfreulichen Krampfakten endeten, die allzu deutlich darnach rochen, dass jemand Subventionsgeld witterte, wenn er noch einen neuen Zipfel, eine neue Facette des Holocaust ans Tageslicht bringt.

    Das ist hier erfrischend nicht der Fall. Schlieben heißt die Ortschaft, wo die Nachkommen von Peter/Feiv’ke Schwarz heute leben und wo die Außenstelle des KZs Buchenwald sich befand, heute zum Teil noch überwucherte Ruinen der Rüstungsfabrik.

    Es gibt Raritäten, alte Fotoalben, aus Karton, mit Schnur zusammengebunden und fest eingeklebten, einfachen Bildern original aus Stalingrad. KZ-Buchenwald. Ein Problem noch heute: darf man auf dem jüdischen Grab der Oma in Israel Steine vom Grab ihres Bruders aus Deutschland hinlegen? Der Film scheint eher aus einer emotionalen, vielleicht etwas diffusen Sehnsucht der Filmemacherin heraus entstanden zu sein, bleibt aber dadurch so unberechenbar, dass sie nicht nach einem vorgegebenen Konzept, was womöglich schon den vorgefertigten Beweis einer These zum Holocaust enthält, ausgegangen ist. Ein emotionales Kino über eine Familienzusammenführung als einer Spätfolge des Holocausts.

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    „Spuren“ scheint mir nicht exakt die adäquate Übersetzung des englischen Titels dieses australischen Filmes von John Curran nach einem Drehbuch von Marion Nelson zu sein, die die autobiographischen Aufzeichnungen von Robin Davidson zur Vorlage hatte. Der Originaltitel lautet Tracks, was Schienenspur oder Weg bedeuten kann, während „Spuren“ im Deutschen doch gerne metaphysisch im kulturell übertragenen Sinn angewandt wird, in einem geheimnisvollen Sinne, der geistige Aktivität und Nachspüren erfordert. Das ist hier nicht der Fall.

    Die Macher scheinen begeistert von den Erlebnissen von Robin Davidson, die 1975 entschieden hat, allein mit einigen Kamelen die Wüste Australiens von Alice Springs bis zum indischen Ozean zu durchqueren und diesen Wunsch auch hat Wirklichkeit werden lassen.

    Mit Spuren dürfte also mehr die Linie, der Weg gemeint sein, den sie mit einem Kompass, den sie als Mädchen von ihrem Vater erhalten hat, meistern will. Einen Wecker hat sie auch dabei, wobei sie ihn einmal genervt zu Boden donnert und einmal klingelt er ganz laut, wie sie bei Licht schon auf dem Wüstenboden schläft. Das wirkt lustig.

    Aber der Film scheint mir weder eine besondere Lustigkeit noch eine besondere Tiefe noch eine besondere Ernsthaftigkeit, zum Beispiel große, innere Entwicklung der Protagonistin zeigen zu wollen. Er scheint einfach von dieser Idee begeistert, den Weg von Robin nachzugehen, nachzuzeichnen, eine Frau mit drei Kamelen (plus ein Junges) und ihrem schwarzen, nicht allzu wachen Hund, Gitty, allein in der Wüste. Ohne jedes Trara wird am Leitfaden des Enthusiasmus Szene an Szene gereiht. Das lässt ein weites Filmland wie Australien widerstandslos zu. Das ist mir schon mit vielen australischen Filmen so ergangen. Sie führen sich nicht auf, als müssten sie weiß Gott nicht welche Meisterwerke produzieren, welchen irren Spannungsbogen konstruieren, welche Konflikte gerieren. Trotzdem wirken sie immer lässig, erzählen fast mehr von australischer Lebensart, wo man sich nicht auf die Füße tritt, wo man nicht als erstes Bedürfnis verspürt, die Mitmenschen ganz genau beobachten und einzuteilen zu müssen.

    Auch geht Mia Wasikowska, die Darstellerin der Robin, australisch angehaucht mit so einer Selbstverständlichkeit durch den Film, sie muss weder eine überspannte Ambition noch eine Tiefe spielen, sie macht, was anfällt für so einen Trip, als bräuchte sie keine Proben, als sei alles One-Take.

    Zuerst will sie lernen, mit Kamelen umzugehen, wilde Kamele einzufangen und sie zu zähmen. Das macht sie acht Monate lang bei einem Kamelhändler. Den spielt der Deutsche Rainer Bock als ob er nie Australien verlassen hätte. Aber das Versprechen, dass sie am Ende der Zeit zwei Kamele erhalte, hält Kurt Posel, so heißt die mickrige Figur im Film, nicht ein. Ganz gelassen sieht sich Robin nach einem weiteren Kamelhalter um. Irgendwann hat sie alles beisammen für ihre Tour und zieht los.

    Allerdings ist sie mit einem Fotografen einen Deal eingegangen, weil ihr noch Geld fehlte, dass er immer wieder Aufnahmen von ihr machen dürfe. Diese Bilder im National Geographic haben dazu geführt, dass die Tour weltberühmt wurde und im späteren Verlauf ist Robin richtiggehend überfallen worden von einer Fotografenmeute, hat sich aber nicht PR-freundlich verhalten. Da spürt man einen Moment, dass es doch tatsächlich andere Dinge gibt, als nur berühmt zu sein und wie viele Leute heute als professionelle Abenteurer vor allem zur Eigenvermarktung unterwegs sind. Viele Aufnahmen aus dieser Wüstentour erzählen davon.

    Mia Wasikowska schaut man gerne zu, sie macht alles mit einer unglaublichen Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, ob mit Kamel, Hund, Schlange; sie ist so eine richtig leinwandanschmiegsame Actrice und sorgt allein schon dafür, dass einem die 112 Minuten nicht lang werden.

    Australien und das Kino wirken hier unaufdringlich. Und es gibt doch selbst in der Wüste als ob das ganz normal sei, alleweil wieder eine Abwechslung. Die wirken nie kalkuliert, sondern eher intuitiv. Mal ist es eine Halluzination, mal eine Rückblende in die Kindheit, mal hat ein Kamel einen wehen Fuss oder der Hund erwischt Strychnin, Maoris tauchen auf oder Touristen und ein Känguruh darf nicht fehlen, das hat bestimmt die Tourismuszentrale geschickt, mal ertönt ein Lied aus dem kleinen Transistorradio. Spröde aber nicht öde. Ganz gefühllos ist Robin übrigens nicht, aber das muss man in der Wüste ja nicht auswalzen. Ein Tränchen versickert in der Wüste wie nichts.

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