Ein erfrischend persönlicher, bayerisch-indischer Erlebnisbericht, fand stefe in seiner Review anlässlich des Kinostarts.

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    Clint Eastwood ist ein Gentleman-Filmgeschichtenerzähler mit einer höchst kultivierten Filmsprache und dem entsprechend narrativen Sog.

    Mit diesem, seinem neuesten Film träufelt er Balsam auf die kriegsmüde, kriegswunde amerikanische Seele. Er will sicher nicht einen Kriegspropaganda-Film machen, teils umschifft er diese Klippe, die jedem Kriegsfilm eigen ist, ganz gut: er blendet die posttraumatische Störung nicht aus, nicht Frau und Kinder, die zurückbleiben, wie der Mann immer noch einmal und noch einmal sich in den Irak verschieben lässt.

    Und, Eastwood hat Glück gehabt mit dem Helden, den er sich als Protagonisten ausgeguckt hat – oder er hat ihn entsprechend zurechtbiegen lassen – mit der „Legende“ Chris Kyle, der die meisten Menschenabschüsse im Irak getätigt haben soll, 160 an der Zahl; der wird, bevor er in der Zivilisation zum Posttrauma-Killer wird, was für den Helden-Nimbus nicht von enormem Nachteil gewesenwäre, selbst Opfer eines ebenfalls posttraumatisch gestörten Veteranen – und somit vollends zum Helden. So dass einem hochpatriotischen Ende nichts im Wege steht; die reineste Kriegshelden-Heiligsprechungsmesse wird zelebriert.

    Aber die Welt ist nicht mehr doof. Die Welt ist nicht mehr ahnungslos. Die Welt um Amerika herum. Die weiß, mit welchen Lügen der Irak-Krieg begründet worden ist, die weiß um die Gräuel, die die Amis dort angerichtet haben, die Folter in Abu Ghraib und unvergesslich die Youtube-Bilder, die zeigen, wie amerikanische Soldaten, Sniper wie Chris Kyle, der titelgebende Held, aus einem Helikopter, wahllos Jagd auf Zivilisten machen. Es scheint, als wolle Eastwood mit seinem Film zeigen, dass nicht alle amerikanischen Soldaten Kriegsverbrecher seien.

    Insofern ist es ein parteiischer, ein amerikanischer Film. Denn die Begründung für den Krieg, die Propaganda, die übernimmt Eastwood unreflektiert als Exposition für den Film. Dass es darum gehe Familie, Vaterland und Kameraden zu schützen, weil es böse Menschen gibt, die vorbeugend erschossen werden müssen. Schon der Vater bringt dem späteren Helden bei, dass es drei Sorten von Männern gebe: Schafe, Raubtiere und Hüterhunde; letzteres sei die Bestimmung von Kyle. Oh gute Einfalt. Oh gute Ideologie. Filmerzählerisch leider hervorragend gebracht; selten sind propagandistische Dummheit, Einfalt und Stupidität kinematographisch so formvollendet vorgetragen worden.

    Auch weitere wichtige Elemente des verheerenden Irakeinsatzes werden klar wie in einer Schulstunde vorgetragen. Was „To pull the trigger“, also abdrücken, bedeutet (unserem Helden fällt es leichter, wenn das Ziel atmet; als erstes erschießt er einen Buben) und was die „Raids“ sind; auch bei denen wird ihre Brutalität ansatzweise spürbar – nicht spürbar aber wird der Hass, den sie weitherum erzeugen und schüren. Im Gegenteil, sie werden als ideologisch unproblematisch gerechtfertigt, denn es gibt einen ganz bösen Mann im Irak, der ein hervorragender Schütze ist; den nennen die Amis Schlachter (wobei er genau das tut, was unser amerikanische Held auch tut); das Duell der beiden großen Schlachter trägt Eastwood filmerzählerisch in geschmeidiger Eleganz und schlüssig vor; ein Duell zwischen zwei Helden.

    Erträglich wäre dieser Eastwood-Film in Europa eventuell, falls am Schluss noch folgender Satz hinzugefügt würde: „Für jeden der 160 bestätigten Feind-Abschüsse von Chris Kyle sind inzwischen 10 oder 100 oder mehr unberechenbare und wild entschlossene Gotteskrieger und Amerikafeinde herangewachsen“. Aber dazu hat Eastwood offenbar viel zu enge, patriotische Scheuklappen aufgesetzt.

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    Andreas Dresen wurde Liebling des Feuilletons und der Filmförderer mit Filmen, in denen er in familärem, pfadfinderhaftem Rahmen mit einem übersichtlichen Ensemble improvisiert hat („Sommer vorm Balkon“, „Wolke Neun“, „Willenbrock“, Whisky mit Wodka). Und wer ihn kennengelernt hat, der findet, er sei ein netter Mensch. Das dürfte der Grund dafür sein, warum sich keiner mehr traut zu sagen, was Sache mit seiner Regiekunst ist.

    Im vorliegenden Film versucht Dresen einen Roman von Clemens Meyer nach der Drehbuchfassung von Wolfgang Kohlhaase, einem schon in der DDR sehr bekannten Drehbuchautoren, zu verfilmen.

    Die Besetzungsliste umfasst über ein halbes Hundert Namen. Da sind andere Regiefähigkeiten gefragt, als mit überschaubarem Team in sommerfrischer Atmosphäre workshophaft Szenen zu improvisieren.

    Es geht um eine Geschichte in der DDR, um eine Gruppe Jugendlicher, die eine Disco aufmachen will und die damit ein Geschäft machen wollen, denen allerdings ein Gruppe älterer „Glatzen“ das missgönnt, sie bedroht, sie verprügelt und alles kaputt macht, die Inneneinrichtung demoliert. DDR-Jugendgang-Geschichten.

    Einer der Jungs wird drogenabhängig und stirbt daran.

    Das Problem dieser filmischen Zubereitung des Romanstoffes scheint mir beim Drehbuch zu beginnen. Es etabliert zwar Daniel im Voice-Over-Modus als Icherzähler. Aber es gibt keinen Protagonisten.

    Erst nach etwa einer Filmstunde bekommen die beiden Hauptakteure überhaupt das Etikett mit Vor- und Familiennamen.

    In diesem Film scheinen sich verschiedene Absichten zu streiten. Einmal sucht das, was der Romanautor erzählen will, filmische Darstellung. Was das nun genau ist, das ist für mich nur schwer herauskristallisierbar wegen weiterer, offenbar widersprüchlicher Bedürfnisse von Drehbuch, Regie und Darstellern.

    Vermutlich geht es um die Verarbeitung des Todes von Mark. Mit dieser gespenstischen Szene fängt der Film vorgreifend zum Ende an, ohne Näheres zu verraten. Die Szene bleibt nicht nur lichttechnisch im Dunkeln, auch von der Performance, dem Text und der Regie her bleibt sie rätselhaft, nebelhaft – und ihre Wiederholung am Ende erhellt kaum mehr.

    Die Drehbuchbearbeitung von Wolfgang Kohlhaase tut sich schwer, sich auf den Icherzhäler als Protatonisten einzulassen. Sie interessiert sich nicht für seine Person, seinen Charakter, was Voraussetzung zum Nachvollzug allfälliger dramatischer Entwicklung durch den Zuschauer ist. Er wird diesebezüglich allein gelassen. Der verlassene Zuschauer.

    Erschwerend kommt hinzu, dass Drehbuch und Inszenierung wild zwischen verschiedenen Lebensaltern der Jungs hin- und herhupfen, ohne leicht identifizierbare Hinweise; so wird der Film für den Zuschauer zum Puzzle, zum Rätselfilm. Er wird aber nicht als solcher verkauft. Der Kunde, auch der Kinokunde möchte allerdings wissen, was er sich mit seinem Eintrittsgeld einhandelt. Hier bleibt die Katze über weite Strecken im Sack.

    Für die Zeit als Pioniere in der DDR sind Kinder als Darsteller besetzt; die sind immerhin so gut gestylt, dass man sie den erwachsenen Doubles problemlos zuordnen kann. Großes Plus des Filmes. Die erwachsenen Besetzungen der Rollen aber behaupten, sie seien noch keine achtzehn, was ihr Spiel nicht vermuten lässt.

    Zu diesen bereits vielfältigen Rezeptionserschwerungen kommt die Regieabsicht hinzu, die nicht eine Sekunde daran denkt, eine spannende Geschichte zu erzählen, die Entwicklung von Charakteren herauszukristallisieren, wozu ihr ja auch das Drehbuch wenig Anlass gibt; es scheint, dass Andreas Dresen sich mehr auf eine Stimmungssuche aufgemacht hat; dass er seine gemütlichen Improvisationsspiele, seine „Methode“ an der Aufgabe „DDR spielen“ fortführen will. Er will DDR-Jugendatmosphäre erzeugen. Die Darsteller geben sich alle Mühe, aufgeregt zu sein, laut zu sein, hektisch zu sein, textbemüht zu sein; sie werden dabei noch von einer Wackelkamera unterstützt und vom bewusst bescheidenen Einsatz von Lichtquellen. Damit die Geschichte ja im Dunkeln und in der Aufgeregtheit untergeht. Damit das deutsche Kino einmal mehr im Sud der eigenen Befindlichkeit unglücklich sein kann – und das Fernsehen und die Fördergremien unterstützen es dabei bereitwillig.

    Aus all diesen Gründen scheint der Film vor allem für Verwandte und Bekannte und DDR-Nostalgiker von Interesse zu sein, die einen Bezug zum Thema haben. Dem Außenstehenden allerdings werden schlicht die erzählerisch notwendigen Rahmendaten vorenthalten.

    So verengt sich der Film auf Anekdotisches, zieht davon noch und nöcher Beispiele hervor (muss auch noch zeigen, wie DDR-Buben ein Ei in der Mikrowelle zu kochen versuchen!), kann sie aber nicht in eine spannende Abfolge bringen.

    Die Darsteller wirken über weite Strecken, als fehlte ihnen jeder Bezug zum Thema. Zwischentitel unterstreichen das Anekdotische des Verfahrens; das ist wie wenn fremde Personen Sie zu einem Diaabend über ihren Urlaub einladen.

    Einige Kapitel: Straßenköter, die großen Kämpfe, Immer Bereit, Großer Wagen, Strahlen, Abschied.

    Marks Tod verwundert auch insofern, als der sich in keiner Weise abzeichnet. Wirkt eher so, als sei ein Schauspieler dummerweise bei den Drehbarbeiten gestorben.

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    Wenn im Filmtitel das Wort Samba vorkommt, so muss im Film getanzt werden.

    Mit Tanzgirls in der feinen Gesellschaft fängt der Film auch an, einer reichen, sorglosen Gesellschaft, linkes Bein und rechtes Bein. Jetzt macht sich die Kamera auf die Suche nach dem Protagonisten, Omar Sy als Samba Cissé. Dazu geht sie den langen Weg vom edlen Parkett des Ballsaales durch die Versorgungswege für die Verpflegung durch die Küche und immer weiter durch eine endlose Küche bis sie ganz hinten den Geschirrspüler findet, das unterste, hinterste Ende der Skala dieser menschlichen Gesellschaft, nicht Establishment, sondern illegaler Einwanderer aus Algerien, der mit der Aussicht auf einen Job leichtsinnig wird und prompt in der Abschiebehaft am Flughafen landet.

    Bereits hier in der tristen Atmosphäre des Flughafens entwickelt der Film einen bestechenden Humor, ein gute Beobachtung und eine Herzlichkeit, die nicht zufällig an die von Ziemlich beste Freunde erinnert, denn Olivier Nakache und Eric Toledano, die diesen Film frei nach dem Roman von Delphine Coulin geschrieben und gedreht haben, waren auch die Macher hinter jenem alles überragenden Kinohit aus dem Jahre 2011.

    An einem etwas verlorenen Parkplatz am Flughafen begegnen wir der anderen Protagonistin, Charlotte Gainsbourg als Alice. Diese will nach einer Krise wieder erste Schritte zurück ins Arbeitsleben machen und lässt sich von einer Kollegin bei einer Betreuungseinrichtung für Flüchtlinge und illegale Einwanderer einarbeiten.

    Oberster Grundsatz für Berater: keine privaten Beziehungen eingehen, denn die könnten einem nachgehen. Allein wie jetzt dieser Beratungsraum und der erste Beratungsversuch von Alice inszeniert wird, ein Tohuwabohu an Sprachen, keiner versteht den anderen, schon gar nicht die rührenden, aber überforderten und hilflosen, netten Helfermenschen. Da kommt sie wieder durch diese Haltung, die schon bei „Ziemlich beste Freunde“ so bestochen hat: es wird nicht der arme Flüchtling und der überlegene Helfer gezeigt; die beiden Regisseure haben genau beboachtet und stellen beider Hilflosigkeit, auch beider Liebessehnsucht gleichgewichtet dar.

    Ein wohl temperiertes, menschliches Bad, aus dem menschliche Verwicklungen, Verständnisse und Missverständnisse, die für zwei Filmstunden ausreichen, hervorgehen werden. Und das in einem Paris, was ziemlich grau, aber nicht deprimierend grau gefilmt ist.

    Samba jedenfalls entkommt der Abschiebung, resp. er soll freiwillig innert 72 Stunden das Land verlassen. Was er selbstverständlich nicht tut, denn sonst könnte er ja Alice nicht wieder treffen, könnte den Illegalen aus Brasilien nicht kennenlernen, mit dem er so manchen Tagelöhnerjob annimmt.

    Teils superlustig, wenn sie bei einem Hochhaus an einer Gondel von außen die Fester putzen und in ein Sprachstudio hineinschauen, der Brasilianer anfängt zu tanzen und die ganzen Mädels dazu. Es wird noch zu einer weiteren Tanzszene kommen, bei einer Veranstaltung der wohltätigen Organisation, die sich um die Illegalen kümmert.

    Die beiden Freunde haben weitere komische Szenen, nachdem sie vor einer Polizeirazzia über die Dächer fliehen konnten und da sie, um in eine Wohnung zu kommen die Schuhe ausziehen müssen, trägt Samba die jetzt an der Hand und will damit aus einer Dachluke steigen. Wilson ruft ihm zu, er soll die Schuhe werfen. Samba wirft sie übers Dach auf die Straße. Wilson reagiert aufgebracht. Samba korrigiert ihn, er müsse schon genau sagen, was er meine.

    Momentweise wirkt der Film wie eine Immigrantenromanze, denn die bemühten Helferinnen können das Prinzip, das Private außen vor zu lassen, nicht durchhalten. Auch sie sind Liebessehnsüchtige.

    Wer ist der Mensch, dass er über andere Menschen richte?

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    Darüber kann jetzt philosophiert werden, ob Trabantenstädte in Gallien dem Titel „Land der Götter“ angemessen sind. Und ob diese Götter wirklich so göttlich sind.

    Wir kennen sie, die Gallier, den smarten Asterix und der weltkugelrunden Obelix und alle, alle. Sie mit ihrem Zaubertrank und den barbarischen Urkräften. Sie müssen sich in diesem Film von Alexandre Astier und Louis Clichy nach dem Drehbuch von Alexandre Astier und Jean-Rémie Francois, die den berühmten Comic von René Goscinny zur Grundlage für ihre Animation hatten, mit der Gentrifizierung, mit dem Culture Clash und Immigranten aus dem Süden, aus Rom beschäftigen.

    Die Gallier bezeichnen sie als Eindringlinge, sie selbst, speziell jene römische Familie, die bei einer Veranstaltung im Kolosseum von Rom eine moderne Hochhauswohnung im „Divina Domus“ in der entlegenen Trabantenstadt gewonnen hat, als eine „Familie in Not“. In Not gerät sie wirklich, weil die blöde Verwalterin, die die Wohnungen vergibt, immer das Fehlen eines Dokumentes bemängelt. Bis die Familie schließlich mit einer Stoßkarre voll beschriebener Steine im Foyer auftaucht.

    Gentrifizierung, das Hochziehen von Wohnhochhäusern, das wird hier vorexerziert. Zuerst sind es die Sklaven, die bauen müssen. Sie rebellieren, erhalten umgehend die Freiheit und damit gleichzeitig das Wohnrecht. Allerdings müssen sie jetzt Miete bezahlen, somit müssen sie ein Geld verdienen – also geht die Maloche wieder von vorne los – schönes freies Arbeiterdasein.

    Caesar befiehlt im fernen Rom, dass die Galliersiedlung dem Erdboden gleich gemacht werden soll. Aber seine Legionen haben Angst vor dem berüchtigten Zaubertrunk der Gallier. Doch der ist ihnen ausgegangen und einige ihrer wichtigen Darsteller werden im Hochhaus gefangen gehalten. Der alte Druide wird versuchen mit zivilisatorischen Zutaten, die ihm zufliegen, einen neuen Trunk zu brauen, denn die Römer haben inzwischen gemerkt, dass die Gallier nur bluffen.

    Die deutsche Synchro ist angenehm farbig und unterstützt prima das Unterhaltsame an all den Problemen, die sich zwischen Römern und den Galliern entwickeln durch die weltfremden Besiedlungsentscheide aus dem fernen Rom.

    Aber die Frage, die Obelix stellt, kann der Film nicht beantworten, wozu denn Römer gut seien, wenn man nicht draufhauen dürfe. Mit leichtem Augenzudrücken betrachtet ein durchaus heutiger Film, der heutige Problematiken originell verpackt und behandelt, den Widerspruch zwischen Stadt und Land, zwischen Barabaren und Zivilisation, zwischen Sklaven und „freien“ Arbeitern“, zwischen Einheimischen und Zuwanderern, zwischen anonymen Hochhaustrabantenstädten und „wohnlichem“ Dorf.

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    Kleinkunst im Fernsehen zu zeigen ist sicher eine verdienstvolle Absicht der BR-Redakteure Christian Faust und Annette Siebenbürger. Und da Kleinkunst fürs Publikum ist und vom Publikum lebt, ist eine Aufzeichnung, wie hier aus dem
    Vereinsheim in Schwabing sicher sinnig, einer Brettl-Bühne.

    Was der Moderator Hans Ringlstetter zum affig überkünstelt angeheizten Applaus des vorgeheizten Publikums ankündigt, das sind alles hochprofessionelle Nachwuchskünstler, an deren Begabung und Können kein Zweifel besteht. Sie sind Künstler auf den ersten Stufen von Karriereleitern und die wollen auch Karriere machen. Darum streben sie in solche Sendungen. Die benutzen sie, um ihr Markenbuilding, ihr Branding fortzuschreiben und sich bekannt zu machen: Stefan Leonhardsberger mit spitz gesprochenem Songtext und marionettenhaft eingeübter Gestik zum Problem einer Vaterschaft, Jan Philipp Zymny mit längst nicht mehr unschuldiger Einfalt in gebrüllter Meditation über die Liebe und Nico Semsrott mit relativistischen Sophismen darüber, dass das Negativere der Tröster des Negativen sei, das Üblere der Balsam für das Üble.

    Gerade im Perfektionismus dieser Künstler scheint mir allerdings das Haar in der Suppe einer solchen Sendung zu liegen. Die nudeln ihre Nummern perfekt einstudiert und risikolos runter. Sie kommen mir vor wie fahrende Nummernhändler. Sie zeigen keinerlei Spontaneität, sie können nur vorgeplant aufs Publikum eingehen, sie kommen mir schon so (karriere)angepasst vor – das ist zum Heulen, dass sich da nicht mehr jugendlicher Eigenwillen zeigt und Frechheit oder dass die Redaktion offenbar nichts Frischeres, Frecheres findet (das muss nicht mit dem Alter der Darsteller zusammenhängen; die Redakteure Chrstian Faust und Annette Siebenbürger sollten sich die Freiheit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zunutze machen, der nicht auf die Quote zu schauen hat, sondern sich erlauben, gerade nicht-karrieristische Künstlergewächse aufzuspüren; mehr auf die Frische und Wachheit des Geists statt auf die Jahrringe zu schauen – mehr Eigenwille täte der Angelegenheit im Sinne von Demokratie und demokratischem Grundauftrag des Rundfunks nur gut).

    Einzig Schankellner Björn Puscha kann sich eine gewisse Spontaneität bewahren bei der Übersetzung ins Lateinische des Titels des nächsten, anzukündigenden Künstlers; aber dass das Publikum den Satz anschließend Wort für Wort nachsprechen muss, ist leider wieder reinste, widerliche Massenmanipulation, die nicht im Sinne des Auftrages eines öffentlich rechtlichen Rundfunkes sein kann.

    Einblick in die Kommerzialisierung der Kleinkunst.

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    Christian behauptet, er sei schizophren und nehme an einer Medikamentenstudie teil. Er behauptet ferner, er habe eine Freundin, die nehme auch an der Studie teil und der gehe es schlecht. Keiner glaubt ihm. So rennt und flieht er durch die Nacht von der Polizei zur Psychiatrie zu seiner Schwester und auch zu deren Macker. Er behauptet ferner, er sei nie ein Placebo-Patient gewesen: ergo, Titelerklärung: No-cebo.

    Ganz spät in diesem Kurzfilm gibt es einen Moment, in dem wie ein Wetterleuchten die Frage im Raum steht, ob es Liebe überhaupt gebe (das ist bei der Befragung der Freundin). Der Film beantwortet die Frage auch gleich mit einem klaren Ja.

    Dieser knapp 40-minütige Film ist die Abschlussarbeit von Lennart Ruff an der HFF München und zeigt wunderschön, was man an so einer Renommier-Film-Schule alles lernt. Musterschülerhaft sind die Szenen eingerichtet, beleuchtet, inszeniert, aufgelöst, geschnitten. Die einzelnen Gewerke dürften allesamt Bestnoten kassieren. Eine bessere Empfehlung für deutsche, themenorientierte Fernseharbeit kann ein Nachwuchsfilmer kaum abgeben.

    Gleichzeitig macht der Film allerdings auf die ganz große Schwäche dieser Ausbildung aufmerksam: sie lernen es nicht, eine spannende Geschichte zu erzählen, eine Geschichte spannend zu erzählen, schon gar nicht eine Kinogeschichte, weil die Figuren alle bloß themenfokussiert und -reduziert erfunden sind; wobei hier erschwerend hinzu kommt, dass der Abschlussstudent für das Drehbuch mit Maggie Peren eine sogenannte Fachfrau geholt hat, die das Studium an ebenderselben Hochschule schon hinter sich hat, die an eben dieser Schule das plausible Kinogeschichtenerzählen auch nicht gelernt hat. Auch bei ihrem Film Die Farbe des Ozeans war mein Befund, die größte Schwäche sei das Buch. So könnte man denn von einem schönen Beispiel für eine staatlich hochsubventionierte, sich selbst fortpflanzende Verkümmerung der Drehbuchkultur beim deutschen Film sprechen.

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    Bei diesem Film muss ich mich damit beschäftigen, warum er mich so wenig enthusiasmiert aus dem Kino entlassen hat.

    Der Stoff könnte durchaus funktionieren in der Art eines Liebeskummerkastens wie ihn manche Frauenzeitschrift als Service bereitstellt, wo Menschen intime Liebsprobleme bequasseln können. Denn es geht um die Liebe. Um enttäuschte Liebe von Frauen und darum, wie Männer zu angeln seien, wie sie einfersüchtig zu machen seien.

    Dazu sind aufgeboten eine Garde von hübschen Darstellerinnen verschiedener Altersgruppen. Im Zentrum drei jüngere Frauen, Hanna Herzsprung, Karoline Herfurth und Palina Rojinski. Sie alle haben gerade Frust hinter sich; sind verlassen worden oder haben verlassen. Sie wollen aushecken wie sie das ändern können. Auch die Muttergeneration, Iris Berben, hat gerade erlebt, wie ihr Mann, Friedrich von Thun, sich mit einer klobigen Rivalin vergnügt.

    So weit so gut. Dinge gehen auseinander und wollen wieder in dieser oder jener Kombination zusammenkommen. Nach etwa einer Stunde gibt es einen Zwischenfrieden, es darf geküsst werden, bis nochmal Frust aufkommt, um dann auf das gewollte, etwas zäh sich einwindene Happy-Ende zuzusteuern. Da ist der Zuschauer nicht so mäkelig, wenn bis dahin alles gut gekocht war.

    Das könnte auch vom Buch her funktionieren. Es kommt viel Herz, viel Alltag, auch Dildos und das Thema Verhütung vor, das Thema Blasen und wie dem Erbrechen vorbeugen wird eingebracht, das Googeln von Männern auf dem Radar, das Erinnerungsvermögen der Goldfische. Denn Anika Decker, die Drehbuchautorin diese Filmes, ist versiert in dem Business, hat bereits die Drehbücher oder die Dialoge für mehrere Erfolgsfilme von Til Schweiger geschrieben.

    Warum das hier nicht so recht überschwappen will von der Leinwand, liegt meines Erachtens daran, dass die Autorin Anika Decker hier auch als Regisseurin fungiert. Das dürfte der Grund sein dafür, dass mir der Film vorkommt wie abgestandenes Startheater von Omas 50er Jahre-Kino; nur, dass die Darstellerinnen damals deutlich mehr Pep hatten.

    Einzig der Darteller Elias M’Barek scheint zur Zeit einen Lauf zu haben, der ihn resistent gegen jedes Drehbuch und gegen jede Regie zu machen scheint; er überzeugt lächelnd bis grinsend, wobei er beim Happy-End-Kuss mit Hannah Herzsprung sicher gerne beim Küssen die Zunge reingehängt hätte. Leider zeigt die Nahaufnahme peinlich, dass die Akteure sorgsam darauf achten, nicht zu intim zu werden. Ängstlich gestoppter Ausdruck von Gefühlen im Happy-End, würg. Das nimmt schon sehr viel Laune. Aber das ist es nicht.

    Noch mehr dürfte die Laune verdorben werden, wenn bekannt würde, was die Stars hier alle verdienen, was sie an öffentlichen Geldern für dieses schwerfüßigen Film abziehen.

    Es scheint ein Folge der Pfründenstruktur im Filmland zu sein, dass eine erfolgreiche Autorin bei einem hochgeförderten Film ohne weiteren Ausweis von Qualifikation im Regiefach die Regie übernehmen darf, auch wenn sie, wie Exemplum zeigt, absolut keine Ahnung davon hat, noch nicht mal mit ner Kurzfilmregie sich empfehlen kann (zumindest laut IMDb); während richtige Talente, die noch dazu eine sündteure, öffentliche Filmhochschulausbildung hinter sich haben, womöglich gleichzeitig spazieren gehen. So eine desaströse Politik wäre in der Privatwirtschaft nicht möglich und gälte als hochgradig unverantwortlich.

    Die Folge dieser nicht einschreitenden oder ungünstig einschreitenden Regie ist die, dass die Schauspieler überdeutlich ihren Schuh in der steifen, timing- und rhythmusfeindlichen, nicht filmaffinen Inszenierung durchziehen, und dass es obwohl es um die Liebe geht, zwischen den Profis so gar nicht knistert. Der Starcast funktioniert nicht. Da helfen keine Pointen aus der Unterwäsche.

    Problem Karoline Herfurth: sie spielt eine Anwältin; die stellt sie zwar als eine beachtenswert komische Figur mit Schnellsprechehrgeiz dar; aber die Anwältin nimmt man dieser auch etwas tüdeligen Trutschen nun wirklich nicht ab, erst recht nicht, dass es sich bei ihrem Arbeitgeber um eine Topklanzlei handle.

    Die Makellosigkeit der Stars auf der Leinwand scheint Anika Decker wichtiger zu sein als deren Spontaneität, Lebendigkeit und Interaktion. Womit sie ihr Drehbuch wie eine kitschig geschminkte Leiche zu Grabe trägt.

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    Pferdenarren, Menschennarren, Islandnarren. Benedikt Erlingsson als isländischer Narr. An keinem Hofe. An keinem Kinohofe. Ein freier Narr, der sich die Narrenfreiheit nimmt, einen Film über Menschen und Pferde zu drehen, der so wirkt, als sei das die absolute Dokumentation über Island, als gebe es dort nichts anderes.

    In keiner Weise “gewollt” skurril oder schräg. Aber so schräg, so skurril wie kaum vergleichbar. Warum sollen die Menschen sich in freier Natur nicht so frei fühlen wie die Pferde. Die Pferde treibens auch so. Der schwarze Hengst besteigt die weiße Stute, selbst wenn ein Reiter drauf sitzt. Und aus der näheren und weiteren Umgebung betrachten das die Menschen hochinteressiert durch ihre allzeit griffbereiten Fernrohre.

    Nähe und Weite. Intimität und Öffentlichkeit. Mensch und Natur. Eine solche Natur wie die isländische ist nicht nur eine grandiose Natur fürs Kino. Für Kinobilder, die den wilden Westen leicht erblassen lassen können. Hier ist die Intimität (des Kinos auch) gleichzeitig die Öffentlichkeit. Die Weite, die Nähe.

    Die Pferde müssen gelegentlich gezäumt werden, damit sie geritten werden können. Zum bloßen Ausritt wie des Mannes mit der weißen Stute, der es ihr nicht verzeiht, dass sie sich besteigen lässt. Leben, Liebe und Tod liegen hier verdammt nah beieinander.

    Was für ein Rhythmus, wenn der große Mann auf dem kleinen Pferd seinen Spaziertrab hält, welch Stakkato von Unvermeidlichkeit und der Einheit von Pferd und Mensch und Dringlichkeit des Schicksals! Der Ritt übers Land wird von den Feldstechern verfolgt. Dann Tee bei einer Familie. Mit einer Frau, die einen Mann gebrauchen könnte. Aber so schnell geht es bei Menschens in Island nicht zu wie bei den Pferden. Da ist viel Zeit (kurze 80 Minuten ist der Film lang) für andere Pferdegeschichten.

    Der Säufer, der vorher schon in seinem Jeep einen Radfahrer erschreckt hat, der Stoff braucht, der einen russischen Seelenverkäufer sichtet in der Bucht, der ein Pferd nimmt, mit ihm zum Meer reitet, auf dem Pferd im Meer schwimmt, zum Frachtkahn hin, wie die beiden hochgezogen werden, Dollar gegen Wodka, der sei aber stark, 98 Prozent, den müsse man mischen. Die Russen kennen die Isländer schlecht. Auch diese Episode wird unvermeidlich tragisch enden.

    Freiheit und Gefangenschaft. Pferde in einer Koppel stacheldrahtgeschützt. Ein alter Isländer will das nicht haben. Er zerschneidet den Stacheldraht. Der Mann auf dem Traktor verfolgt ihn und seine zwei befreiten Pferde. Auch diese Verfolgung wird tragisch enden. Unvermeidlich.

    Dem Befreier geht der nächste Stacheldraht ins Auge. Alltägliche, große Dramen, die in der isländischen Weite so normal, so banal wirken, so nicht gewollt, so nicht systematisch. So als ergeben sie sich “naturgemäß”, thomasbernhardsch, unvermeidlich wie in einem Naturfilm oder in starker Literatur – die Politik würde von alternativlos sprechen. Das Leben ist wilder als die Regeln von Geschichtenschreibern es wahr haben wollen. Auch mit den Pferden gibt es ganz wilde Szenen. Auch solche wie im Zirkus.

    Wenn die Frau mit der roten Teerjacke mit einer Siebenerreihe von Pferden über Land reitet, aber wie sie vorher mit bloßen Händen einen Stacheldrahtzaun um sie gelegt hat. Weh tun die Bilder, die liebt der Fimemacher Benedikt Erlingsson narrisch, wenn im Auge des Pferdes sich Menschen spiegeln oder erst Stacheldraht. Das geht ins Auge. Endir.

    So crazy, aber eben nicht auf gezielt crazy, er hat quasi nur die Augen aufgemacht, es scheint ihm ins Auge gefallen, nonintentional, auch nicht diese längst perfektionierte, professionell zu nennende Lakonie, die oft in skandinavischen Filmen zu beobachten ist. Momentweise traut man seinen Augen nicht. Pferde sind nicht unbedingt inszenierbar wie Menschen.

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    USA 1965. Dr. Martin Luther King hat eben den Friedensnobelpreis erhalten. In den Vereinigten Staaten gelten theoretisch die gleichen Rechte für Schwarze und Weiße. In der Praxis aber werden die Schwarzen durch unendliche Tricksereien der weißen Administration in vielen Staaten vom Wahlrecht ausgeschlossen. Es bedürfte eines Wortes, einer Vorlage von Präsident Johnson, um das zu ändern.

    Dr. King will nun einen Fall des verwaltungstechnischen Ausschlusses vom Wahl- und Stimmrecht in Selma, Alabama, zum Anlass nehmen, den Präsidenten gewaltlos unter Druck zu setzen, endlich seine Stimme für die Durchsetzung des gesetzlich garantierten Rechtes zu erheben.

    Die Aktion wird in einen Marsch von Selma auf Montgomery, die Hauptstadt von Alabama, münden, der beim ersten Versuch blutig niedergeschlagen wird, aber durch die nationalen Fernsehsender Aufsehen erregt.

    Beim zweiten Versuch marschieren bereits viele Weiße mit, vor allem Kirchenleute. Auch der wird abgebrochen, weil Dr. King der Freigabe der Edmund Pettys Brücke durch die Polizei misstraut.

    Drehbuchautor Paul Webb hat diesen Vorgang zur gewaltlosen Durchsetzung eines demokratischen Rechtes höchst sorgfältig zu einem spannenden Drehbuch umgearbeitet. Hier kommen die verschiedenen Positionen, die der Gewalt und die der Gewaltlosigkeit, die für die Bürgerrechte und die für die Unterdrückung derselben dialektisch und die Handlung vorantreibend bestens und schön nachvollziehbar zur Geltung, in modellhafter Klarheit. Auch die hinterhältigen Machenschaften der Politik, die Überwachung von Dr. King, der Versuch, Unfrieden in seiner Familie zu stiften, Angebote von Deals sowie die Diskussion unter den Schwarzen, die Gewaltposition von Malcolm X oder eben die der Gewaltlosigkeit von Dr. King, auch Übungen, wie mit Polizeigewalt umzugehen sei, werden gezeigt. Der Fall ist wie didaktisch aufbereitet, Wort für Wort gründlich.

    Ava DuVernay inszeniert die Geschichte mit einem stimmigen Ensemble als großes Startheater; für unseren europäischen Geschmack allerdings zu pathetisch, ein schwerblütiges Melodram; aber sie lässt den Figuren auch genügend Zeit zum Denken, für innere Konflikte und hält so oft die Frage „wie weiter?“ in der Schwebe; spannungserzeugend wie im Krimi; ein Krimi und gleichzeitig eine Lektion in angewandter Demokratie, deutlich duchbuchstabiert, wie in Zeitlupe die Vorgänge untersucht, Aktion, Reaktion und dabei immer Würde zeigend.

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