Auch wenn das Schweizer Bankgeheimnis inzwischen löchrig ist wie ein Emmentaler Käse, so ist das Land immer noch gut, düsterste Geheimnisse zu schlucken, tief in den Bergen zu bewahren, zu vergraben.

    Das zumindest möchte uns Drehbuchautor und Regisseur Micha Lewinsky (Die Standesbeamtin) mit diesem intellektuell locker angedachten, in der Performance ebenso löchrigen Film weis machen. Wenig fundiertes Swiss Bashing um des Swiss Bashings willen.

    Es ist nichts passiert. Wobei hier selbstverständlich nicht gespoilert werden soll, was genau nicht passiert ist. Das Konstrukt, damit nichts passiert, was Lewinsky sich ausgedacht hat, ist folgendes: sein Protagonist, Dauerlächler Devid Striesow als Thomas, fährt mit seiner Frau, Maren Eggert in der wenig dankbaren Rolle der Romanautorin mit Schreibhemmung Martina, und mit Tochter Jenny und der Tochter seines Chefs, Sarah, in die Schweizer Berge, um entspannte Tag beim Skifahren zu verbringen.

    Das Eheverhältnis von Thomas und Martina ist diffus, wird diffus als diffuses präsentiert mit dazu intendiertem Alltagsgequatsche, das sich beim Aufbruch zu so einer Reise, bei Hinfahrt und Ankunft mehr oder weniger zweckdienlich ergibt, quasi improvisiert, um Realitätsnähe zu suggerieren; wobei genau die kleine Differenz bleibt, hier diejenige zur nicht erreichten Natürlichkeit; hier wird ein apriorisches Understanding mit dem Publkum vorausgesetzt, wenn Profischauspieler versuchen Altltagsmenschen und Alltäglichkeit zu mimen.

    Das erste dunkle Geheimnis, das die Schweizer Berge schlucken, soll hier verraten werden, weil es einen Rattenschwanz weiterer, sehr dunkler Geheimnisse nach sich ziehen wird, was vor allem der behaupteten, aber aus der Performance wenig ersichtlichen Feigheit des Charakters der Striesow-Figur zu verdanken ist.

    Jenny und Sarah sind knackige, hochpubertäre Mädchen, hungrig nach Erfahrungen, nach Disco, nach dem Wesen Mann, aber minderjährig. Und schon am ersten Abend lässt sich Sarah von einem Bergboy, Max Hubacher als Severin, dem Sohn des Chalet-Vermieters, der mit Striesow befreundet ist, entjungfern; ihr Vater findet sie völlig fertig in einer kalten Telefonzelle kauernd. Sie erzählt dem Vater, was vorgefallen ist. Das Geheimnis soll zwischen den beiden versiegelt bleiben.

    In der Geschichte wird dies und der Ablauf der folgenden Vertuschungs- und Verdunkelungsmanöver, auf die sich Striesow nun einlässt und die ihn für den Rest des Filmes auf Trab halten, nur mit dürftiger, empirischer Schlüssigkeit geschildert.

    Striesow erledigt diesen Hindernislauf der der Illustration der Aufrechterhaltung der Behauptung, es sei nichts passiert, dient, mit seiner als Vieldreher inzwischen individuell entwickelten Methode der dauerlächelnden Effizienzoptimierung bei Einsatzminimierung, einer Methode schauspielerischer Selbstgenügsamkeit, immer Sympathie heischend und den Improvisationsschein wahrend ohne Rücksicht auf die Rolle, das kann an die Grenze freundlichen Kindertheaters gehen wie das auf dem Silbertablett servierte, geheuchelt wirkende Mitleid mit Sarah in der Telefonzelle.

    Striesow zeigt so demonstrativen Goodwill, zeigt, dass er Goodwill spielt, demonstriert den Versuch von Eigenmitwirkung im Hinblick auf das poröse Drehbuch und die Wünsche des Regisseurs mit dem Untertext, ihn doch bittschön machen zu lassen, damit das alles schnell über die Bühne gehen kann, die nächsten Rollen warten schon. Das wirkt ab und an leicht selbstverliebt, funktioniert aber für den oberflächlichen Check als schauspielerische Überlebensstrategie bei schwachen, wenig fundierten, wenig schlüssigen Büchern wie diesem.

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    Dies ist zuallererst die Dokumentation eines Ehrgeizes, des Ehrgeizes von Ben Masters, dem Ideengeber zu diesem Film und dem Primus inter Pares unter den vier Protagonisten. Ben will mit 3 Freunden und 16 von ihnen selbst gezähmten Mustangs von der mexikanischen Grenze bis Kanada reiten. Diese Abenteuerreise zwischen der Ausbildung und dem Ernst des Lebens will er für die Nachwelt erhalten und im Kino vermarkten.

    Durch das ambitionierte Ziel unterscheidet sich die Reise von der klassischen Ichfindungsreise. Ben hat sich schon gefunden. Er muss nichts mehr suchen. Er will sich und sein Ziel durchsetzen. Trotzdem gibt es zwei Momente, die ihn berühren: wenn ein Pferd stirbt oder er eines verletzt zurücklassen muss und kurz vor dem Ziel trifft ihn deutlich die Ansage eines der Freunde eine Meile vor dem Ziel, ab hier reite er allein, um ein Empfangskommitte bestehend aus Verwandten zu treffen, das müsse so sein. Das wurmt Ben gewaltig. Er findet sich grummelnd und rationalisierend damit ab. Ziemlich sauer wird er auch, wie einige der Pferde ausbüchsen und weit zurücklaufen. Sie werden von einem Pferdetransporter deutlich weiter nach vorne gebracht als sie vorher waren; das ist gegen den Ehrgeiz von Ben.

    Momentweise wird die große Logistik um das Abenteuer herum sichtbar: Trailer mit Pferdeanhängern, die immer wieder am Zielort auftauchen, die kranke Pferde aufnehmen können, die die Abenteurer mit Wasser und Heu versorgen.

    Anfangs sieht die Dokumentation von Phillip Baribeau eher aus wie eine Fernsehreportage, besorgte Eltern kommen mit Statements zu Wort. Ferner gibt es immer wieder dazwischen geschnittene Infos über Wildpferde, die in Amerika noch frei leben und geschützt sind, über Konflikte zwischen Farmern und Tierschützern, da sich die Wildpferde rasend schnell vermehren und diese längst den Farmern das Gras wegfressen.

    Am meisten Sog entwickelt der Film in den Phasen, in denen die Gruppe über längere Zeit sich durch die Wildnis bewegt. Drohnen und Stirnkameras oder gar Handykameras erzeugen Nähe, fangen aber auch die großartige Natur ein, vielfach auch Gegenden, die vom Kino nicht ausgelutscht sind.

    Darüber, was die Männer innerlich erleben, ihre Gefühle, Gedanken erfahren wir nur spärlich etwas. Einer liest reitend „Fifty Shades of Grey“. Durch die Dominanz von Ben können die anderen wenig Kontur gewinnen. Einem fliegen sie mal die Freundin ein, aber mehr als eine Umarmung, die überrascht tut, gibt das nicht her.

    Unter den Mustangs scheint eine gewisse Fluktuation zu herrschen. Es gibt auch wilde Szenen. Ans Herzen wächst einem der Esel Donquite, der sich für die letzte Etappe den Wildwestlern anschließt.

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    Nachdenklich verlasse ich das Kino, frage mich, was Robert De Niro veranlasst haben mag, diese Rolle des schweinigelnden Opas anzunehmen.

    Dan Mazer (Regie) und Jan Phillips (Buch) präsentieren uns präseniles Springbreaking von De Niro als sexbesessenem Opa und seinem Enkel Zac Efron, der immer noch den Silberblick versucht und in jedem zweiten Satz, in dem nicht gerade das Wort Schwanz oder Muschi vorkommt, erklären muss, dass er Anwalt sei.

    Sofort nach der Beerdigung seiner Frau will De Niro mit seinem Enkel nach Florida losbrausen, angeblich braucht er ihn als Fahrer, da er keinen Führerschein mehr habe. Es sei auch der letzte Wunsch seiner Frau gewesen, denn die letzten 16 Jahre hatte er keinen Sex mehr, weil sie Krebs hatte – nicht ausreichender Hinweis auf den im Folgenden behaupteten Triebstau.

    Im rosa Kleinwagen von Efrons Mutter machen sich die Beiden auf den Weg nach Barca und versacken in Dayton.

    Spannungsbringer in diesem Film, der auch ein Hochzeitsfilm ist, soll die Braut Meredith von Efron sein, denn der Endspurt zur Hochzeit steht an. Die Braut ruft immer wieder an und schiebt Panik, ob ihr Bräutigam rechtzeitig zurück sei.

    Derweil wühlen sich De Niro und Efron durch eine missliche Anhäufung abgelutschter Gags und Zoten und der Betrachter findet sich in die Position des geriatrischen Analytikers gedrängt, wirkt es doch so, als hätte De Niro gelegentlich Mühe, sich seine Sätze zu merken.

    Im Film soll es, das ist einer Schlussbemerkung von De Niro zu entnehmen, um das Thema „Freiheit der Unterdrückten“ gehen und durch die deutsche Synchro werden die Sätze weder erhellender noch appettitlicher:

    Lass uns in deine Muschikarre springen und wir verpissen uns.
    Ich bin auf einem Bingoabend von meinem Opa entjungert worden.
    Wie seh ich aus? Wie der Hauptredner beim Arschfickerkongress.
    Habt ihr Lust, ein paar Babys einzeln in meine Vagina einzulochen?
    He, was bist du, ein Mösenvergrauler?
    Du bist nichts anderes als ein Schwanzblocker.
    Edward mit den Spermahänden.
    Du sollst ein Bier trinken und kein Pferd am Schwanz lutschen.
    Jedes dritte Mädchen hier hat Herpes.

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    Ein weiteres, diffuses Kinderstück aus Masannek-Eklektizismus, der sich schon im Titel selbst zur Legende verklärt und womöglich bildungsrelevanteren Kinderfilmen den Platz wegnimmt.

    Ein tapfer streitendes Ensemble präsentiert von allem etwas und nichts richtig: Fußball, Paintball, Sätze über Mut und Angst, Baumhütte, die kriegerisch verteidigt werden muss, Bildung einer neuen Gruppe von wilden Kerlen, Kampf gegen die Älteren, Schatzkarte, Giftschrank, Wettpinkeln, Inszenierung à la Tarantino-Western, jedes Wort als Pointe mit bedeutsamer Gedankenpause davor gesprochen, so immerhin ist jede Silbe deutlich verständlich, hochkomplizierte Kampfmaschinen und -geräte, wie nur Spezialtüftler sie erfinden können, sophistischer Beweis, dass es die Wilden Kerle und das Böse wirklich gebe, Geruch von Angstschweiß, Finsterwald im Osten, verlassener Spielplatz, Pakt schließen, Blutsbrüderschaft, die Galaktischen platt machen, es ihnen geben, „darnach zerreißen wir sie in der Luft“, Song: Ihr müsst Euren Füßen und Euren Herzen vertrauen, Eiterbeutelmunition, zahme, pseudoreligiöse, feierliche Initiation fast wie Jugendweihe als wilde Kerle, die wilde Welt darf nicht untergehen, Schwur, schöne Trickflanke zu einem Tor, originelle Torzählmethode mit herunterfallenden, nummerierten Eimern, spezielle Manipulation eines widerwilligen Schiedsrichters zum Erreichen eines fälligen Elfmeters, Fahrräder, motorisierte Fahrräder und Motorräder, Bolzkäfig aus Draht … und dafür sollen wir auch noch bereit sein zu sterben.

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    Terror als ein Element von Emanzipation.
    Die Taten, um die es sich im deutschen Titelzusatz handelt, sind astreine Terrortaten. Aber der Zuschauer akzeptiert sie wohlwollend, denn sie dienen einem guten Zweck, der Ebnung des Weges zum Frauenstimmrecht in Großbritannien anfangs des letzten Jahrhunderts.

    Abi Morgan (Drehbuch) und Sarah Gavron (Regie) haben sich dieses Kapitels der Frauenemanzipation angeommen und daraus einen traumhaft schön süffigen Kinofilm in der leicht pastellenen Bildgestaltung eines einem lieb gewordenen Fotoalbums hergestellt, wozu die Kamera von Edu Grau einen bemerkenswerten Anteil geliefert haben dürfte – er hatte schon beeindruckt bei Buried Lebendig begraben.

    Die Geschichte wird erzählt am Beispiel der jungen Büglerin Maud Watts, fabelhaft gespielt von Carey Mulligan. Sie stellt den Idealfall einer entrechteten jungen Frau dar; ist idealtypisch bereits verheiratet mit einem drolligen, politisch schläfrigen jungen Mann, mit Sonny, mit dessen Verkörperung Ben Wishaw betraut worden ist.

    Maud ist praktisch in der fabrikartigen Wäscherei aufgewachsen; denn schon ihre Mutter wurde dort brutal ausgebeutet; und dem Chef hatten beide gefällig zu sein, wie inzwischen bereits das Töchterchen von Maud, die das erzählttechnisch just in dem Moment mitbekommt, wo sie eine Entscheidung fällen muss, nämlich, sich den Suffragetten anzuschließen, die 1912 bereits sehr aktiv sind und unter deren Chefin, der wie immer großartigen Meryl Streep als Emmeline Pankhurst, die Wende zu Gewalttat und Terroraktionen vollziehen.

    Auslöser dafür ist eine Anhörung von Arbeiterinnen vor dem Parlament, die für die Frauenbewegung erfolglos verläuft: das Stimmrecht wird den Frauen weiter verweigert. Das nährt die Wut gerade auch in Maud, die anstelle der misshandelten Violet, Anne-Marie Duff, aussagt und die grauenhaften Arbeitsbedingungen offenbart.

    So ist auch sie bereit, den Kampf zu unterstützen, die junge Kinoheldin, das ist auch traumhaft schön – und traurig zugleich. Denn ihr Mann kann das nicht nachvollziehen, gibt den kleinen Buben zur Adoption frei, verstößt seine Frau; Spirale der Radikalisierung.

    Aber, nicht ganz unbekanntes Phänomen, die Presse, die mit der Politik unter einer Decke steckt, verschweigt die Attentate, die Frauen kommen ins Gefängnis, das trägt zur weiteren Radikalisierung des Kampfes bei.

    So müssen die Frauen zu noch extremeren Mitteln greifen, um endlich in die Schlagzeilen zu kommen. Was ihnen bei einem bekannten Reitturnier, wo auch der König anwesend ist, schließlich mit einem Menschenopfer gelingt.

    Britische Filmkunst at its best; ars cinematografica britannica; und ganz schön britisch, dass in diesem Zusammenhang der Terror einiges von seinem Schrecken und seiner Sinnlosigkeit verliert in der Form eines warmherzigen Frauenfilmes, der vermutlich besonders ein weibliches Publikum ansprechen dürfte – was interssieren sich die Männer für die Entwicklung der Rechte der Frauen. Die rationale Begründung für die Terrorakte lautet, dass die Männer eben nur Gewalt verstünden. Die Geschichte hat den Frauen in diesem Fall recht gegeben.

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    Nach all den Horror- und Terrormeldungen und den Phantomterroristen ist dieser amerikanische Horrorfilm nach allen Regeln der Kunst, der in Japan spielt, von Jason Zada nach einem Drehbuch von Nick Antosca, Sarah Cornwell und Ben Ketai, eine richtige Entspannung, umso mehr als die Handlung immer wieder in sattgrünem, japanischem Bergwald spielt.

    Hier soll es den Todeswald geben. Wer da hingeht, der kommt nicht mehr zurück, der will nicht mehr zurückkehren, der hat mit dem Leben abgeschlossen. Es gibt zu diesem Sachverhalt eine Vorgeschichte aus früherer Zeit, als Japan arm war und alte und kranke Mitbürger, die es nicht mehr ernähren konnte, in diesen Wald geschickt hat auf Nimmerwiedersehen. Das Motiv kommt schon bei Ozu vor, der Sohn, der seine Mutter auf den Schultern in den Sterbewald hinaufträgt.

    Hier sind die beiden Protagonistinnen Amerikanerinnen, Zwillinge, die ein ganz besonderes Verhältnis zu einander haben. Gespielt werden sie von Natalie Dormer. Sara spürt immer was mit Jess los ist. Jess ist besonders gefährdet, denn sie schaut dem Düsteren ins Gesicht, während Sara sich davor bewahrt.

    Jess unterrichtet in Japan Englisch und Sara spürt, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Sie reist ihr nach. Sie erfährt, dass Jess sich in den Todeswald begeben hat. Bei ihr findet sie Tabletten. Sie spürt, dass ihre Schwester noch lebt.

    Also auf in den Todeswald. Bis hierher ging der Film recht wohl dosiert mit bewährten kurzen Schockmomenten und Fantasieängsten um und er wird auch im wunderschönen Grün des Waldes das gute, erträgtliche Maß nicht verlieren.

    Dort gesellt sich zu Sara noch ein australischer Journalist und ein Japaner, die Sara nicht ganz einsam dastehen lassen. Wodurch die Einsamkeit schmerzhafter wird, wenn sie sich trennen.

    Bald schon finden sie das Zelt von Jess. Zu diesem ordentlichen Konfektionsprodukt mit klarer Problemstellung, das aber mit Liebe gemacht ist, passt die deutsche Synchro wie angegossen. Der Wald heißt Aokigahara, der Selbstmordwald. Und der Satz „wir schaffen das“ kommt auch vor und erinnert an ganz andere Weltgegenden.

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    Dienstag ist nicht Freitag und Robinson ist nicht gleich Robinson.
    Gagsinn ist nicht gleich Tiefsinn. Man kann aus dieser Vorlage auch ein spaßiges Abenteuer konstruieren. Man kann den Robinson auf einer Insel anlanden lassen, die sehr steinig ist, aber bereits von einem kleinen Zoo der verschiedensten Animationstiere besiedelt ist, die alle ganz neugierig und ängstlich sind auf den angelandeten Robinson mit seinem bunten Papagei Dienstag, den er schon auf dem Schiff dabei gehabt hat, das nach dem Sturm am felsigen Ufer der Insel gestrandet ist.

    Hat den Vorteil, dass bis zu einem Globus ein riesiger Fundus an Ausstattungsgegenständen da ist und nicht alles mühsam selbst gezimmert werden muss, dass sich die Frage, die sich sonst beim Robinson existentiell stellt, was ist der Mensch ohne seine Einrichtungsgegenstände und ohne menschliche Gesellschaft, gar nicht erst stellt. Dass also mehr Zeit bleibt für Verfolgungsjagden und Stolpereien und Hänge- und Rutschpartien und Ausrutschereien und rasante Fahrten.

    Zu der schnell angefreundeten, bunte Gesellschaft fallen den Trickfilmmachern Vincent Kesteloot und Ben Stassen pausenlos Gags und Situationskomik und Slapsticks mit den Tieren ein, nicht enden wollend und 3D meistern sie leidlich mit ein paar kleinen Schockern fürs Auge.

    Dummerweise haben den Schiffbruch auch zwei böse Katzen überlebt, die sich heimlich auf der Insel eingerichtet und dann stolz vermehrt haben, bis sie auf der Suche nach Nahrung zur Plage und Gefahr werden, wodurch wieder jeder Menge listenreiche und artistische Trickverfolgungsjagden mit allen den Waghalsigkeiten, die sich an Gestängen und Rohren und Schiffstakelagen in schwindelerregender Höhe ereignen können.

    Traumhaft schön ist in diesem Zusammenhang der Gleitflug des Chamäleons unter einem grünen Blatt über der Bucht, ein Rettungsflug. Sowieso kann das Chamäleon seine klebrige Zunge zu allerlei Nützlichkeit im Überlebenskampf des Biotopes anwenden. Und bevor der Chose der Actionschnauf ausgeht, schafft es Robinson, an Bord eines Piratenschiffes mit Männern von ungepflegter, rüpelhafter Sprache zu gelangen. Hier kann er gelassen vom Teetrinken in London träumen.

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    Das Kind im Mann, das will spielen – und jagen, das gilt wenigstens für einen der älteren Herren, die Hendrik Löbbert in seinem Dokumentarfilm portraitiert.

    Dieser Herr sitzt am Fensterbrett, auf welchem eine Reihe von Tierfigurinen stehen, und er erzählt, wie er den Wisent auf den Bären losgehen lässt, denn beide hätten noch einen Rest von Widerstandswillen.

    Oder sein Kollege, der über eine ausführliche Geschichte vom Kollegen Rolf, den es nach Australien verschlagen habe, auf weltweiten Umwegen auf den Punkt kommt, dass der ihm einen Wolfsschädel geschenkt hat, den er bei der Präsentation der Jagdstrecke als eigenen Abschuss ausgegeben habe, um die Funktionäre zu narren, das erzählt er mit trocken-kindischer Freude. Denn der Wolf ist geschützt, darf nur abgeschossen werden, wenn er krank ist, dann muss der Jäger das sogar tun wie bei allen anderen kranken Tieren auch.

    Das Jagdrevier dieser Herren wird bald wegfallen, weil aus dem Gebiet eine richtige Wildnis werden soll. Auch dazu hat Löbbert kernige Kommentare eingefangen, die er zu einem unterhaltsamen Potpourri aus Jagdbildern, Jagdbesprechungs- und Vorbereitungsbildern, Gängen durch die Natur, die Jäger oft von hinten, Wartesituationen, Streckenbegutachtung, Halali und Weidmanns-Heil nebst großartigen Naturaufnahmen des Kameramannes Hajo Schomerus zusammengestellt hat.

    Gerade die Naturaufnahmen kommen faszinierender rüber als in so manchen vom Ehrgeiz zerfressenen, modernen Naturfilmen, denen das Auge für die Schönheit und die Ruhe des Waldes verloren geht, die nur auf Sensationenjagd sind mit immer hochauflösenderen Kameras.

    Hier ist der Mensch im Mittelpunkt und um ihn herum die Natur, die die Jäger, es sind vor allem ältere Herren, die Löbbert vor die Linse holt, aufmerksam betrachten und die aus einem Sandboden ganze Geschichten von Wildwechseln mit wenigen Blicken ablesen können.

    Sie sehen sich als Heger der Natur – mit einem lachenden Auge sogar mit ihren Mithegern, den Wölfen – und es besorgt sie, dass hier Wildnis entstehen soll ohne Jagderlaubnis, denn dann wird sich hier vor allem das Rotwild, was viel Verbissschaden anrichtet, unkontrolliert vermehren und in die nahen Jagdreviere ausbreiten.

    Was der Film definitiv nicht ist: ein Infofilm über die Jagd, über die Jagdtraditionen, über die politischen Auseinandersetzungen zwischen Jagd und Naturschutz, obgleich er einen Kommentar zum Zusammenhang zwischen Legislaturperiode und Wolfsschutz für den Zuschauer bereithält.

    Das spielt zwar alles mit hinein; aber im Mittelpunkt geht es um ein bis an die Grenze der Skurrilität gehendes Portrait dieser älteren Herren, die viel Lebenszeit in dieser Jägergesellschaft verbracht haben, vor ihren Trophäensammlungen, die die Natur lieben, auch die Einsamkeit im Ansitz und die sich schon seit Jahrzehnten kennen.

    Es geht dem Dolumentarfilmer auch nicht darum, die Geschichte einer Jagd als Fachvortrag quasi von den Vorbereitungen über das Halali zur Verteilung der Positionen, dem Schießen, dem Ausnehmen der Beute, dem Ausstellen der Strecke, der Entgegennahme einer kleinen Anerkennung zu zeigen. Das kommt zwar alles vor, aber als Bestandteil eines eigenwilligen Bildnisses einiger durch die Jagdpassion miteinander verbundener, älterer Mitbürger. Ein gesellschaftliches Leben, das von der modernen Zeit wie nicht infiziert ist, obwohl die Herrschaften moderne Autos fahren, Handys haben. Es ist das wache Verhältnis zur Natur, die Zuneigung zur Natur statt zum iPhone, was den Unterschied macht.

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    Spannend und sorgfältig geschrieben und inszenierter Justizirrtumsfilm aus Holland nach einer wahren Geschichte um eine Serienmörderin und wie gierig und wie leicht wir bereit sind, so einen Fall zu glauben und als Newsmaterial zu verwursten und zu konsumieren.

    Kaum etwas vermag unsere Fantasie mehr anzukurbeln als die Vorstellung von Serienmördern, erst recht, wenn es sich um Pfleger oder Krankenschwestern handelt, die ihnen anvertraute Patienten, Säuglinge, Greise vom Leiden erlösen und hinterhältig mit Medikamenten ins Jenseits befördern.

    Es scheint einen regelrechten Hunger nach solchen Geschichten in der Öffentlichkeit zu geben. Zuletzt als Spielfilm Die Vorsehung, wo zur Erhöhung der Spannung hellseherische Fähgkeiten eine Rolle spielen.

    In Holland war es die Krankenschwester Lucia de Berk. Ariane Schluter spielt sie als eine verschlossene Person, die sich nicht mit ihren Kolleginnen auf der Säuglingsstation gemein macht, die von einem Leben geprägt ist, was nicht so direkt und einwandfrei abgelaufen ist, sie soll sogar auf den Jugendstrich gegangen sein – außerdem liest sie Bücher wie „In der Haut des Serienmörders“ oder „Der Fluch“, schlimmer noch, sie hätte einmal ihre eigene Todesanzeige aufgegeben, um ihr Mutter zu erschrecken; es fehlt ihr jedes Element der Anbiederung an andere Menschen. Sie gibt sich voll der Pflege der Säuglinge hin. Niemand weiß Näheres über sie.

    Und klar, auf Intensivstationen sterben immer wieder Patienten. Wenn allerdings der Verdacht aufkommt, es könnte jemand nachgeholfen haben, dann ist der, das zeigt dieser Film von Paula van der Oest nach dem Drehbuch von Moniek Kramer und Tijs van Marle grausam, kaum mehr aus der Welt zu schaffen, zu sehr bietet sich Lucia als Projektionsfläche an, zu wenig wehrt sie sich, zu fassungslos ist sie über solchen Verdacht und wer ihn einmal erfunden hat, der wird alles daran setzen, ihn auch wahr werden zu lassen, schließlich gibt es in der Justiz den Indizienbeweis.

    Vermutlich ist diese Geschichte verfilmt worden, weil sie letztlich ein halbwegs gutes Ende nimmt, weil es Menschen gibt, die den Indizien allein nicht trauen, denen Unstimmigkeiten auffallen und die sich auch mal eines Kniffes bedienen, um an ein Beweisstück zu gelangen.

    Wobei sich die Medien, nachdem sie zuerst den Skandal um die Serienmörderin groß gebracht haben inklusive gnadenloser Vorverurteilung mit den entsprechenden Folgen für die Betroffenen, sich im Handkehrum auf den Justiskandal stürzen und diesen zur Schlagzeile ummünzen.

    Auch beim Publikum kann die Welle der Ablehung in eine förmliche Explosion der Solidarität umschlagen (ein Phänomen was demnächst auch im Film „Der Kuaför aus der Keupstraße“ zu beobachten sein wird, auch der nach einem wahren Fall), auch das zeigt der Film sehr schön.

    Es gibt auf der DVD noch Bonusmaterial von den Dreharbeiten und Statements von Regie und Darstellern. Die deutsche Nachsynchronisation ist sachdienlich, die Musik ist aufgeweckt vorwärts drängend. Nichts kann irritierender sein als der Schein des Eindeutigen.

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    Die Handlung von Quentin Tarantinos neuestem Film, seinem achten, worauf im Vorspann bereits deutlich hingewiesen wird, ist recht schnell erzählt:

    Tiefer Winter in Wyoming (das ist der völlig rechteckige US-Staat am östlichen Rand der Rockies, aber recht weit nördlich, ein Teil des Yellowstone-Nationalparks befindet sich im Westen), im ausgehenden 19. Jahrhundert, etwa 20 Jahre nach dem Bürgerkrieg. Der Kopfgeldjäger John Ruth befindet sich mit einer gemieteten Kutsche auf dem Weg in die (fiktive) Stadt Red Rock, wo er die junge Daisy Domergue, die er mit Handschellen an sich gekettet hat, der Gerichtsbarkeit überstellen will. Auf sie ist das gewaltige Kopfgeld von 10.000 Dollar ausgesetzt, und damit man sie für ihre Greueltaten hängen sehen kann, bringt John Ruth die Gefangene lebend nach Red Rock, wie er es mit jeder seiner „Kunden“ macht.

    In der verschneiten Wildnis, irgendwo im Nirgendwo, steht plötzlich Major Marquis Warren im Weg, seines Zeichens ebenfalls Kopfgeldjäger, ebenfalls kein Unbekannter. Seine Beute ist schon tot und kalt (so auch sein Pferd), doch kaum weniger wertvoll als die Frau – er nimmt es nicht so genau mit der gerechten Bestrafung wie John Ruth. Bald taucht auch Chris Mannix auf, der sich als neuer Sheriff von Red Rock ausgibt. John Ruth ist etwas skeptisch, denn es ist ungewöhnlich viel los in der eigentlich erstarrten, völlig unwirtlichen Winterlandschaft.

    Ein Sturm kommt auf, und man entscheidet, nicht bis Red Rock zu fahren, sondern nur bis Minnie’s Haberdashery, ein Hof in Alleinlage in erreichbarer Entfernung. Dort trifft man auf einige weitere zwielichtige Gestalten, darunter ein Henker, ein Cowboy, ein General, jedoch nicht Minnie und Sweet Dave, und beschließt, zusammen den Blizzard auszusitzen. Ein paar Tage wird das wohl dauern.

    Doch schon bald zeigen sich erste Ungereimtheiten in den Geschichten der Reisenden. Die Frage ist, welche davon einfach nur Spleens der Beteiligen in diesem mittlerweile gut eingeschneiten Gehöft sind, und welche davon Lügen. Man könnte ja versuchen, den Kopfgeldjägern ihre Beute abzuluchsen, um selbst den schnellen Dollar zu machen.

    Schon bald kommt es zu mehr als nur skeptischen Blicken und unscheinbaren Fragen am Rande.

    Es gibt einiges Interessantes an diesem Spätwestern (im doppelten Sinne: spät in der Zeit der US-Geschichte, aber auch spät in Bezug auf die Filmgeschichte und die Modewellen). Zum einen ist nicht ganz klar, wer überhaupt die Hauptfigur sein soll. Ein Ensemblestück (wie z.B. Ocean’s Eleven), eine von Tarantino frequentierte Erzählform, zeichnet sich normalerweise auch dadurch aus, dass alle, oder zumindest die meisten der beteiligten Sympathieträger am Ende der Handlung noch am Leben sind.

    Der abgeschiedene, geschlossene Dreh- und Handlungsort der Haberdashery (=Herrenausstatter, kann eine Anspielung für ein Bordell sein, oder auch Süßwaren, Waffen, Bekleidung und so weiter, die Frage bleibt offen, doch ist Haberdashery für den Zuschauer weit eingängiger als der x-te Saloon) bietet Tarantino einmal mehr die Gelegenheit, ein wundervolles Katz- und Maus-Spiel aufzubauen, das nicht nur spannend und mitreißend ist, sondern auch Hercule Poirot und seiner Erschafferin gefallen hätte.

    Der Film ist eigentlich gar kein Western, sondern ein Kammerspiel im Rahmen eines Western-Settings: Bewaffnete Personen, Exekutionen ohne langes Gezauder, die Möglichkeit für Übeltäter, sich weit genug entfernt absetzen und somit unbehelligt von ihrer Vergangenheit neu anfangen zu können.

    Quentin Tarantinos Handschrift ist unverkennbar in Drehbuch, Musik (Ennio Morricone gibt sich die Ehre), Figuren und natürlich der Inszenierung zu erkennen. Im Vorfeld wurde intensiv darüber berichtet, dass der Film im Format Ultra Panavision 70 gedreht wird, anamorph (seitlich gestaucht) auf 65mm-Negativmaterial. Das interessante daran ist aber nicht die unglaubliche Qualität des großartigen analogen Filmmaterials, mit dem seit rund 20 Jahren nicht mehr gearbeitet wurde, sondern das ungewöhnlich breite Seitenverhältnis von 2,76 : 1 – mehr ging nicht in der Geschichte der Spielfilme (von einzelnen Kunstprojekten und ähnlichem abgesehen). Die Bildsprache, die durch dieses Format (Ben Hur zum Beispiel) möglich ist, zeigt ihre Stärken eben nicht nur in den Aufnahmen draußen, mit der kleinen Kutsche vor den gewaltigen Rockies, sondern auch drinnen, wo die Figuren wie gleich geladene Teilchen stets aufs Neue auf Abstand zueinander gehen. Kameramann Robert Richardson, der schon öfter mit Tarantino zusammengearbeitet hat (Kill Bill, Inglorious Basterds, Django), hat uns bereits mit Platoon, Geboren am 4. Juli und JFK begeistert, um nur ein paar seiner Arbeiten zu nennen.

    The Hateful Eight ist wahrlich ein Meisterwerk. Vielleicht nicht Tarantinos rundester und „bester“, wenn man das überhaupt so messen kann, wohl aber um Längen besser als das, was im Schnitt so im Kino auf einen wartet.

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