Angesichts des Beginns des Münchner Filmfestes hat es das reguläre Kinoprogramm schwer. Mein Favorit ist The Neon Demon von Nicolas Winding Refn, der seine private Lust am Horror mit der Begeisterung für die geleckte Modewelt unverschämt zu einem makellosen Hochglanzkino zusammenmischt.

    Die Frau mit der Kamera – Portrait der Fotografin Abisag Tülmann hat zwar viel mit dem privaten Abschied von einer besten Freundin zu tun, verliert deshalb ihre bundesrepublikanisch-historische Dimension keineswegs.

    The Lobster – Eine unkonventionelle Liebesgeschichte wirft einen schrägen Blick auf den Hang des Menschen, seine Mündigkeit an der Pforte abzugeben.

    Bastille Day kommt genau richtig zur EM in Frankreich und setzt noch eins drauf auf die Bedrohung durch den islamistischen Terror und Fankrawalle.

    Athos, das Putin kürzlich besucht hat, kann vor allem mit der Seltenheit der Dreherlaubnis und den von-oben-Aufnahmen punkten.

    Café Belgica erzählt eine Brudergechichte aus der Discobetreiberwelt, die wir nun nicht unbedingt wissen wollten, die aber zu erfahren kein Zeitverlust ist.

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    Brexit hin oder her, das Kino blüht, bunt und quirlig sind sie, die Erzählungen der Menschen.
    stefe hat sich einige Filme vorab schon mal anschauen können; wobei die in der Filmkritik prinzipiell schon angelegte Ungerechtigkeit noch mal verschärft wird dadurch, dass die Auswahl der Filme teils von Zufällen, teils von der Laune abhängt. Als Nachteil kommt hinzu, dass die Filme zuhause am Bildschirm und nicht im Kino zu sichten sind. Generell hat stefe einen weiten Bogen um die deutsche Zwangsgebührenkunst gemacht, hat sich Entfernteres vorgenommen. Die Filme sind in alphabetischer Reihenfolge geordnet und mit direkten Links zu den Reviews versehen.

    23 KILOMETRES
    Noura Kevorkian, Libanon/Kanada
    Hautnahe Betrachtung von Demenz, Rückblick auf einen Forscher, Tüftler und dessen Träume, Werk und Philosophien ergeben einen Tochter-Vater-Film, der nebenbei zeigt, dass es noch ein ziviles Leben im Libanon gibt, sogar quietschvergnügte Pfauen.
    ABOUT LOVE
    Anna Melikyan, Russland
    In diesem TV-magazinhaften Mischmasch zum Thema Liebe ist zu erfahren, dass unterschiedliche Rassen besser keinen Sex miteinander haben; kurios ist die Eruierung der Schönheitskosten eine jungen Frau anhand ihrer Leiche.
    ACTOR MARTINEZ
    Mike Ott, Nathan Silver, USA
    Jeder verdammte motherfucker auf der Welt hat irgendwo einen Punkt, wo man ihn ernst nehmen muss. Es geht um den harten Kampf um die Glaubwürdigkeit der Darstellung im Film.
    AVALANCHE
    Morteza Fashbaf, Iran
    Eine mehrtägige Kaltwetterfront über Iran, eine Ärztin in der Midlifecrisis, bei der ein bisschen Rouge auf den Lippen einem Aufstand gleichkommt und ein glücklich-zufriedener Gatte, dem der Stillstand in der Ehe noch gar nicht aufgefallen ist.
    BIG JATO
    Cláudio Assis, Brasilien
    Pubertät eines Dichters in der brasilianischen Steinfisch-Provinz, die ihm Gefängnis und quicklebendiger Nährboden zugleich ist.
    BOLSCHOI BABYLON
    Nick Read, Mark Franchetti, Russland/England
    Die kriminalisierende Widersprüchlichkeit zwischen dem Perfektionsanspruch in der Abbildung des Lebens durch die berühmteste Ballett-Compagnie der Welt und dem Leben selber hinter der Bühne mit Säureanschlag.
    CAMINO A LA PAZ
    Francisco Varone, Argentinien
    Ein nicht näher charakterisierter junger Mann macht auf einer touristisch und menschlich wenig ergiebigen Fahrt mit einem nierenkranken Muslim, der an der Prostata leidet, von Argentinien nach La Paz nicht unbedingt eine Wandlung durch.
    CARACAS, EINE LIEBE
    Lorenzo Vigas, Venezuela
    Aus Aschenbach in Venedig wird Armando in Caracas und statt der Todesstory hebt eine dramatische Wandlung den Begriff „faggot“ mit Wucht aus seiner festen Vorurteilsverankerung.
    CINEMA NOVO
    Eryk Rocha, Brasilien
    Ein Flow kostbaren Footages aus jener aufregenden Zeit, da sich das brasilianische Kino nichts vorschreiben lassen wollte, mit einer Kamera in der Hand und einer Idee im Kopf auf die Realität los ging.
    CLOSET MONSTER
    Stephen Dunn, Kanada
    Dieses kanadische gay Coming-of-Age fällt auf durch stachelige Schnitte und einen sprechenden Hamster, der über den Erzähl-Zeitraum des Filmes ein Methusalem geworden sein muss.
    DER JUNGE UND DAS BIEST
    Mamoru Hosoda, Japan
    Der Junge Ren aus der Menschenwelt und Kumatsetsu aus der Biesterwelt haben die schlechtest möglichen Zukunftsaussichten, raufen sich zusammen zu einem Lehrer-Schüler-Modell und werden am Schluss sogar auf das Schwert verzichten.
    DIAS EXTRANOS
    Juan Sebastián Quebrada, Kolumbien
    Die Beat-Generation hat Kolumbien erreicht, ein lockerer Argentinier, eine feurige Kolumbianerin und eine Frau aus Uruguay haben Zeit für einander und kein Geld; und wenn sie keine Zeit für einander haben, dann knirschts vernehmlich.
    DOG EAT DOG
    Paul Schrader, USA
    Solange es Waffen ad libitum gibt in den USA, so lange wird im Kino dem Gangster-Genre nicht beizukommen sein, selbst wenn Paul Schrader mit zusammengekniffenen Augen und mit altmeisterlicher Eleganz es mit Spott überzieht.
    EL CLÁSICO
    Halkawt Mustafa, Irak
    Weiches Grün im Irak, ein Quad mit zwei kleinwüchsigen Männern drauf mit den Fahnen von Real Madrid und Barcelona geschmückt, begibt sich auf ein teils sehr erfundenes Roadmovie-Abenteuer.
    EL DESTIERRO
    Arturo Ruoiz Serrano, Spanien
    Eine fein inszenierte Ménage-à-trois in abgelegenem Steinhaus in der Herrera vor dem Hintergrund des spanischen Bürgerkrieges.
    EL PLACER ES MIO
    Elisa Miller, Mexiko
    Mateo und Rita, er will Triebbefriediung, sie ein Kind, es gibt Hühner und die Handlung ist die, dass die Zeit vergeht.
    FRENZY
    Emin Alper, Türkei
    Hysterie schleicht bedrückend durch Istanbul.
    GO HOME
    Jihane Chouaib, Libanon
    Rückkehr in eine frühere Heimat, in der es zwar noch die Halbruine eines Vaterhauses, aber nur schmallippige Nachbarn gibt. Hier ist kein Halt zu finden und vom Libanon gibt es auch nicht viel zu sehen.
    LA CALLE DE LA AMARUGA
    Arturo Ripstein, Mexiko
    Zeichnet mexikanisches Elend in den eindrücklichen Bildern eines 50-er-Jahre-Kinos und kritisiert die Beherrschung der Welt durch Geld heute.
    LA CIÉNAGA – ENTRE EL MAR Y LA TIERRA
    Manolo Cruz, Carlos del Castillo, Kolumbien
    Lichtdurchflutet: Muskelschwund-Schmerzensmann malerisch auf Matratze in Pfahlbau gelegt, ist der unerbittlichen Mutterliebe ausgeliefert.
    LA VANITÉ
    Lionel Baier, Schweiz
    Warten auf den Tod am Genfer See in einem Motel in Route-66-Design, ohne je etwas mit einem Mann gehabt zu haben, kann das gut gehen?
    LITTLE BIRD
    Vladimir Beck, Russland
    Voll fokussiert auf den jugendlichen Eros im Sommercamp – das Schnäbeln der Tauben auf dem Dach.
    LOSERS
    Ivaylo Hristov, Bulgarien
    Coming-of-Age im rückständigen, in Schwarz-Weiß malerisch schön verkommenen Bulgarien, nicht ohne Selbstmitleid.
    MA
    Celia Rowlson-Hall, USA
    Pantomime und Antibeischlafs-Performance im weiten, amerikanischen Westen nach dem Bibelspruch von der tugendhaften Frau – in Las Vegas wartet ein Baby.
    MALI BLUES
    Lutz Gregor, Mali/Deutschland
    Stippvisite in die Musikwelt des multiethnischen Mali, das durch den Terror getrennt ist.
    MA MA DER URSPRUNG DER LIEBE
    Julio Medem, Spanien
    In seinem dicht gewirkten Filmpoem zerpflückt Medem meisterhaft das Thema Mutterschaft, deren Gefährdung und Vergänglichkeit und wie es trotzdem weitergeht.
    MATE-ME POR FAVOR
    Anita Rocha da Silveira, Brasilien
    Die Jugend der Satellitenvorstadt Barra von Rio in einem frisch geschmeidigen Bilderbogen von der Liebe bis zum Tod.
    MR. SIX
    Hu Guan, China
    Das vom Kino schon x-fach durchgekaute Männer-Gen des Ehrbegriffs wird hier anfällig gegen Krebs, die Widersprüchlichkeit der Moral und den Zahn der Zeit.
    MONTANHA
    Joao Salaviza, Portugal
    David, knapp 15, gibt dem Filmemacher den Vorwand, fühlig ruhig dieser Zeit kurz vorm ersten Mal mit einem Hauch Sentimentalität und Romantik nachzuspüren; sie wirkt wie eine gespannte Wartezeit.
    MUTTER UND DIE ANDEREN SPINNER DER FAMILIE
    Ibolya Fekete, Ungarn
    Ungarische Lebenskunst des 20. Jahrhunderts: lass dich wie ein rohes Ei in die Luft werfen und bleibe beim Aufprall auf den Boden ganz.
    NAWARA
    Hala Khalil, Ägypten
    Da kommt viel Druck auf: verheiratet sein mit einem Nubier in Ägypten und und aus ökonomischen Gründen die erste Nacht nicht hinter sich bringen können; das just im aufgewühlten Moment des Sturzes von Mubarak.
    NUR WIR DREI GEMEINSAM
    Kheiron, Frankreich
    Hier spielt der Sohn den eigenen Vater, aber aus der Sicht des ehemaligen Buben, was dieser Flüchtlingsgeschichte eine ganz eigene Komik verleiht.
    OFFICE
    Johnnie To, Hong Kong
    Büromusical kurz vor der Lehmannpleite, der Teamenthusiasmus hat Showwerte und als Sahneguss gibt es eine märchenhafte Liebesgeschichte.
    OLEG Y LAS RARAS ARTES
    Andrés Duque, Russland/Spanien
    Hochkünstlerisches Portrait des russischen Filmkomponisten Oleg Karavajchuk; Dissonanz gibt mehr her als Harmonie.
    O PREFEITO
    Bruno Safadi, Brasilien
    Spaßige Kunstperformance mit einem fiktiven Bürgermeister von Rio, der zwischen Vision, Halluzination und Tablettenrausch davon schwadroniert, stadtplanerisch alles besser zu machen, so ganz allgemein, bevor er sich zu seinem eigenen Gipsdenkmal transformiert.
    ORESTES
    Rodrigo Siqueira, Brasilien
    Das Thema Rache wird im Hinblick auf den griechischen Fall „Orest“ als dem ersten Justizfall der Geschichte und vor dem Hintergrund der Militärdiktatur und auch moderner Polizeigewalt in einem Fake-Prozess mit echten Beteiligten verhandelt. Der Film belegt die hohe Kultur des Diktaturverarbeitungsgenres in Lateinamerika.
    OSCURO ANIMAL
    Felipe Guerrero, Amazonas
    Der Dschungel ist so grün wie langsam. Die Frau ist das Opfer. Mal passiert ein Mord. Aber seine hässliche Fratze zeigt der Dschungel erst bei den rot gemalten Buchstaben ACC.
    POESÍA SIN FIN
    Alejandro Jodorowsky, Chile
    Jodorowskys hochpoetische, filmpoetische Poetikvorlesung anhand eines autobiographisch gesponnenen Fadens.
    PSYCHO RAMAN
    Anurag Kashyap, Indien
    Indische Variation zum Serienkillerthema unter dem Aspekt der Seelenverwandtschaft von Cop und Killer.
    RALÉ
    Helena Ignez, Brasilien
    Copacabana Mon Amour, aber Alain Resnais sind wir nicht, wir können nicht die 60er Jahre nochmal spielen, umso mehr verlustieren wir uns an deren späten Errungenschaften, zum Beispiel der Homo-Ehe.
    TE PROMETO ANARQUÍA
    Julio Hernández Cordón
    Bunuels „Los Olvidados“ war einmal; jetzt sind die Straßenkids von anno dunnemal in den Bluthandel und in heftige, schwule Liebe involviert.
    THE BLACK HEN
    Min Bahadur Bham, Nepal
    International gefördertes Gugemeint-Movie – Eine Schulstunde für ein Ei.
    THE FIND
    Viktor Dement, Russland
    Fischereiinspektor Trofims eingefahrenes Selbstbild erfährt nach einem Babyfund gehörige Erschütterungen.
    THE LAND OF THE ENLIGHTENED
    Pieter-Jan De Pue, Belgien/Afghanistan
    Ein Belgier realisiert Traumbilder knackig-kerniger Knaben im afghanischen Grenzgebiet zu Tadschikistian, die Schmuggel und Lapis Lazuli-Abbau betreiben statt Pfadfinderspiele.
    THE SHELL COLLECTOR
    Yoshifumi Tsubota, Japan
    Der blinde Muschelsammler auf der Hanare-Insel wird dokumentarisch eingeführt; wie ihm aber der Pazifik eine Frau an den einsamen Strand schwemmt, kennt die fiktionale Erfinderei kein Halten mehr.
    THE STUDENT
    Kirill Serebrennikov, Russland
    Wer mit Bibelworten beschlagen ist, kann effektvoll gegen die Argumente „unkontrollierte Erektion“ und „vorübergehende, geistige Verwirrung“ anreden und seine gesamte Umwelt zur Verzweiflung bringen. Nach dem Stück „Märtyrer“ von Marius von Mayenburg.
    TONI ERDMANN
    Maren Ade, Deutschland/Österreich
    Der Humanismus als Klumpfuß des Kapitalismus.
    TRAMONTANE
    Vatche Boulghourjian, Libanon
    Die Beschaffung eines Passes artet für den markanten, blinden Musiker Rabih, der faszinierende Georges Dib, zu einem Thriller aus, der Suche nach der eigenen Geschichte, die aus tausend Geschichten zu bestehen scheint.
    YOU CARRY ME
    Ivona Juka, Kroatien
    Der Krieg hat Kroatien und die Kroatier grob und chaotisch gemacht; drei Frauen schlagen unerbittlich um sich.
    WEST NORTH WEST
    Takuro Nakamura, Japan
    Barfrau liebt Frau in Pink und die Frau mit dem Kopftuch bringt die Gefühlsbalance der beiden durcheinander, dabei sucht sie nur nach der richtigen Himmelsrichtung, wo liegt Mekka?

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    Der Humanismus als Klumpfuß des Kapitalismus

    Hier geht es um Menschlichkeit, um Humanität. Es geht darum, wie ein Mensch, ein Vater, Peter Simonischek als Winfried Conradi, der Anspruch auf Gehör und Anwesenheit eines nahen Menschen stellt, seiner Tochter, Sandra Hüller als Ines Conradi, einer Karrieristin, in die Quere kommt, gezielt dazwischen funkt in ihr gelecktes Leben. Er hat nichts von seiner Tochter, die er doch aufgezogen hat, und fordert von ihr gemeinsame Zeit. Die Tochter hängt selbst in Gegenwart ihres Vaters pausenlos am Telefon. Sie arbeitet in einer Beratungsfirma, die dadurch brilliert, dass sie Arbeitsplätze wegrationalisiert, um die Gewinnmargen der Unternehmen zu erhöhen.

    Maren Ade hat zu diesem Thema Bilder gefunden, die einen über den Tag hinaus beschäftigen. Sandra Hüller und Peter Simonischek sind ein fabelhaftes Schauspielergespann.

    Ade spielt das Prinzip der stalkenden Belästigung, die den Humanismusanspruch mittels Herbeiführung hochnotpeinlicher Situationen artikuliert, in verschiedenen Varianten in einer Aneinanderreihung liebenswürdiger bis bösartiger Szenen durch. Ein Mensch als Klumpfuß des Kapitalismus.

    Ade baut auf den Satz vom steten Tropfen, der den Stein höhlt. Sie wiederholt diese Belästigungen, die Wilfried vor allem als seine Kunstfigur Toni Erdmann mit schwarzlockiger Billig-Perücke und einem Scherzartikel-Rossgebiss vollzieht, so lange, bis seine Tochter alle Hüllen fallen lässt. Insofern kann nicht unbedingt von einem spannenden dramaturgischen Bogen gesprochen werden. Eher von einer Anhäufung möglicher Schadenfreude beim Zuschauer, der sich an immer neuen Einfällen zum Thema Peinlichkeit ergötzen darf.

    Das Prinzip der Szenen ergibt sich aus folgender Grundsituation. Ines hat in Bukarest in Rumänien zu tun. Sie soll bei einer Ölfirma Stellen abbauen. Ihr Vater reist ihr nach und quert in den unmöglichsten Momenten und Verkleidungen ihren Weg, der auf solche Begegnungen nicht vorbereitet ist. Wie ein Deus ex Machina taucht er allüberall auf. So etwas kann zu Verfolgungswahn führen.

    Der Zuschauer kann sich dank dieses Wiederholungsprinzipes mit den Darstellern in ihre Rollen einwohnen. Thema Karrierismus und Menschlichkeit. Über die Unpässlichkeit von Menschlichkeit in der modernen, gewinnmaximierungsorientierten Geschäftswelt. Dagegen setzt Winfried als Toni trotzig die vom Chef von Ines als Business-Idee apostrophierte Behauptung, er habe zuhause eine Ersatztochter engagiert, weil die eigene Tochter ja nie da sei. Als ironischen Hinweis schenkt er ihr eine absurde Designerkäsereibe zum Geburtstag.

    Maren Ade fungiert als Drehbuchautorin und Regisseurin (und auch als Produzentin von Komplizen-Film). Insofern redet ihr keiner drein, hat sie sich also künstlerischen Freiraums erboxt, den sie nutzt, allerdings scheint ihr dadurch auch jemand zu fehlen, der den Stoff nach dem Motto „Kill your Darling“ nochmal durchgebürstet und manche Szenen im Hinblick auf einen Verkaufserfolg als verzichtbar markiert hätte. Was schade ist, denn selten kümmert sich jemand im deutschen Kino so gründlich um die Figuren und ihr Verhältnis zueinander, um damit eine tiefmenschliche Aussage auf die Leinwand zu bringen.

    Insofern wirkt die Nacktparty gegen Ende nur wie ein Beispiel unter vielen und nicht als der zwingende Höhepunkt einer stetig gesteigerten Genervtheit der so coolen Businessfrau; wobei die Entwicklung der Reaktion auf die penetranten Interventionen ihres Vaters in ihren Business-Alltag vermutlich viel länger eiskalt weggesteckt werden müssten, um die Form zu wahren und um sich dann in dieser Nacktparty explosiv zu entladen, mit einem Knall. So aber erhält die Geschichte einen sentimentalistischen Touch.

    Ade inszeniert so, als gebe die Tochter zusehends auf, als verliere sie ihre Rolle, als bröckle ihre Fassade step by step, als verliere sie ihren Business-Pli, den sie anfangs so grandios und mit den kleinen hingeworfenen Nebenbemerkungen spielt.

    Wobei es gewiss nicht unrealistisch und vermutlich leinwandwirksamer wäre, wenn sie sich stattdessem nur heftiger hinter dem perfekten Rollenduktus versteckte, diesen vollends zur entmenschlichenden Bewaffnung ausbaute. Das könnte die Komödie auf eine neue, noch groteskere Ebene schrauben. Das mag sogar, Indiz dafür ist die erwähnte Nacktparty, so angedacht sein, aber es muss eben auch durchgeführt werden.

    Vor diesem Hintergrund wirkt das Kapitel, in welchem sich Simonischek als deutscher Botschafter ausgibt und die benutzt wird, um einen Blick in rumänische Familienverhältnisse zu werfen und Ostereierbemalgebräuche zu zeigen, so nett wie auch als Bremsklotz.

    Auch der Besuch auf der Baustelle wirkt eher so, als möchte Ade den koproduzierenden Fernsehredakteuren noch beweisen, dass man auch einen Schuss Lebensrealität (ergo: Sozialkritik!), Wissen vermittelnd, in den Film einbringt, wenn schon in Rumänien gedreht wird.

    Selbiges gilt für die Gesangseinlage der beiden Protagonisten, so schön die ist, aber sie spitzt den Konflikt nun nicht gerade zu, erschwert sogar den empirisch zwingenden Nachvollzug der angedachten Zuspitzung auf die Nacktparty hin .

    Dabei gerät das Thema des Konfliktes zwischen Vater und Tochter zusehends aus dem Blickfeld. Wobei die Schlusssequenz mit der Gorillaverkleidung ein gigantischer Höhepunkt sein könnte, wenn vorher zielbewusst auf die Steigerung des Konfliktes hingearbeitet worden wäre. Aber Maren Ade behauptet ja nicht, sich mit Billy Wilder messen zu wollen. Wenn überhaupt, dann eher mit einem Achternbusch.

    Vor dem Hintergrund des zur Zeit durchaus beliebten Genres „Businessbashing“ jedoch ragt dieser Film meilenweit heraus: Christoph Hochhäuslers verworrene Die Lügen der Sieger, Die dunkle Seite des Mondes, die sich im Unterholz verläuft oder die schnöselige Zeit der Kannibalen.

    Zum Vortrag all dieser Ideen, schlägt der Film von Maren Ade ein gemächliches Tempo ein. Winfried Conradi nennt seine Tochter Spaghetti – ist da nicht auch eine Idee abschätziger Haltung erkennbar, wie er sie doch seiner Tochter vorwirft?

    Originalsatz: „Selbst wenn ich aus dem Fenster springen wollen sollte, würde mich die Käsereibekombination nicht davon abbringen“. Das ist doch reichlich komplex geschrieben. Auch für die Klappbettunfallstory und ihre Folgen lässt sich Ade gemütlich Zeit, die vom anfänglich behaupteten Thema ablenkt oder es in den Hintergrund drängt oder um viel zu viele Winkel versucht, ein Link hin zur Nacktparty zu bauen.

    So wirkt aber die Lustigkeit auch sehr von der sich anbietenden Oberfläche genommen unter Vernachlässigung des Themas. In solchen Momenten kommt einem die euphorische Reaktion der hell mit- und weiterdenkenden, mitunter den Nachvollzug vernachlässigenden internationalen Presse in Cannes doch eher wie ein Strohfeuer vor. Ebenso die Handschellenszene, da fängt Vaters Störaktion an, sich totzulaufen.

    Ungelöstes Hauptfigurproblem. Das machen Autoren gerne, wenn sie ein Thema bedienen wollen: Karrierismusbashing. Die Begründung der Nacktparty verliert an dramaturgischem Effekt durch die allzu ausgebaute Rückenreißverschlussnummer von Ines; lässt den Entschluss als Impulshandlung aus einer kleinen Verzweiflung dastehen und leider nur theroetisch aufgrund alles Vorangegangenen als dezidiertes Höhertreiben der Dramatik.

    Ade präsentiert uns einen Musterkatalog wunderbarer Szenen für das Karrierismus- und Kapitalismusbashing.

    Ein schönes Beispiel für den Kapitalismus, der hier gegeißelt wird, liefert just zum Filmfest die Stadt München unter OB Dieter Reiter, indem sie den gut bewohnten Rest der Sendlinger Straße in jene Art Fußgängerzone verwandelt, in der Behinderte und Mobilitätseingeschränkte als Störfaktoren gewertet und deshalb mit bürokratischen Schikanen abgeschreckt, vergrämt werden sollen. Mobilitätseingeschränkte Menschen hindern den Fluss des Geschäftes als Klumpfuß des Kapitalismus und sind also unerwünscht.

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    In diesem Animationsfilm von Mamoru Hosoda spielen zwei Welten ineinander.

    Die Menschenwelt – die besteht vor allem aus Menschenmassen, aus mindestens einer kaputten Familie, Mutter weg, Bub Ren will nicht mit seinem Vater leben und haut ab, will sich nichts bieten lassen. Vor der Polizei kann er sich noch retten. Mönche erzählen ihm von einem Weg zu einem göttlichen Zustand. Ren würde wohl, wenn wir Die Prüfung über die Selektion künftiger Schauspieler in Hannover beiziehen, als nicht „ausbildbar“ gelten.

    Die Biesterwelt – von der lernen wir zuerst ihre Machtstruktur kennen. Da ist ein Hasenobergott. Dann ein Gott. Der muss sich seinen Weg an die Position erkämpfen. Er muss Familie haben und Schüler, Anhänger. Und es gibt den ambitionierten Kumatsetsu, der das alles nicht hat, der den schlechtest möglichen Ruf hat, mit dem keiner sein will, bis auf seine zwei treuen Adlaten.

    In jeder der beiden Welten wird also ein extremer Außenseiter und hoffnungsloser Fall beschrieben: Ren und Kumatsetsu. Just diese beiden aussichtslosen Fälle, diese Nicht-Integrierbaren führt die Geschichte zusammen, lässt sie sich zusammenraufen, lässt sie ein Lehrer-Schüler-Modell entwickeln, in welchem der Lehrer vom Schüler lernt – und natürlich auch umgekehrt, was beinhaltet, dass der Schüler sich vom Lehrer trennt, wenn er seine Lektkionen gelernt hat.

    Ren als Schüler von Kumatsetsu, das ist eine Paarung, die den schlechten Ruf und die Chancenlosigkeit auf Erfolg in sich hat und die nur nach heftigsten Fetzereien überhaupt zusammenfinden, bei zwei so ähnlichen, heftigen und heftig aufeinander reagierenden Charakteren.

    Was lernen wir aus diesem Film? Vieles ist lernbar und ein guter Lehrer lernt von seinem Schüler und umgekehrt. Hier hat Ren den schlimmsten Konkurrenten von Kumatsetsu, Iozen, den mit der geradlinigen Karriere von Familie und Schülern, genau beobachtet und festgestellt, dass der sehr viel übt. Das verlangt er nun auch von seinem Lehrmeister.

    So gibt es schöne Übungsstunden. Ständig imitiert Ren seinen Lehrmeister in den Bewegungen. Die studiert er ganz genau, das zeigt eine einleuchtende Szene, wie er allein vom Hören seiner Bewegungen darauf schließen kann, was sein Lehrmeister gerade tut, wie er sich gerade bewegt.

    Die beiden machen eien Lehrreise. So lernen sie unterwegs Telkinese, Illusionismus und Transzendierung. Nach einiger Anfeindung kommt plötzlich der Erfolg, fängt die Lawine der Anerkennung an, die Schüler, die aufgenommen werden wollen, stehen Schlange.

    Wie Ren beim Meister nichts mehr zu lernen hat und von der süßen Kaede kapiert, dass ihm jegliche Bildung fehlt, wendet er sich der Bildungswelt zu. Zu guter Letzt trifft er seinen Vater wieder und jetzt könnte Happy End sein; aber so einfach kann man nicht abhauen von seinem Lehrer.

    Die Vergangenheit holt Ren ein, wie es 9 Jahre nach dem ersten Duell in der großen Arena der Biester zum erneuten Zweikampf zwischen Kumatsetsu und Iozen kommt. Dieser hat einen Sohn, Ichirohiko, der auch Menschliches in sich hat, was in der Welt der Biester als das Dunkle gilt, im Zeichentrick wird so ein Mensch, wenn diese dunklen Kräfte grollen, vom Bauch her rabenschwarz eingefärbt und ein diffuses Leuchten lässt es gefährlich erscheinen. Kumatsetsu braucht jetzt die Unterstützung von Ren.

    So steht ein großer Countdown bevor, bis Ren geläutert, kampfstark und vor allem mit der Einsicht, dass er nie wieder mit dem Schwert kämpfen werde, von der Leinwand entschwindet. Trotzdem, bis dahin war das Leben vor allem: Kampf – aber es muss ja kein schwarzer Kampf sein, bei dem eine Silhouette wie ein Walfisch in Tokio die schlimmsten Verheerungen anstellt. In so einen schwarzen Kampf aber scheint die Menschheit gerade sich einzulassen.

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    Who can find a virtuous woman? Buch der Sprüche 31 , 10 – 31.

    Einen Film mit einem Spruch aus dem biblischen Buch der Sprüche anzufangen, erhebt den Anspruch von Content. Wer kann eine tugendhafte Frau finden? Sie ist mehr wert als die kostbarsten Perlen.

    Celia Rowlson-Hall liefert mit ihrem Film die Pantomime zu diesem Bibelwort im filmgeilen amerikanischen Steppen- und Las-Vegas-Setting – und kommt zum Schluss, dass das Ziel der Frau doch ein Baby sei.

    In solchen Kunstfilmen ergeht er mir manchmal wie dem Dr. Faust einerseits und einem seiner Schüler andererseits; dieser lässt sich vom Professor widerstandslos an der Nase herumführen und jener sieht sich als ein Tor, der so klug ist als wie zuvor.

    Oder, was schließen wir aus diesem Film? Nicht jeder Film muss ein Triebfilm sein, nicht jede Kinoliebe eine Bumbsliebe. Wenn im Kino ein Mann und eine Frau miteinander in Beziehung gebracht werden, kann ein Kind daraus werden, ohne dass sie es getrieben haben trotz durchwühlter Motelbetten. Einwand, hat sie ihm nicht an einer Stelle einen geblasen?

    Das Prinzip, was Celia Rowlson-Hall inszeniert, das ist die Keuschheut, die Tugendhaftigkeit der luderhaft kostümierten Frau. Aus der Wüste kommt sie her, da wo auch Gottes Wort her kommt, es gibt sogar eine kleine Replik auf den brennenden Dornbusch. Sie trägt rote Stiefel, ein rosa Hemdchen gerade so bis knapp an die Lenden und ein weißes Frottiertuch über den Kopf, die Haare offen.

    Sie pantomimisiert sich auf eine dieser ellenlangen Straßen in der Prärie im Westen der USA. Ein Mann, lässig die Zigarette aus dem Mundwinkel hängend, kommt in einem breiten Amischlitten daher. Sie stellt sich ihm in den Weg. Kriecht auf die Motorhaube, drückt ihr Gesicht an die Frontscheibe. So fährt er mit ihr zum nächsten Lodge. Die achtlos weggeworfene Zigarette steckt einen kleinen Busch am Straßenrand in Brand.

    Es folgen Begegnungen, Annäherungen, kindische Spiele wie Blinde Kuh, Matratzenhüpfen, die Köpfe ganz nah aneinander vorbeidrehen ohne Berührung, ohne Kuss; Schlangenbeschwörerspiel, Kraftübungen des Mannes, Liegestütze, er spielt Gorilla, nähert sich ihr, brunftet sie an; er will Triebbefriedigung, er onaniert im Auto bei Regen.

    Sie landen in einem zweiten Motel, ein Zimmer mit zwei Betten. Eine Schwangere steht vor einem anderen Zimmer, aus ihr rinnt Sand, den der Zimmerservice gleich wegputzt, noch bevor einige Kinder richtig zu spielen anfangen können, Sand rinnt aus einem Gemälde, aus dem Wasserhahn, Symboliken – aber wofür? Für die Tugendhaftigkeit?

    Er aber schwimmt gerne. Sie springt auch einmal ins Wasser, spielt die Wasserleiche. Plötzlich ist das Zimmer voll mit kräftigen Männern. Die Versuchung? Es gibt wilde Party, der Mann besteigt eine Frau. Das Zimmermobiliar wird halb ausgeräumt. Eine Karawane setzt sich mit diesen Gegenständen in die Sandwüste in Bewegung.

    Die Frau spielt im Zimmer weitere Pantomimen bis hin zur Selbstfesselung auf einem Stuhl. Sie schneidet sich die Haare. Am Schluss geht sie in Männerkleidung, ähnlich jener ihres Pantomimepartners gen Las Vegas, landet in einem Tempel der Lust, unangefochten. Und ich sehe, dass wir nichts wissen können (Faust).

    Einschubbild: eine Frau mit Krug in langem traditionellen Gewand trägt einen Krug über ausgetrocknete, rissige Erde und gießt Wasser in ein Loch. Weiteres Symbolbild für die Tugendhaftigkeit? Zwischendrin spielen Kinder mit Autreifen. Und viele weiter Einfälle in den Motelzimmern. Dazu ab und an bedrohliche Beschallung aus einem Fernseher, der nur ein Flimmerbild zeigt.

    Der Mann ist ein Hinkemann. Der Mann, der nicht ficken darf, ein Hinkemann? Und: Ansätze zu Striptease und Szenen in Unterwäsche. Negativfolie des Liebes- und Beischlaffilmes. Antitriebsfilm.

    Die Wand, an der wir die Tugendhafte am Schluss mit Baby sehen, sieht aus wie die Rückwand eines Filmstudios.

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    Kleine, feine Etüde eines Kammerspiels zum Thema Mélange-à-trois.

    Zwei grundlegende männliche Konzepte des Verhältnisses zur Frau werden mit einer aufgefundenen Frau konfrontiert, die selbst behauptet, sie habe zwei Freunde gehabt.

    Der bodenständige Typ, der die Frau zur Befriedigung braucht und benutzt, und der Schöngeist, der Intellektuelle, der die Liebe sucht, sie nicht teilen will.

    Der Ort: eine kleine Steinhütte in den weiten Höhe der Hereras.

    Die geschichtliche Situation: der spanische Bürgerkrieg. Außenposten der Nationalen. Alle Roten sind Feinde und müssen sofort getötet werden. Bomber fliegen in Richtung Madrid.

    Die Personen: Silvero, Eric Francés, der bereits seit Monaten auf dem Posten ist. Sein Kamerad ist gestorben (an inneren Krämpfen, wird später gefragt?). Der Versorger Paulinho, Chani Martin, der einmal die Woche auf einem Esel Essensnachschub und Post bringt, hat einen Ersatz dabei und soll die Leiche abtransportieren. Dieser Ersatz heißt Theodor („Geschenk Gottes“), Juan Carles Suau, ist Katholik, Priester und Schöngeist, liebt die Literatur und schreibt selbst Sonnette. Er ist ein fanatischer Parteigänger der Nationalisten, kennt – erst mal – keine Gnade, wie Silvero eine verwundete Frau am Bach findet. Es ist eine Polin, Sofia, Monika Kowalska, eine Studierte und Künstlerin dazu, die sich den Partisanen angeschlossen hat.

    Theo kann nicht nachvollziehen, dass Silvero sie nicht sofort erschießt, sondern (christlich, ha ha) pflegt und aufpäppelt. Aber nachher soll sie bittschön der Armee übergeben werden, meint Theo.

    Silvereos Mitleid liegt allerdings nicht in christlichem Gedankengut begründet, es ist die simple Tatsache, dass er seit Monaten keine Frau mehr gehabt hat und sie dafür fit machen will.

    Arturo Ruiz, Autor und Regisseur dieses Kabinettstückchens, zeichnet in hochkozentrierten, ruhigen Szenen nach, wie sich die Beziehung der drei allmählich entwickelt. Wie sie schnell eine verschworene Gruppe werden, die den Kodex der übergeordneten Gruppe, der Kriegspartei, mit der Aufnahme dieser Feindin verletzt.

    Schon beim nächsten Besuch von Paulinho verstecken sie Sofia und Theo hält dicht. Sofia macht den Deal, die Frau beider zu sein, mit. Bis Ostern – der Film fängt im tiefen Winter mit viel Schnee an – dürfe sie in dieser Funktion bleiben und müsse sich dann auf eigenes Risiko aus dem Staub machen.

    Ein dichtes Kammerspiel, schön und mild beleuchtet, setzt ein. Ab und an findet sich ein Tier in der Falle. Einmal soll Sofia kochen. Oh, das kann sie nicht, sie kann lesen, schreiben, singen, malen. Das verbindet sie mit Theo. Der wollte auch studieren. Empfindet fast etwas wie Neid zu ihr, der Studierten, denn im Weltbild seines Vaters war Studieren nicht vorgesehen, in dessen Haus wurde man notfalls Priester. Es wird sich noch zeigen, dass er nicht, wie das Vorurteil es will, ein „fag“ ist. Er will lieben. Aus dieser Konstellation heraus ist nichts zu erwarten, was gut ausgeht.

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    Alt Männer wollen spielen. Und ein bisschen Gerechtigkeit wünschen sie sich. Als Spielzeuge haben sie ihr Leben lang Waffen gehabt. Es sind Amerikaner. Hier sind Waffen so häufig wie in Deutschland warme Semmeln.

    Für unsere Protagonisten sind Waffen ebenso das tägliche Brot. Lange, lange Knastkarrieren. Und dann mal wieder draußen. Und ein klein wenig Gerechtigkeit erhaschen, diesen kleinen bescheidenen Wunsch haben sie, sie, die Ausbünde von Gesetzesbrechern.

    Paul Schrader erfüllt ihnen diesen Wunsch auf seine ernsthaft grinsende Weise und cineastisch hochelagant nach dem Drehbuch von Matthew Wilder, der den Roman von Edward Bunker zu Grundlage hatte:

    Troy, Nicolas Cage, Mad Dog, Willem Dafoe und Diesel, Christopher Matthew Cook, sollen sich mit der Entführung eines Babys und der darauf basierenden Lösegeldforderung dieses kleine Stückchen Gerechtigkeit auf Erden beschaffen am Ende langer Gangster- und Knastkarrieren.

    Allerdings sind sie offenbar so beschaffen, dass sie es eben nicht schaffen, dass die Umstände widrig sind und sich der Drehbuchautor sowieso einen Dreck um ihre Wünsche schert. Der kämpft mit dem Genre, versucht vielleicht, ihm ein Ende zu bereiten, denn nach der Perfektion kommt der Tod und Schrader cinematographiert die Geschichte perfekt.

    Die Amis spielen diese Gangster als hätten sie nie etwas anderes getan. Sie haben es im Blut. Das ist ihnen nicht auszutreiben. Selbst den Dilettantismus dieser zum Verbrechen berufenen Typen bieten sie perfekt: allein wie deppert sie den Schriftzug Polizei auf ihr Auto geklebt haben mit den Schlangenlinien davor und dahinter.

    Schrader setzt über die Bilder eine spottend und zu Trommelwirbeln wie aus der letzten Röhre röchelnde Tonspur und am Schluss noch Kirchenmusik, weil unglücklicherweise ein ehrwürdiger Pastor im falschen Augenblick mit seiner Gattin und seinem Auto und der Pistole neben dem Steuer am falschen Ort ist und damit Schrader Grund für eine feierlich getragene Musik für den Shootout gibt. Trotzdem dürfte das nicht der letzte Film des Genres gewesen sein, denn das Waffengeschäft läuft in den USA auf Hochtouren.

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    Weil es so schwierg ist, meint Arthur, der Titelheld und Protgonist des Filmes, deshalb interessiert ihn das Kino.

    Warum ist Eminem so groß geworden? Weil er von sich erzählt hat. Das macht die Crew um Mike Ott und Nathan Silver, die beiden Regisseure und Drehbuchautoren dieses Filmes, die diese Rollen selbst spielen, ganz ruhig und nachdenklich. Sie sitzen um den Küchentisch in der Wohnung ihres Protagonisten, wo sie einen Film drehen wollen. Sie trinken Kaffee aus Konfitürengläsern oder welches Kraut immer zu der dunklen Brühe verwendet wird. Sie kämpfen um Glaubwürdigkeit im Film, um Ehrlichkeit, um das Reale.

    Diese Wahrhaftigkeit bezieht sich auf die darstellerische Performance, nicht auf den Einfluss des Drehbuches; das wäre ein anderes, garantiert deutlich schwierigeres Thema.

    Das Team um Mike Ott und Nathan Silver sind keine ganz blutigen Anfänger mehr, die sind in Amerika mit dem Film vermutlich so aufgewachsen, wie der Fisch im Wasser, das zeigt die Souveränität von Inszenierung, Schnitt, Soundspur, Ausstattung (eben die Kaffeegläser). Sie versuchen sich hier an einem Selfie ihres Kinokünstlertums.

    Gleichzeitig kommt dieses Ansinnen einem Angriff auf die Branche insofern gleich, als auf die Leinwand zu kommen, ein großes Ziel von vielen ist und nur wenige schaffen es zum Star oder groß rauszukommen, wie der erwähnte Eminem.

    Der Film dient der Selbstvermarktung, der Ichverbreiterung in einer vor Ellenbogen nicht geschützten Branche: in jedem Moment, wo Martinez auf der Leinwand ist, kann an der Stelle gleichzeitig kein anderer sein.

    Sie versuchen anhand eines Filmprojektes die Realität dieses Kampfes abzubilden, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Sie zeigen Ausschnitte aus dem Casting, Gespräche über die Rolle, Selbstgespräche, die Partnerinnenwahl, denn es gibt intime Szenen. Eine solche wird auch gedreht, die macht recht deutlich, dass das gar nicht so einfach ist, es soll glaubwürdig wirken, aber der Zuschauer soll bittschön auch etwas vom Gesicht sehen.

    Der Film zeigt auch, was eine der Stärken der amerikanischen Filmschauspielerei ist, dieses hartnäckige Insistieren darauf, dass die Figur glaubwürdig rüber kommt, diese Suche im Privatleben nach solchen Momenten. Jeder verdammte Motherfucker auf dieser Welt, sagt Martinez an einer Stelle, hat den Moment, in dem er cool ist; er meint: wahr, glaubwürdig, da wo man ihn respektieren muss. Das macht das Persönliche einer Filmfigur aus. Das muss der Darsteller auf die Leinwand bringen, ob er den Darsteller als „privat“ oder als „darstellend“ darstellt.

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    TV-magazinhafter Mischmasch zum Thema Liebe mit lehrhaftem Einschlag, der besonders dadurch sichtbar wird, dass der Film von Anna Melikyan mit einer Vorlesung zum Thema Liebe anfängt, die später mit wissenschaftlichen Experimenten fortfahren wird.

    Ein unerschöpfliches Thema mit den unterschiedlichst möglichen Zugängen über Gehirnuntersuchungen, den Hormonstandpunkt oder das rassistische Thema (dass andere Rassen anders riechen und mit dem Beispiel der Japanerin, die Russen testet und dann doch den Japaner liebt; dass die Rassen sich also nicht vermischen sollen) und die üblichen Unterscheidungen, Schlampe, Ehefrau, Geliebte.

    Die Regisseurin bemüht sich, wie es scheint, mit dem popkulturellen Zeitgeist zu gehen: Graffitikkünstler und Straßenmusiker, Maskerade und Verkleidung als Comic-Figur, Animé-Charaktere als Augenfang und Nichtbeachtung der privaten Person dahinter, eine Polizistin, die sich überreden lässt als Sailor Moon zu gehen, viel Internetkommunikation, Skype, Chat und sms, Blind Date über Internet (und die bösen Gefahren dabei, eine Falle) Internetliebeskommunikation in steinzeitkinematografischen Parallelschnitten eingefügt. Ab und an Moskaumonumente und ganz keusch ganz viel Tuch über den Bettszenen.

    Der Geschäftsmann, der alle Angestellten entlässt und die einzige Frau, die den Kaffee lifestylehaft aus modernen Kaffemaschinen rauslässt, offiziell als bezahlte Vögelpartnerin anfragt, nachdem sie ihm erzählt hat, ihre Oberweite sei echt. Am originellsten ist die Schönheitskostenanalyse an der toten Studentin.

    Dieser Film kann aus sich heraus seine Teilnahme am Münchner Filmfest nicht rechtfertigen und das Filmfest präsentiert ihn erstaunlicherweise auch ohne Kommentar oder Begründung.

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    Die Krux solcher vielfältig international-westlich geförderter Dritte-Welt-Filme ist die, dass sie zwar auf ein Unrecht im einem abgelegenen Winkel der Welt aufmerksam machen, hier auf den Civil War zwischen 1996 und 2006 im Norden Nepals und an die Opfer erinnern, dass sie das aber so zahnlos tun, weil sie keinem weh tun wollen, ja, weil sie vermuten, der fördernde Europäer, hier sind es die Schweiz, Deutschland und Frankreich, möchte nur eines aus diesen Ländern sehen: wie armselig die Leute da leben und Folklore dazu, Hochzeiten, Beerdigungen, Feste, religiöse Zeremonien, altertümliche Speisenzubereitung.

    All das bekommt er und noch mehr geboten in diesem Film von Min Bahadur Bham. Nur eines nicht: keine Hintergründe, keine Einsicht in die Verwicklungen hinter so einem Zivilkrieg. Hier gibt es nur die bösen Maoisten, die Nepal infiltrieren, die junge Menschen aus den Dörfern zwingen, bei ihnen mitzumachen. Im Gegenzug taucht die Armee auf, lässt den Dorfladen schließen, weil er auch mit den Maoisten Handel getrieben habe.

    Was bleibt, ist eine niedliche Geschichte vom Jungen, Prakhash, der faszinierend alt und erstarrt wirkt. Er möchte eine Ausbildung machen, studieren. Aber man ist arm im Dorf. Also kauft er mit Hilfe seiner Schwester eine Henne. Mit dem Verkauf der Eier will er seine Ausbildung finanzieren. Er steckt mit seinem Freund Kiran zusammen.

    Doch der ungebildete Vater verkauft die Henne an den Großvater. Jetzt setzt Prakash alles daran, sie zurückkaufen zu können. Dazu sind mithilfe seines Freundes nicht ganz saubere Tricks vonnöten.

    Dabei bekommt man zu sehen, wie einfach diese Menschen gekleidet sind, was für eine Sensation eine Filmvorführung im Dorf ist, die tagelang vorher angepriesen wird, dass es nur ein öffentliches Wahlscheibentelefon gibt, das unter einem Vordach baumelt, dass die Häuser keine Elektrizität haben, die Schule nur aus Bänken besteht, dass die Kinder Seilziehen spielen, dass es eine öffentliche Waschgelegenheit gibt. Das alles ist pittoresk, erinnert in manchen Innenbildern an Bilder von Albert Anker, aber es gibt auch Einblick in das Kulturprogramm der Maoisten und einen grotesken Showauftritt von diesen und die Info, dass es Unberührbare gibt.

    Als Zugabe noch etwas Landschaft, eine schöne Hängebrücke, einen Tempel für den westlichen Kulturhunger und ein Zug von Menschen auf der Flucht mit Sack und Pack und Pferd statt dem mehrfach versprochenen Fest Dashain, dazu war das Förderbudget der reichen Europäer dann wohl doch zu knickrig; Hauptsache es reicht zur Beruhigung des schlechten Gewissens.

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