Die Filme, die sich heute an den Start wagen, leisten Widerstand gegen ein milliardenschweres Franchise. Den Mut haben allen voran geistvolle und hochsensible Filme mit schwebenden Wahrheiten aus Frankreich, Kanada und dem Vereinigten Königreich. In Irland stellt die Hochzeit die Busenfreundschaft der Braut auf eine harte Probe; in Belgien kompensiert einer den Mutterverlust mit Christusallüren, in Madrid spielt der Zeichentrickfilm von einem friedliebenden Stier und nochmal in Frankreich gibt es einen Bericht aus einer Tetraklinik. Im Fernsehen trampelte der BR auf einer Raststätte herum und klammerte Themen aus, die die Gemüter bewegen.

    Kino
    MEINE SCHÖNE INNERE SONNE
    Mehr geistvoll als sensibel; aber hartnäckig die Liebe suchend.

    DIE KANADISCHE REISE
    Den Vater suchend und Wahrheiten ahnend.

    LEANING INTO THE WIND – ANDY GOLDSWORTHY
    Poesie in der Natur ergibt sich aus der Hingabe an die Physis.

    EIN DATE FÜR MAD MARY
    Jeder Schritt, jedes Wort von oder zu Mary, kann zum Desaster führen.

    WENN ICH ES OFT GENUG SAGE, WIRD ES WAHR
    Ich bin das Wort, die Mutterbrust und das Defizit an denselben.

    FERDINAND: GEHT STIERISCH AB!
    Friedliebender Stier in einem Pferch voll alberner Gags.

    LIEBER LEBEN
    Tatsachenspielfilm aus einer Paraplegikerklinik.

    STAR WARS: DIE LETZTEN JEDI
    Widerstand gegen absolutistische Macht.

    TV
    B 12 – AUF DER SUCHE NACH DEM SINN DES LEBENS
    Der fette Auftritt des BR verfremdet das vorgeblich zu dokumentierende Leben.

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    Hart auf Hart.

    Warum mich der Film über die Vorführung hinaus beschäftigt, obwohl ich nicht zu den eingefleischten Fans und Kennern der Reihe gehöre?

    Es ist das Thema der Wiederherstellung der Republik gegen totalitäre Machtinteressen. Ein hochbrisantes Thema überall auf der Welt, weitherum blühen Nationalismus und Diktaturen, kämpft der republikanische Gedanke, der Demokratiegedanke einen schweren Kampf, oft aussichtslos.

    Dies ist ein brennendes Thema, und ob ein Häufchen noch dazu arg zurechtgestutzter Widerständler gegen eine technische Übermacht etwas ausrichten kann. Das ist in diesem Film fantasievoll verpackt in einer riesigen Ausstattungsbandbreite von modernstem High-Tech an Räumen und Kommunikation über allerlei niedliche Robotervarianten, die Mutterinstinkte wecken, über groteske Tierwesen in malerischen Kostümierungen bis hin zum Lichterschwert.

    Die Settings reichen vom Weltall über die reine Natur (die Insel von Luke Skywalker), die Architektur einer futuristischen Top-Luxusgesellschaft bis zu den verschiedensten Typen und Formen von Raumschiffen.

    Das menschliche Personal dagegen ist so ausgewählt, dass es dein Nachbar sein könnte. Der Film formuliert spannend und einfallsreich eine Angst, die jeder Mensch täglich erlebt, die Ohnmacht übermächtigen Organisationen gegenüber, Konzernen, die reicher sind als manche Staaten, Amazon, Facebook, aber auch staatlichen Organisationen oder andere dinosaurierhafte Institutionen.

    Ein happiges Stück Kino. In der Pressevorführung war ein überwiegend männliches Publikum anwesend, weit überwiegend. Das hat vielleicht damit zu tun, dass es in diesem Sequel der Star Wars Reihe von George Lucas, hier hat Rian Johnson das Buch geschrieben und die Regie geführt, sehr viel um das Kämpfen geht.

    Es geht um den Widerstand gegen eine skrupellose Macht, um eine bereits dezimierte Gruppe von Kämpfern, die nicht besonders gut ausgestattet sind, ihr Raumschiff und ihre kleinen Einheiten wirken eher wie intergalaktische Schrottlauben. General Hux (Dornhall Gleeson) soll den Widerstand, resp. den Kampf für die Republik ausradieren auf Wunsch seines obersten Führers Snoke (Andy Serkis). Er ist der Repräsentant faschistoider Herrschaft.

    Eingeführt wird dieser ungleiche Kampf mit Szenen, in denen die Widerständler Raffinesse mit ihren kleinen Raumfahrzeugen, die wie Insekten wirken, zeigen und ihrem Gegner zu schaffen machen. Das sind Vorgeplänkel, die den Zuschauer, der generell mit dem Star Wars Universum vertraut sein dürfte, erst mal in Sicherheit wiegen, ihm die Möglichkeit geben, seine vertrauten Figuren zu begrüßen, aber auch die Nähe zu ihnen zu testen, die doch Menschen wie Du und Ich sind, die in Zwängen stecken, die ums Überleben kämpfen.

    Hier holt der Film seine Zuschauer in ihrem Alltag ab, der in einer fantasievollen Dekoration verfremdet wird.

    Die Widerständler, dabei sind Rose (Kelly Marie Tran), Finn (John Boyega), später noch DJ (Benicio del Toro), wollen die Republik gegen den Willen zur absoluten Herrschaft von Snoke wiederherstellen. Auf dem Weg dahin wird nicht sinnlos gekämpft, da wird viel diskutiert, Vertrauen ausgelotet und missbraucht und auch ein Schuss Liebe darf nicht fehlen. Aber der Gegner ist zäh, umso mehr, als ein Abtrünniger auf dessen Seite ist, Kylo Ren (Adam Driver), der vom Bild her eine frappante Ähnlichkeit zum holländischen Philosophen Baruch Spinoza entwickelt.

    Auch das Thema Religion ist eingeflochten mit dem Thema der Kraft, die durch Konzentration über die Gesetze der Physik hinausgehen kann und im schönen Satz „the force be with you“ kumuliert und repetiert wird.

    Die Inszenierung ist haptisch, die Figuren bleiben greif- und kinematographisch erfahrbar, die Handlungsstränge und Motivationen sind nachvollziehbar. Insofern ist gut mitzugehen, wenn der Widerstand sich als doch nicht so simpel erweist und es hart auf hart geht.

    Luke Skywalker (Mark Hamill), der hat schon grad gar keine Lust mehr, sich in die Kämpfereien einzumischen. Rey (Daisey Ridley) versucht, ihn zu überzeugen. Anderseits sind die Kämpfer hochtechnisiert ausgerüstet. Das reicht jedoch nicht aus. Wichtiger wird es, das Thema Kampf als Konzentration zu behandeln, als mentale Konzentration, die stärker sein kann als alle anderen Waffen. Das Thema der Kraft im All generell, ihrer Interdependenz, bekommt bemerkenswerte Illustrationen.

    Zur guten Verdaulicheit des Filmes tragen humoristische Einlagen bei, auch manche der Figuren, die einem Hiernonymus-Bosch-Gemälde entsprungen sein könnten mit ihren kreatürlichen Lauten: die sind für das Gemüt und die Heiterkeit zuständig.

    Wobei die Helden keineswegs Superhelden sind, keine geschniegelten Alleskönner, teil erinnern sie eher an Bruchpiloten. Auch das bringt sie dem Publikum näher. Ach so, und dann habe ich noch gelesen, dass da die Frage mit dem Lichterschwert sei, ob dieses überhaupt zum Einsatz kommt. Die betreuende Presseagentur hat inständig gebeten, nichts zu spoilern. The force be with you – und das Lichterschwert dazu!

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    Belgisch-christlich-abendländisch-schwarz-weißer Absurdismus zwischen Muttermund, Mutterbrust, Krebs, Tod und den strukturellen Defiziten eines Mannes, der sich als ein Christus sieht. Existenzkracher.

    Er heißt auch noch ‚Mann‘, Michel Mann (Jean-Jacques Rausin). Die Mutter glaubte, im Ultraschall ein Mädchen erkannt zu haben und hat deshalb das Bubenzimmer in Rosa streichen lachsen. Der Bub, der inzwischen ein langhaariger, christushaft aussehender Mann ist, korrigiert die Mutter: Lachs, lachsfarben.

    Michel gerät in der Welt, in der Zeit und im Drehbuch und der Regie von Xavier Seron in lauter Situationen, die ihm Chancen zum Leiden, zum Zweifeln an der Welt oder Anlass auf Krebs-Verdacht geben, ein großes Thema, immer wieder muss er und müssen andere seine Brust betasten. Ist hier ein Knoten, ist eine Verhärtung? Wirklich nur ein Lipom?

    Was soll dieses Leben, das so absurd zustande gekommen ist? Es würde Michel nicht geben, wenn Mutter Sodomie gemocht hätte. Aber weil sie die Sodomie nicht mochte, deswegen gibt es jetzt Michel, eine hinrissige Sinngebung für ein planloses Leben als Verkäufer in einem Elektrosupermarkt. Das Leben, eine nicht ausgesuchte Existenz als Spielball der Ansprüche von Brust und Mutterbrust, ein Sein zwischen Zeugen und Säugen, ein Geburts-, Krebs- und Todesgewurle?

    Es sind die Grundfragen von Sinn und Ziel des Lebens, die Michel umtreiben. Viel wirft das für eine Story nicht ab. Mal eine kleine Shownummer vor Elektrogeräten mit Kollegen – die wirken alle heillos deplaziert (und insofern komisch), Transport und Anlieferung eines voluminösen Elektrohaushaltgerätes im unpassensten Moment: Kunde ist gerade mit Trauernden um einen Sarg versammelt, kochen im Haus der Mutter mit vielen Katzen.

    Die Mutter (Myriam Boyer) soll aus ihrer Wohnung raus. Die Zustände im Altenheim sind bei der Besichtigung desaströs (siehe den auch heute startenden, ebenfalls belgischen Film Rusty Boys. Nicht der Lärm würde die Alten stören, die seien alle halb taub, sondern der Staub.

    Mit so einem Menschen, der gerne in lockerer Unterhose in der Idee eines Christus-Lendenschurzes und Unterhemd Zeit verbringt, ist wohl nicht gut zusammenleben. Freundin Aurélie (Fanny Touron) verlässt ihn für den wiederaufgetauchten Eric (Benjamin Le Souef). Das führt zu einer kämpferischen Nackt-Rivalen-Szene beim Aktzeichnen.

    Katzen sind wichtig in diesen Leben – vielleicht, weil Katzen so viele Leben zugeschrieben werden? Maschinen sind wichtig, die sich drehen, Waschmaschine, Hamsterrad oder Heimtrainer. Vor einer Waschmaschine kann man sitzen wie vorm Fernseher.

    Der Film ist in rückwärts nummerierte Kapitel unterteilt, die die zweifelnde und grimmige, weltzweiflerische Haltung zu diesem ungewünschten, ungewollten Leben deutlich ausdrückt von „Müttern, Sterblichen, Säugetieren“, „Blut fließt in Strömen“ bis zu „Brust in Frieden“ statt Ruhe in Frieden. Christus der Leidensmann. Wunder sind in seiner Nähe nicht fern. Mutter hatte Krebs. Und dann suchen die Ärzte diesen vergeblich – die Katzen seien schuld, aber alle Katzen sterben und Sokrates ist tot, also ist auch Sokrates eine Katze, so die Überschrift von Kapitel 2.

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    Am Schluss kommt die Figur Ferdinand der Stier, der nicht kämpfen will, großartig und anrührend zur Geltung. Er, der majestätisch Gewachsene mit dem kindlichen Gemüt soll in der randvollen Stierkampfarena von Madrid vom Starmatador Ronaldo besiegt werden und will nicht kämpfen. Das ist die Essenz und gleichsam die Geschichte selbst.

    Zeitlos schöne zeichnerische Stilisierungen sind das im Film von Carlos Saldanha nach dem Buch von Munro Leaf und Robert Lawson + 6, der spindeldürre, elegante Matador und der wuchtig geformte Stier, Tierdesign vom Edelsten, von künstlerischer Eindrücklichkeit.

    Wie Ferdinand erst zögert in diesem ihm aufgezwungenen Kampf, wie er Publikum und Matador irritiert, indem er erst gar nicht in die Arena tritt, dann gemütlich, als ob er auf einen Kaffee verabredet sei, wie er im Laufe des von anderen Reitern angestachelten Kampfes den Spieß umdreht und mit dem roten Tuch an einem Horn den Matador auf sich zulaufen lässt und wie er eine Blume auf dem Boden der Arena entdeckt und dadurch in seiner gewaltfreien Haltung bestärkt wird – die Blume wird anfangs des Filmes in amerikanischer Filmsorgfalt schön eingeführt, die Blumen überhaupt. Das hat Klasse. Das vereinnahmt und bleibt im Gedächtnis haften.

    Genau so gekonnt allerdings liefert der Film auf dem Weg zu diesem offiziellen Eröffnen des Blickes in die Seele des friedlichen Stieres, die ja nicht abendfüllend ist, jede Menge Albernheiten und Gags, die die Zeit füllen mit Themen und Einfällen, die nicht unbedingt der Geschichte dienlich sind, die lediglich der Unterhaltung im Sinne eines erhofften Ablachens geschuldet sind.

    Wobei die Szene im Porzellanladen Ferdinand als höchst rücksichtsvolles Wesen darstellt. Aber die Szene mit der Frau, die mit Ferdinands Schwanzende Geschirr abstaubt, da sind althergebrachte Situationen, die in jeder Filmklamotte funktionieren. Oder wenn der Stier zwischen Ballons ein Verwirrspiel mit einem Säugling treibt. Es purzeln die Einfälle oft mehr im Sinne, was lässt sich mit einem Stier auf einem Wochenmarkt, in einer Küche, in einem Porzellanladen, in einem industriellen Schlachthof alles anstellen, was lässt sich mit einem Auto, das von Tieren gefahren wird, alles an Unfällen und Verfolgungsjagden inszenieren, was mit Tieren, die im Stau in Madrid stecken. Was lässt sich mit drei Igelfigürchen alles anstellen, was mit drei albernen Stuten aus Wien.

    Der Film stellt Ferdinand als Baby-Stier vor. Er ist auf der Casa del Torro mit anderen Jungstieren, deren Väter schon zum Kämpfen weggeholt werden. Jung-Ferdinand ist mit einem Gesicht ausgestattet, das Sympathie kreieren soll, mehr Bambi oder Schweinchen als Stier. Das verschenkt allerdings einen ästhetischen Gegensatz, den zwischen Poesie, Blumenwiesen, Pazifismus einerseits und Stiergesicht, Stierkampf, Kämpfertum andererseit; das macht die Sache süßlich, verschummelt den Widerspruch zwischen Vorurteil und Haltung.

    Die Geschichte geht so, dass Ferdinand aus der Casa del Torro abhaut, auf dem Land bei Juan und seiner Tochter Nina unterkommt. Aus Neugier geht er zum Blumenfest in die Stadt. Dort sticht ihn eine Biene in den Po. Dadurch wird er ausfällig und fliegt auf als ungewöhnlicher Kampfstier, wird zur Casa del Torro zurückgebracht und für den Kampf ausgewählt. Diese knappe Handlung ist umrahmt und eingebettet in eine Fülle von Kinderquatsch und Konfektions-Alberngags.

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    Die Stunden ficken (Ausgeliefertheit des Patienten).

    Nach dem echten Leben. Die Ähnlichkeit mit lebenden Personen wird ausdrücklich postuliert am Anfang. Eine Tatsachenerzählung. Der Film berichtet aus der Lebenspraxis in Kliniken mit mobilitätseingeschränkten bis gelähmten Patienten aus der Perspektive: schaut mal her, wie es ist, wenn ein Mensch behindert ist, wie es ist in so einer Institution, bei der für jede Bewegung jemand Hilfestellung leisten muss, selbst fürs Wasserlassen.

    Ben (Pablo Pauly) muss sein Basketball-Studium abbrechen, weil er nachts unvorsichtig und zu steil in ein schlecht gefülltes Schwimmbecken gesprungen ist. Jetzt ist er teilgelähmt, kann nur liegen, muss von Pflegern bewegt und gedreht und gewaschen werden.

    Der Film berichtet aus dem Innenleben eines Paraplegiker-Zentrums. Vor allem wie ein Mensch sich fühlt, wenn er für jede Handreichung, für jede Bewegung, für die alltäglichsten Aktivitäten wie Greifen zum Telefonhörer auf die Hilfe anderer angewiesen ist.

    So fängt dieser Film an: mit einer Subjektiven der totalen Ausgeliefertheit von Intensivpatienten, die die Stimmen von Pflegern, Ärzten, Krankenschwestern, Verwandten nur wie von fern verschwommen hören, aber trotzdem wahrnehmen, wie sie selbst wie Gegenstände behandelt werden.

    Mit diesen Vorszenen setzt Grand Corps Malde, der beim Drehbuch von Fadette Drouard und bei der Regie von Mehdi Idir unterstützt wurde, den Zuschauer gleich auf die Patientenperspektive.

    Dabei wird ersichtlich, wie viele Fälle von misslungenem Selbstmordversuch, von Sportunfällen, von Motorradunfällen oder gar von Opfern von Schießereien es gibt. Aber es trifft immer nur die Asozialen, wird an einer Stell gemosert.

    Auch der Ansatz einer Liebesgeschichte findet Platz, vom Moment an, wo der Patient immerhin selbständig mit einem Rollstuhl sich fortbewegen kan. Kameradschaft kommt auf wie bei anderen Situationen, in denen Menschen durch äußeren Zwang zusammen kommen, etwas zusammen durchleben, durchstehen müssen, eine Schule, das Militär, eine Ausbildung, es sind Bekanntschaften auf Zeit.

    Man erfährt etwas über die verschiedenen Menschen und Schicksale, die hier zusammengewürfelt werden. Und wie sie einen bestimmten, teils zynismusaffinen Humor entwickeln. Auch das Pflegepersonal wird unterschiedlich charakterisiert, der Pfleger, der die Patienten immer nur mit „er“ anspricht und ständig wie ein Jahrmarktschreier jede seiner Handlungen ankündigt und beschreibt, jetzt machen wir das Rollo vom ersten Fenster auf.

    Allerdings scheint vor lauter Redlichkeit des Tatsachenhintergrundes der Autor das Thema der Gesundung der Hauptfigur Ben nicht als dramaturgischen Spannungserzeuger eingesetzt zu haben. Immerhin verbreitet der Film insofern Optimismus, als Ben doch so weit sich wieder bewegen kann, dass er nach Hause entlassen wird.

    Selbstmord ist immer präsent, er kann dich hier reinbringen oder raus.
    Rap-Musik unterstützt an manchen Stellen die Haltung des Filmes.
    Und am Fernsehen taucht der gute alte Derrick auf!
    Siehe auch „Solange ich atme“, der nächste Woche ins Kino kommt.

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    Hochzeit und Humanismusreduktion.

    Dieser Film von Darren Thornton, der mit Colin Thornton auch das Drehbuch nach dem Theaterstück von Yasmine Akram geschrieben hat, könnte durchaus gelesen werden als Fundamentalkritik an der Institution ‚Hochzeit“ und im Gefolge dessen an der Institution Ehe. Das wäre die Lesart durch die Hintertür – oder durch die Brautjungfer.

    Mary (Seána Kerslake) ist die Jugend- und Busenfreundin von Charlene (Charleigh Bailey). Sie galten in der Jugend als taff und unzertrennlich. Sie haben sich mit diesen Eigenschaften von den anderen abgesondert.

    Jetzt heiratet Charlene. Mary soll eine der beiden Brautjungfern sein. Die andere ist Leona (Siobhan Shanahan). Mary ist zum Vornherein eine Hypothek für diese Position. Sie ist gerade aus dem Knast entlassen worden. Sie hat 6 Monate abgesessen wegen einer von ihr provozierten Schlägerei.

    Mary ist kein leicht zugänglicher Charakter. Mit einem verletzenden Wort kann sie eine sich anbahnende Beziehung im Ansatz zunichte machen. Aber auch ein Wort an sie genügt, um sie ungebremst zu provozieren. Ihr Leben ist ein Gang über dünnes Eis, in jedem Moment einbruchgefährdet. Sie geht nicht vorsichtig.

    Die Hochzeit ihrer Freundin wird ihr Verhältnis verändern. Das macht die Sache nicht einfacher. Auch soll sie sich einen Begleiter besorgen für das Ereignis. Dating-Portal, Blind-Dates, Partnervermittlung. Sie schafft immer rechtzeitig, die Dinge platzen zu lassen.

    Bis auf Jess (Tara Lee). Diese soll das Hochzeitsvideo schießen. Hier bahnt sich etwas an, was wiederum den schönen Schein auf einer Hochzeit gefährden könnte. Andererseits ist doch Mary die, die immer daneben ist.

    Aber Charlene reagiert nicht mehr tolerant auf Mary, sondern ängstlich, besorgt, nicht mehr wie früher, als gerade diese Eigenschaften von Mary faszinierend auf sie wirkten. Das ist eine Veränderung, die für Mary schwer zu schlucken ist.

    Thornton inszeniert dieses hervorragend gearbeitete Soziodram nah an der Realität mit exzellent ausgewählten und geführten Schauspielern, die als klar unterschiedene Charaktere zum Fortgang der Entwicklung zwingend beitragen und die Grundfrage, wie die Gesellschaft mit unangepassten Charakteren umgeht plastisch und anrührend als eine profunde Frage des Humanismus auf die Leinwand bringt.

    Das Leben ist nicht rund, wie manch menschlich Veranstaltung wie eine Hochzeit gerne glauben machen möchte.

    Aus genauer Beobachtung und Verfolgung der Konsequenz von Charakteren und deren Handlung ergibt sich zudem ein wundervoller Humor für den Betrachter, denn die Haltung ist grundsätzlich menschenfreundlich und nicht in einer Sekunde denunzierend.

    Die Benimmvorschriften einer Hochzeit stehen im krassen Widerspruch zur Charakterisierung von Mary, das müsste die Braut eigentlich wissen. Für Mary ist das Leben ein Wasserfall an dauernden Wechselfällen. Ihre Mutter fragt sie an einer Stelle, ob sie vielleicht die Schuld trage daran. Der Zuschauer muss selber weiterdenken.

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    Die Liebe ist der Sinn des Lebens. Sie rührt das Leben auf. Wenn sie da ist, sowieso, und noch mehr, wenn sie nicht da ist, wenn sie ersehnt wird, wobei der Dauerwiderspruch zwischen Haben und Begehren ein weiterer Katalysator für die geistvollen und differenzierenden Konversationen über die Indizien zum Phänomen in diesem Film von Claire Denis ist, die mit Christine Angot auch das Drehbuch geschrieben hat.

    Alles dreht sich um Juliette Binoche als Isabelle. Sie ist Malerin, hat sich von ihrem Mann, einem Galeristen, getrennt. Sie haben eine gemeinsame Tochter. Isabelle ist durch den Wegfall der Liebe der Sinn des Lebens abhanden gekommen.

    Offenbar gilt nicht nur, dass der Mann alle x Sekunden an Sex denkt. Bei einer Frau in dieser Situation scheint es nicht viel anders zu sein. Sie ist eine Suchende und gerät an einen Mann nach dem anderen. Nach viel Reden um den heißen Liebesbrei herum kommen sie jeweils kurz zur Sache. Kaum ist diese vorbei, geht das Suchen von Neuem los.

    Trifft man sich wieder? Mit welchen Texten gibt man zu verstehen, dass man wieder möchte? Was ist echte Liebe? Passen Topfpflanze und Liebe zueinander? Dreht man sich bei Liebesdingen denn immer im Kreis? Wie ist dem Alltagstrott und der Liebesroutine vorzubeugen?

    Die Frau spielt die Unsichere, zieht sich sexy an, was die Binoche perfekt beherrscht, ist unglücklich, wenn sie die Highheels am Ende eines Tages allein zuhause wieder ausziehen muss, da kommt Wut in ihr auf, darüber, dass sie mit dem Liebesansinnen immer von vorne anfangen muss, dass es sich offenbar nicht festnageln lässt.

    Sie hat wunderbare Männer um sich, wunderbare Schauspieler, als Männer sind sie von Claire Denis eher einfach gestrickt gezeichnet, der Bankier Vincent (Xavier Beauvois), Mathieu (Philippe Katerine), der Schauspieler mit dem Ornamententattoo (Nicolas Duvauchelle), Marc (Alex Descas), Francois, der Ex (Laurent Grévill), Fabrice (Bruno Podalydès), der nicht standesgemäße Sylvain (Paul Blain) und als Pendler, denn anders ist dem Phänomen nicht beizukommen, Gérard Depardieu, der mit Juliette Binoche eine endlos lange Finalszene improvisiert, womit Claire Denis clever den Abspann neutralisiert und als Schlussstatemnt zu verstehen gibt, dass hier um die Liebe nicht nur gependelt, sondern im Gegensatz zu Alfred de Musset auch getändelt wird, eine Rigolade. Amüsant. Ein eleganter Film.

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    Verspielt.

    Ein Kind, das will spielen und ist neugierig und will erkunden: KLARHEIT.

    Sich gegen den Wind lehnen. Auf Bäume klettern. Durch Hecken robben und sich dabei die Rippe anquetschen. Sich auf den Boden legen, auf den Teer, in den Schnee, auf Steinplatten, es regnen lassen und wieder aufstehen. Sich über die Natur wundern und sich nicht mehr so sicher sein.

    Nicht auf der Kunstschule gewesen sein; den Umgang mit der Physis auf dem Bauernhof gelernt haben. Ein ganz unscheinbares Männlein sein, ein Schotte und immer aktiv.

    Mit der Tochter arbeiten. Wenn es um rote Mohnblüten geht, die er auf seine Hand anbringt, hilft sie, vielleicht wird es fotografiert und dann verkauft werden. Dann die Hand ins Wasser halten und die Blätter wegspülen lassen. Sich fallen lassen und auch umfallen. Aber immer wieder aufstehen.

    Eine leise Stimme haben. Ein Ulme kennen in England, die über einen Bach gefallen ist. Immer wieder hingehen. Sie dekorieren, so und anders, mit farbigen Blättern und Verbauungen aus Ästen, alles fotografieren, alles dokumentieren.

    Aber auch einen Respekt haben vor der Natur. Es nicht übers Herz bringen, direkt in den Stein am Boden mit der Kettensäge einzugreifen.

    Um die Welt reisen. In den Dschungel, nach Amerika, nach Südfrankreich. Immer auf der Suche nach Ruinen, nach Ast- und Wurzelwerk, in Guinea eines finden, was Menschen gegen Elefanten oder Büffel Schutz bietet.

    Das und viele mehr ist Andy Goldsworthy und da es Wikipedia gibt, brauchen diese Infos auch nicht in einem Film wiedergekaut werden. Andy Goldsworthy, den Thomas Riedelsheimer (Die Farbe der Sehnsucht) begleiten durfte, gibt immer wieder Statements direkt in die Kamera.

    Riedelsheimer porträtiert ihn von der ganz privaten Seite. Nach und nach wie in der Archäologie kommen private Geschichten zum Vorschein, die erste Ehe, die Trennung, der Tod dieser jungen Frau. Die Reaktion in der Kunst als schwarzer und weißer Schneeball bei seiner Ulme.

    Die zweite Ehe. Die vielen Kinder. Fliegen mit Goldsworthy, klettern mit ihm, durch die Natur marschieren, ihn hoch oben in einem Baumwerk als bewegungslose Vogelscheuche sehen. Ein träumerischer Spaziergang in eine Welt, die in Ordnung ist, die ihre Dramen hat, die sich selbst zu genügen scheint. Überhaupt nicht nötig scheint mir allerdings die Musik, diese modernistischen Neo-Ethno-Klänge. O-Ton der Natur wäre doch reich genug.

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    Atmosphäre des Spürens.

    Ein Sohn sucht seinen Vater. Vielmehr vielleicht: ein Vater sucht seinen Sohn. Der französische Titel dieses antörnenden Filmes von Philippe Lioret heißt „Le Fils de Jean“, der Sohn von Jean.

    Der Mann, der die Reise von Paris nach Kanada macht, das ist Mathieu (Pierre Deladonchamps), der eine zweifelnd sensible Männlichkeit verkörpert, weder verweiblicht noch Machotum. Er hat von einem Freund seines ihm unbekannten Vaters, Pierre (Gabriel Arcand), eine Nachricht erhalten, dass der Vater ertrunken sei und ihm etwas hinterlassen habe.

    Mathieu lebt in Frankreich, hat einen Sohn Valentin, einen Schulbub. Er lebt getrennt von Frau und Sohn und kommt nur mit Mühe der Fürsorge für den Sohn nach. Er arbeitet in einem Vertrieb von Tierfutter für Supermärkte. Nebenbei hat er ein Buch geschrieben, was ein relativer Erfolg war.

    Der Anruf aus Kanada erscheint dringlich. Mathieu möchte mehr über seinen Vater erfahren. Er weiß, dass dieser dort zwei Söhne hat. Pierre holt Mathieu in Montreal ab. Der ist ein Arzt, verheiratet, zwei Töchter, lebt in seinem Haus mit einem Zwillingspaar von Enkelinnen. Das Häuschen ist behaglich akademisch eingerichtet.

    Pierre möchte erst nicht, dass das Thema angesprochen wird, denn die beiden Söhne von Jean wüssten nicht, dass ihr Vater noch einen Sohn hatte. Ein bisschen merkwürdig ist das mit dem Geschenk allerdings. Auch wenn das Ölbild eines jungen Mannes, das Mathieu erhält, viel wert sei, das Erbe, um welches es bei Jean geht, Kliniken und dergleichen, steht in keiner Relation dazu.

    Es gibt eine intensive Phase der vier Männer (Mathieu, Pierre und die beiden Söhne des ertrunkenen Jean), wie sie an den namenlosen See fahren, in welchem Jean ertrunken sein soll. Ben (Pierre-Yves Cardinal) und Sam (Patrick Hivon), die zwei ungleichen Brüder geraten schnell aneinander, wenn der eine getrunken hat. Mit Pierre und Mathieu staksen sie das Seeufer ab, wo sie den Leichnam wegen der Strömung zu finden hoffen.

    Aus Gesprächen der beiden Brüder erfährt Mathieu einiges über das Erbe, an das der eine der beiden sofort herankommen will. Aber das ist schwierig ohne Leiche.

    Ein zarte Annäherung ergibt sich zur Tochter von Pierre, Bettina (Catherine de Léan). Sie nimmt Matthieu an den Mädelsabend mit.

    Philippe Lioret zaubert großartig diese schwebende Atmosphäre von Menschen, die eine bestimmte Nähe zueinander haben, bei dem aber vieles unbekannt, unausgesprochen ist oder nicht von allen gewusst wird. Er setzt konsequent auf natürliches Spiel, auf leise Töne, auf das Zulassen von inneren Monologen, Schweigen und eine erzählfreundliche Kamera bei weitgehendem Verzicht auf eine untermalende Tonspur. Er schafft eine besondere Magie der Erzählung von menschlichen Verhältnissen, die uns wiederum nicht unbekannt sein dürften, aber durch das Kino einen fasziniereden Reiz erhalten.

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    So ganz klar ist nicht, wer hier den Sinn des Lebens sucht in dieser gottverlassenen Gast- und LKW-Raststätte, die „B12“ heißt. Denn die Protagonisten in dieser kleinen, übersichtlichen Welt, das sind vor allem alte bis sehr alte Männer, die den Sinn doch längst gefunden haben: Bildzeitung lesen und in der Gaststätte „B12“ rumsitzen, ein Bier trinken und über Gott und die Welt reden.

    Vielmehr scheint es so, als suche der BR krampfhaft nach seinem eigenen Sinn in der modernen Medienlandschaft. Denn es handelt sich um eine Webserie mit 21 3 – 5 Minuten langen Clips, Momentaufnahmen rund um die Gaststätte, mal von einem Flohmarkt oder einem Vereinsfest, von einem Parkplatzanweiser und Abkassierer, meist von den Stammgästen.

    Zweifellsohne bieten diese alten Männer und manchmal auch ihre Geschichten Futter für die Optik und auch ab und an fürs Gehör. Doch Vorsicht ist geboten, das als Realität zu nehmen. Zu viele Filter sind eingebaut. Allein der Aufmarsch eines BR-Teams. Die kommen bestimmt mit einem dieser blau angemalten BR-VW-Busse, ein Kameramann, ein Tonmann und der Regisseur Christian Lerch.

    Der Bus vor der B12 signalisiert laut: das Fernsehen ist da! So ein Team von mindestens drei Leuten verändert die Situation in den meist engen Thekenräumen, setzt Filter in die Köpfe der Protagonisten.

    Weitere Filter passieren in der Prä- und Postproduktion durch die verantwortlichen Redakteure Petra Felber, Fatima Abdollahyan, Martin Kowalczyk, die sich mit diesem Format innovativ fühlen, dem BR einen Sinn zu geben glauben und damit Hilfestellung geben wollen für dessen zusehends problematische Legitimation angesichts der undemokratischen Zwangsgebührenfinanzierung.

    Mit dem Format schmiegt sich der BR dem Internet an. Allein das passt nicht so ganz zu so einem schwerfälligen Apparat wie dem BR. Für ein wahrheitsgetreueres Abbild dieser Rast- und Gaststättenrealität reichte ein einziger Mensch aus, der mit einem modernen Handy oder mit unauffälliger GoPro (so ist denn die Szene im Auto mit der GoPro eine der überzeugenderen) ganz unauffällig mitdreht.

    Und es bräuchte keinen Sender als Produzenten. Das kann heute wirklich ein jeder machen und es dann bei Youtube oder Facebook online setzen und damit der ganzen Welt zugänglich machen. Wobei in diesem Falle der Filter inzwischen an die Network-Betreiber delegiert ist.

    Höchst erstaunlich, dass an der B12 Themen wie AfD oder Flüchtlinge ausgespart werden. Beschäftigt das diese Herrschaften kein Bisschen? Wären da nicht womöglich heftige Statements von diesen Protagonisten zu erwarten? Insofern langweilt die Stammtischwelt relativ schnell, wegen dieser massiven Schere im Kopf der Protagonisten, wegen ihrer durch die Aufnahmen massiv frisierten Stammtischwelt.

    Womit der BR mit dem Nachhecheln den Medien der Zeit erst recht seine Überflüssigkeit beweist. Hier hat er nichts Aktuelles zu berichten außer einer geschönten, wahrheitsreduzierten Provinzwelt.

    Dagegen ist der Film Neben den Gleisen von Dieter Schumann, der über eine S-Bahnhofskneipe in Mecklenburg-Vorpommern berichtet, deutlich spannender. Er hat sich auch menschlich für seine Protagonisten interessiert, ist ihnen näher gekommen, hat sich nicht als BR-Primadonna aufgeführt.

    Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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