Ein Staatsmann entwickelt Größe, aber ansonsten ist Schrumpfen angesagt. Schrumpfen als Geschäftsmodell für das Überleben der Menschheit. Schrumpfen schon vor der Geburt. Schrumpfen im Ego und religiös. Über den Tod mit dem Leben in Kontakt kommen. Schrumpfen der Eltern irrtümlicherweise. Geschrumpfte Kinokunst aus Deutschland sowohl beim Thema Eismutter als auch beim Actionfilmimitat, dazwischen vorgebliche Kino-Literaturverfilmungskunst aus Österreich.

    DIE DUNKELSTE STUNDE
    Churchill, wie wir ihn uns schon immer vorgestellt haben.

    DOWNSIZING
    Behauptung: je kleiner die Menschen, desto weniger Schäden können sie auf dem Planeten anrichten.

    DER ANDERE LIEBHABER
    Ein geschrumpfter Zwilling wird zur Horrorhypothek.

    HANNAH – EIN BUDDHISTISCHER WEG IN DIE FREIHEIT
    Eine Dänin als weltweite Verbreiterin des Buddhismus.

    GARTEN DER STERNE
    Sternenkinder, Friedhofswirtschaft und Sepulkralkultur.

    HILFE, ICH HABE MEINE ELTERN GESCHRUMPFT
    Paradox: Der Begriff der Verantwortung erlaubt Verbotenes.

    DIE ANFÄNGERIN
    Gut Gedachtes zum Thema Eismutter unattraktiv verpackt.

    WIR TÖTEN STELLA
    Cello-Musik zu depressiver Miene in herrschaftlichem Haus.

    HOT DOG
    Hartes Würstchen, weiches Würstchen, Helga-Dog.

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    Dieser Film von Torsten Künstler (Regie) und Tripper Clancy (Drehbuch) soll auch ein gezieltes Werbevehikel sein für Marken wie McDonalds, Mercedes, Pepsi und (verbal) Duplo.

    Womit assoziiere ich diese Marken nach dem Schauen des Filmes?

    Mit mäßiger Action, mit möchtegernamerikanischem Kino, mit einem Armutszeugnis verknurzten deutschen Subventionskinos, mit einem Scherzkeks von Bundespräsidenten, mit einem Teamversuch von Matthias Schweighöfer und Til Schweiger als simpel gestricktem GSG-10-Kontrastpaar aus Weichei und Hartei, bei dem die Running-Gag-Titulierung „Helga“ (so Hartei zu Weichei) sich nach wenigen Metern schon totläuft, mit unbedarftem darstellerischem Overacting, mit kernig gemeinten Dialogsätzen, die sogleich in Kernlosigkeit sich verflüchtigen, mit einem Drehbuch, das nach Actionkompott aussieht (haben amerikanische Filme gesehen und bedienen sich wie die Christbaumschmuckräuber), mit einem Til Schweiger mit einem merkwürdig gerundeten Gesicht und einem Haupthaar, das wie ein Fremdkörper oben sitzt, mit einer dünn zusammengebastelten Story von den beiden Sondereinheitstypen, die zusammen ins Schloss Bellevue als Gardestatisten strafversetzt werden und da in einen hirnrissigen Überfall und in eine Entführungsstory hineingeraten aus lauter abgegriffenen Versatzstücken aus dem Genre und die in Moldawien endet mit weiteren abgelutschten und nicht originell zusammengebauten Actionfilmversatzstücken bei verbaler Dauerlatenz unbewältigten Potenzlebens.

    Matthias Schweighöfer spielt den bebrillten Kopfmenschen mit der Eigenschaft, dass er nichts vergessen kann, keine Vorschrift, kein Gesicht. Das wird anfangs mit einer Kindervariante seiner Rolle anhand eines Memory-Spieles klar gemacht. Klar wird auch, dass Actionheldentum und Vergeistigtheit sich offenbar nicht vertragen, dass sie nicht verträglich zu machen sind, das wird aus diesem Film deutlich. Actioncop und Theoriecop, das wirkt wie ein Kompott, um den Ausdruck nochmal zu verwenden, aus Gangster und Ginster.

    Filmreviewers deprimierende Erkenntnis am Ende des Filmes, im Falle, dass alle Filme so sein sollten: „wenn ich wiedergeboren werde, gehe ich zur Sparkasse“.

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    Perspektivumkehr und Umkehr des Verantwortungsbegriffes.

    Wenn die Kleinen groß und die Großen klein sind, dann müssen die Kleinen Verantwortung übernehmen, das ist die Erkenntnis von Felix (Oskar Keymer), wie die Eltern kleingeschrumpft sind und er sich daran macht, sie wieder groß zu bekommen.

    Wobei der Begriff Verantwortung im Schülerabenteuerbereich anzusiedeln ist mehr als in der Erwachsenen-Deutung von Geldverdienen, Familie ernähren, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Hier bleibt dieser Verantwortungsbegriff privatistisch, wenn auch das Unternehmen verknüpft ist mit der Rettung der Schule von dem wiederbelebten und groß gewordenen Knochengestell von Hulda Stechbarth (Andrea Sawatzki), die alle Modernität an der Schule – um die sie viele andere Schulen beneiden würden, allein der großzügige Klettergarten – wieder zurückdrehen und den Schulgründer, der von einem Ölgemälde herab alles beobachtet, Otto Leonhard (Otto Waalkes), definitiv zu entmachten.

    Verantwortung im Sinne eines Schülerstreichs mit positivem Nebeneffekt. Denn, um diese Verantwortung zu übernehmen, müssen exakt die Regeln, die im Sinne eines verantwortlichen Schülers gelehrt werden, gebrochen werden.

    Die Schüler, die Felix bei dieser Verantwortung unterstützen, müssen dafür Schmiere stehen, den Hausmeister Michalski (Johannes Zeiler) überlisten, müssen die Fassade zum Turm der schlossähnlichen Schule verbotenerweise erklettern, müssen in verbotene Räume eindringen und vor allem müssen sie die Stechbarth außer Gefecht setzen, müssen auch ihrer Lehrerin Dr. Schmitt Gössenwein (Anja Kling), die verkleinert in einer Rohrpostdose steckt, finden und mit der Kugel und mit Hilfe des halberledigten Otto Leonhards wird groß zu machen versuchen.

    Das hat imemr einen besonderen Reiz, wenn die Kleinen oder hier die Halbwüchsigen plötzlich wie Riesen erscheinen im Vergleich zu ihren auf Daumengröße geschrumpften Eltern von Felix (Julia Hartmann und Axel Stein). Umkehrung der Verhältnisse. Tim Trageser hat nach dem Buch von Gerrit Hermans luftig, leicht und lustig inszeniert.

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    Das kann man Marta György-Kessler und Adam Penny sofort und uneingeschränkt attestieren, dass sie ihr vielfältiges Material inklusive einer inszenierten Sequenz aus der Kindheit der Protagonistin zu einem leichten Flow montiert haben.

    Zu dieser Leichtigkeit trägt auch die Erzählstimme bei ebenso wie die Originalaufnahmen der Protagonistin Hannah Nydahl. Sie ist eine Dänin aus Akademikerkreisen, eine typische 68erin. Ihren Mann Ole Nydahl hat sie früh kennengelernt und mit ihm hat sie ihr Lebenswerk geleistet, die Gründung von über 500 Buddhismus-Zentren weltweit.

    Der Film scheint für verschiedene Betrachtungsweisen geeignet. Die erste Phase bringt ein verbindliches Statement zur 68-er Jugend, die es nach Afghanistan zog (Afghanistan ist cool, das würde sich heute niemand mehr trauen zu sagen). Es war nicht primär der Drogenkonsum. Die Ursache sei die Suche nach Wahrheit und Erkenntnis gewesen.

    Hanna und Ole sind im Fernen Osten in religiöser Hinsicht fündig geworden. Sie haben sofort ein ganz ungewöhnliches und ungewöhnlich persönliches Verhältnis zu einem Karmapa, zu Lopon Tsechun Rinpoche, einem buddhistischen Lehrer entwickelt, einer Person mit hoher religiöser Autorität – das macht die kleine Geschichte deutlich, die erzählt, er sei zu seinen Begegnungen mit dem Helikopter geflogen, die beiden Dänen aber seien zu Fuß hinaufgekraxelt, seien aber immer vor ihm dagewesen.

    Ab dem Moment des Kontaktes mit dem Buddhismus dürfte es allerdings einen Unterschied machen, ob ein Zuschauer sich auskennt, gar in der Richtung, die hier beschrieben wird, oder ob er ein Außenseiter ist, der verschiedene Strömungen nicht unterscheiden kann.

    Für den Insider ist es sicher spannend zu sehen, wie die Dänen immer wichtiger und zu Missionaren des Buddhismus geworden sind. Der Insider wird sich auch keine Fragen stellen, wovon sie gelebt haben, wie sie ihr riesiges Reisepensum finanziert haben.

    Für den Außenstehenden sind das Fragen, die der Film nicht beantwortet. Für den wirkt die Doku wie die Doku über ein prominentes Paar, das, wo immer es hinkommt, im Mittelpunkt steht, wobei die Ausstrahlung von Hannah nicht in Abrede zu stellen ist.

    Inhaltlich erfährt man nicht allzu viel darüber. Dagegen spielt die Nachfolgesuche für den Karmapa eine Rolle, eine schwierige Angelegenheit. Den Außenstehenden mag durchaus verwundern, dass es auch da – scheint doch ganz im Gegensatz zur Lehre zu sein – zu handfesten Auseinandersetzungen kommen kann; die der neue Karmapa, gerade mal elf Jahre alt, aber gewaltlos auflöst.

    Eine interessante Quelle ist der polnische Übersetzer Tomek, der offenbar viel Zeit mit den Beiden verbracht hat und einmal in Latinamerika mit den beiden entführt worden ist, eine Angelegenheit, die glimpflich ausgegangen ist.

    Nach ihrer Ausbildung in Asien kehren sie nach Europa zurück, sehen sich anfänglich als Menschenreparaturmaschinen an Altersgenossen, die im Drogensumpf gelandet sind auf ihrer Suche nach Geist.

    Dadurch, dass die Filmemacher auf Legend-Building verzichten, wirkt die Dokumentation angenehm objektiv, verhindert allerdings das Compassion-Erlebnis; kompensiert das wiederum mit interessanten Einblicken in ein Stück Kulturgeschichte unserer Zeit, das noch lange nicht abgeschlossen ist.

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    Begegnung mit Bernd Boßmann.

    Ein ganz persönliches Porträt über Bernd Boßmann alias Ichgola Androgyn.

    Er betreibt das Friedhofscafé und den Blumenladen im Alten St. Mathäus Kirchhof in Berlin und arbeitet als Bestatter, begleitet im Besonderen Eltern, deren Kinder totgeboren sind.

    Boßmann verändert die deutsche Friedhof- und Sepulkralkultur. Wenn vorher im Friedhof, auf welchem auch die Gebrüder Grimm begraben sind, nur geflüstert wurde, so findet hier lebendige Kommunikation statt.

    Seinen Künstlernamen nimmt er daher, dass er von beiden Geschlechtern hat.

    Im höflichen Film von Pasquale Plastino und Stephane Riethauser erzählt Achgola wie für ein Hörinterview. Die Text werden unterlegt mit Bildern aus dem Friedhof, die Kamera wandert unterm Blätterwerk, während Zazie de Paris Märchen erzählt, Baumbilder aus dem Friedhof, Kindergräber, Menschen im Kaffee oder Ichgola in der Astgabel seines Lieblingsbaumes.

    Er erzählt von seiner Kindheit, seinen Ängsten, seiner Liebe zu Märchen, seine Beziehung zu Ovo, der Diskussion über das Grab, ob mehr im Licht oder im Schatten. Trauerarbeit ist für ihn Kommunikation, Menschsein.

    Der Anfang des Filmes erzählt auf der Tonspur das Märchen vom armen Vater mit den 12 Kindern. Wie das 13. kam, suchte er einen Paten, die Begegnungen mit Gott, dem Teufel und dem Tod.

    Der Film dürfte in der Nähe zu Rosa von Praunheims Überleben in Neukölln gesehen werden. Das Café nennt er Finovo, was wie auch sein Künstlername, eine klare Bedeutung hat,

    Mit der Bildern eines Gedenkgottesdienstes an die Sternenkinder klingt der Film aus wie eine Meditation über Geburt, Leben und Sterben. Ein lebensbejahender Umgang mit dem Thema Tod.

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    In einem großen, herrschaftlichen Haus ist viel Platz für Depression. Und Martina Gedeck kann einen wunderbar depressiven Gesichtsausdruck aufsetzen, ja, das ist geradezu ihr maniriertes Markenzeichen, wie eine Heilige Madonna, nur nicht ganz von Raphael. Manche halten das für Kunst.

    Julian Roman Pölsler (Polt, Die Wand) benutzt diese zwei Dinge, großes Haus und Leidensmine, für eine weitere filmische Illustrierung eines Textes der besonders in Österreich bekannten und als unverfilmbar geltenden Autorin Marlen Haushofer.

    Das hat den Vorteil, dass er eine Ausnahmestellung allein dadurch genießt und ihm bestimmt keiner ins Gehege kommt. Er macht es mit Unterstützung einer europäischen Drehbuch-Masterclass und österreichische Gelder sind geflossen, von Kulturfunktionären freigegeben. Diese gehen in die Knie vor großen Namen, dem der Autorin, dem der Darstellerin, ein deutscher Star und jetzt kommt noch ein zweiter deutscher Star, gar ein Polizei-Ruf-Star hinzu: Matthias Brandt.

    Er spielt ordentlich und dekorativ, mehr geben Regie und Drehbuch nicht her, einen schmierigen Anwalt. Er ist der Gatte von Martina Gedeck, die viel Zeit im großen Herrschaftshaus hat. Sie will, so fängt der Film an, die Geschichte mit Stella aufschreiben. Aber ein Vogel, den sie dummerweise im Garten entedeckt, sie schaut gerne zum Fenster hinaus, macht ständig Lärm, weil er verletzt ist und hindert sie am Schreiben. Aber dem Vogel helfen würde sie auch nicht, denn sie ist ja depressiv.

    Stella (Mala Emde) ist die hübsche, harte, sensible junge Frau, die dem Anwaltshaushalt von einer Freundin aufs Auge oder ins Haus gedrückt wird. Sie wird, so beschreibt es die Hausherrin, von Anfang an als ein Störfaktor wahrgenommen. Das Gleichgewicht zwischen dem Vater, der kaum da ist, der Mutter, die depressiv ist, und den beiden Kindern, dem älteren Wolfgang und der kleineren Anette, wird durch die Anwesenheit Stellas gestört.

    Das ist zwar im Film empirisch nicht nachvollziehber, wird aber textlich behauptet. Insofern schade, als das der Grund sein soll, weshalb Stella sich das Leben genommen hat, indem sie vor ein Auto gelaufen ist.

    In diesem Zusammenhang scheint dem Filmemacher ganz wichtig, einen Blick in die Pathologie zu werfen mit der schon etwas angefressenen Leiche. Was das mit der Literatur, die hier verfilmt werden soll, zu tun hat, bleibt schleierhaft. Gibt aber eine weitere Möglichkeit, eine andere Kulisse für Frau Gedecks depressiven Gesichtsausdruck zu aktivieren.

    Dass sie sehr gestört ist, zeigt auch eine extra inszenierte Szene. Sie steht in einem oberen Stockwerk am Fenster, gießt einen Kaktus, schaut zum Fenster hinaus und die Gießkanne läuft und läuft und der Kaktustopf läuft über. Was hat das mit der Literatur von Frau Marlene Haushofer zu tun hat? Es soll wohl phänomenologisch illustrieren, wie ein depressiver Mensch handelt.

    Und immer noch kann der Zuschauer nicht nachvollziehen, wieso Stella ein Fremdkörper sein soll und vor allem, wieso die Familie sie tötet. Literaturillustration? Eher Aufzeigekino, Fingerzeigkino, so reden solche Leute miteinander, in depressiver Atmosphäre, ohne Betonungen geradeheraus sprechen sie, sie legen keine emotionalen Intentionen in die Sätze – was hat das alles mit der Literatur von Frau Haushofer zu tun?

    Bedeutungsvolle Mienen aufsetzen und Cellomusik drunter legen, Feierlichkeit erzeugen wie bei einer Lesung. Das ist selten der Content von Literatur. Und dass für den Jungen Pop- oder Rockmusik drübergelegt wird, macht die Sache auch nicht fortschrittlicher.

    Der Verdacht liegt nahe, dass einer, der nicht unbedingt begnadet mit dem Regiehandwerk ist, sich dieses unverfilmbare Stück Literatur holt, um sich sozusagen seine eigene Insel zu bauen, in der die Gesetze des Filmes nicht zu gelten haben? Um ein Brimborium um Kunst zu machen?

    Abgesehen davon, wer will schon einen Kinoeintrittspreis bezahlen, um Frau Gedeck 98 Minuten lang mit depressiver Miene in einem österreichischen Herrschaftshaus am Fenster stehen zu sehen, wer will für diese Leere, die von sich behauptet mit literarischen Weihen versehen zu sein, schon ins Kino gehen?

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    Vietnamesische Bibel und Liebesfuck.

    Dieser Film von Alexander Payne (Nebraska, The Descendants – Familien- und andere Angelegenheiten), der mit Jim Taylor auch das Buch geschrieben hat, fängt den Zuschauer vom ersten Moment an ein mit breitem, erzählerischem Passgang, der das beruhigende Gefühl eines Rittes auf einem Kamel durch die Wüste vermittelt; wobei es dem Zuschauer überlassen bleibt, an eine Fata Morgana zu glauben oder nicht.

    Denn die Geschichte, die er erzählt, und die das Problem der Überbevölkerung auf der Erde zu lösen verspricht, ist schier unglaublich, ja wenn man sie realistisch nachvollziehen wollte, reiner Unsinn.

    Aber das ist Paynes Erzähltrick, dass er sie so vorträgt, dass sie absolut glaubwürdig rüberkommt, das hängt mit ausgiebig geschilderten Details zusammen. So präsentiert der Forscher aus Norwegen an einer Konferenz die Erfolge seiner Forschungen, die zum Ziel haben, den Menschen mit einem besonderen Verfahren auf Däumlingsgröße schrumpfen zu lassen; das würde die Umweltschäden, die die Menschen anrichten, auf ein Minimum reduzieren.

    Ein plausible Erklärung. Denn das Problem ist dringend. Und man nimmt es den Filmemachern ab, dass das Experiment gelungen ist, wenn Dr. Andreas Jacobsen (Soren Pilmark) bei einem Kongress in Istanbul in einer besonderen Umhüllung ein erstes Forschungsergebnis präsentiert. Auch wie der Kongress darauf reagiert, das ist alles realistisch und untermauert den Wahrheitgehalt des Forscherwunders.

    Längst hat sich der Zuschauer im Kinositz eingesessen und wundert sich selbst, wie es nun weitergehen soll. An der Stelle führt der Film den Prototypen des Jedermanns ein, Matt Damon als Paul Safranek. Der ist ein durchschnittlicher junger Mann, ist verheiratet mit Audrey (Kristen Wiig). Die Miete drückt. Sie suchen ein neues Haus. Und sie hören von der Leisure-Town, denn der norwegische Schrumpfversuch ist inzwischen in der Praxis angekommen; Nebenwirkungen haben sich keine eingestellt.

    Die gekleinten Menschen in der Musterstadt leben dort wie Könige, alles ist billig aus einsichtigen Gründen. Paul und Audrey lassen sich überzeugen. Auch das schildert der Film mit so vielen konkreten Details und teils auch mit der schieren Masse von Menschen, die in den Prozess eingebunden sind, dass er eine dichte Glaubwürdigkeit zu entwerfen im Stande ist.

    Und gerade menschliche Unzulänglichkeiten erhöhen diese Glaubwürdigkeit noch. Denn es passiert ein Malheur bei dieser gemeinsam entschiedenen und notariell beglaubigten Schrumpfung von Paul und Audrey. So dass der Film sich mit Paul was anderes einfallen lassen muss, als nur das erwartete Paarglück von ihm und Audrey im Luxus zu schildern, im Schlaraffenland.

    Statt Luxusglück schleicht sich eine heilsgeschichtliche Wendung ein, die den Wüstenwanderer auf dem Kamel staunen lässt, gar Vietnamaufarbeitung in heftiger Manier mit Hong Chau als Ngoc Lan Tran, die sich ihr Terrain energievoll erobert und in Matt Damon den Mutter-Theresa-Impuls auslöst.

    Der Film driftet weiter, wird noch das Exodus-Thema im norwegischen Fjord einführen, und auch anstandslos filmen, inklusive eines Abschiedes mit einer vietnamesischen Bibel unterm Arm; und da Matt Damon die Hauptrolle spielt, wird ihm noch ein religiöser Gewissenskonflikt und der Ansatz zu einer menschheitsrettenden Heldentat als Zückerchen ins Finale geschrieben, was bliebe von ihm sonst noch übrig.

    Dazu hat Christoph Waltz Spaß am Dreh in vielen Szenen als Knallcharge und Serbe Dusan. In der Geschichte ist er der Knorpel zwischen Däumlingsglückland Leisure-Land und dem Exodus in Norwegen. Dass sie vorhersehbar sei, kann man dieser Geschichte garantiert nicht vorwerfen, dass sie aus einem industriellen Schreibatelier kommt, genauso wenig.

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    Böse Mütter.

    Das Thema ist brisant. Es gibt den Begriff der Eismutter. Und es gibt das Buch von Hanna Ziegert „ Die Schuldigen“. Hier ist der doktrinäre, negative Einfluss der Mutter nicht reduziert, darauf, dass das Kind zum Eislauf oder Eistanz geprügelt wird wie bei der Eismutter. Das Buch von Hanna Ziegert untersucht den Einfluss der Mütter anhand von kriminellen Karrieren der Kinder.

    Soweit will Alexandra Sell aber die Untersuchung nicht führen. Deutlich wird jedoch, dass die Mutter in diesem Film, Dr. Irene Hanschke (Annekathrin Bürger) vor dem Glück ihrer Tochter, Dr. Annebärbel Buschhaus (Ulrike Krumbiegel) steht, dieses torpediert wo immer möglich mit den entsprechenden Bemerkungen, mit denen sie durchblicken lässt, dass ihr das alles nicht passt, wie die Tochter ihr Leben lebt.

    Annebärbel ist eine übelgelaunte, verbissene, vertrocknete Ärztin, kinderlose Ehefrau und hat einen Hund. Ihr Mann (Rainer Bock) lässt sie gerade sitzen für eine Jüngere. Sie ist nicht einmal zum Zusammenbruch fähig. Sie kommt aber dank Drehbuchzufall mit Eislauf in Berührung.

    Als Kind hatte sie das gelernt. Der Kontakt zur jungen Eisläuferin Jolina (Maria Rogozina) – generell benimmt sie sich im Milieu erst misanthrop – kann sie für diesen Sport wieder erwärmen. Sie fängt an zu üben, spürt ihr Leben wieder, fasst Selbstvertrauen und bietet ihrer Mutter fortan Widerworte. Die Mutter wird immer dreister und schickt sich an, sich die Praxis der Tochter zurückzuholen.

    Das ist alles ganz gut gedacht von Alexandra Sell.

    Jetzt müsste es nur noch schmackhaft und mit Schmackes kinematographisch umgesetzt werden und es könnte ein Film von Relevanz daraus werden, der gar heftige Diskussionen auslöst, da Kritik der Mutterschaft als etwas Böses, Zerstörerisches nicht gerade salonfähig ist oder zeitgemäß oder im Trend.

    Just an der Umsetzung aber fehlt es an allen Ecken und Enden. Das fängt schon bei der Dramaturgie an, für welche mindestens drei Berater im Abspann stehen und die Fernsehredaktionen haben sich wohl auch noch und weiter verschlimmernd beteiligt. Sind Berater nicht manchmal auch so was wie verhindernde Mütter? Um die Behauptung dingfest zu machen, müsste man sich allerdings das Buch nochmal gründlich vornehmen.

    Aus dem Buch und der Dramaturgie resultieren die Dialoge, denen man immerhin Zweckdienlichkeit attestieren kann, die aber für glaubwürdige Charakter mit Konfliktpotential nicht ausreichen.

    Dann stellt sich die Frage, ob bei diesem Cast sich bei identischem Buch aber bei besserer Regie und wohl auch qualitativ besserem Schauspielercoaching (auch diese Position ist im Abspann vermerkt) mehr Glaubwürdigkeit der Performance zu erzielen wäre und damit Durchschlagskraft für das Thema.

    Ein Beispiel. Wer einmal im Leben Ballett oder Eistanz gelernt hat, verlernt es nimmermehr und würde auch nach Jahrzehnten nicht so ungeschickt wie eine Kuh sich auf dem Eis bewegen wie unsere Protagonistin es anfänglich tut.

    Für die Mutterfigur hätte man auch eine Puppe nehmen können, sie ist reines, maskenhaftes Klischee, fast wie im Laien- oder eben im Kasperltheater.

    Die Eislauftrainerin dagegen, die brüllt vor allem bös und undifferenziert ihre Mädels an; das ist nicht schlüssig aus der Figur.

    Auch die Kamera scheint Mühe gehabt zu haben mit dem Stoff; speziell auf dem Eis sind ihr so gar keine einladenden Aufnahmen gelungen – das verdeutlichen im Film selbst eingespielte Archivaufnahmen.

    Warum sollte der Befreiungsprozess, der Emanzipationsprozess der Protagonistin, die auf dem Eis wieder Lebensfreude findet, nicht auch visuell erfahrbar werden? Womit wir beim Glanzpunkt dieses Filmes angelangt sind, dem Auftritt der ehemaligen Eiskunstlauf-Weltmeisterin Christine Stüber-Errath, ihr Comeback-Auftritt ist von vollendeter Grazie und rührt einen mit seinem Charme. Was nicht drüber hinwegtäuschen kann, dass der Film insgesamt nicht fit genug für Kino gemacht worden ist.

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    Das Kino ist ein idealer Ort um Doppelwelten, Parallelwelten, Schizophrenie- oder Wahrnehmungsstörtungswelten und Spiegelwelten zu fiktionieren.

    Der coole Francois Ozon lässt sich diese Chance bei der Verfilmung des Horror-Romans von Joyce Carol Oates nicht nehmen. In seiner meisterlich-eleganten französischen Kinohandschrift macht er uns leinwandrealistisch glauben, was empirisch und nach unserem sogenannt klaren Verstand nicht sein kann.

    Dazu verfügt er über gute und beste Besetzungen in seinem künstlerischen und technischen Stab und im Cast.

    Marine Vacht ist die Hauptfigur Chloé Fortin. Sie hat immer Bauchschmerzen. Die Schulmedizin findet nichts. So geht sie zum Psychiater Paul Meyer (Jérémie Renier). Der sitzt da und hört zu und hört zu und schaut sie an und hört zu. Das macht sie ganz kirre und gefühlig und ganz schnell lieben sie sich und ziehen zusammen.

    Deshalb muss sie einen anderen Psychiater suchen, obwohl die Bauchschmerzen etwas weggehen. Sie arbeitet in Teilzeit als Museumswärterin, weshalb Ozon immer wieder Ausstellungsstücke einblendet, wenn nicht zur Erklärung, so doch zur Illustrierung der Vorgänge, die die Ursache der Bauchschmerzen von Chloé in Gang setzen könnten.

    Die Ursache der Schmerzen von Chloé ist verzwickt und verzwickt sind die Folgen. Es ist sozusagen ein verkümmertes Zwillingsproblem, was in Chloé herangewachsen ist. Deshalb ist sie anfällig für Zwillingssituationen.

    Beim Umzug entedeckt sie, dass ihr Lebenspartner, denn sie zieht mit Paul Meyer in eine elegante Dachwohnung, eigentlich Louis Delord heißt. Er erklärt die Namensänderung mit einer faulen Ausrede und es sei der Name der Mutter.

    Chloé gibt sich nicht zufrieden damit, findet einen Psychiater namens Louis Delord (ebenfalls von Jérémie Renier gespielt, wie das im Kino gerne für die Darstellung von Zwillingen gemacht wird), lässt sich einen Termin geben. Jetzt hat sie den ersten Schritt in eine der Logik entlaufende Entwicklung getan, ins Horrorgenre, das Ozon wohldosiert weiterentwickeln wird. Die Spiegel- und Mehrfachsymbolik setzt er entsprechend ein, ebenso das Katzenmotiv.

    Auch Jacqueline Bisset wird in einer Doppelrolle doppelgesichtig den Film beehren.

    Vielleicht hat mich der Film relativ kalt gelassen, weil Ozon zwar die formalen Gesetze des Genre perfekt beherrscht, mir aber fehlt die psychologische Begründung, die mir durch das rein organische Problem, was das Bauchweh bei Chloé auslöst, nicht gegeben scheint. So wird der Film lediglich zur exzellenten Illustrierung von Wahrnehmungs- und Realitätsproblemen. Immerhin, das lernen wir: eine Zyste im Bauch kann mehr als nur Bauchschmerzen verursachen.

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    Bereits der vierte Film innert weniger Monate zum Weltkriegsthema aus England und der zweite über Churchill.

    Dieser von Joe Wright (Anna Karenina, Wer ist Hanna) ist der konventionellste, staatstragendste von allen, der sich am Genauesten an Fakten orientiert, besonders an den Reden Churchills und diese auch schauspielerisch als rhethorische Kabinettstückchen von Gary Oldman vortragen lässt.

    Der Film beschränkt sich auf den kurzen Ausschnitt vom Vorabend der Wahl von Churchill zum Premierminister, vom 10. Mai, bis zum 4. Juni 1940. Inhaltlich dominiert der Konflikt, ob mit Hitler über die Vermittlung Italiens Friedensverhandlungen aufgenommen werden sollen.

    In seiner Rede an die Außenpolitiker wird Churchill das ablehnen. Er führt Begegnungen mit britischen Bürgern in der U-Bahn zur Begründung an – diese werden ausführlich geschildert. Er betreibt direkte Feldforschung statt sich auf bürokratische Meinungsumfragen zu verlassen; das würde auch heute manchem Politiker gut anstehen.

    Oldman als Erzkomödiant lässt sich das Futter, das diese historische Figur abgibt, nicht aus der Hand nehmen, serviert ein Bonmot nach dem anderen, ein alkoholisches Getränk nach dem anderen, eine Zigarre nach der anderen, so wie wir uns den Churchill immer schon vorgestellt haben und nicht wie er im Film Churchill von Jonathan Teplitzky dargestellt wurde als ein Mann am Rande der Demenz und Handlungsunfähigkeit und der unter enormen Gewissenkonflikten leidet wegen der Schuld am Tod von 100′ 000 Soldaten in der Schlacht von Gallipoli und der nur gegen größten inneren Widerstand die Invasion der Normandie befürwortet.

    Joe Wright liebt die Palastschilderung, das Pompöse, den Mäuschenblick in die Räume der Macht, auch in die geheime, unterirdische Kommandozentrale, fast sieht es aus wie eine lebendige Museumsführung durch diese historisch wichtigen Räume.

    Joe Wright liebt Massenszenen im Parlament, in denen es hoch zu und her geht, in denen das Einstecktuch des Parteiführers eine entscheidende Rolle spielt, wenn es darum geht, ob die Partei zu einer Rede von Churchill applaudieren soll oder nicht. Nach der ersten Rede tut sie es nicht. Dann bei der finalen Rede im Film kennt der befürwortende Tumult keine Grenzen, das wird bedeutungsvoll inszeniert, wie die ganze Musik, wie jeder Redebeginn, ja überhaupt Begegnungen: erst anschauen, nachdenken und dann reden oder ab durchs Spalier im Blätterregen der begeisterten Abgeordneten.

    Über die Evakuierung von Dünkirchen gab es letztes Jahr bereits den Film von Christopher Nolan Dunkirk der einen extrem künstlerischen Zugriff wagte, die Ästhetik schöner junger Männer vor Kriegshintergrund.

    Dieser Film von Joe Wright bringt viele Hintergrunddetails über die Vorbereitung dieser Rettungsaktion, vor allem auch über das Bauernopfer Calais, was Churchill dafür in Kauf nimmt.

    Durch den staatstragenden Zugriff von Wright haben allerdings Nebenfiguren wie die Frau von Churchill (Kristin Scott Thomas) oder seine Sekretärin Elizabeth Layton (Lily James) oder auch König George VI (Ben Mendelsohn) wenig Profilierungsmöglichkeiten, sie sind durch ihre Funktion um das Machttier Churchill gebändigt, eingeschränkt.

    Der vierte Film zu dem Themenbereich stammt von der Dänin Lone Scherfig Ihre beste Stunde. Sie guckt der britischen Propagandaindustrie ins Atelier und verbindet das mit einer Liebeserklärung ans Kino.

    Für den Schulunterricht eignet sich sicher der vorliegende Film am ehesten. Aber alle drei geben ein facettenreiches Bild, wie heute solch ein Thema unterschiedlichst und auf höchstem Niveau behandelt werden kann.

    Einen weiteren Seiteneinblick zu dem Thema kam vom Kontinent: Auf Ediths Spuren gibt Einblicke in die kommunistische Spionagetätigkeit und die Unterwanderung des britischen M5.

    Wrights Film ist von diesen allen sicher auch der für das breiteste Publikum geeignetste, spart Komisches wie die Story vom Victory-Zeichen nicht aus oder kümmert sich rührend um das Risiko der ersten Rede von Churchill, die er live über das Radio an die Nation hält.

    Bleibt auch vom Drehbuch her gut konsumierbar und verständlich; ein Film, wie man im Theater sagen würde, für die letzte Reihe, also auch der letzte müsste ihn verstehen, wie sowieso die theatrale Dramatik nicht zu kurz kommt, die Musik trägt das ihre dazu bei.

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