In seinem neuen, charmanten Film erzählt uns Matthias Schweighöfer (Buch in Zusammenarbeit mit Lucy Astner und Murmel Clausen, Regie in Co-Regie von Torsten Künstler) eine Erleuchtungs-, eine Bekehrungsgeschichte. Vom Saulus zum Paulus.

    Den zu Bekehrenden spielt Matthias Schweighöfer selber, den Bauherrn Clemens, der mit seinen zwei verzogenen Kindern in einem überdimensionierten Schloss wohnt. Der Mensch, der ihm begegnet und ihm die Augen für das Familienleben öffnet, das ist Milan Peschel als Rolf Horst.

    Die beiden waren schon ein prima sich ergänzendes Paar in Vaterfreuden oder auch in Schlussmacher und auch schon im ersten Film von Matthias Schweighöfer, What a Man war Milan Peschel mit von der Partie.

    Rolf Horst fängt den Film an. Er hat sich an seinen Kühlschrank gekettet und will so seine armselige Behausung vorm Abriss retten, was die Abbrucharbeiten nicht bremsen kann; Glück im Unglück hat er, die Abrissbirne saust haarscharf über seinem Kopf vorbei. Nicht nur sein Haus, die ganze Siedlung, in der er wohnt, soll dem Erdboden gleich gemacht werden und der Luxusüberbauung „Fisher-Bay-Estate“ („First Class Properties“) weichen. Bauherr ist Clemens.

    Clemens’ Überbauungspläne bedeuten das Aus für den Fischerkiez und die Alterberliner Kneipe, in der sich die Bewohner treffen, die ihre Heimstatt ist. Horst, der Erlöser, der Jesus in dieser Heilsgeschichte, bricht aus dem Fischerkiez als Revolutionär auf. Er sei jetzt der Hobbit. Er will dem Unternehmer Clemens mit den geballten Fäusten begegnen und hat auch ein Fläschen mit Gift dabei. Er dringt bis in die innersten Gemächer des Prunkbaus ein.

    Clemens ist zwischen all seiner Berufshektik gerade damit beschäftigt, wieder einmal eine neue Nanny für seine beiden gestörten Kinder zu suchen. Keine Agentur will ihm mehr eine schicken, denn was diese verzogene Göre und der Schlingel mit den Nannys veranstalten, das geht auf keine Kuhhaut. Wie schlimm, das verdeutlicht die Szene mit Veronika Ferres, die einmal mehr mit der knappen Skizze einer negativ besetzten Rolle, der von den Kindern fertig gemachten, frustrierten, kinderlosen Nanny, Kante zeigt, (wie schon in Hectors Reise).

    Rolf taucht im richtigen Moment auf, kommt gar nicht zu Wort, bekommt gleich Gehaltsangebote, dass er seinen Ohren nicht traut und schon ist er als neuer Nanny verpflichtet.

    Gleich beim ersten Auftrag, die Kinder zur Schule zu fahren, schrottet er den roten Ferrari von Clemens. Das imponiert diesem, ist doch so ein Gerät Peanuts für ihn. Schöne kleine Schadenfreudeszene für den Zuschauer.

    Über ein Antiaggressionstraining und gemeinsamen Flossbau schafft es Rolf, das verkümmerte Familienfeeling zwischen Clemens und den Kindern (sein Firmenmitinhaber meint, die seien der größte Fehler in seinem Leben gewesen) wieder zu beleben; denn der Vater war nie für seine Kinder da, der hat immer nur an seine Arbeit gedacht – sagen die Kinder.

    Nebenher gibt es noch einen Storystrang mit der Investorin Nielson, die ihre ganz eigenen Vorstellungen von vertrauensbildenden Maßnahmen hat.

    Sympathisch an der netten Geschichte, die vor brisantem gesellschaftlichen Hintergrund (dem Auseinanderdriften von Arm und Reich, dem Trend zum Auseinanderbrechen der Familien und dem täglich sich steigernden Mietwahnsinn in den deutschen Großstädten) spielt, ist auch die Spielart von Matthias Scheighöfer. Mit seiner kleinteiligen Spelastik und Gestik wirkt er mehr wie ein Kleinbürger, mehr wie ein Staubsaugervertreter denn wie ein Millionenunternehmer; das begründet eine leise Komik, nimmt der Geschichte den Bierernst. Vor lauter Liebe zu den einzelnen Szenen und Figuren und zum Detail vertüdelt sich Schweighöfer allerdings gelegentlich etwas, verliert den Gesamtrhythmus der Komödie aus dem Auge; zur Entschädigung gibt es nette Pointen (Prekariats Sprachkorrektur, das Kind solle gefälligst richtig sprechen, es heiße Furz und nicht Pfurz).

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    Francois Ozon hat eine makellos schöne Kinohandschrift und besonders im Inszenieren von Frauen ist er unübertroffen. Hier das Wort Frau mit dem männlichen Doppelsinn behaftet; denn die titelgebende neue Freundin von Claire (Anais Demoustier) ist der Ehegatte David (Romain Duris) ihrer kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes verstorbenen Freundin fürs Leben, Laura.

    Aus David wird Virigina und als solche wird sie wiederum großartig in Szene gesetzt von Ozon. Herzerweichend. Ozon suhlt sich förmlich im Transgenderbad, pompös würde ich es nennen, denn leider wird bald eine krasse Diskrepanz zwischen der Kinoschrift, der Großartigkeit der Entwickelns von Szenen, des Aneinanderfügens von Bildern in ihrer Konsequenz auf der einen Seite und dem inhaltlichen Anspruch auf der anderen Seite sichtbar.

    Denn außer dem zum Niederknien schönen Sich-Baden in den Bildern der Transgenderwelt, die beiden Freundinnen beim Shoppen oder in der Disco, geht es Ozon doch nur um das oberflächliche Versteckenspiel. David darf als Virignia nicht auffliegen. Keiner darf das wissen. Weil das Thema ein Tabu ist. Es geht nur um das Versteckspiel. Oder wenn schon, stellt sich die Frage: Wie als Frau in der Öffentlichkeit auftreten, ohne aufzufallen, als ganz normale Frau.

    Wie kann Claire diese prickelnde Beziehung zum Mann ihrer Jugendfreundin vor ihrem Ehemann, der eh ein Langweiler ist, geheim halten? Faktisch klammert Ozon die Hauptproblematik aus, wie mit so einem fundamentalen Widerspruch leben; reduziert ihn auf die Maskerade und das Versteckspiel. Das ist zuwenig. Dafür wirkt der Film deutlich zu lang. Schade um die schönen Bilder. Definition des Menschen nur über das Geschlecht ist unergiebig, das macht uns Ozon mit diesem Film klar. Als Vorlage fürs Drehbuch diente ihm ein Roman von Ruth Rendell.

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    Ein fröhlicher Katastrophenfilm von Tim Johnson nach dem Drehbuch von Tom J. Astle und Matt Ember nach der Vorlage von Adam Rex mit den knopfartigen Knirpsen, den Booves, die quirlen herum, sind vor allem als Masse wahrnehmbar, alle sind gleich bis auf ihren Chef und den, der am größten auf der Leinwand ist, der hat gar keinen Namen, ist sozusagen der Durchschnitt und die Durchschnittlichkeit in Person, wie Millionen anderer seiner Art; nennen wir ihn den Blauen (der manchmal rot wird). Aber 3D ist überflüssig, nimmt nur Licht weg und bringt kein Zusatzvergnügen.

    Ihr Raumschiff meint, es hätte auf der Erde eine Mission und landet daselbst. Unsere Hauptfigur möchte im Hotel eine Willkommensparty abhalten. Erst kommt gar keiner. Traurig. Dann entdeckt jemand, dass er auf der Internet-Einladung „an alle“ gedrückt hat, womit auch die Bösen, die Smeks, von der Party wissen, sich eingeladen fühlen und Kurs auf die Erde nehmen – so denkt Blau jedenfalls und löst damit weitere Katastrophen und Chaos aus. Die Smeks sind technisierte, wie Ritter ausgerüstete Gebilde, erinnern an Bilder vom „Schnitter Tod“ in ihrer Eckigkeit, der mit der Sense.

    Im Durcheinander, das Blau auf der Erde auslöst, trifft er auf ein schnuckelig animiertes Mädchen, Lucy, große Kinderaugen, Lockenschopf. Ihr Lieblingstier und treuer Begleiter ist ein Katzenschwein oder eine Schweinskatze (oder ein getuntes Meerschweinchen) je nach Sichtweise auf das trottelige Haustier. Zusammen werden die drei „sicher“ durch die Katastrophen navigieren, sicher im Sinne, dass sie sich immer wieder auffangen und derrappeln. Oft fahren sie in der herrlich kleinen, roten Schrottkiste von Lucy, die allein schon für ein Haufen Einfälle gut ist.

    Die Fluchten finden teils in malerischen Seifenblasen statt oder die Knirpse werden mit Saugrüsseln in ihre Käseglocken angesaugt und aus denen wieder ausgespuckt, je nach Bedarf und Situation.

    Ein entscheidendes Requisit, auf das Blau stößt, ist ein ovales Ding, ähnlich einem Fabergé-Ei, hinter dem offenbar auch die Smeks her sind, und welches genau so als Auslöser vieler Gags gesehen werden kann.

    In diesem Film folgt Gag auf Gag im Sekundentakt. Zum Durchatmen kommt der Zuschauer nicht. Die Figürchen ramassieren sich, werden durchs All bugsiert, geschleudert, schützen sich in den Seifenblasen. In all dem Chaos hat Lucy ihre Mutter verloren und Blau entdeckt sie in Australien. Somit ist ein Zielpunkt für die wilde Reise gesetzt.

    Dazwischen wird mit der Gravitationskraft gespielt, was umwerfende bis ruinöse Folgen hat, gerade auch und im Speziellen mit dem Eiffelturm, der wie ein Glockenschlegel an einem Untersatz nach unten hängt und von großer Zerstörungskraft ist.

    Vieles ist aber einfach auch nur schnuckelig an diesen kleinen Figuren, die nichts anderes als Durchschnittlichkeit erzählen. Auf dem Rücksitz des roten Autos wird ein Van Gogh mittransportiert wie irgend ein Alltagsgegenstand und die Booves müssen aufgeklärt werden, dass es sich dabei nicht um eine Fressalie handle. Vielleicht ist das ganze Gequirle auch ein niedliches Abbild fürs Schicksal, dem die Menschen, die Wesen letztlich ausgeliefert sind, auch wenn sie immer wieder glauben, kleinere Wegstrecken selber steuern und Einfluss nehmen zu können.

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    Solche wunderbaren Kinoblüten der Beobachtungen des Menschlich-Allzumenschlichen können so nur auf dem Nährboden der französischen Filmkultur gedeihen.

    Jean-Paul Rouve ist primär Schauspieler, hat hier einen Roman von David Foenkinos zu einem Drehbuch umgearbeitet und auch die Regie geführt.

    Ein beiläufiger Blick auf das Leben von drei Generationen einer Familie zwischen zwei Beerdigungen. Bei beiden Beerdigungen kommt ein Trauergast zu spät, weil er oder sie den Friedhof verwechselt hat. Paris eben. Die Verwechsler werden am Schluss selber ein Paar.

    Der junge Romain, Mathieu Spinosi, ein charmanter junger Darsteller ohne jedes Machogehabe, kommt bei der ersten Beerdigung zu spät. Beerdigt wird sein Großvater. Die Familie hat das Problem mit der Großmutter nach einem Spitalaufenthalt. Sie bringt sie in ein Altenheim. Sie hat drei Söhne.

    Beim Vater Michel (Michel Blanc) von Romain erleben wird dessen tragikomisch-anrührende Verabschiedung in den Ruhestand durch die Postsparkasse mit einer halbherzigen Rede des Chefs und dem Geschenk einer Reise für ihn und seine Frau nach Tunesien. Eine halb geleerte Flasche Apfelsaft nimmt er vom Büffet noch mit. Seiner Frau erzählt er, er spendiere ihr eine Reise nach Tunesien, er habe das selber organisiert. Dumm nur, dass die Kollegen sich vorher bei seiner Frau erkundigt haben, wohin diese Abschiedsreise gehen soll.

    Michel schiebt alle seine Probleme mit dem Ruhestand auf seine Frau Nathalie (Chantal Lauby), wird eifersüchtig auf den Yoga-Lehrer und brät dem eine über; sie will sich trennen von ihm.

    Sohn Romain will studieren und nimmt einen Job als Nachtportier in einem Hotel an. Sein Chef ist überzeugt davon, dass er einen Roman schreiben werde und engagiert ihn an Sohnes statt, den er verloren hat.

    So schaut dieser Film wie nebenbei auf all die Beiläufgkeiten die in so einer Familie passieren, nie wirken die teils schrägen Szenen inszeniert.

    Grotesk ist die Geschichte im Altenheim, die Betrachtung eines Gemäldes an der Wand, wobei sich Oma (Annie Cordy) und Enkel Romain nicht sicher sind, ob es sich um ein Pferd oder eine Kuh handelt. Sie sind so begeistert von dem abstrakten Ungeschick, dass sie den Maler aufsuchen, ihm Komplimente machen, erfahren, dass er einst Lehrer an der Picasso-Realschule war (wer nennt schon eine Realschule nach Picasso!) und das Malen aufgegeben habe. Durch den Besuch der beiden fängt er wieder an zu malen. Pech für die Aufmunterer, die künftig mit Gemälden beschenkt werden.

    Oma haut ab aus dem Altenheim, wo sie sich nicht wohl fühlt. Sie fährt an den Ort ihrer Jugend an der französischen Kanalküste und wartet dort darauf, dass der Enkel ihr folge. Er erhält unterwegs von einem Tankstellenpächter noch die Weisheit, wenn man nicht auf die Liebe warte, dann komme sie ganz von selber. Sie wird kommen.

    Jean-Paul Rouve erinnert in seiner Betrachtung des Menschlichen entfernt an Haltung und Perspektive von Roy Anderssons Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach, wobei Rouve die Dinge nicht zeichnerisch inszeniert in den Fokus rückt sondern am Zuschauer vorbeiziehen lässt, als ober er nur Zaungast sei, wie zufällig entedeckt, nie als Message für ihn inszeniert.

    Ein Generationenaufschluss durch eine Familie mit ihren kleinen Lügen und Fluchten und Glücken und Leiden. Nebst zynischem Mitbewohner Karim, der ein Buch liest und ohne hinzuschauen mit der linken Hand kalte Ravioli isst und noch andere Merkwürdigkeiten aufweist. Das Leben passieren lassen, scheint die Devise von Rouve zu sein und die Kamera drauf zu halten; was aber nichts mit Improvisation zu tun hat. Der Beiläufigkeit des Lebens ausgeliefert von Generation zu Generation, wobei das Beiläufigste der Tod sein dürfte und das andere Beiläufige die Liebe, die schon vorbeischaut, wenn man nicht ungeduldig auf sie wartet. So kommt unerwartet eine leise Kinoblüte daher.

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    Packend gemachtes, musikalisch dezent untermaltes, düsteres Kölner Immigranten Soziodram, ganz außerhalb des Rahmens eines funktionierenden Rechtsstaates, wie im Märchen und die Geschichte von den glücklichen Schafen, das ist das Märchen, was die gesichtsmodifizierte Protagonistin Narges Rashidi als alleinerziehende Mutter Elmas von Hand in ein kleines Büchlein schreibt und vorm Zubettgehen ihrem kleinen Töchterchen vorliest.

    Die Schäfchengeschichte zu rekapitulieren fällt mir insofern schwer, als sie einerseits verhackstückt über den Film verteilt vorkommt und als andererseits die Darstellerin mehr darauf achtet, ein lupenreines, akzentfreies Hochdeutsch zu sprechen (ja, es ist wahr, jegliches Sprachkolorit ist in Deutschland nach wie vor ein Handicap für einen Darsteller, hier wird TV-Steril-Sprache verlangt und der Rest wird diskriminiert). Wir sind eben kein Einwandererland.

    Den Hauptkonflikt trägt Jascha Baum als Can in den Film, ihr Sohn, der am Anfang des Filmes gerade 16 wird, schönste Pubertät. Der Film fängt damit an, dass die Kamera über seine Bettdecke streift und man Aktivitäten darunter beobachten kann. Er kommt, das ist eine heftige Szene, bei einem Entjungferungs-Puff-Besuch mit seinem deutschen Freund Stefan zu einer schockierenden Begegnung. Wie Can schon halb ausgezogen in dem Bumsraum sitzt und die Nutte kommt, erkennt er unter der Perücke die eigene Mutter. Das ist ein Schicksalsschock, der jetzt schwer auf dem Film lasten wird, der zu einer Brandstiftung und einem Mord führen wird und zur Aufforderung der Mutter, nachdem sie sich mit Petroleum übergossen hat, der Sohn solle sie anzünden.

    Diese Ereignisse wirken umso heftiger, als Kadir Sözen, der Autor, Produzent und Regisseur des Filmes, sich um eine unaufdringliche TV-realismusnahe Erzählweise bemüht. Diese Hämmer hat er ganz gut verteilt in den 98 Filmminuten. Wobei ihn mehr die schicksalshaft belastete Stimmung interessiert als aufklärerische Konfliktbearbeitung und -bewältigung. Irgendwie ist dann plötzlich wieder Frieden. Bis der Zuhälter Kohle für sein von Can abgefackeltes Puff verlangt. So packend Sözen seinen Stoff präsentiert, so ist doch zu fragen, wer sich für so eine Geschichte, die sich ganz klar als erfundene Geschichte und keineswegs pseudodokumentarisch versteht, interessieren mag.

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    Nach Fernseh-Kriterien ein sorgfältig und ernsthaft gearbeiter Film. Das Spielfilmdebüt von Gerd Schneider zum Thema Missbrauch in der katholischen Kirche und dessen Vertuschung.

    Schneider selbst hat katholische Theologie studiert und sich bereits auf das Priesteramt vorbereitet, als er sich entschieden hat, die Filmakademie Baden-Württemberg zu besuchen. Für das Thema seines Filmes ist er von seinem Werdegang her prädestiniert. Für das Thema wohlverstanden. Und fürs Fernsehen.

    Der Film soll aber ins Kino kommen. Und will da bestehen. Dazu reicht allerdings theologische Vorbildung nicht aus. Im Kino muss, egal welches Thema behandelt werden soll, eine packende Story her, damit das funktioniert, damit ein Thema unter die Haut geht, damit die Leute ins Kino und nicht vor Ende Vorstellung wieder rausgehen oder einschlafen.

    Es ist die alte Krux beim deutschen Film. Dass er fürs Fernsehen gemacht wird. Dass eine Riesenscheu davor besteht, einen klaren Protagonisten zu definieren, mit dem der Zuschauer mitleiden und durch die Wirren des Problems geschüttelt werden kann. Auch Gerd Schneider konnte sich dafür nicht entscheiden. Er will sein Thema seminarhaft behandeln. So verteilt er die verschiedenen Argumente auf verschiedene Darsteller. Diese sollen daraus nachvollziehbare, vernünftige Schauspielerei machen. Eine nur mit Tricks und Technik zu meisternde Aufgabe.

    Da krampfen sie sich ganz schön ab, allen voran Sebastian Blomberg, der am meisten das Manko der Durchdringung seiner Figur durch das Drehbuch empfindet und entsprechend mit Mimik und Sprache in vielen Szenen mit unnatürlichem Druck zu kompensieren versucht und inkludiert dahinein noch die Verzweiflung und das Entsetzen des Durchschnittszuschauers über Missbrauch. Denn er ist in keiner Weise angefochten. Er will ernsthaft Priester werden, ist allerdings für einen Nachwuchs vielleicht schon etwas alt und auch zu dick, man vergleiche den Cast in der französischen Fernsehserie mit den Priestern, Dein Wille geschehe; wie waren da die Priester sinnlich, erotisch, immer am Rande der Verführbarkeit, da war nachvollziehbar, dass Dinge passieren können, die nicht passieren dürfen, wenn Priester und Zöglinge physisch einander näher kommen.

    Das fehlt hier völlig. Hier wird im Subtext nicht Erotik geliefert, hier heißt es im Subtext: Vorsicht, wir behandeln ein heißes Eisen. Der Freund von Jakob, Dominik besetzt mit Kai Schumann, ist auch ein gestandenes Mannsbild, dem man nicht mal das Feeling für Pädophilie zutrauen würde, auch in seiner Verhaltensart eine Fehlbesetzung, genau so wie der erste Jugendliche, den wir kennenlernen, der schon richtig erwachsen scheint.

    Auch das Gespinst der katholischen Hierarchie, die die Geschichte vertuschen will, kommt lediglich verbal, nicht aber empirisch nachvollziehbar rüber; da müssten sich einem doch bei realistischer Darstellung, und so muss sie sein, die Nackenhaare sträuben. Nichts davon. Lediglich Schauspieler, die ihre Texte abliefern, aber auch nicht so, dass das als Methode erkennbar wäre (im günstigsten Fall als geschulte Sprecher).

    Oder die Psychologin, sorry, das nimmt man ihr nicht ab, die Gefängnispsychologin, die arme Frau, was kann sie dafür, wenn ihre Rolle nicht besser geschrieben ist.

    Lange vertuscht der Film auch, um was es wirklich geht. Ein Film mit einem unklaren Kern. Ein Film über Vertuschung, der selbst vertuscht. Alles gut gemeint. Aber es kommt nicht gut rüber.

    Die Kamera steuert zur Misere Horrorfilmehrgeiz bei, in öffentlichen Räumen oft ganz tief stehend, dass die Figuren abstrakt, fremd, überlebensgroß, horroraffin wirken. In dem hier dargestellten unsinnlichen Milieu kann Missbrauch doch gar nicht gedeihen.

    Auch die arme Mutter des ersten Missbrauchsfalles kann einem leid tun. Sie muss Wäsche in die Waschmaschine stopfen oder man ist, wie im guten deutschen Themenfilm mal wieder beim Essen ohne weiteren Storyzusammenhang. Oder Mutter kommt mit Post nach Hause, die aber für den Film keine Folge hat. Während Jakob im Supermarkt einkaufen darf, jede Menge Chipstüten. Wozu? Die kommen nie wieder vor (für das Catering beim Dreh?).

    Blomberg auf Gelbsucht geschminkt.
    Farbe: kirchlich-klerikales Blau-Grau.
    Pfarrer, der häufig Scheiße sagt (vermutlich anekdotisch verbürgt; dürfte der Regisseur erlebt haben; wird für den außenstehenden Zuschauer von der Charakterisierung der Figur her nicht plausibilisiert).
    Nicht Fisch, nicht Fleisch.
    Film um eine verschwommene Tat.
    Blomberg spielt Entsetzen.

    Dogmatik statt Menschenwürde. Der Inhalt des Filmes verteidigt die Menschenwürde kontra Missbrauch. Die Form des Filmes ist dogmatisch. Er interessiert sich nur für seine These und nicht für die Figuren. Missbraucht insofern die Figuren und nimmt ihnen die Würde.

    Finanziert von mehreren Fernsehsendern, SWR, arte, BR und Filmförderern dazu.

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    Einmal mehr nimmt Oskar Röhler, Quellen des Lebens, ein Bad in der oder einen Ausflug in die eigene Vergangenheit, in die eigene Befindlichkeit.

    Die Möblierung des Filmes wirkt dadurch etwas abgewetzt, eingesessen. Allmählich kennt man seine Situation. Die brutale Mutter, Hannelore Hoger, die an Grausamkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Ihr Sohn und der Protagonist des Filmes, Tom Schilling als Robert Rother muss am Fernsehen mit anschauen, wie sie über die Unerwünschtheit dieses Fleischklumpens von Sohn herzieht, wie sie nichts von ihm hält. Da ist man gestraft, mit so einer Autorin als Mutter, die nicht davor zurückschreckt, den eigenen Bruder in Nürnberg aus reiner Habgier zu erschießen. Der ihr folgende und sie beobachtende Sohn wird mit seiner Freundin Sanja, Emilia Schüle, Zeuge davon.

    Der Vorfall wird kriminologisch nicht weiter verfolgt. Es lebe die Kaputtheit. Die schlechte Eingerichtetheit im Berlin der Mauerzeit. Wo einer herkommen konnte und nur wenige Angaben dem Sozialamtsmitarbeiter ins Formular diktieren musste und schon kann der staunende Tom Schilling 1475 Mark sein eigen nennen.

    Über seinen Freund Schwarz aus München, Wilson Gonzalez Ochsenknecht, findet er in Berlin Zugang zum Milieu, abgefuckte Welt, er darf die Sperma-Massen abwischen, die die spritzenden Männer nach den Shows der Girlies an den Scheiben hinterlassen haben.

    Er findet über seinen früheren Schulfreund Gries, Friedrich Lau, Zugang zur Lederschwulenkneipe „Rektum“. In der Beschreibung dieses Milieus suhlt sich Röhler so ausgiebig wie im Puff. Oder er landet im „Risiko“ von Blixa Bargeld, auch hier weitet sich Röhler, als ob er nicht loslassen kann, endlos aus. Oh kaputte Welt, kaputter geht nimmer, sie klebt an uns wie ein Stück eigene Haut.

    Der Vater von Robert war Kassenwart bei der RAF und hortet von Banküberfällen noch über 100’000 Mark in einer Rumpelkammer. Auch er eine kaputte Type, die vielleicht bei Samuel Finzi zu brav aufgehoben ist.

    Es scheint, als komme Röhler aus dem Gespinst der Vergangenheit nicht los, als schaffe er es nicht, Distanz herzustellen, als schaffe er es nicht, die Hauptfigur, die ein Alter Ego seiner selbst sein dürfte, denn auch Robert hat schriftstellerische Ambitionen, auf ihren Grundkonflikt hin zu analysieren, auf dessen Triebkraft und so einen Film zu machen, der mehr kann als nur sich anzubieten für die Schublade „Berichte aus der Deutschen Befindlichkeit in der Spanne zwischen 1968 und 2015“; so bleibt Röhler in seinem Abschnappuniversum befangen; er verdient Sympathie, wie er mit den gut ausgesuchten Darstellern prima arbeitet; wie gerade zwischen Schilling und Ochsenknecht durchaus schauspielerische Energien vibrieren.

    Vielleicht versucht Röhler eine Wunschvergangenheit zu entwerfen, die einen Gegenentwurf zur Ökonomisierung der heutigen Welt darstellen soll.

    Den Fassbinder lässt er auch noch auftauchen. So wirkt das alles eher assoziativ, zufällig nett anekdotisch, denn nach stringenter Handlung, die zu geistiger Auseinandersetzung zwingt.

    Verloren im Handicap einer orientierungslosen Jugend. Die Reclam-Ausgabe von Goethe wird zum Versand von Drogen benutzt. Anekdotisch: der Striptanz für die Stasi auf dem Wachturm der Mauer. Und so weiter. Wühlkiste Vergangenheit. Bruchbuden-Romantik. Offenbar gilt: No Future; darum stecken wir knietief in den Geschichten der Vergangenheit mit Literaturhinweisen zu Rimbaud oder Strindberg. Verknoten uns darin.

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    Katja von Garnier stellt eine beachtliche Leistungsbilanz der Rock-Band „Scorpions“ zusammen. Kompilation aus Statements, Aufnahmen aus der Geschichte der Band, vor allem ihrer dreijährigen Farewell-Tour rund um die Welt, zu der Klaus Meine, der als der Spiritus Rector der Band rüberkommt, meint, da sei wohl die Seele gelegentlich zurückgeblieben.

    So richtig aufhören können die Herren, alle längst im Rentenalter, nicht. Es fällt ihnen schwer, Abschied zu nehmen. So gibt es am Schluss bereits Aufnahmen von einem weiteren Auftritt, wo die alten Jungs sittsam brav auf Barhockern thronen.

    Allzuviel erfährt man nicht über die Gruppe in diesem Film. Dass sie alle aus Niedersachsen kommen, dass sie sehr früh sich für die Musik begeistert haben, dass sie offenbar ganz klare Ziele im Kopf hatten, dass sie ihre Auftritte bei den Fahrten reflektiert und diskutiert haben, was ihnen bei ihrem Durchstarten in Amerika, wo sie in den 80er Jahren eine Weile lang die Topgruppe waren, zugute gekommen ist, dass in den 90ern eine Abwärtsbewegung des Erfolges eintrat bis zum Angebot gemeinsamer Auftritte mit den Berliner Philharmonikern, dem Wendepunkt.

    Im Alter gibt’s Wehwechen, Stimmverlust, mal im Bett liegen, ein Polyp auf dem Stimmband, ein abgesagtes Konzert (das dritte in der jahrzehntelangen Weltkarriere, das sei beachtlich wenig, meint der Manager) und gelegentlich arg bemühtes Armschwenken, um das Publikum zum Mitmachen zu animieren. Ein Merkmal des Erfolges könnte gewesen sein, dass bei diesen Rockmusikern unter der Macho-Lederjacke ein Herz zu spüren war, meint Meine. Am gerührtesten waren sie, als sie ihre Mütter und Väter zum Konzert im Madison Square Garden nach New York einladen konnten. Vielleicht der emotionalste Auftritt ist die Widmung eines Songes an die eben verstorbene Mutter des Leadsängers. Die Chemie in der Band stimme.

    Vor allem aber ist der Film eine endlose Aneinanderreihung von immer gleichen Konzertmitschnitten, von den gigantischen Shows. Für den Fan sicher begeisternd, der auch die Geschichte kennt, für den Außenstehenden eher ermüdend und erdrückend. Für den waren Musikfilme wie Wacken 3D von Norbert Heitker mit den kleinen Fangeschichten als interesseleitendem Motiv oder Bavaria Vista Club von Walter Steffen mit seinem Heimat-Musik-Thema als solchem das viel über die Hintergründe der Bands und ihre Motivation erzählte, deutlich ergiebiger oder auch Metallica through the never, in dem die Show, die geprobt wurde, allein eine Story abgibt.

    Hier erschlägt einen die Masse an Konzertszenen, die erdrückende Erfolgsbilanz, die Katja von Garnier auffährt; der Film dürfte in seiner Kurzschnittigkeit und Kurzatmigkeit sowieso fürs Fernsehen gedacht sein. Ein Erfolgsfolgeprodukt.

    Wie man eine aufregende Doku über die Rockmusik macht, das wird ab nächster Woche nur für kurze Zeit in den Kinos die traumwandlerisch dichte Doku von Brett Morgen über Kurt Cobain zeigen “Cobain: Montage of Heck”, die sich direkt ins Gefühls- und Denkzentrum des jung verstorbenen Musikers hineinbohrt.

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    Hier tobt sich der Philippino Khavn mit finanzieller und technischer Postproduktionsunterstützung aus Deutschland zum Thema Liebe und gebrochene Herzen maximal leinwandtechnisch aus.

    Der Titel und eine der ersten Szenen stecken den Rahmen für die Geschichten ab. Die Protagonisten stehen vor einer Leiche hinter einem bestickten Seidenvorhang und treten einer nach dem anderen vor. Die Kamera ist hinter diesem Vorhang. Sie schicken einen letzten Gedanken der Leiche hinterher. Dabei werden sie dem Zuschauer vorgestellt: der Kriminelle, die Hure, der Liebhaber, der Freund, der Pianist und der Pate.

    Diese Figuren werden sich in den nächsten 73 Minuten das Leben schwer und leicht und lustig und blutig und herzerreißend machen. Sie werden durch die engen philippinischen Gassen rasen und rennen und fliehen und stehenbleiben, an einem Rummelplatz vorbeikommen.

    Die Kamera schafft aus jedem Bild ein stimmungsvolles Bild, lässt nichts aus, was ihr leinwandergiebig erscheint, weder Beschleunigung noch Verlangsamung, weder Steadycam, GoPro, Handkamera noch wohldosiert gesetzte Wackelkamera.

    Ein Gesangs- und Musikteppich ergießt sich dazu über den Zuschauer vom französischen Chanson über einen deutschen Song, englisch, amerikanisch und sicher auch philippinisch, Oper, Schlager, Pop als gälte es den Grand Prix-d’Eurovision de la Chanson maximal zu überbieten.

    Immer geht es um die Liebe und den Schmerz, den sie erzeugt. Auch die Orgie fehlt nicht oder das symbolische Paar, er mit Pferdekopfmaske und sie mit zwei Flügeln wie von Fledermäusen, mythologisch; dieses Paar schreitet händchenhaltend, glücklich und unangefochten durch das wilde Leben, das der Film wie ein großartiges Wandgraffiti lebendig auf die Leinwand entwirft, in welchem Liebe, Kampf, Verletzung, Trostlosigkeit und auch der Tod nicht fehlen, nicht der Tanz auf dem Friedhof oder das Fangenspielen mit einer Kinderschar auf einem Rummelplatz im Abbau, nicht die Zwerge.

    Wie in einem wilden Musicvideoclip, der sich von den verschiedensten Musiken inspirieren lässt und dann noch rhythmischen Sound der Sonderklasse oder gar Sirenen dazumixt, dass die Post abgeht, manchmal auch dank explosiver Schnitte. Ein filmisches Gedicht.

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    Versuch der Verfilmung des Welterfolges „Die Wand“ von Marlen Haushofer.
    Ein hingebungs- und andachtsvoll hingepinseltes Alpengemälde mit einer Frau, die auf einer Jagdhütte eine zweijährige Robinsonade mit einer Kuh, einem Hund und einer Katze verbringt und mit einem knalligen Fremdkörper mittendrin: einer pantomimisch angedeuteten, unsichtbaren Wand oder Glaswand, einer durchsichtigen Wand, die aber auch eine akustische Wand ist von einer Undurchdringlichkeit, von der so manches Tonstudio träumen dürfte – eine jener Art von Literaturverfilmungen, die möglicherweise dem, der das Buch kennt, zumindest durch den Wortlaut und wenn er/sie gelegentlich die Augen schließt, den als gesprochenen zu Gemüte zu führen vermag. Stefes Review.

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